Halbes Fremdbloggen: Bluten (Poetry-Cop)

Heute blogge ich mal wieder fremd, denn Poetry-Cop spricht mir mit diesem Gedicht aus der Seele. Vielen Dank dafür!

Bluten

Nein ich will euer Mitleid nicht,
Überdenkt bitte bloß einmal eure Sicht!
Das Einzige, was ich verlange:
Haltet eurer Polizei die Stange!

Immer wenn welche von uns verrecken,
Möchte ich euch das Mitleid in den Rachen stecken.
Nur Tote Kollegen werden zum Star,
Obwohl vorher schon Mitgefühl von Nöten war.

Ich verlange für meine Arbeit Respekt,
Mir ist egal wo ihr euch euer Mitleid hin steckt!
Dafür, dass jeder von uns seinen Arsch riskiert,
Bekommt er diesen von euch flambiert.

Ich mache meinen Job ja immer noch gern,
Mich zu beklagen liegt mir wirklich fern.
Doch ich bestreite voller Ungeduld,
Die von euch unterstellte Kollektivschuld!

Wir sind nicht Schuld an diesem System!
Bevor ihr wählt, fragt euch halt wen!
Wir baden das Unvermögen der Gesellschaft aus,
Zu kehren vor dem eigenen Haus!

Ist der Klempner Schuld am Wasserrohrbruch?
Ist der Journalist Schuld an dem Politikerspruch?
Ist der Arzt Schuld, dass Krebs tödlich ist?
Ist die Geschichte daran Schuld, wenn man sie vergisst?

Ich habe diesen Beruf selber gewählt,
Habe meine Seele gegen Verachtung gestählt,
Doch was immer noch Zorn in meiner Seele weckt,
Ist der um sich greifende Mangel an Respekt.

Bekämpft nicht die, die euch schützen wollen,
Verurteilt nicht die, die sich vor euch stellen sollen.
Wir sind nicht immer nur dann die Guten,
Wenn wir für eure Sache bluten!

© Thorsten Trautmann,
Rheine, 12.06.2011

(Mehr von Poetry-Cop hier auf seiner Homepage.)

Warum spricht mich dieses Gedicht so an?

Unter meinem vorletzten Blogbeitrag wurde mir in einem Kommentar mitgeteilt, Polizisten bräuchten kein Mitleid. Alles klar! Sehe ich auch so. Deswegen hat mich das reichlich verwirrt. Irgendwie muss da der Eindruck entstanden sein, Mitleid sei das Gefühl, das ich ihnen vorrangig und quasi permanent entgegenbringe. Versteh ich nicht wirklich…

Gut, ich benutze das Wort Mitleid hier und da, allerdings definitiv in Zusammenhängen, aus denen ganz klar hervorgeht, dass es auch angebracht ist. Wenn ein Mensch (und da ist mir sein Beruf wirklich scheißegal) auf dem Boden in seinem Blut liegt und immer noch auf ihn eingetreten wird, finde ich Mitleid nicht allzu abwegig als emotionale Regung. Da sehe ich auch wirklich das Problem nicht. Hätte der Täter in dem Moment Mitleid, hätte das Opfer nämlich ein großes Problem weniger. Mitleid heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass man mit jemandem mitleidet. Wenn ich glaube, jemand leidet, der einen tollen Job macht, habe ich in der Tat etwas verpeilt, denn dann degradiere ich denjenigen unnötigerweise zu einem hilflosen Wesen. Das habe ich im Rahmen meines Projektes noch niemals getan. Wer mir das vorwirft, der hat einfach nicht richtig hingelesen oder hingehört.  Aber mit jemandem zu leiden, der Opfer eines Verbrechens ist und/oder unerträgliche Schmerzen leidet, halte ich für eine sehr wünschenswerte menschliche Regung.

Oder wenn ich mich mal öffentlich frage, ob ich am 1. Mai wohl die Polizisten in Hamburg oder in Berlin mehr bemitleiden soll, ergibt sich doch sonnenklar aus dem Kontext, dass das nicht die Einstellung ist, mit der ich Polizeibeamten entgegenzutreten pflege, sondern dass es ein Seitenhieb gegen jene ist, die diese Tage zur sinnlosen Randale und Gewalt nutzen. Hat auch was mit Sarkasmus zu tun.

Ich bin da auch ganz Poetry-Cops Ansicht, dass man sich das Mitleid mit getöteten Polizisten in den Arsch stecken kann, wenn man sich schon nicht für die lebenden Polizisten interessiert. Es hat schon etwas Bigottes an sich, die Augen vor der nachgewiesenermaßen steigenden Gewalt gegen Polizeibeamte zu verschließen und dann in Wehklagen auszubrechen, wenn es einen von ihnen erwischt hat, so wie neulich in der Schweiz.

Ich denke auch, wer richtig hinliest, der weiß ganz genau, wie meine Grundeinstellung gegenüber Polizeibeamten ist. Da es da aber doch Unklarheiten zu geben scheint, hier noch einmal zum Mitschreiben:

1.) Ich halte Polizeibeamte grundsätzlich für sehr kompetente Menschen.

2.) Ich begegne ihnen mit Respekt (wie erst einmal jedem Menschen) und großer Achtung für ihre Arbeit.

3.) Dass ich mich in andere Menschen einfühlen kann, heißt nicht, dass ich sie bemitleide. Es heißt lediglich, dass ich manches nachfühlen kann. Als Beispiel sei genannt, dass ich nachfühlen kann, dass es nur mäßig angenehm ist, bei 30 Grad im Schatten in 15 kg Schutzkleidung herumzulaufen. Was an Einfühlungsvermögen verwerflich sein soll oder gar mit Mitleid zu tun hat, erschließt sich mir nicht und darüber bin ich auch ganz froh. Das ist dann nämlich Mitgefühl und solches halte ich für eine Eigenschaft, die Menschen generell verdammt gut zu Gesicht steht.

4.) Ist ein bisschen off-topic, bezieht sich aber auf einen Kommentar unter dem vorletzen Beitrag:
Für mich ist ein Mensch nicht erst dann ein Mensch, wenn er Designerklamotten trägt. Im Gegenteil bin ich reflektiert genug, dass mich eben Klamotten nicht beeindrucken. (Ich denke, das kam aus der Beschreibung meines Bekannten auch klar herüber, was mich an ihm so beeindruckt. Aber ich erkläre es gern noch einmal: Ich finde an ihm klasse, dass er mit keinem Wort die Verantwortung dafür, wie es ihm geht, bei jemand anderem verortet als ausschließlich bei sich selbst!)
Ich selbst laufe übrigens eher lässig herum. Auch habe ich mit keinem Wort behauptet, dass Kleidung das einzige Kriterium sei, mit dem man sich Respekt verschaffen kann. Jeder kann das mit der Kleidung für sich selbst halten wie ein Dachdecker, das gehört für mich zur persönlichen Freiheit. Fakt ist aber, dass die Kleidung einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Menschen hat, der sich auch nicht wegreden lässt. Das kann man ignorieren oder man akzeptiert es. Ich persönlich akzeptiere es. Für mein Alltagsgeschäft reicht meine Persönlichkeit durchaus aus, um so rüberzukommen, wie ich das möchte – in den Klamotten, in denen ich mich wohlfühle. In Sondersituationen sieht das schon wieder ganz anders aus und wenn ich mein Ziel erreichen möchte, ist es einfacher, wenn ich die Sachlage akzeptiere wie sie ist und mich entsprechend kleide. Auch das ist meine persönliche Freiheit, in dem Fall meine Entscheidungsfreiheit. Übersetzt: kann auch jeder halten wie ein Dachdecker, ist mir auch scheißegal, was andere da machen, aber ich erwarte im Gegenzug, dass auch andere mich mein Ding machen lassen, ohne mir Dinge zu unterstellen, die ich so nie geschrieben habe.
Beim Thema Uniform ist es nun einmal so, dass auch diese eine Wirkung hat. Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass das restlos alles ist, was die Wirkung eines Polizeibeamten ausmacht (genau so wenig wie das Auto), aber es gehört definitiv zur Debatte dazu, woher der sinkende Respekt kommt. Meiner Ansicht nach ist es nur ein kleiner Teil (Deswegen war das ja auch unter weit über 200 Blogbeiträgen der einzige dazu!), aber ein Teil, über den gesprochen werden sollte, auch wenn das nicht jedem in den Kram passt. Dieser Teil meiner Ausführungen  war in keinster Weise als Angriff gegen Polizeibeamte selbst gedacht, sondern sollte eigentlich eher ein Denkanstoß an jene sein, die entsprechende Entscheidungen über Arbeitsmittel und Dienstfahrzeuge treffen. Es war auch nicht als Angriff gegen die Berliner Polizei gedacht, sondern diese diente lediglich als Beispiel (es haben ja, wenn man richtig hinliest, auch durchaus andere Bundesländer etwas abgekriegt, nicht wahr?), weil eben mein dort zitierter Bekannter aus Berlin kommt.

So, ich hoffe, das ich meinen Standpunkt jetzt deutlich machen konnte  und  mich jeder verstanden hat. Ach ja, und für die unvermeidlichen Kommentare der Polizistenhasser noch ein Zusatz:

5.) Nein, ich finde immer noch nicht alle Polizisten ausnahmslos toll, egal wie oft Ihr noch diesen Unsinn behauptet. (Signalwort: grundsätzlich! Das Recherchieren der Bedeutung dieses Wortes überlasse ich den Anklägern, immerhin liegt die Beweislast für Anschuldigungen gemeinhin bei dem, der sie ausstößt.) Im Gegenteil halte ich weiterhin etwa 2% aller Polizeibeamten für Vollpfosten. Das ändert aber immer noch nichts daran, dass das deutsche Rechtssystem weder Selbstjustiz (betrifft 100% der Polizeibeamten) noch Kollektivstrafen (betrifft die 98% Prozent Nichtvollpfosten) vorsieht und es insofern inakzeptabel ist, Polizeibeamten mit Gewalt zu begegnen. Zumindest, wenn einem das Wort „Rechtsstaatlichkeit“ etwas bedeutet. Und selbst wenn man Deutschland nicht für einen Rechtsstaat hält, berechtigt das immer noch nicht zum Prügeln, denn dann ist man auch nicht besser als der, dem man Nichtrechtsstaatlichkeit vorwirft. Also tut mir einen Gefallen und langweilt mich mit neuem Blödsinn.

3 Comments

  • bad.cop
    13. Juni 2011 - 16:58 | Permalink
  • 14. Juni 2011 - 08:53 | Permalink

    Danke für diesen sehr nachdenklich stimmenden Blog.

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