Klugscheißer und Kotzbrocken

Nachdem gestern offenbar der erste Schock über das unfassbare Geschehen in Oslo und auf Utøya abzuklingen begann, geht nun die Suche nach dem Schuldigen los. Es ist ja heutzutage so üblich, sofort nach einem Sündenbock zu forschen, auf den man dann verbal einschlagen kann. Damit kann man auch effizient vermeiden, sich mit dem Gefühl von Trauer auseinanderzusetzen, das Menschen in solchen Situationen anfällt. Es ist deutlich einfacher, anklagend auf andere zu zeigen, anstatt sich mit seiner eigenen Seele zu befassen.

Warum dabei nur die wenigsten den zweifellos Hauptschuldigen, nämlich Anders B. (ich verweigere mich, den vollständigen Namen dieses Subjekts auszuschreiben), im Blickfeld behalten, ist mir rätselhaft. Es scheint auch niemanden weiter zu wundern oder gar zu stören, dass der sich auch noch mit einer Begründung für seine grausame Tat an die Öffentlichkeit wenden will. Vermutlich bedient er damit den mittlerweile üblichen Voyeurismus. Eine Katastrophe ohne hautnahes Miterleben ist ja eigentlich keine.

Nur noch mal zur Erinnerung: dieser Typ hat mehrere Sprengsätze in Oslo hochgehen lassen. Dabei sind auch immerhin zehn Menschen gestorben. Anschließend hat er sich nach Utøya begeben, um dort als Polizist verkleidet über 80 Jugendliche zu erschießen. Er hat das Ganze von langer Hand vorgeplant. Er war eiskalt genug, den Jugendlichen zu verkaufen, er sei als Polizist wegen der Bombenanschläge anwesend und sie sollten sich in einem Raum versammeln. Dann schoss er neunzig Minuten lang um sich.

Bin ich eigentlich die Einzige, die sich fragt, wie entmenscht man sein muss, um Jugendliche abzuschießen wie die Hasen, deren Vertrauen man sich vorher auf die übelste Weise erlogen hat? Merkwürdigerweise scheint das aber nur eine Minderheit aufzuregen, wenn ich die Meldungen auf Twitter richtig deute. Vielleicht ist aber Twitter auch nur das falsche Medium.

Es ging ja schon los, als klar wurde, dass Anders B. sich als Polizist verkleidet hatte. Da klang schon bei manchen durch, ob es nicht wohl ein echter Polizist gewesen sein könne.

Ja, nee, ist klar. Alle Italiener sind Steuerhinterzieher, alle Lehrer sind faul, alle Ossis jammern nur und alle Wessis sind arrogant. Und alle Polizisten sind rechts und hassen Kinder, die ein sozialdemokratisches Ferienlager besuchen.

Es geht doch nichts über ein differenziertes Weltbild.

Von einem dieser Ausfälle distanzierte sich später immerhin ein Twitterer. Na gut, im ersten Schock haue ich auch manchmal Dinger raus… kann passieren. Schwamm drüber.

Aber gestern feierten mal wieder Klugscheißer und Polizistenhasser fröhliche Urständ.

Klug geschissen wurde natürlich sofort, als angeblich „die Polizei“ vom ersten Verdachtsmoment Al Quaida abrücken und feststellen musste, die Tat habe einen rechtsextremistischen Hintergrund gehabt. Da freuten sich schon mal einige. Nicht nur, dass sie der Polizei mal wieder Blödheit nachweisen zu können glaubten. Nein, sie gebärdeten sich, als seien Al Quaida und Rechtsextremisten Antagonismen und als sei jeder Gedanke an islamistischen Terror weit hergeholt. Gab’s ja auch noch nie, schon klar. Fragt doch mal die Menschen in Südsomalia zu dem Thema… Liebe Leute, ein Arschloch zu sein ist definitiv weder abhängig von der Nationalität noch von der Religion.

Vielleicht bin ich ein wenig unterbelichtet, aber mir ist ziemlich unklar, wo der Unterschied zwischen einem Massaker durch ein rechtsextremistisches Arschloch und einem Massaker durch ein islamistisches Arschloch liegt???? Den über 90 Toten dürfte reichlich egal sein, welches Arschloch genau sie ins Jenseits befördert hat… und ich fand schon immer alle Extremisten gleich Scheiße.

Abgesehen davon – woher wissen alle diese Häme verbreitenden Leute denn bitte schön, was genau die norwegische Polizei gedacht hat? Sind das alles intime Freunde des Osloer Polizeichefs? Der natürlich nichts Besseres zu tun hatte, als sofort seine deutschen Freunde anzurufen, damit die die Welt informieren können? Ja, nee, ist klar.

Oder sind sie so unglaublich hellsichtig, dass sie immer alles ganz genau wissen? Warum haben sie sich dann nicht an der Börse reich gezockt und sitzen mit einem Cocktail in der Hand auf irgendeiner Karibik-Insel in der Sonne, sondern nerven immer noch hierzulande herum?

Ich persönlich gehe mal davon aus, dass die Polizei in alle Richtungen ermittelt hat. Vermutlich hat sie das nicht jedem verraten, um schneller an ihr Ziel zu kommen. Vielleicht bin ich auch da ein bisschen merkwürdig gepolt, aber ich finde es in so einem Fall auch erst mal wichtiger, den Täter einer solchen Tat hinter Schloss und Riegel zu bringen, anstatt die Neugierde der weltweiten Spanner zu befriedigen.

Der erste, den ich über Al Quaida habe reden hören, war übrigens ein „Terrorismusexperte“ des deutschen Fernsehens. Was genau ihn als einen solchen qualifiziert, wurde nicht dazu gesagt. Ich nehme aber mal nicht an, dass er auf der Gehaltsliste der norwegischen Polizei steht. Man könnte also durch einen nicht mal sonderlich anstrengenden Denkprozess darauf kommen, dass es möglicherweise gar nicht die norwegische Polizei war, die zuerst an Al Quaida dachte????

Dann kamen mal wieder jene an, die der Polizei Pannen vorwarfen. Na klar, es ist nicht zufällig die Schuld dieses vollkommen durchgeknallten Typen, dass über 90 Menschen sterben mussten, dass es viele Verletzte gibt und dass eine ganze Menge Jugendlicher traumatisiert sein dürfte. Die Polizei ist schuld. Ist sie ja immer. Um ehrlich zu sein war ich verwundert, dass es so lange dauerte, bis auf sie gezeigt wurde. So lange, dass ich fast schon hoffte, angesichts der Ungeheuerlichkeit dessen, was in Norwegen passiert ist, könnte dieses sinnfreie Standardritual einfach einmal ausfallen.

Weit gefehlt…

Ja, es ist natürlich frech, dass die Polizei für exakt dieses Szenario keinen Notfallplan hatte. Als könne sich ein normal tickender Mensch so einen Horror auch nur im Ansatz ausdenken.

Wir erinnern uns: in Oslo sind Sprengsätze in die Luft gegangen. Übrigens auch für Oslo das allererste Mal. Natürlich wurde da erst einmal jede Menge Polizei in der Hauptstadt gebunden. Auch eine Bombenexplosion ist ein Katastrophenszenario, selbst wenn danach noch viel Schrecklicheres folgte. Was mangels Kristallkugel niemand in Norwegen wissen konnte.

Es ist wirklich beschämend, dass dann kein Hubschrauber da war, um die Spezialeinheit möglichst zügig auf die Insel zu schicken. Aber ist das Schuld der Polizei? Oder vielleicht doch eher jener, die sie ausrüsten? Die Polizei ist keine private Veranstaltung, sondern eine staatliche und der ominöse Staat sind wir alle. Dass ganz offenbar nicht genug Geld in eine angemessene Ausrüstung gesteckt wird, ist vorrangig Schuld jener, die einem Politiker vollkommen hysterisch vorwerfen, einen Polizeistaat schaffen zu wollen, sobald er sich erdreistet, eine bessere Ausstattung für die Polizei zu fordern.

Wie man nachlesen kann, ist eine Spezialeinheit aus Oslo sofort mit dem Auto losgerast. Auch dass an dem See kein angemessenes Boot war ist beschämend. Aber auch das ist nicht Schuld der Polizei selbst. Oder sollen Polizeibeamte demnächst neben wichtigen persönlichen Ausrüstungsgegenständen (die sie nebenbei bemerkt zumindest in Deutschland teilweise schon lange aus eigener Tasche bezahlen) auch noch die Hubschrauber und Boote selbst kaufen? Ja klar, die gibt es ja in jedem Baumarkt an der Ecke…

Besondere Häme schwingt dabei mit, dass das Boot, welches dann letztlich benutzt wurde, auch noch fast gekentert sei.

Die Polizeibeamte haben sich also in Lebensgefahr gebracht. In voller Ausrüstung ins Wasser zu fallen erhöht nicht gerade die Schwimmfähigkeit, das Zeugs wiegt nämlich insgesamt 15 Kilo. Sie wollten retten, was zu retten war. Das verdient keine Häme, sondern Hochachtung.

Ist es wirklich zu viel verlangt, mal für eine Minute den Standpunkt zu wechseln und sich in diese Menschen einzufühlen, die wissen, dass da etwas Schreckliches passiert, denen man aber die angemessenen Hilfsmittel vorenthalten hat, einzugreifen und Menschen zu retten? Ist es so schwer, auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, was diese Menschen in Uniform auf dieser Insel gesehen haben?

Nein, das muss man nicht, denn es sind ja nur Polizisten… schon klar… deren Traumata zählen nicht, weil man ihnen nicht einmal zugestehen kann, welche zu haben.

Und selbst wenn es „Pannen“ gegeben haben sollte – niemand kann für eine noch nie da gewesene Situation einen ausgefeilten Notfallplan bereit haben. Zumindest nicht für eine Situation, die sich nur ein solch krankes Gehirn ausdenken kann wie Anders B.

Ja, die norwegische Polizei hatte ganz offenbar Hinweise eines Düngemittelverkäufers, dass da große Mengen über den Tisch gingen. Vielleicht hat sie sogar ermittelt. Wissen wir das? Ist das Verbrechen der zuständigen Beamten, dass nicht ihr erster Gedanke war: „Oha, da kauft einer große Mengen Düngemittel, der will sicher Bomben in Oslo legen und dann 90 Jugendliche auf Utøya ermorden.“?

Warum bewerben sich solche Superklugscheißer nicht endlich bei der Polizei? Dann könnten, angesichts dieser geballten Schlauheit, die dann endlich über das Land hereinbrechen würde, alle Schwerverbrecher schon im Planungsstadium eingebuchtet werden. Diese Leute können ja offenbar im Vorfeld jede Perversion erahnen, die sich irgendein kranker Mensch ausdenken wird.

Aber vermutlich stört sie dann wieder, dass man sich durchaus in dem Job das eine oder andere Fingernägelchen abbrechen kann. Da ist es doch viel schöner und sicherer, vom heimischen Sofa aus den Klugscheißer zu geben und der Polizei zu erzählen, wie blöde sie wieder einmal war.

Doch die Krönung ging dann gestern Abend los, als die gewohnheitsmäßigen Verschwörungstheoretiker anfingen, der Polizei unterzujubeln, sie habe das Ganze forciert und gewünscht. Wir erinnern uns: Polizisten sind restlos alle Nazis, Norwegen wird von einem Sozialdemokraten regiert und es handelte sich um ein Jugendcamp der sozialdemokratischen Partei. Da liegen die Zusammenhänge doch wohl klar auf der Hand.

Geht’s eigentlich noch?

Da wird argumentiert, die Polizei habe natürlich im Vorfeld davon gewusst, was Anders B. plant. So etwas könne einer gar nicht an den Behörden vorbei planen. (Ich habe immer schon gesagt: entscheidet Euch doch bitte endlich, ob Polizeibeamte nun doof oder korrupt sind. Beides gleichzeitig geht zwar, aber nur in Einzelfällen und nicht so flächendeckend, dass da keiner aufmucken würde, wenn so etwas geplant wird.)

Außerdem würden ja Internet und Mailverkehr minutiös überwacht, so ein weiteres Argument für die Verschwörung.

Wir haben in Deutschland 270.000 Polizeibeamte und 80 Millionen Bundesbürger. Wie genau soll das gehen, jeden bundesdeutschen Furz zu überwachen? Selbst wenn man annimmt, dass ein Computerprogramm auf bestimmte Reizworte reagiert, muss immer noch jemand diese Daten auswerten. Bitte, versucht es doch mal mit denken!!! Ich nehme an, in Norwegen ist das Verhältnis Polizeibeamte zu Bevölkerung ähnlich.

Und das Hauptargument dafür, dass die Polizei innerlich auf der Seite des Attentäters stand, lautete: das Jugendcamp stand nicht unter Polizeischutz!!!!

Wenn es nicht so Ekel erregend und widerlich wäre, würde ich lachen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen:
Ausgerechnet jene, die schon den „Überwachungsstaat“ dräuen sehen, wenn nur in 300 Metern Entfernung ein Streifenwagen vorbeifährt, beklagen sich nun über mangelnden Polizeischutz. Und man stelle sich das Geschrei vor, wenn ein Jugendcamp unter solchen gestellt würde. Da würde man doch gleich munkeln, die Polizei spioniere die Jugendlichen aus.

Liebe Verschwörungstheoretiker, ich will Euch ja nicht enttäuschen, aber kein Feriencamp steht unter Polizeischutz. Nirgends.

Abgesehen davon war ja sogar ein Polizist auf der Insel. Unbewaffnet, weil privat. Und wer konnte sich schon im Vorfeld etwas in der Art vorstellen (außer den oben erwähnten Besserwissern natürlich)? Dieser Mann ist auch erschossen worden, als er seinen zehnjährigen Sohn vor dem Attentäter schützen wollte. Wie bringt Ihr den denn in Eurer Verschwörung unter? Ich hoffe gar nicht. Denn ich hoffe, dass der Anstand noch nicht ganz ausgestorben und wenigstens vor diesem 51-jährigen Vater ein Minimum an Respekt vorhanden ist.

Ich gehe davon aus, dass es sich in Norwegen ähnlich verhält wie in Deutschland. Hierzulande gibt es bei der Polizei alle politischen Einstellungen. Auch Sozialdemokraten. Wer Gedankengut jenseits der Verfassungsgrenzen mit sich herumträgt, bleibt nicht lange in der Polizei, wenn er überhaupt eingestellt wird. Ganz besonders gilt das für rechtsextremistisches Gedankengut. Damit meine ich wirklich rechtsextremistisches Gedankengut. Die Definition von ganz linksaußen, nach der jeder ein Rechtsextremist ist, der nicht ihre Meinung teilt, lasse ich jetzt mal außen vor.

Ich kenne mehr als einen Polizisten, der geweint hat, als er im Fernsehen die Bilder aus Norwegen sah.

Nicht nur deswegen weiß ich nicht, wen ich hier mehr zum Kotzen finden soll: jene, die auf Facebook Anders-B.-Fanseiten gründen oder jene, die sich nicht schämen, auf dem Rücken von über 90 Toten, davon über 80 Jugendlichen, ihre unsägliche Propaganda abzusondern.

 

5 Comments

  • Mounty
    25. Juli 2011 - 14:39 | Permalink

    Hui. Respekt ! Wise words. Danke Mildred.

  • roli
    25. Juli 2011 - 15:58 | Permalink

    Klar und deutlich und da gibts nichts mehr bei zu fügen.. Ich hoffe viele von diesen Arschlöchern lesen deinen Kommentar.
    DANKE Mildred

  • Hans-Gerd Birkholz
    25. Juli 2011 - 21:19 | Permalink

    Süper geschrieben!
    Es gibt aber halt jene, die nur ständig das Negativbild der Polizei projezieren!
    Das ist aber die Minderheit!
    Die Anderen trauen sich aber nicht, im Gegensatz zu dir, dagegen anzugehen oder nehmen das so hin, weil das ja der Job ist, den man ausübt!
    Du hast das Verhältnis 80 Millionnen zu 270000 genannt. Norwegen hat 5 Millionen, wie hoch ist da die Polizeidichte?
    Nach dem Bombenanschlag in Oslo hat man vermutlich alle verfügbaren Kräfte erst mal dorthin beordert, was auch, angesichts des Chaos, richtig war.
    Wer rechnete denn damit, dass ein … auf eine Insel gelangt und dort weitermacht!

    Bezügl. Polizeiverkleidung:
    Es gibt heute im Internet soviele Möglichkeiten an Teile zu kommen, die zumindest Polizeiähnlich aussehen! Es gibt auch Shops, die Aetikel für die Polizei, speziell für Beamte in zivil, vetreiben! Ob hier immer der Dienstausweis gefordert wird?????

    Die Jenigen, die wieder auf der Polizei rumhacken haben sowieso ein Brett vor dem Kopf, was Polizeiarbeit eigentlich ist!
    Sie haben aufgrund ihrer Einstellung eben nur negative Erfahrungen gemacht!!!!

    Doch es gibt Gesetzte, die nicht von der Polizei gemacht wurden! Diese muss ich eben einhalten!!!!!
    Wer dagegen verstösst muss damit rechnen, dass die Polizei einschreitet um entsprechende Rechtsprechung durchzusetzen, egal ob im Strafrecht, Verkehrsrecht Ordnungswidrigkeitengesetz oder Stadtverordnung!
    Die Polizei ist nicht nur für die Stafverfolgung da, sonden auch zur Gefahrenabwehr für Leib, Leben und Gütern!

    Zudem leistet sie enorme Präventionsarbeit, die beeits im Kindergarten anfängt!

  • bea
    26. Juli 2011 - 18:02 | Permalink

    Soviel Wahnsinn von dem Typen ist unfassbar, mir fehlen die Worte.
    Dein Bericht ist sehr eindeutig und klar, wie immer.
    Danke, Mildred
    bea

  • Peter Stenglein
    27. Juli 2011 - 08:28 | Permalink

    Liebe Mildret!

    Wie immer sprichst Du mir in vielen Belangen aus der Seele. Ich bedanke mich dafür, dass Du Dir immer wieder so gute Gedanken über den Schwachsinn machst, der so in der Welt passiert und uns alle den ganzen Tag belastet und verfolgt!

    Wie immer zählt auch hier der alte bekannt Ausspruch vom oft zitierten Albert Einstein: Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.

  • Comments are closed.