Schüsse auf die Seele abwehren

Gestern, am 24. August 2011, kam es in Berlin-Reinickendorf in Folge eines Messerangriffes auf Polizeibeamte zu einem Schusswaffengebrauch mit tödlichem Ausgang. Nähere Informationen dazu finden sich hier.

Den Angehörigen der toten Frau möchte ich hier mein Beileid aussprechen.

Außerdem möchte ich meinem Mitgefühl mit dem Schützen Ausdruck verleihen. Ich werde nicht müde zu betonen, dass Polizisten keinen sonderlichen Spaß am Schießen auf Lebewesen haben. Schon gar nicht auf Menschen. Egal, wie oft gewisse Propagandisten noch das Gegenteil behaupten. Manchmal bekomme ich das Gefühl, die freuen sich sogar über solche Vorfälle, damit sie mal wieder ungehemmt ihre Vorurteile auspacken und aufpolieren können.

Niemand, der nicht in einer vergleichbaren Lage war, kann nachvollziehen, wie ein Polizeibeamter leidet, der einen Menschen erschießen musste. Dennoch gehen mir solche Meldungen immer nahe, weil ich weiß – da ist großes Leid, auch wenn ich sein Ausmaß nicht erfassen kann.

Nebenbei bemerkt erachte ich auch entsprechende Aussagen als polizeifeindlich, die in vordergründig polizeifreundlichem Gewand daherkommen. Beispielsweise Sprüche, die den Eindruck vermitteln, als sei ein Schuss auf einen Menschen etwas, was einem Polizeibeamten mal so eben locker in den Kleidern hängenbliebe. Sie untermauern nämlich das ebenso falsche wie unausrottbare Bild vom schießwütigen Idioten.

Ich bin sicher, dem Schützen geht es jetzt so richtig beschissen. Auch die anderen anwesenden Polizeibeamten werden nicht umsonst psychologisch betreut. Ich hoffe, dass sie alle das Geschehen gut verarbeiten können.

Schon mehrfach habe ich mich im Rahmen dieses Blogs geäußert, was ich von Vorverurteilungen halte, mit denen Polizisten, die schießen mussten, oft und gern konfrontiert werden, bevor ausermittelt wurde. Nämlich nichts. Auch der reflexhafte Aufschrei „Polizeigewalt“ kotzt mich nur noch an.

In diesem Blogbeitrag geht es mir aber um etwas anderes. Ich musste nämlich etwas verwundert zur Kenntnis nehmen, dass die Berliner Morgenpost in ihrer Online-Ausgabe vom 24. August in ihrem Artikel zu diesem Vorfall schrieb:

„Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen Menschen von Polizisten erschossen werden. Meist geben die Beamten Notwehrsituationen oder ein Handgemenge als Grund für die gezielt oder versehentlich abgegebenen Schüsse an. In der Regel erhalten die Schützen Bewährungsstrafen von unter einem Jahr wegen fahrlässiger Tötung. Nach dem Beamtengesetz müssen sie ihren Dienst quittieren, wenn sie wegen einer vorsätzlichen Tat zu mindestens einem Jahr verurteilt worden sind.“ (Quelle)

Dieser Absatz ist fachlich etwas… öhm… wild.

Erstens werden derartige Vorfälle nicht „immer wieder“ bekannt, sondern die Polizei fährt da eine sehr offene Kommunikationspolitik. Da wird nichts in Salamitaktik nach und nach zugegeben, wenn es nicht mehr anders geht, sondern da wird klar und proaktiv per Pressemitteilung von den Polizeibehörden kommuniziert.

Die Beamten „geben“ auch nicht lediglich Notwehrsituationen „an“, sie befinden sich auch regelmäßig in solchen. Wobei die Polizeigesetze der Länder für derartige Sachlagen eigene Regelungen vorsehen, aber letztlich auch für Polizeibeamte eine Art Notwehrrecht greift. Sollen sie sich denn nicht verteidigen dürfen? Kein Polizeibeamter, der in einer Situation geschossen hat, die für Nichtpolizisten mit Notwehr oder Nothilfe benannt werden kann, bekommt dafür überhaupt eine Strafe. Das wäre ja auch noch schöner. Hinz und Kunz darf sich ungestraft zur Wehr setzen, und jene, die ihren Arsch für Hinz und Kunz hinhalten, müssen sich widerstandslos abstechen lassen?

Zuletzt wurde bspw. am 15. April ein Polizist freigesprochen, der in Bad Honnef vor einer Disko einen Mann erschossen hatte, von dem er annehmen musste, er sei bewaffnet gewesen (Quelle).

Letztlich ist der Hinweis auf das Beamtenrecht an dieser Stelle eigenartig, denn es gilt für alle Beamten und für alle Polizisten, aber eben wenn eine Straftat vorliegt und keine Notwehrsituation.

Eigentlich hatte ich die Berliner Morgenpost gerade in Hinblick auf Nachrichten, die die Polizei betreffen, als eher neutral und abwartend auf dem Radar. Im Fall des tödlichen Schusswaffengebrauchs am 15. März 2010 in Berlin (mein Blogbeitrag dazu) hat exakt diese Zeitung sogar ihre Überschrift auf einen Leserbrief von mir hin dahingehend abgeändert, dass die mögliche Notwehrsituation sofort ins Auge fällt.

Der von mir zitierte Absatz zum gestrigen Schusswaffengebrauch ist eine Mixtur von Worten, die missverständlich rüberkommen. Worte, die der Zündfunke für eine Vorverurteilung sein könnten. Worte, die von nicht wenigen Polizeibeamten auch tatsächlich als solche aufgefasst wurden, die auch ihrem Unmut darüber in einer Form Ausdruck verliehen haben, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Aus meiner Sicht vollkommen verständlich.

Aber ich plädiere nun mal immer für eine vorurteilsfreie Betrachtung von Berufsgruppen. Sicherlich gibt es Journalisten, die Polizisten nicht mögen und sich aus Überzeugung an der Verbreitung eines schlechten Polizeibildes beteiligen. Oder weil es gerade schick ist und man damit ohne großen Aufwand unheimlich kritisch rüberkommt. Auch in dem Job macht es sich mancher einfach, wenn man sich eines gewissen Applauses sicher sein kann. Aber es gibt nicht nur diese und das ist sehr wichtig festzuhalten. Wenn mein Projekt auf das Interesse von Journalisten stieß, waren diese bis auf eine Ausnahme nicht polizeinegativ eingestellt.

Da „Keine Gewalt gegen Polizisten“ hoffentlich bald zum Verein mutieren wird, habe ich mich im Vorfeld entsprechend fortgebildet und Schulungen zum Thema Pressearbeit besucht. Dort habe ich viel gelernt, auch darüber, wie der Beruf des Journalisten heutzutage aussieht:

Im Gegensatz zu früher haben Journalisten (noch) weniger Zeit, bevor ein Artikel rausmuss, sondern alles muss sofort gehen. Anstatt Tageszeitung ist Internet angesagt. Im Unterschied zu mir haben sie nicht nur ein Feld zu beackern, sondern müssen jeden Tag hunderte von Pressemitteilungen zu allen möglichen und unmöglichen Themen durchgehen. Oft arbeiten sie gar nicht mehr als fest Angestellte, sondern als „freie Mitarbeiter“ – der Arbeitgeber hat die volle Arbeitskraft und der Journalist das volle Risiko! Die Bezahlung ist eher dürftig, so dass sie viele, viele Artikel an einem Tag raushauen müssen.

Wenn so manche Pressemitteilung über einen Gewaltakt gegen einen Polizisten unbeachtet durchflutscht, dann liegt das auch verdammt oft an handwerklichen Fehlern der Polizei. Wobei die meisten Pressesprecher das wirklich super machen, das sollte an dieser Stelle auch gesagt werden.

Vergleicht man nun den Artikel in der Morgenpost mit der Pressemitteilung der Berliner Polizei, so fällt auf, dass die Inhalte dieser Pressemitteilung mehr oder minder komplett in den Artikel übernommen wurden. Allerdings scheint es Zusatzinformationen gegeben zu haben, denn der Morgenpost-Artikel liefert weitere Fakten und eine Polizeisprecherin wird zitiert. Ich spekuliere mal, dass es eine Pressekonferenz gab, ich kann mich aber auch irren.

Genau hier hätte ich einen Verbesserungsvorschlag, nicht nur an die Berliner Polizei, in Hinblick auf die künftige Behandlung solcher Fälle:

Wir haben hier einen Super-Gau. Noch furchtbarer ist aus Sicht des Polizisten, der in solch einer Situation steckt, doch höchstens noch ein Polizistenmord. Natürlich ist bei einem Super-Gau eine Pressekonferenz eine sinnvolle Maßnahme. Aber die Informationen, die dort gegeben werden, sind für unseren oben näher beschriebenen gestressten Journalisten erst einmal fachfremd. Er wird so gut mitschreiben wie er kann. Aber er wird, speziell von eventuellen Erklärungen zur Rechtslage, ungefähr soviel verstehen wie ein Polizist (oder ich) von einem Vortrag über Sonnenflecken. Könnten meine Leser, sofern sie nicht Physiker oder Hobbyastronomen sind, daraus einen qualifizierten Artikel machen? Möglichst innerhalb von zehn bis maximal zwanzig Minuten, damit die Konkurrenz bloß nicht schneller ist? Also ich könnte das jedenfalls nicht.

Es sei denn, man gibt mir etwas Schriftliches an die Hand!!!

So schrecklich ein tödlicher Schusswaffengebrauch für alle Beteiligten ist und so wenig man sich das wünscht – es ist nichts Neues, dass er jederzeit passieren kann. Angesichts zunehmender Gewaltbereitschaft an vielen Fronten steigt die Wahrscheinlichkeit dafür sogar an.

Und so negativ ich die Entwicklung des Journalistenberufes auch finde (viele Journalisten finden das übrigens auch nicht so prickelnd), so wenig zielführend ist es, sich über diese Zustände zu beklagen. Man muss auch ein Stück weit damit leben. Da bin ich ziemlich pragmatisch.

Deswegen sollte meiner Ansicht nach für solche Situationen auf jeden Fall ein Schriftstück produziert werden. Das ist nicht einmal ein besonderer Aufwand. Man kann schriftlich zusammenfassen, welche vergleichbaren Vorfälle es bereits im Bundesgebiet gegeben hat, man kann die Rechtslage sachlich und neutral zusammenfassen. Tritt dann solch eine Horrorsituation ein, kann man es aus der Schublade bzw. dem Netzwerkordner ziehen, schnell die Fakten des aktuellen Falles, die an die Öffentlichkeit sollen, darüber schreiben – fertig.

Natürlich bin ich nicht naiv. Mir ist auch klar, dass die Vorverurteilungen aus einer bestimmten Ecke, in der sich auch mancher Journalist nicht unwohl fühlt, in solchen Fällen niemals aufhören werden. Aber man könnte doch solche Absätze wie den hier zitierten, vermeiden. Für mich liest sich das nämlich wie hektisch zusammenrecherchiert und nicht richtig hingelesen. Auf die Idee, jemand könne für eine Notwehrsituation überhaupt eine Strafe, und sei es nur eine Bewährungsstrafe erhalten, kann man nämlich eigentlich gar nicht kommen, wenn man mal in Ruhe darüber nachdenkt. Ruhe ist aber eben, was ein Journalist in solchen Augenblicken nicht hat. Ich bin sicher, mit einem Schriftstück, auf das der Schreiber sich hätte stützen können, hätte dieser Absatz ganz anders ausgesehen.

Die Öffentlichkeitsarbeit der Berliner Polizei ist eigentlich ziemlich gut. Manchmal ärgert es mich, dass ich nicht sofort an der Überschrift erkennen kann, wenn es mal wieder einen Polizisten erwischt hat. Bei dieser speziellen Pressemitteilung kann ich ehrlich gesagt auch nicht ganz nachvollziehen, warum der Messerangriff nicht bereits in der Überschrift eine Rolle spielt. Aber im Großen und Ganzen kann ich als Empfängerin derartiger Mitteilungen sagen, dass Berlin da qualitativ schon unter den Spitzenreitern ist. Aber das Bessere ist der Feind des Guten. Ich denke wirklich, wenn verschiedene Polizeipressestellen über meinen Vorschlag nachdenken würden, sie damit den betroffenen Polizeibeamten ein wenig aus der Schusslinie ziehen könnten. Natürlich geht das niemals so ganz. Aber es ist immer noch ein Unterschied, ob man aus ideologischen Gründen von Leuten angegriffen wird, denen man es sowieso niemals Recht machen kann, oder gefühlt von allen.

Damit geht es mir gar nicht in erster Linie darum, Verständnis für Journalisten zu wecken. Es geht mir darum, wie man als Behörde, angesichts einer bestimmten, real existierenden Situation, vorgehen könnte, um seine Mitarbeiter besser schützen. Schließlich gibt es da eine Fürsorgepflicht und dazu gehört meines Erachtens, die Angriffe auf die nach solch einer Situation schon reichlich verletzte Seele eines Menschen möglichst kleinzuhalten. Damit er alle Chancen bekommt, die er kriegen kann, um jemals damit fertigzuwerden.

One comment

  • Hans-Gerd Birkholz
    26. August 2011 - 21:58 | Permalink

    Es ist manchmal gar nicht so einfach die eingehenden Meldungen entsprechend zu filtern, da eine Flut auf einen zustürzt, gerade in Berlin!
    Selbst in einem verhältnismässig kleinen Bezirk, da wo ich wohne, kommt es zu Irritiatuonen
    Nachdem ich mich beschwert hatte, kam auch prompt die Entschuldigung!
    Aber ich musste trotzdem vielen Leuten erzählen, wie es wirklich war!

    Sollten solche Artikel auftauchen müssen meiner Meinung nach die entsprechenden Organe sofort ihr Veto einlegen. Geschieht das nicht, glaubt jeder, der das liest, dass es wirklich so geschehen ist.

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