Polizeikritik und indianisches Schuhwerk

„Großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin.“

Ein indianisches Sprichwort, das viel für sich hat. Sein Wahrheitsgehalt wird mir seit der Gründung von „Keine Gewalt gegen Polizisten“ immer offensichtlicher. Zwar täte es den Menschen gut, es generell in ihrer Urteilsfindung zu beherzigen, aber in Hinblick auf Polizeibeamte fällt mir da immer eine besondere Abstinenz auf.

Eine These, die mir recht oft vorgehalten wird, um mir die Sinnlosigkeit meines Tuns in Sachen „Keine Gewalt gegen Polizisten“ vor Augen zu führen, lautet: „Polizisten jammern zu viel.“ Ein Bekannter von mir steigerte das einmal zu einem sensiblen: „Du solltest Dich für etwas Sinnvolles engagieren und nicht für diese Memmen.“

Ich gebe zu, dass mich solche Worte nachdenklich machen. Manchmal habe ich gleichzeitig an anderer Stelle Diskussionen mit Polizeibeamten laufen, in denen Aussagen fallen, wo ich mir wirklich nur an den Kopf greifen kann. Braucht es dieses Projekt wirklich?

Der Wegfall von KGgP würde mich nicht gerade in eine große Leere stürzen. Insofern wäre ich gar nicht traurig, wenn es sich selbst überflüssig machen könnte. Ich würde es umbennen in „Nie wieder Gewalt gegen Polizisten“, es als eine Art historisches Archiv im Web stehen lassen und mich anderen Dingen widmen. Ich habe weiß Gott ausreichend Hobbys.

Letztlich stelle ich dann aber immer wieder fest – doch, es braucht dieses Projekt. Meinungsverschiedenheiten sind normal und jene Polizeibeamte, die diese Meinungsverschiedenheiten aushalten können, sind es allemal wert, Aufklärung zu betreiben, welcher Gewalt sie ausgesetzt sind. Und mein Bekannter sollte sich mal die Sache mit den Mokassins durch den Kopf gehen lassen.

Es „freut“ immer ganz besonders, wenn der Hinweis auf das angeblich viel zu sensible und pausenlos vor sich hingreinende Weichei in Schutzpolizeiuniform aus den eigenen Reihen kommt. Interessanterweise habe ich das noch nie von einem amtierenden Schutzpolizisten gehört. Aber die anderen, die wissen das. So, so…

Abgesehen davon, dass ich es schon immer und in allen Branchen überflüssig und nervig fand und finde, wenn sich verschiedene Sparten / Abteilungen gegenseitig mit ihren Vorurteilen überziehen, ist das wohl auch eine menschliche Schwäche, mit der ich leben muss. Aber ich muss sie nicht unkommentiert lassen…

Entsprechende Töne habe ich im Rahmen von KGgP schon vor Monaten von einem Kriminalpolizisten gehört, der seinen Dienst in einer vordergründig doch eher ruhigen Gegend Deutschlands verrichtet. „Ich kann das Geheule der Kollegen auf der Straße, sie würden für die Gesellschaft ihren Kopf hinhalten, nicht mehr hören.“ Die Schutzpolizistin in seinem Dienstbereich, die mit einer Axt angegriffen wurde, sieht das vermutlich anders. Oder die, die am Neujahrsmorgen von einem Besoffenen zusammengeschlagen wurde. Oder die drei Polizisten, die übelst verletzt wurden, weil da junge Leute nicht damit leben konnten, dass eine Kneipe geschlossen war.

Das war übrigens der einzige Kriminalpolizist, von dem ich Derartiges jemals vernommen habe.

Im Zusammenhang mit den Äußerungen eines Hamburger Kriminologen, auf die ich gleich zu sprechen kommen werde, vertrat ein Wasserschutzpolizist die These, seine Kollegen von der Schutzpolizei würden solche Gewaltakte durch ihr Auftreten selbst provozieren. Ihre negativen Erwartungen an das polizeiliche Gegenüber beeinflussten dieses. Der Bürger erwarte seinerseits Aggression von diesen Polizisten, weil er es nicht anders gewohnt sei. Bei der Wasserschutzpolizei seien solche Attacken unbekannt, weil man ganz anders mit seinen Klienten umgehe. Deshalb erwarte der Bürger vom Wasserschutzpolizisten auch keine Aggression. Und folglich eskaliere es niemals, wenn die Wasserschutzpolizei ins Spiel komme.

Na ja, ich sage es mal so: Ich glaube sogar, dass das auf einige wenige Schutzpolizisten zutrifft. „Auch bei uns gibt es Deppen“, benannte es ein Schutzpolizist mir gegenüber. Ich persönlich kenne solche „Deppen“ nicht, aber ich weiß, dass es sie gibt. Allein schon, weil Polizisten auch nur Menschen sind, mit allen Vor- und Nachteilen. Und manche Menschen haben nun mal ein unerträgliches Auftreten an sich. Ob darauf zwingend die Prügelstrafe stehen muss, weiß ich allerdings nun nicht.

Was die Klientel der Wasserschutzpolizei betrifft, so wage ich mal schwer zu bezweifeln, dass ein Vergleich valide ist. Ich jedenfalls bin mit meinem Gehalt zufrieden. Einen fahrbaren Untersatz für Deutschlands Wasserstraßen kann ich mir jedoch nicht leisten. Vermutlich gilt das also auch für jene, die in sozialen Brennpunkten ihr Dasein fristen. Da passt also was nicht.

Mir sagte neulich ein Wasserschutzpolizist, den ich sehr schätze, folgendes: „Wenn meine Kollegen sich über ihr mieses Gehalt beklagen, dann sage ich ihnen immer, dass sie gegenüber den Jungs von der Schutzpolizei echt privilegiert sind. Wir beziehen keine Prügel.“

Dieser Wasserschutzpolizist weiß, dass er zwar Mokassins trägt, aber nicht die gleichen wie die Schutzpolizei. Im Übrigens ist es auch kein Zufall, dass in Bundesländern, in denen die Wasserschutzpolizei reduziert werden soll, bei den entsprechenden Polizisten wenig bis null Begeisterung ob der Aussicht vorhanden ist, zur Schutzpolizei versetzt zu werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie lediglich befürchten, zu Jammerlappen zu verkommen…

Nun zu Rafael Behr. Das ist ein Kriminologe, der in Hamburg an der Hochschule der Polizei lehrt.

Hier einige seiner zentralen, in einem Artikel des Hamburger Abendblatts vom 24.08.2011 (Quelle 1) zum Besten gegebenen, Thesen:

„‚Als Vertreter des Gewaltmonopols muss ich damit rechnen, dass ich selbst beschädigt werde.‘ Alles andere sei Realitätsflucht.“ (Quelle 1)

Kurz darauf:

„‚Die Polizei jammert zu viel.'“(Quelle 1)

Wundert es irgendjemanden, dass bereits bei diesem Einstieg einigen Schutzpolizisten der Kamm schwillt? Mich nicht! Sicher muss man mit der Gewalt leben lernen. Das heißt aber noch lange nicht, dass man ihre Existenz nicht zur Kenntnis zu nehmen bräuchte.

„Zugenommen hätten lediglich die subjektive Wahrnehmung, dass die Gewalt steige, und die Situationen, die die Schutzleute als gewalttätig wahrnehmen.“ „‚Aber die Anzahl der gravierenden Verletzungen, die nehmen radikal ab.‘ Das belege auch eine Studie Christian Pfeiffers, der dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen vorsteht.“

Offenbar liegen Herrn Behr da bereits mehr Informationen vor als mir. Den mir (und der gesamten Öffentlichkeit) vorliegenden drei Zwischenberichten kann ich nicht entnehmen, dass die Anzahl der „gravierenden Verletzungen abnehme“. Im Gegenteil lese ich dort:
„Die tätlichen Angriffe bewirken bei vielen Beamten massive Verletzungen. Besonders häufig betroffen sind Streifenbeamte.“ (S. 19 des ersten Zwischenberichtes der KfN-Studie zur Gewalt gegen Polizeibeamte) Und weiter unten lese ich: „Insgesamt betrachtet zeigt sich, dass Beamte aus dem Einsatz- und Streifendienst (inklusive Zivilstreife) unter den Gewaltopfern mit nachfolgender Dienstunfähigkeit im Jahr 2009 einen Anteil von 69,7 % erreichen, obwohl sie in der Stichprobe nur
44,5 % der Befragten ausmachen. Sie sind also unter den Opfern erheblich überrepräsentiert… Noch deutlicher wird dies, wenn nur schwere Gewaltübergriffe mit mindestens siebentägiger Dienstunfähigkeit im Jahr 2009 betrachtet werden. Hier erhöht sich die Quote der Gewaltopfer aus dem Einsatz- und Streifendienst (inklusive Zivilstreife) auf 71,6 Prozent alle Beamter dieser Opferkategorie.“
(ebd.)

Über eine Zu- oder Abnahme konnte ich leider nichts finden. Aber selbst wenn es eine Abnahme gegeben haben sollte, so spricht dies aus meiner Sicht in erster Linie für meine persönliche These, dass Polizeibeamte meistens kluge Menschen sind und deshalb erstens aus den Situationen lernen und zweitens etwas für ihre Eigensicherung tun. Zudem gibt es nicht umsonst Einsatztrainer, die Polizisten (wenn diese auch teilweise unbegeistert reagieren) entsprechend schulen. Hingegen kann ich nicht erkennen, inwiefern da Übertreibung seitens der Schutzpolizisten im Spiel sei sollte. Für mich belegt diese Studie, dass sie es sind, auf deren Rücken diese Gewalt in erster Linie ausgetragen wird.

„‚Dass sich die Polizei als Opfer darstellt, ist unprofessionell‘, sagt Rafael Behr. Die Gesellschaft wolle von der Polizei beschützt werden. ‚Wenn sich die Beschützer jedoch als Opfer, als Spielmaterial für Randalierer definieren, entstehen Irritationen in der Bevölkerung.‘ “ (Quelle 1)

Richtig! Und ich bin die Bevölkerung. Mich irritiert allerdings vor allen Dingen, dass es immer wieder Leute gibt, die es besser wissen wollen als jene, die ihren Arsch Tag für Tag für uns hinhalten. Und mich irritiert, wenn ich das Gefühl habe, ich soll hier verarscht werden, indem ein definitiv vorhandenes Problem kleingeredet werden soll, um mein „subjektives Sicherheitsgefühl“ zu erhöhen. Damit ich den Mund halte und nicht aufmucke? Ich will nicht subjektiv sicher sein, Herr Behr, ich möchte objektiv sicher sein. Und selbst wenn man allen Polizisten den Mund verbieten würde, dann hätte ich immer noch Augen im Kopf um zu sehen, und Ohren, um zu hören.

Behr vertritt ebenfalls die Theorie, dass Polizisten im Umgang mit dem Bürger ruppiger seien als nötig, da man sie von Beginn an dahingehend schule, dass sie mit dem Rücken zur Wand stünden. Dieses ruppige Auftreten schüre dann Gewalt. Insofern ist er auf einer Linie mit dem Wasserschutzpolizisten… (vgl. Quelle 1)

„Dabei werde die Institution Polizei von der Öffentlichkeit laut Behr hoch geschätzt. ‚Der einzelne Beamte übernimmt diese Wertschätzung jedoch nicht.‘ Er traut der positiven Bewertung nicht, weil seine individuellen Erfahrungen häufig nichts mit Achtung und Respekt vor der Polizei zu tun haben.“ (Quelle 1)

Dazu möchte ich zwei Anekdoten aus der Öffentlichkeit erzählen, die sich letzte Woche abgespielt haben. Montag Morgen kam ich zufällig kurz vor Unterrichtsbeginn an einer Schule vorbei. Vor der Schule war ein Streifenwagen geparkt. Die Polizisten waren nicht darin, ich nehme an, sie waren in der Schule. Allein beim Vorbeigehen hörte ich mindestens fünf Mal Wendungen wie: „Ey, die Scheißbullen!“ oder „Was machen denn die Drecksbullen hier.“ Da ich beim allerbesten Willen nicht erkennen kann, wo jetzt die Provokation durch die Polizisten lag, muss das wohl ein Teil der von Herrn Behr angeführten Wertschätzung sein. Oder lag es daran, dass es nur Jugendliche waren?

Mittwoch kam ich an einer Polizeiwache in einer mittelgroßen deutschen Stadt vorbei. Ein, zugegebenermaßen reichlich betrunkener, Erwachsener beschimpfte den vor der Wache abgestellten Streifenwagen mit Vokabeln, die ich hier nicht wiederholen möchte. Lag es daran, dass er nur betrunken war? Sagt man nicht, dass Betrunkene die Wahrheit sagen? Weil die Hemmungen wegfallen, alles auszusprechen, was man denkt? Wertschätzung?

Gut, es gab Schüler, die nicht gemault haben. Es hat aber auch keiner gesagt: „Super, dass die Polizei hier ist.“ Es gibt tatsächlich verdammt viele Menschen, die die Polizei wertschätzen. Ich bin da nicht alleine. Fakt ist aber, dass Zusammentreffen zwischen der Polizei und den Menschen, die sie wertschätzen, meistens nicht lang dauern, da sie ja nicht eskalieren. Wenn ich bei einer Ordnungswidrigkeit erwischt werde, habe ich keinen Grund, dem Polizisten dumm zu kommen, denn er ist im Recht und ich nicht. Solche Dinge sind schnell geklärt. Und man darf auch nicht aus dem Auge verlieren, dass die Wertschätzung so manches Menschen bis genau zu der Sekunde anhält, in der er mit einer Maßnahme der Polizei nicht einverstanden ist. Dazu zitiere ich einen meiner Bekannten, Akademiker, der von einem mir ebenfalls bekannten Polizisten angehalten wurde, weil er im Winter auf dem Fahrrad ohne Licht fuhr: „Haben Sie keine richtigen Verbrecher zu jagen, Herr Wachtmeister?“ Das ist natürlich Wertschätzung pur, nicht wahr? Hochachtung ist, wenn man einem anderen erstmal seinen Job erklärt. Zumal dem Radfahrer nicht nur der vollständige Name des Polizisten bekannt ist, sondern auch, dass er Polizeioberkommissar ist. Er ist sich absolut bewusst, dass die Anrede „Wachtmeister“ eine Degradierung darstellt, das hat in diesem Fall nichts mit überkommenem Sprachgebrauch aus dem vorigen Jahrhundert zu tun.

Solange jene, die die Polizei wertschätzen, den Mund nicht aufkriegen, ist es kein Wunder, dass Polizisten die andere Seite mehr zur Kenntnis nehmen. Das ist aber nichts, was man ihnen vorwerfen könnte. So tickt der Mensch.

„Doch nicht immer ist die Verletzung auf einen Angriff eines Randalierers zurückzuführen. …: ‚Die Polizei setzt bei einem Einsatz Tränengas ein. Der Wind dreht, 50 Beamte werden verletzt und müssen behandelt werden. Diese Fälle fließen ebenfalls in die Statistik mit ein.‘ Und verfälschen die Erhebung folglich.“ (Quelle 1)

Ach so? Und das Tränengas hat die Polizei noch mal aus welchem Anlass eingesetzt?

Nun ist Rafael Behr selbst lange Polizist gewesen. „Er war selbst 15 Jahre lang Polizist….“ Und weiter unten im Artikel: “ Auch er musste … viel einstecken. Sich Beleidigungen wie ‚Scheißbulle‘ und ‚verpiss dich‘ anhören. Er wurde bepöbelt. Geschubst. Angespuckt. ‚Es war nicht so viel anders als heute.‘ Wichtig sei, schwierige Situationen wie diese als Herausforderung zu sehen – und nicht als Strafe. ‚Das ist der Job eines Polizisten.'“ (Quelle 1)

Genau! Und es ist der Job einer Krankenschwester, es locker wegzustecken, dass Patienten sterben. Es ist der Job eines Maurers, Steine zu schleppen und Rückenschmerzen zu bekommen. Wehe, die jammern! Oder wie?

Es ist vollkommen normal, dass einem manche Aspekte seines Jobs, so sehr man ihn auch liebt, gelegentlich über die Kräfte gehen. Wieso ist das eigentlich für alle Berufsgruppen Deutschlands selbstverständlich, dass dann drüber gesprochen werden darf, nur für Polizisten nicht? Wie ich schon sagte – Polizisten sind Menschen und keine Maschinen. Menschen dürfen schwächeln und es wird verdammt Zeit, dass die Öffentlichkeit zur Kenntnis nimmt, dass sie es mit Menschen zu tun hat und nicht mit uniformierten Maschinen. Schön wäre auch, wenn einem da die eigenen (Ex-)Kollegen nicht auch noch in den Rücken fallen könnten.

Um bei den Mokassins zu bleiben – es reicht auch nicht, vor Unzeiten mal mit den Mokassins anderer gelaufen zu sein. Die sind schon etwas ausgelatscht und drücken nicht mehr.

Und es gehört auch in die Kategorie, die  Mokassins anderer nicht zu kennen, dass Menschen unterschiedlich mit Beleidigungen umgehen können. Das ist sehr individuell und sehr tagesformabhängig. Ein Vorgesetzter von mir (wohlgemerkt, ich war nie bei der Polizei) sagte einmal zu mir: „Wer mir erzählt, er hätte nie Probleme mit den uns entgegenschlagenden Vorurteilen, der lügt entweder oder er ist ein großartiger Verdränger.“

Ganz so krass mag ich das nicht sehen. Ich gönne es jedem, der Beleidigungen an sich abperlen lassen kann. Aber er kann seine dicke Haut nicht zum Maßstab aller Dinge machen und anderen Menschen eine solche via Vorschrift verpassen.

„An entsprechenden Ideen mangelt es Behr nicht. … Nicht die Polizisten müssen für Lehrgänge zur Schule, sondern der Lehrer muss zu den Beamten. Und zwar zunächst als Fragender… “ (Quelle 1)

Gute Idee!  Fangen Sie bitte schnell damit an und laufen Sie Ihre neuen Mokassins ein!

13 Comments

  • Hans-Gerd Birkholz
    27. August 2011 - 21:45 | Permalink

    Ja,ja der Herr Behrund der WSP-Kollege!
    Wir sind offensichtlich nur Jammerlappen! Ich frage mich, wo Herr B. 15 Jahre Polizeidienst gemacht hat! Bei dem WSP-Kollegen versteh ich das irgendwie, da es auf dem Wasser ja nicht viele Leute, sondern nur eben die „Schipper“ gibt.
    Klar, als Beschützer des Staates muss ich mir so manches gefallen lassen, was ich auch tue, ohne irgendwelche Massnahmen zu ergreifen! Das sagt mir mein Feingefühl, da ich dadurch eventuell Gewalt provoziere ( es gibt Ausnahmen, die bestätigen die Regel) .
    Doch in vielen Situationen kann ich nicht mehr präventiv tätig werden, sondern werde unmittelbar mit Gewalt konfrontiert, die man eigentlich nicht erwartet hätte.
    Andererseits gibt es Situationen, wo ich die Gewalt gegen mich vielleicht verhindern kann, indem ich z.B. ein wenig den sprachlichen Erfordernissen , sprich Dialekt, Rechnung trage!
    Aber mal im Grossen und Ganzen gesagt:
    Der „Normalbürger“ wird nie Gewalt gegen den PB ausüben, da er immer noch weiss, dass diese ihm helfen.
    Das Klientel, dass Gewalt ausübt und sei es nur durch Beleidigungen, ist immer nur jenes, dass schon mal irgendwie mit der Polizei zu tun hatte oder nicht mehr weiß, was es tut ( hilflose Person). Nicht als Verkehrssünder, sondern in anderen Bereichen (Strafgesetz)!
    Da sind ja immer nur die PB schuld. Das Andere durch die Verstoße geschädigt werden ist uninteressant! Ich bin das Opfer, alles andere ist mit egal!
    Also schlag ich, beleidige ich usw. diejenigen, die die Gesetze für den friedlichen Bürger durchsetzen!
    Dieser WSP-Kollege oder Herr Behr sollten sich mal ein paar Tage/Wochen mit dem Streifenpolizist in die Realität begeben. Dann würden sie wahrscheinlich anders über die Gesamtsituation urteilen!

    • 28. August 2011 - 08:36 | Permalink

      Im Originalartikel steht, dass Rafael Behr auch Einsätze im Rahmen der Proteste gegen die Startbahn West und einige KKWs hatte. Ich konnte ja nur nicht alles zitieren, sondern nur die Highlights, wegen dem Urheberrecht und so…

      Er sagt ja auch, dass er selbst beleidigt, bespuckt und geschubst worden wäre, aber er scheint das so zu sehen, dass man das als Polizist als normalen Umgang akzeptieren solle…

  • 28. August 2011 - 08:40 | Permalink

    Übrigens habe ich eben diesen Zeitungsartikel bekommen, in dem Christian Pfeiffer seine Befunde selbst erläutert. Das liest sich schon einen Tacken anders als die Interpretation des Herrn Behr:

    „Laut Bundeskriminalstatistik sind die Fälle von Gewalt gegen Polizisten zwar von 26 344 im Jahr 2009 auf 23 372 im vergangenen Jahr gesunken, doch die Brutalität der Übergriffe habe dramatisch zugenommen, sagen Experten wie Pfeiffer. Mögliche Gründe: „Wir haben in Großstädten wie Berlin und Hamburg inzwischen staatsfeindliche Szenen und Subkulturen, die ihren Hass gegen Polizisten offen ausleben“, so Pfeiffer. Zudem gebe es einen starken Zuwachs an stark alkoholisierten Tätern, die völlig enthemmt auf Polizisten losgingen. Auch bei Einsätzen gegen prügelnde Familienväter käme es jetzt viel öfter zu Übergriffen gegen die Beamten.“
    Quelle:
    http://www.bild.de/news/inland/polizei/soko-frust-19630838.bild.html

    Wem die Bild als Quelle zu popelig ist, dem sei gesagt, dass ich mich freue, wenn er mir die Originaläußerungen von Christian Pfeiffer beschafft…

    Na ja, und die Sache mit der Kriminalstatistik ist ja eh so eine Sache… nicht wahr?

  • Barko
    28. August 2011 - 16:55 | Permalink

    Der gute Herr Behr war mal Polizist in Hessen, jetzt lehrt er an der Hochschule in Hamburg.
    Ob er wirklich in der Lage ist, junge Menschen auf den Beruf des Polizeibeamten in Hamburg vorzubereiten, ist für mich ziemlich fraglich.
    Zum Beitrag: Sehr schön argumentiert :-)

  • Hans-Gerd Birkholz
    28. August 2011 - 20:15 | Permalink

    Bezügl. beleidigen, schubsen schrieb ich ja bereits, dass man manches erduldet und einfach wegsteckt, ohne direkt die Eskalation herauszufordern. Doch beim Besucken ist das was anderes.
    Du schriebst, das er bei der Startbahn West und bei KKW!s dabei gewesen ist. Hier gelten andere Regeln, als im Einzeldienst auf der Strasse. Hier ist die gesamte Einheit und nicht nur der PB im Einzeldienst auf äusserste Disziplin angewiesen! In einer Hundertschaft, eingesetzt in geschlossener Einheit, kann nicht ein Einzelner aus diesem Gefüge heraustreten. Da muss man solche zuvor beschriebenen Dinge eben schon mal über sich ergehen lassen, vor allem wenn man Gewaltbereiten gegenübersteht, die nur auf solch eine Reaktion warten!
    Ein besonders gutes Beispiel ist die „Rebell Clown Army“!
    Als Clowns verkleidet, also für den Normalbürger sogar lustig, versuchen sie durch Körperkontakt eine negative Reaktion des in der Einheit stehenden PB zu provozieren und nehmen dies dann zum Anlass in der Öffentlichkeit zu dokumentieren, dass nicht sie sondern die PB die Aggressoren sind!
    Dies ist so ähnlich wie mit dem Film aus Berlin:
    Man nimmt nur das, was einem gefällt. Den Rest lässt man weg und schon sieht alles ganz anders aus!

  • Ngiri
    29. August 2011 - 09:36 | Permalink

    Als ich Deinen Artikel las, fielen mir immer wieder solche Dinge ein, wie: das Opfer trägt die Schuld doch selbst / durch Hilflosigkeit und Angst wird das Problem als eine Art Abwehrhaltung ignoriert / Indianer kennen keine Schmerzen / da mein Selbstbewusstsein zu klein ist, erhebe ich mich über den, der über das Problem spricht…den Anderen/ das Opfer.
    Irgendwie erscheint mir der Herr B. in Deiner Beschreibung…anders kenne ich ihn bisher nicht…wie ein großes Kind, das daher redet, was er von den Erwachsenen erzählt bekam…wo ist da eine eigene Darstellung der Dinge? Wo ist seine individuelle Meinung zu dem Thema?
    Phrasen reden eben nicht nur Politiker. Er erscheint mir nur wie jemand von der Masse der sich Darstellenden / der Terry Pratchett-Typen/ der in einer Scheinwelt Lebenden. (Ist ja auch schööööön…)
    Ich denke, dass es sehr schwierig ist, sich mit schlimmen Begebenheiten auseinander zu setzen, aber sie zu ignorieren und auf dem Buckel der Opfer – in diesem Fall, wenn ich es richtig verstehe, der eigenen Kollegen – herum zu springen, um sich selbst darzustellen oder von seinen eigenen „Schwächen“ abzulenken (stand Herr B. immer in der hintersten Reihe bei seinen erlebten Einsetzen?), ist doch recht kindergartenartig…sowas braucht man nicht, aber sowas ist immer am Lautesteten…

    Und der WSP-Mann ist sich sicher, dass er die verschiedenen Register in der Polizei vergleichen kann/ darf??? Er sollte denken, bevor er redet…ihm sollte doch am besten bewusst sein, wie die Unterschiede zu erkennen sind…aber weit ab vom Schuss (im wahrsten Sinne des Wortes), ist es leicht (daher-zu-)reden.

    Bevor ich mich jetzt mit meiner großen Verärgerung über solche Art der „Auseinandersetzung“ um Kopf und Kragen schreibe, höre ich lieber auf. Aber ich möchte mich dem Vorschlag anschließen – und das unbedingt! – dass solche Leute doch mal für einen Monat auf DIE STRASSE gehen, über die sie banal daher reden…warum wohl tun sie das nicht? Und wieso sitzen sie eben gerade an den Stellen (beruflich) wo sie sitzen? Das kommt nicht von ungefähr…(und ist manchem Geist auch nicht zu verdenken/ vorzuhalten).

    Nicht aufgeben! Mit besten Grüßen,
    Ngiri

    • 29. August 2011 - 13:24 | Permalink

      Danke für Deinen ausführlichen Kommentar.

      Zu dem WSP-Mann sei gesagt, dass ich ihn durchaus auch schätze und wir halt in dieser Frage meinungsmäßig auseinandergehen. Wobei ich so weit gar nicht von ihm weg bin, ich verweise da auf „meine“ 2% Vollpfosten… ;-)
      Ich glaube aber nicht, dass man das steigende Gewaltproblem nur darauf reduzieren kann. Und ich bin der Ansicht, dass es keine angemessene Reaktion sein kann, jemandem, der einen unangemessen anspricht, die Fresse zu polieren (sorry für die Ausdrucksweise!). Dann gäbe es Tage, an denen mir in meinem Hauptberuf auch abends die Hand wehtäte… Und ich glaube, dass er da zwei Sparten miteinander vergleicht, die nicht so recht vergleichbar sind.
      Aber außerhalb dieser Meinungsveschiedenheit ist er ein großer Unterstützer des Projekts „Keine Gewalt gegen Polizisten“ und ein ganz Netter. Nur, damit der arme Kerl nicht so schlecht rüberkommt, denn das hat er nicht verdient. ;-)

  • Ngiri
    29. August 2011 - 22:04 | Permalink

    Habe ich da jemanden „die Fresse poliert“? Oje oje…ich habe doch nur meinem Ärgernis freien Lauf lassen wollen…was natürlich auch unüberlegt ist… ;-)

    Ich bin froh, dass Du schreibst, dass er (Deine WSP-Bekanntschaft) denken kann (setze ich selbstverständlich auch voraus bei der Berufswahl). Daneben ist er auch ein Unterstützer Deiner Seite! Vielen Dank!

    Eigentlich habe ich nicht meinen Kommentar auf das steigende Gewaltproblem geschichtet, sondern auf Selbstüberschätzung, die einem allgemein sehr oft in Phrasen begegnet, wie bei Herrn B. Er bzw. seine Zitate waren mein Hauptärgernis…
    Sollte ich Dich jetzt ganz falsch verstanden haben…lieber per PN… :)

    Vielen Dank und viele Grüße,
    Ngiri

    • 29. August 2011 - 22:18 | Permalink

      Nein, Du hast doch keinem die Fresse poliert. Ich meine damit jene, die Polizeibeamten angehen. Selbst wenn die Polizisten jene unangemessen angesprochen hätten, finde ich Gewalt nicht die richtige Antwort. Damit wollte ich Dich lediglich bestätigen und die Argumentation aushebeln, dass Opfer von Gewalt selbst schuld sind.
      Na ja, was Herrn B. betrifft, sind wir einer Ansicht. :-)

      Und Dampf ablassen muss erlaubt sein, also mach Dir mal keine Sorgen… ;-)

  • Ngiri
    31. August 2011 - 09:11 | Permalink

    Na Jott sei Dank…okay, dann mache ich mir keine Sorgen…in diesem Fall. Aber über die Gewalt gegen Polizisten und allgemein die Gewaltbereitschaft, mache ich mir weiter Sorgen.

    Ich danke Dir :)

    Viele Grüße,
    Ngiri

  • 1. September 2011 - 06:40 | Permalink

    Ich möchte in diesem Zusammenhang auf den Polizeinewsletter des Lehrstuhls für Kriminologie der Ruhruniversität Bochum hinweisen, den ich im Abo habe und in dessen mir soeben zugegangener Ausgabe zu dieser Thematik geschrieben steht:
    „Die Inhalte und Erkenntnisse, die Behr vorgetragen hatte, sind jedoch überwiegend in der Polizeiwissenschaft anerkannt und zutreffend.“
    Quelle:
    http://www.polizei-newsletter.de/newsletter_show_article_german.php?N_YEAR=2011&N_NUMBER=144&N_ID=2963

    Gibt es eine polizeiwissenschaftliche Disziplin, in der die Jammerbereitschaft des Schutzpolizisten untersucht wird? Gut, ich gebe zu, die Frage war polemisch. Aber genau das ist doch das Problem. Es ging doch weniger um das was als um das wie! Und es ging darum, dass seit Jahren den Leuten an der Front ganz offensichtlich niemand zuhört. Wurden schon einmal flächendeckend alle Polizisten Deutschlands befragt?

    Und wenn schon eine solche Behauptung in den Raum gestellt wird, dann erwarte ich auch Hinweise darauf, wo ich diese Erkenntnisse nachprüfen kann. Das habe ich übrigens auch dem Herausgeber geschrieben.

  • Michael Birkhan
    17. Mai 2013 - 00:00 | Permalink

    Liebe Gerke, …kurzweilig geschrieben und treffend umschrieben….
    Ergo: Punktlandung!

    Eine „Nicht-Polizistin“ versteht die „Seele eines Polizeibeamten“ besser als ein Kriminologe, der an der Hochschule lehrt…..oder vielleicht …….„leert?!“
    Offensichtlich ist dies der Fall.

    31 Jahre bin ich nun bei der Trachtengruppe in der Freien Hansestadt Bremen tätig. Noch immer leiste ich meinen Dienst aus voller Überzeugung.

    Nach einer Untersuchung leiden 62 Prozent der Bremer Schutzpolizisten unter teilweise massiven gesundheitlichen Problemen. 40 Prozent von ihnen fühlen sich der Zunahme an der gegen sie gerichteten Gewalt nicht mehr gewachsen.
    Ich kenne eine Reihe von diesen Beamten persönlich. Es handelt sich definitiv nicht um Weicheier.
    (…belastende dienstliche Erfahrungen: Konfrontation mit dem Tod / Elend / massive Gewalterfahrungen vermischen sich oft mit privaten Problemen…)

    Ich schätze meine engagierten und kompetenten Kollegen und Kolleginnen – die in den Kommissariaten Dienst verrichten – sehr.
    Fakt ist und bleibt allerdings, dass die „Trachtengruppe“ an vorderster Front Dienst am Bürger verrichtet. Die Gefahr im Dienst Opfer einer Gewalttat zu werden ist für sie über 17-Mal höher……..

    Nicht gerade förderlich wirkt sich zusätzlich der physisch und psychisch belastende Wechselschichtdienst auf den Organismus aus. Oft führt dieser auch zu einer sozialen Isolation.
    Diese Faktoren stehen in einer Wechselwirkung zueinander.

    Der Kriminologe kann von Gerke noch einiges lernen.
    (…umfassend informieren, analysieren und erst danach Thesen aufstellen…..)

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