Wallisische Polizeiwillkür

Ich hatte mit meiner Seelsorgerausbildung eine Menge um die Ohren. Deswegen war ich ziemlich lange offline. Und ich brauchte eine Pause. Pausieren und Lustwandeln sind für mich eins. Selbst auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen… das kann man in der Schweiz sehr gut…

Unter anderem mag ich die Schweiz wegen ihrer Wahnsinnslandschaft. Speziell im Bereich der Alpen. Dieses Mal hat es mich in den Kanton Wallis verschlagen, oder zu gut französisch „Le Valais“, denn hier parliert man Französisch.

Prompt wurde ich hier vor wenigen Tagen zum „Opfer“ „typischer Polizeiwillkür“.

Wenn man Abstand sucht, bietet es sich an, sich in in eines der vielen Täler zurückzuziehen, die das Wallis so aufzubieten hat. „Mein“ Tal der Wahl war das Val Ferret, dessen höchster Ort auf 1700 Meter liegt. Wer gut durchtrainiert ist, kann von dort Richtung Süden zu Fuß nach Italien gehen und Richtung Westen nach Frankreich. In Italien war ich sogar zu Fuß…

Aus diesem Tal führt eine Straße talwärts, die blendend in Schuss ist. Überhaupt habe ich in der ganzen Schweiz nur zwei Straßen angetroffen, die auch nur in annähernd so erbärmlichen Zustand waren wie die deutsche Durchschnittsstraße. Die erste ist bereits repariert. Von der Eröffnung der Baustelle bis zur Fertigstellung der neuen Straße verging keine Woche. An der zweiten ist schon die Baukolonne eingerückt. Da stellt man sich doch Fragen…

Am Rand dieser gut ausgebauten Straße springt einem plötzlich ziemlich unvermittelt eine Ampel in den Weg, die aber im Regelfall ausgeschaltet ist. Davor ein Schild, das einen informiert, dass diese Ampel „en cas de pluie“ in Betrieb genommen wird, also falls es regnet. Es folgen drei Brücken, zwei aus Holz und eine aus Beton und Asphalt.

Bis vor wenigen Tagen haben mir diese Holzbrücken eine Menge Rätsel aufgegeben. Dazu muss man wissen, dass die Schweizer Meister in Sachen Brücken, Tunnel und Galerien (das sind Tunnel mit Aussicht) sind. Und sie haben eine unübersehbare Schwäche für Beton. Das ist nicht böse gemeint, liebe Schweizer, aber es fällt halt auf. Insbesondere springen die beiden Betonpilze, die an der Straße zum Pass über den großen Sankt Bernhard hier im Wallis aus dem Boden wachsen, ins Auge.

Insofern war mir ein wenig unklar, warum hier nur eine Holzbrücke über einen idyllischen Bergbach führt. (Ja, ich weiß, die Leser, die im echten Gebirge wohnen, grinsen sich jetzt einen. Ich bin halt Flachländerin!).

Vor einigen Tagen kamen mein Mann und ich gegen Nachmittag vom Shoppen in der Kantonshauptstadt Sion (auch als „Sitten“ bekannt) zurück. Es hatte die ganze Nacht und den ganzen Tag wie aus Eimern geschüttet, daher war nichts mit Lustwandeln. Wenigstens nicht außerhalb überdachter Einkaufszentren. Die berühmte Ampel war plötzlich in Betrieb. Sie stand auf Rot. Daneben, mitten auf der Straße, ein Polizeiauto der „police municipale“, auf dem Dach eine blinkende Schrift „DANGER„.

Ein Polizist, noch nicht mal trocken hinter den Ohren, sprang mit einem hämischen Grinsen neben unser Auto und informierte uns in dem hier üblichen unverständlichen Kauderwelsch, dass wir erst viel später würden passieren können. „Le pont est parti. Vous pouvez passer vers dix heures. (Die Brücke ist weg. Sie können gegen zehn Uhr passieren.)“

Frechheit!

Da hat man seine Planungen für seinen Urlaubstag mühsam abgeschlossen und dann kommt da so ein Uniformträger, der einem alles über den Haufen wirft.

Überhaupt… wieso hat da einer die Polizei gerufen? Das ließe sich doch sicher ohne regeln. Da hatte wieder so ein obrigkeitshöriger Vollidiot sein Leben nicht allein geregelt bekommen und ich stand jetzt hier…

Nicht einmal Katastrophentourismus wurde mir erlaubt, als ich fragte, ob ich einen Blick auf die zerstörte Brücke werfen dürfe. Mit der fadenscheinigen Begründung, da könnten weitere Schlammlawinen von den Bergen kommen. So ein Blödsinn. Das hat der bestimmt nur erzählt, um mich zu verscheißern und mich seine geballte Staatsgewalt spüren zu lassen.

Dieser junge Mann war mir schon in einem anderen Zusammenhang unangenehm aufgefallen. Da hatte er mit demselben fetten Grinsen erklärt, wir könnten wegen einer Sportveranstaltung nicht parken, wo wir immer parken. Da fehlen mir wirklich die Worte. Dabei hatten wir sozusagen unser Handtuch an diesem Parkplatz ausgelegt.

Jedenfalls haben wir es dem so richtig gezeigt. Wir sind gedreht, aber wir kamen wieder, um zu fragen, ob wir jetzt durch können.

Alle halbe Stunde!!!

Und wenn er unhöflich geworden wäre, hätte ich mich über ihn beschwert.

Natürlich haben mein Mann und ich das nicht so geregelt. Es gab allerdings durchaus Touristen, die den jungen Polizisten lauthals angekackt haben. Ganz, als hätte er die Brücke extra abgerissen. Oder auf den Bergen eine Sprengung eingeleitet, um eine Schlammlawine zu Tal zu schicken. Alles, um mal sein Polizeiauto irgendwo positionieren zu dürfen und Touristen und Einheimische zu ärgern.

Es gab tatsächlich, wie ich später erfuhr, Touristen, die alle halbe Stunde vorfuhren, um zu fragen, ob die Brücke „endlich“ fertig sei.

Deren Französisch versagte da wohl exakt an der Stelle, an der der junge Polizist unmissverständlich „dix heures“ gesagt hatte. Und nach einer kleinen Pause „du soir“ nachgeschoben, für den Fall, dass einer der Touristen aufgrund von Erfahrungen aus dem eigenen Heimatland glauben sollte, es handele sich um zehn Uhr des nächsten oder übernächsten Morgens. Diese Exemplare waren übrigens keine Deutschen. Aber sie kamen definitiv aus Ländern, von denen mir die durchschnittliche Dauer von Bauarbeiten in einem Zusammenhang bekannt ist, der mich über der Wortwahl „endlich“ ziemlich lange am Kopf kratzen lässt.

Ich persönlich schätze diesen jungen Polizisten. Er kann Botschaften wie: „Hier geht gerade gar nichts mehr und Ihr Urlaubstag wird anders verlaufen als Sie dachten.“ mit einem Strahlen verkünden als gäbe es nichts Schöneres für ihn, als mit dem Menschen in Kontakt zu treten, den er gerade anspricht. Würde er sagen wollen: „Sie haben zehn Millionen Franken gewonnen.“ wäre sein Lächeln kaum steigerbar. Und das, obwohl er im Fall der Brücke schon pudelnass war, denn der Dauerregen hatte noch nicht nachgelassen.

Wenn man zuhört, wie die Leute hier untereinander sprechen, dann ist Hochfranzösisch schon ein enormes Entgegenkommen. Und ich bin ziemlich sicher, dass er im Zweifel das Notwendigste auch auf Deutsch formulieren könnte. Zumindest habe ich das sowohl bei Kollegen von ihm als auch bei Mitarbeitern der „garde frontière“ (Grenzwacht) erlebt.

Nun, abgesehen davon, dass wir dann einfach spontan Villeneuve am anderthalb Stunden entfernten Genfer See besichtigten, lernte ich auch noch etwas dazu. Denn schlagartig wurde mir klar, warum diese beiden speziellen Brücken aus Holz sind.

Da zum einen die Zeitansagen dieses speziellen Polizisten bisher immer sehr korrekt waren und die Geschichte zum anderen in der Schweiz spielt, vertraute ich darauf, dass man wirklich um zehn Uhr würde passieren können.

Um halb neun kamen wir wieder zurück, wohl wissend, dass wir deutlich zu früh dran wären. Nicht um zu nerven, sondern weil wir zu müde waren, um noch mehr zu unternehmen. Die Sperrung war weiterhin vorhanden, allerdings hatten sich mittlerweile Autos aus aller Herren Länder versammelt. Es gab eine Umleitung, die aber nur mit einem Geländewagen befahrbar war. Nehme ich wenigstens an, denn mengenweise einheimische Geländewagen verschwanden über diesen Forstweg. Vielleicht finde ich die aber auch alle bei einer der nächsten Wanderungen in einer Schlucht.

Der junge Polizist war abgelöst worden. Ich nehme an, von seinem Chef, denn sein Auto trug keine Beschriftung „POLICE“. Er hingegen schon. Mittlerweile war die vorgelagerte Holzbrücke, die ebenfalls recht mitgenommen aussah, von einem Experten auf Tragfähigkeit geprüft worden. Immerhin musste sie das schwere Gerät tragen, das nach und nach zu der zweiten, jetzt verschwundenen, Brücke, geschafft wurde.

Die Schlammlawine, die vor der ehemaligen Brücke über 30 Meter die Straße versperrt hatte, war bereits geräumt worden. Die neue Brücke war schon zu einem Viertel fertig.

Die Bauarbeiter erlaubten großzügig, dass die Touristenscharen ihnen bei der Arbeit zusahen und Fotos machten. Der Polizist warf ab und zu einen Blick, ob wir uns nicht selbst in Gefahr brachten und war ansonsten unheimlich entspannt. Er packte mit an, als es zu dunkel wurde und eine Beleuchtung an ein Stromaggregat angeschlossen werden musste. Irgendwann holte er sich eine Jacke aus dem Auto, weil es verdammt kühl wurde.

Er witzelte mit dem Baggerfahrer über die Überstunden, die alle Beteiligten da abrissen. Allerdings hatte das keinen Unterton davon, was für ein schreckliches Schicksal sie alle geschlagen hatte. Im Gegenteil waren sie verdammt froh, dass es keine Toten gegeben hatte, dass kein Auto auf der Brücke gewesen war, als sie den Abgang gemacht hatte, und dass außer einer Demonstration in Schweizer Präzision für die Touristen nichts auf der Tagesordnung stand.

Und das war es wirklich. Um halb zehn war die Brücke fertig.

Die Bauarbeiter zogen unter dem Applaus der Umstehenden ab.

Neben mir witzelten zwei Franzosen, dass die Sache in Frankreich nicht einige Stunden, sondern einige Monate gedauert hätte. Wer baut denn einfach so eine Brücke, ohne vorher eine Ausschreibung zu machen und verschiedene Angebote zu prüfen? Es muss ja das Billigste sein, aber halt, da müssen dann auch noch regionale Unternehmen berücksichtigt werden, also vielleicht doch nur das Zweitbilligste?

Das Szenario kam mir bekannt vor. Ob die Eurokratie wirklich so viel besser ist als alles, was vorher war? Das ist kein Seitenhieb auf die Idee eines vereinten Europa. Die finde ich nach wie vor gut. Der Zusammenhang zwischen Frieden und Regulierungswut, der ist mir allerdings schleierhaft.

Fakt ist, dass die meisten Schweizer mir sehr pragmatisch vorkommen. Fakt ist ebenfalls, dass die Walliser in diesem Tal, das ausschließlich vom Tourismus lebt, die Touristen nicht über Tage von ihren Unterkünften fernhalten können. Und nein, die Haltung der dortigen Kühe ist keine Einnahmequelle für sich. Die „Reine d’Hérens“ wird in erster Linie aus Gründen des authentischen Auftritts gezüchtet, denn ihre Milchleistung ist aus marktwirtschaftlicher Sicht reichlich suboptimal. Mengenmäßig gesehen. Geschmacklich übrigens ein kleiner Traum.

Letztlich brauchte der Bulldozer noch eine Stunde, um die fünfzehn Meter breiten und zwei Meter hohen Reste der Schlammlawine auf der anderen Brückenseite abzutragen. Diese bestanden aus sehr großen Gesteinsbrocken auf einer Skala von Strandkiesel bis garagengroßer Felsbrocken und einigen ganzen Baumstämmen. Und jeder Menge zementartigem Schlamm. Sofort anschließend wurde die Brücke für den angestauten Verkehr freigegeben.

Wir bedankten uns alle bei den Bauarbeitern. Alle Zuschauer waren angemessen beeindruckt davon, wie rasant diese Brücke wiederaufgebaut worden war.

Der Polizist ging als letzter, denn er musste noch entsprechende Warnschilder positionieren. Schneller als Schrittgeschwindigkeit sollte man nämlich nicht über die Überreste einer Schlammlawine fahren. Ist nicht gut für den Lack und das Lenkverhalten leidet doch arg.

Warum das ein Thema für meinen Blog ist? Nun, auch der Polizist hörte sehr oft das Wort „Merci“. Mit und ohne auswärtigen Akzent. Offenbar ist es möglich, in Notsituationen Hand in Hand zu arbeiten. Keiner der anwesenden Einheimischen brachte in irgendeiner Form Ressentiments gegen die Polizei zum Ausdruck. Und das, obwohl ich sicher bin, dass sie teilweise aus deutscher Sicht enorme Bußen abdrücken. Der Walliser an sich tendiert nämlich schwer zur Geschwindigkeitsüberschreitung und ich habe die hiesige Polizei oft blitzen sehen. Sie haben nicht nur Touristen die Kelle gezeigt. Im Gegenteil fahren diese, bis auf wenige Ausnahmen, ganz zahm. Bei den Ausnahmen gehe ich davon aus, dass diese den Schweizer Bußgeldkatalog (noch!) nicht kennen.

Die Stimmung zwischen allen, die vor Ort waren (bis auf die wenigen Touristen, die offensichtlich nicht zum Spaß in Urlaub fahren, sondern durch die freche Schlammlawine in der Abarbeitung eines ausgefeilten Programms gestört wurden), und der Polizei war eindeutig gut.

Ich stehe auf dem Standpunkt, dass der junge Polizist Recht hatte, als er mir den ersten Blick auf die Brücke untersagt hatte. Der Prozess des Nachdenkens, um zu diesem Schluss zu gelangen, nimmt nicht mal zwei Sekunden in Anspruch. Er hat mich in meiner flachländischen Ahnungslosigkeit vor mir selbst geschützt. Er hat mich davor bewahrt, durch eine weitere Schlammlawine davongetragen und in mehreren zehntausend Jahren als Ötzi II von Archäologen ausgebuddelt zu werden. Oder dann eben Ferri, passend zum Val Ferret…

Exakt so verhält es sich, wenn man wirklich sachbezogen nachdenkt, mit 98% der polizeilichen Anordnungen, von denen so mancher sich im Akkord angepisst fühlt. Keine Waffen bei Demos ist keine Repression, sondern Schutz der wirklich friedlichen Demonstranten. Keine Pyrotechnik in Fußballstadien ist keine Repression, sondern Schutz der Fans, die wegen des Sports dort sind und nicht wegen der Randale. Geschwindigkeitsmessungen sind keine Repression (und auch kein Füllen der Staatskasse, wie ein Blick in jeden beliebigen Gemeindehaushalt zeigt, Bußgelder decken nicht einmal die Portokasse ab), sondern dienen der allgemeinen Sicherheit.

Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Vielleicht denkt mal der eine oder andere Nörgler darüber nach, ob der Polizist, der ihm kürzlich irgend etwas verboten hat, das wirklich getan hat um ihn persönlich zu ärgern oder einfach, weil es notwendig war? Und vielleicht denkt mal der eine oder andere Vertreter der demokratischem Mitte darüber nach, ob die unsägliche Propaganda von jenseits der Verfassung wirklich so kritisch ist oder ob da nicht vielmehr auf den Ressentiments jener, die ihr letztes Knöllchen noch nicht verdaut haben, ein Süppchen gekocht werden soll, dessen Genuss ausgesprochen unangenehm werden könnte?

9 Comments

  • roli
    21. Juli 2011 - 17:00 | Permalink

    was für ein herrlicher bericht… und was für nachdenkliche worte zum schluss… aber ne kleine anmerkung hätt ich da doch noch..nicht das ganze wallis parliert francaise.. der obere kantonsteil, also richtung graubünden spricht auch deutsch, resp. man kann als schweizer diesen dialekt verstehen…*grins* soll keine schulmeisterei sein, is mir halt gleich aufgefallen…

    • 21. Juli 2011 - 17:52 | Permalink

      Upps, stimmt ja. Ich vergaß ganz, dass der Röstigraben mitten durch geht… ;-)
      Hi hi, ich glaub, der Grenzwächter bei meiner Einreise war Bündner… :-))))

      Übrigens sind solche Hinweise für mich absolut ok. Ich lerne immer gern dazu!!!

  • 21. Juli 2011 - 19:40 | Permalink

    Hach Mildred, ich liebe deine Blogs :-) Auch dieser ist klasse :-) Hoffe, du hast dich gut erholt.

    • 24. Juli 2011 - 11:25 | Permalink

      Danke schön!
      Ja, habe ich. Derzeit leide ich an „Heimweh“.

  • Jules Verne
    21. Juli 2011 - 22:06 | Permalink

    Herrliche Anekdote zum Schmunzeln! Ich hoffe ihr hattet trotzdem einen schönen Aufenthalt und teils auch mal regenloses Wetter mit intakten Brücken. Liebe Grüsse an dich!

    • 24. Juli 2011 - 11:26 | Permalink

      Das Wetter war superschön!
      Der Vorteil an so richtig hohen Bergen ist, dass sie auch bei schlechtem Wetter gut aussehen. Nur wenn die Wolken so tief kommen, dass man die Berge nicht mehr sieht, dann wird’s schwierig…

  • Hans-Gerd Birkholz
    22. Juli 2011 - 21:02 | Permalink

    Super!
    Hieran sollten sich mal viele Verkehrsteilnehmer orientieren, anstatt immer gleich zu hupen, wenn die Reaktion des Vordermanns etwas länger dauert!

  • 24. Juli 2011 - 11:24 | Permalink

    Ich habe noch einen sachlichen Fehler gemacht…
    Die Tour de France geht erst heute zuenden.
    Upps…
    Na ja, mich interessiert Radfahren halt nicht so brennend, außer wenn ich es selbst tue. Ich bin da allerdings nicht so die Rennfahrerin….

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