Liebesgrüße aus Montreux

Eigentlich wollte ich meine Grüße aus der Schweiz in Form eines Berichts darüber schicken, was ich mit der wallisischen Polizei erlebte. Wieder einmal kam mir die traurige Realität dazwischen.

Am letzten Wochenende ist gleichzeitig mit der Fußball-Frauen-WM und der Tour de France ein überregional bekanntes Jazz-Festival zu Ende gegangen, nämlich in Montreux am Genfer See. Über den letzten beiden Abenden lag ein Schatten, den der Generalsekretär des Festivals als „falsche Note“ bezeichnet hat. Was ich für eine Untertreibung halte, aber immerhin ist es eine Kenntnisnahme. Denn wer bekam von dieser „falschen Note“ Ohrensausen?

Vorab möchte ich ein paar Worte über eine meiner Lieblingszeitungen verlieren. Hierbei handelt es sich um die NZZ (Neue Zürcher Zeitung). Für mein Empfinden handelt sie vielfältige Themen weltweit sachlich und fundiert ab. Außerdem ist es auch interessant, die Dinge aus einer anderen Warte als der Deutschen wahrzunehmen.

Leider hat mich in Sachen „falsche Note“ in Montreux auch die NZZ ein wenig enttäuscht. Erst auf S. 16 der Ausgabe vom 18.07.2011 wurde dieser Thematik ein Mehrzeiler gewidmet.

Die Love-Parade-Katastrophe von Duisburg wurde hingegen bereits auf S. 4 aufs Korn genommen. Der Artikel ist etwa drei Mal so lang und hat ein Bild, was ja bekanntlich ein Hingucker ist. Und natürlich ist wieder die Rede von der Verantwortung „der Polizei“. Obwohl gerade die NZZ immer sehr gut recherchiert fehlt auch in diesem Artikel der Hinweis, den ich nicht müde werde zu wiederholen: die Polizei hat vor der Durchführung der Love-Parade auf exakt diesem Gelände gewarnt. Aus Sicherheitsgründen. Wie kann also eine ganze Institution kollektiv schuldig werden an dem, was dort passiert ist? Erst viel weiter unten liest man, dass exakt ein leitender Polizeibeamter angeklagt ist. Einer!!! Das ist in etwa als würde man die Institution Krankenhaus für schuldig befinden, wenn ein Arzt vor Gericht landet. Aber für die Polizei gelten offensichtlich international ganz besondere Regeln. Und ebenso offensichtlich ist die Modeströmung „Einschlagen auf die Polizei ist irgendwie immer schick“ unwiderstehlich. Auch die in Duisburg eingesetzten Polizeibeamten haben dort Schreckliches zu sehen bekommen. Aber ihre Traumata interessieren wohl nicht?

Immerhin liest sich die Information über die Klage gegen diesen einen Polizeibeamten für mich schon mal deutlich neutraler, als alles, was ich bisher zum Thema „Love Parade in Duisburg“ zu Gesicht bekommen habe. Insofern ist sogar das ein halbes Lob an die NZZ.

Nichtsdestotrotz ist es gut möglich, dass der geneigte NZZ-Leser das Drama von Montreux vollkommen überlesen hat. Der normale NZZ-Konsument gibt sich vermutlich auch nicht mit „Le Matin“ ab, der sich in etwa auf dem Niveau der „Bunten“ befindet, allerdings als Tageszeitung. Dort konnte man am 18.07.2011 auf Seite 7 ganzseitig mit Bildern nachlesen, dass in Montreux die Nächte zum letzten Samstag und Sonntag im Zeichen eines merkwürdigen Hobbys standen. Da sind nämlich Jugendliche mit dem erklärten Ziel nach Montreux gekommen, sich mit „casser du flic“ zu amüsieren. Man könnte das in etwa mit „Bullenklatschen“ übersetzen. Wobei letztere Wendung wenigstens noch ein Bewusstsein dafür erkennen lässt, dass man ein Lebewesen verletzt. Die erstere setzt diese Tätigkeit eher mit Sachbeschädigung gleich.

Erst gab es ordentlich Randale mit bis hin zu brennenden Autos. Mag sein, dass das in Berlin und Hamburg Standard ist, für den Churros-Verkäufer aus Montreux, der das Ganze als Video abgefilmt hat, war das neu. Er sagt, er habe so etwas in 15 Jahren nicht erlebt. Seine Videos belegen offenbar auch, dass die Gewalt nicht von der Polizei ausging, wie zweifellos wieder behauptet werden wird. Als Verkäufer spanischer Krapfen dürfte er wohl kaum als Agent des Kapitals durchgehen. Oder macht einen jede selbstständige Beschäftigung automatisch zum Ausbeuter?

In beiden Nächten wurden jeweils spät in der Nacht Angehörige eines Sicherheitsdienstes und Polizisten gezielt angegriffen. Die jungen Angreifer sollen um die zwanzig Jahre alt gewesen sein, schwerst betrunken und alle aus der Region um Montreux stammend. Die Schlägereien haben nach Zeugenaussagen insgesamt etwa dreihundert Schaulustige angezogen, die sich teilweise aus der Menge heraus mit den Tätern solidarisierten, indem sie Gegenstände auf die Polizisten warfen sowie sie beleidigten.

Insgesamt flogen Steine, Flaschen, Autoreifen, Fahrradketten oder sogar Stühle auf die Ordnungskräfte. „Fils de pute“, also „Hurensohn“, war das Schimpfwort der Wahl. Ein Angestellter eines Sicherheitsdienstes musste mit einer Kopfplatzwunde ins Krankenhaus. Mehrere Polizisten erlitten trotz Schutzkleidung Kratzer und blaue Flecken. Ok, ich höre schon den Hohn aus bestimmten Kreisen. Was sind schon ein paar blaue Flecken und Kratzer? Wieder alles schamlos übertrieben, nicht wahr?

Vielleicht bin ich da komisch, aber ich halte es nicht für den Sinn und Zweck eines Jazz-Festivals, wem auch immer Verletzungen egal welcher Art beizubringen. Mir fallen auch insgesamt wenig bis null sonstige Veranstaltungen ein, deren Ziel es sein kann, andere Menschen zu verletzen.

In der Nacht auf Samstag wurden elf junge Menschen von der Polizei festgenommen, zwei davon waren noch minderjährig. Einige davon, also von genau den bereits in der Vornacht festgenommenen, wurden in der Nacht auf Sonntag erneut festgenommen…

Das ganze Theater endete in beiden Nächten in etwa gegen halb sechs Uhr morgens.

Der Polizeichef des Waadtlandes, zu dem Montreux gehört, hat sich sehr besorgt geäußert. Auch in der Schweiz steigen die Angriffe gegen Polizisten und Sicherheitskräfte, eben weil sie den Staat und die Ordnung repräsentieren (womit die Rechtsordnung gemeint ist, gegen die ja wohl niemand etwas haben kann außer Anarchisten). Die Angreifer wissen, dass sie nichts zu befürchten haben, außer Geldstrafen und manchmal noch weniger.

Ich lese derzeit das Buch „Surveiller et punir – de la naissance de la prison“ (Überwachen und Strafen – von der Geburt des Gefägnisses) von Michel Foucault, in dem er sich u.a. über den Sinn und Unsinn von Strafe auslässt. Ich selbst weiß noch nicht, wie ich mich dazu stellen soll. Fakt ist jedenfalls, dass es nicht gerade entmutigt, etwas zu tun, wenn es mehr oder minder ohne Konsequenzen bleibt.

Und ich kann blendend nachvollziehen, dass man sich als Polizist, dem die oben beschriebenen Liebesgaben um die Ohren geflogen sind, reichlich verarscht fühlt, wenn exakt die Absender dieser Nettigkeiten knappe 24 Stunden später in gleicher Weise wieder vor einem stehen.

Übrigens kam es am gleichen Wochenende zu Ausschreitungen in Zürich und in Luzern. In beiden Fällen handelte es sich um nicht genehmigte Partys. In Zürich wurden die Einsatzkräfte der Stadtpolizei angegriffen, als sie gegen Mitternacht die Anlage konfiszieren wollte. Ich weiß nicht, wie oft nach Züricher Recht die Polizei einrücken muss, bis die Anlage mitgenommen wird. In Deutschland jedenfalls muss sie, je nach Bundesland, mehr als einmal auftauchen. Ich gehe mal davon aus, dass dieser Konfiskation zumindest ausgiebige Gespräche vorausgingen. Schade, dass diese so wenig fruchteten. Jedenfalls setzte es dann für die Polizisten Würfe mit Steinen, Glas- und PET-Flaschen. (Die tun auch weh, wenn sie voll sind.) Die Polizei hat sich dann mit Reizgas und Gummischrotgeschossen gewehrt.

Diese Vorgänge in Zürich fanden in der NZZ immerhin Platz auf S. 12. Die in Luzern habe ich nicht gefunden.

Die Tatsache, dass sich, wenn überhaupt, die Boulevardpresse mehr über das Thema „Gewalt gegen Polizisten“ hermacht als die seriöse Presse, wird mir ja gern vorgeworfen. Angeblich zeigt das, wie sehr ich auf dem falschen Dampfer bin.

Aber genau das ist es doch. Würde das Thema weniger stiefmütterlich behandelt, gäbe es möglicherweise einen Lösungsansatz, der über bloßes Diskutieren von Studien hinausgeht.

Polizisten wird in Deutschland jedenfalls gern vorgeworfen, dass man sie angeblich oft in öffentlichen Verkehrsmitteln die Zeitung mit den großen Buchstaben lesen sieht. Abgesehen davon, dass ich persönlich da mit Häme sehr vorsichtig wäre, da ich nach Nachtschichten gar nichts mehr lesen könnte, hat es vielleicht auch damit zu tun, dass sie einfach nach einer Nacht, in der sie sich mehrfach als „Bullenschwein“ titulieren und körperlich angreifen lassen mussten, gesehen werden möchten? Und zwar nicht nur dann, wenn einer ihrer Kollegen möglicherweise Mist gebaut hat…

4 Comments

  • Hans-Gerd Birkholz
    19. Juli 2011 - 21:57 | Permalink

    Die Polizei wird immer mehr „Prügelknbe der Nation“, egal in welchem Land.
    Das die Presse immer nur Artikel bevorzugt, die die Verkaufszahlen (Auflagen) erhöhen, dürfte zwischenzeitlich auch bekannt sein.
    Bin mal gespannt, wie es jetzt in der „saure Gurken Zeit“ abgeht.

    Bezügl. Zeitung mit den großen Buchstaben. Ab und zu schau ich auch mal da rein. Die haben für mich persönlich den besten Sportteil, da meistens auf dem neuesten Stand der Informationen.

    • 19. Juli 2011 - 22:56 | Permalink

      Na ja, aber gerade die NZZ hat eigentlich ihre hohen Auflagen aufgrund ganz anderer Qualitäten. Und sie hat ihre Hauptstärken im wirtschaftlichen Bereich.
      Zudem sind die Schweizer an uns nicht annähernd so sehr interessiert wie wir selbst es sind. Ich vermute, dass es den durchschnittlichen Schweizer mehr interessiert, wenn einer seiner Landsleute das Fell gegerbt bekommt, als wenn in Duisburg in Sachen Love-Parade eine endlose Geschichte stattfindent.

      Es kann also nicht mit dem Wunsch nach Auflagensteigerung zu tun haben, dass die NZZ das Thema der Gewalt gegen Polizisten ignoriert oder dass sie das Detail vergessen haben, dass die Polizei vor dem Abhalten der Love-Parade an dem Ort, an dem sie letztlich fatalerweise stattgefunden hat, gewarnt hat.

      Ich vermute eher, das ist schon unbewusst in den Köpfen verankert, dass es schicker ist, über Fehler von Polizisten zu schreiben (die dann auch gleich die ganze Polizei begangen hat) als über die steigende Gewalt gegen sie.

      • Hans-Gerd Birkholz
        20. Juli 2011 - 20:24 | Permalink

        Das ist eine interessante These! Diese müssten aber die entsprechenden Reporter positiv oder negativ
        darlegen!
        Hat das schon mal einer getan?
        Vielleicht liest dies ja mal ein „Insider“ und kommentiert es entsprechend!

  • 20. Juli 2011 - 20:41 | Permalink

    Na ja, wenn es wirklich unbewusst ist, kann es keiner bestätigen… ;-)
    Kann ja auch eine falsche These sein. Ich wüsste nur keine Erklärung, warum die NZZ sonst solche Kniffe nötig hätte, weil sie ja gerade ihren Marktanteil durch extrem sachliche Berichterstattung, die auch immer alle Richtungen gut ausleuchtet, hält und eben nicht durch Skandalberichterstattung.

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