Polizisten eine Stimme geben: 11. September 2001

Ich hatte an jenem Tag Früh- und Nachtdienst; soweit nichts besonderes.

Nach einem eher ruhigen Frühdienst kam ich heim. Ich hatte damals die Gewohnheit, mich im Wohnzimmer aufs Sofa zu legen und den Fernseher einzuschalten. Wie immer n-tv, denn Nachrichten hatten damals eine eher einschläfernde Wirkung auf mich.

Die Welt weiß heute, dass die Nachrichten an jenem Tag alles andere als einschläfernd waren. Ich hatte mir also noch eine Tasse Kaffee geholt und sah dann, wie an irgendeinem Hochhaus in New York ein Feuer brennt. Nach und nach steigerten sich die Meldungen der Kommentatoren von einem irrgeleiteten Sportflugzeug, also einem Unfall, hin zu wilden Spekulationen. Bis zu dem Moment, als die zweite Maschine live in den anderen Zwillingsturm einschlug. Ich glaube nicht, dass ich die weiteren Einzelheiten der Berichterstattung hier ausführen muss. Mit Schlafen war es natürlich erledigt. Ich habe den ganzen Mittag am Fernseher gehangen und fassungslos zugesehen.

Zugesehen, wie Menschen so verzweifelt waren, dass sie den Sprung in den sicheren Tod dem Verbrennen oder Ersticken vorzogen;
wie Polizeibeamte, Feuerwehrleute und Sanitäter in die Twin-Towers gingen, um den Menschen dort zu helfen – so wie es ihre Berufung ist. Ganz selbstverständlich und ohne Rücksicht auf sich selbst.

Ich sah wie die beiden Türme einstürzten, mit der Gewissheit, dass nicht alle wieder herausgekommen sind.

Ich konnte an diesem Nachmittag nur fassungslos zuschauen und immer wieder hemmungslos heulen. Ich wusste genau, wäre das bei uns passiert, wäre ich, wie es meine Natur ist, ganz vorne dabei gewesen. Genau wie die Kollegen dort in New York, die ich nie gekannt habe, aber mit denen ich mich über tausende Kilometer verbunden fühlte und immer noch fühle.

So weit eine Erfahrung, die tausende Menschen gemacht haben.

Ich hatte also wie gesagt, keine Minute geschlafen und musste dann doch zum Nachtdienst.

Im Dienst angekommen, erreichte uns die Nachricht, dass es bei uns auf der Bundesstrasse einen tödlichen Unfall gegeben habe. Ein älteres Ehepaar war auf der Fahrt in den Urlaub in die falsche Richtung aufgefahren und nach ein paar Kilometern Geisterfahrt frontal mit einem entgegenkommenden Wagen zusammengestoßen. Beide Fahrzeuge hatten Feuer gefangen. Sie brannten komplett aus. Die Fahrzeuginsassen verbrannten bis zu Unkenntlichkeit.

Beim Unfallgegner des „Geisterfahrer-Paares“ handelte es sich um ein Firmenfahrzeug. Mein Streifenpartner und ich bekamen den Auftrag, die Firmenanschrift anzufahren und dort zu erfragen, wer mit dem Fahrzeug unterwegs gewesen sei. Es war nur bekannt, dass es sich um eine einzelne männliche Person gehandelt hatte.

Ehrlich gesagt möchte man mit so einem Fall am liebsten gar nichts zu tun haben. Aber wir dachten uns noch, das hätte schlimmer kommen können. Dieser Auftrag ist zwar nicht angenehm, aber besser als an der Unfallstelle zu sein und Brandleichen anzusehen.

Wir fuhren also zu der Firmenanschrift. Schon als wir in Richtung des Hauses liefen, bekam ich ein komisches Gefühl. Irgendwie sah das gar nicht nach „Firma“ aus. Tatsächlich, als wir noch fünf Meter von der Haustür entfernt waren, kam eine Frau herausgerannt und fragte uns direkt: „Was ist mit meinem Mann ??!?!“

Ich wusste zunächst überhaupt nicht, was ich sagen sollte.

Von jetzt auf gleich war ich von der Situation „Firmenanschrift überprüfen“ in der Situtation „Ehefrau Todesnachricht überbringen“ katapultiert worden. Und es war ja nun nicht gerade die Todesnachricht eines „sanft an Altersschwäche entschlummerten“. Es war ein Tod, den man seinem schlimmsten Feind nicht wünscht.

Man sagt sich ja nun immer, dass man den Angehörigen so eine Nachricht möglichst schonend überbringen soll. Aber wie bitteschön kann man der Ehefrau schonend sagen, dass der Ehemann frontal mit einem Geisterfahrer zusammengestoßen ist und dann im Auto bis zu Unkenntlichkeit verbrannt ist? Mit der einzigen Hoffnung, dass er schon tot gewesen war, als er verbrannte…

Es kam dann der Moment, wo man funktioniert; fast unbewusst. Wir haben durch Nachfragen herausbekommen, dass es tatsächlich der Mann dieser Frau war, der mit dem fraglichen Fahrzeug unterwegs gewesen war. Er hatte kurz vor dem Unfall noch mit dem Handy zuhause angerufen, dass er in 20 Minuten zuhause sei. Da er dann überfällig war, nicht mehr ans Handy ging und sie die Polizei ans Haus kommen sah, zählte sie eins und eins zusammen und lief uns deshalb entgegen.

Wir haben dann ein langes Gespräch geführt, in dem wir der Frau nunmal auch schonungslos die Fakten erzählen mussten. Wir erfuhren sehr viel über „U. G.“ und seine Frau, die drei Kinder im schulpflichtigen Alter und wie wunderschön und vertrauensvoll der Umgang in dieser Familie war. Wir erfuhren, dass sich die Eheleute bereits seit einiger Zeit ihre Wünsche für den Fall des Todes mitgeteilt hatten; etwas sehr Ungewöhnliches. Teilweise hat uns Frau G. sogar aufgemuntert und bedauert für unsere Aufgabe. Wir haben sehr lange gesprochen und heute weiß ich, dass wir Frau G. gut getan haben. Und Frau G. hat uns gut getan in dieser absoluten Ausnahmesituation.

Ungeachtet dessen brauchte ich eine lange Zeit, bis ich zu diesen Erkenntnissen kam. Ich hatte an diesem Tag den Tod von über 3000 Menschen, denen ich irgendwie sehr nahe stand, live erlebt und dann noch einen Tod wirklich ganz nah erleben müssen obwohl ich nie an der Unfallstelle war.

Ich muss feststellen, dass dieser Tag Wunden gerissen hat, die nur schwer wieder zu schließen waren. Erst durch eine allgemeine und sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod konnte ich lernen mit dem Erlebten umzugehen.

Auch wenn ich diesen Tag niemals vergessen werde und vermutlich auch immer mal wieder die Trauer dieses Tages spüren werde, konnte ich mit der nachfolgenden Denkarbeit daran wachsen. Ich kann heute besser mit dem Tod umgehen. Ich finde es auch wichtig, dass man mit seiner nächsten Umgebung, mit seinen Vertrauten über den Tod spricht. Besonders über den eigenen Tod. Damit kann man ihnen die Abwicklung ungemein erleichtern. Das Ganze ist eh schlimm genug, da muss man die Menschen, die man liebt, nicht auch noch mit Unklarheiten zurücklassen.

6 Comments

  • friederike
    11. September 2011 - 17:54 | Permalink

    Diesen Bericht finde ich ungemein eindrucksvoll. Ja, die Auseinandersetzung mit dem Tod anderer und dem eigenen Tod ist sehr schwer. Als ich mit 22 Jahren einen beinahe tödlichen, zum Glück nicht von mir verursachten Autounfall mit einem Nahtoderlebnis hatte, war ich plötzlich dazu in der Lage. Wir stellen uns irgendwie vor, dass wir friedlich im Bett liegend verlöschen, aber die Umstände sind oft sehr dramatisch und nicht mit unserer Vorstellung, wenn wir denn überhaupt eine haben, vereinbar. Dennoch denke ich nach meiner Erfahrung, dass es im Todesmoment ein barmherziges inneres Erlebnis gibt, so grausam die äußeren Umstände aussehen.
    Das Schicksal der Hinterbliebenen, ihr Verlust, ihre Trauer, ihre wirtschaftliche Lage treibt mich persönlich bei einer solchen Schilderung eher um. Wie es Mascha Kaleko in ihrem Gedicht „Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang.. “ in den letzten Zeilen schreibt: „Bedenkt: den eigenen Tod, den stirbt man nur,
    Doch mit dem Tod der andern muss man leben.“
    Kann man in unserer Gesellschaft Trauer zeigen und wird man verstanden?

  • Hans-Gerd Birkholz
    11. September 2011 - 19:54 | Permalink

    Ich finde den Artikel auch sehr einfrucksvoll und innerlich bewegend!
    Ich hatte damals Dienst und wurde durch Rufe meiner Kollegen von der Wache auf dieses schreckliche Ereignis aufmerksam.
    Glücklicherweise brauchte ich zu diesem Zeitpunkt keine VU`s mit Verletzten und Toten mehr aufzunehmen oder entsprechende Nachrichten zu überbringen, da ich zu diesem Zeitpunkt meinen Dienst in Zivil verrichtete.
    Es war aber für den Autor, glaub ich, noch ein verhältnismässig guter Einsatz, da, wie man liest, die Ehefrau des Getöteten innerlich bereits auf solch eine Situation vorbereitet war.
    Aber wie wäre es gegangen, wenn die Frau in einen Schockzustand mit eventl Hysterie, wie ich es erlebt habe, verfällt?

    Diese ganzen Aufgaben, Leiden, Emotionen, die jeder PB irgendwann mal erlebt, sollte man auch mal öffentlich machen!
    Ich glaube, dass dann viele anders denken werden, ausser eben den notorischen „Polizistenhassern!

  • Hans-Gerd Birkholz
    11. September 2011 - 20:50 | Permalink

    Zch habe jetzt gerade das erste Mal den „Poeten“ angeklickt.
    Zwei gelesene Artikel reichen mir für heute!
    So authentisch aus dem Leben geschrieben, und emotional herübergebracht, einfach klasse!
    Jeder, der selbst PB ist fühlt sich mit Sicherheit in die Realität versetzt, jeder Aussenstehende, der dies liest, müsste (eigentlich) ab sofort nur noch bewundernd über die PB reden!
    Aber wie schon mal gesagt: Das ist deren Job! Ausserdem gibt es auch noch die, von unserer Gründerin zitierten 2 %. Und das sind aber gerade die, die das Image des PB in den Abgrund ziehen, denn ihr Fehlverhalten ist der Grund für „Schlagzeilen“!
    „Schlagzeilen über Situationen, die beim „Poeten“ geschildert werden, gibts keider ( meines Wissens nach ) nicht!

    • 11. September 2011 - 21:01 | Permalink

      Die Polizei-Poeten sind ja auch echte Polizisten.

  • Arno
    11. September 2012 - 14:03 | Permalink

    Danke für den sehr bewegenden Artikel.
    Kann mich gut an meinen ersten Verkehrstoten erinnern, (bin bei der Freiwilligen Feuerwehr) besonders deshalb, da mein Bruder vor einem Jahr selber bei einem VU verstarb. Da war ich 17!!! Den 11.09. werde ich auch nie vergessen, mit all seinem Leid. Einen Tag nach meinem Geburtstag und einen Tag vor dem meines Bruders und meiner kleinen Tochter die morgen ihren 5. hat. …

    Habe großen Respekt vor jeden PB der eine Todesnachricht überbringen muss.

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