Thessa nervt

Damit meine ich nicht den Teenager, der derzeit unfreiwillig Schlagzeilen macht. Es sind eher die teilweise doch recht eigenartigen Begleiterscheinungen, die mir erheblich auf den Senkel gehen.

Die bundesweite Berichterstattung über Thessa und das Facebook-Desaster finde ich gut und richtig. Aber die Richtung, in die so mancher Kommentar dazu geht, die behagt mir nicht. Noch weniger behagt mir das politische Kapital, das manche daraus schlagen wollen.

Was war passiert?

Ein Hamburger Teenager lud zu seinem Geburtstag. Per Facebook. Wie es bei Facebook recht schnell passieren kann, wenn man nicht aufpasst, hatte Thessa nicht nur ihre Freunde eingeladen, sondern irgendwie alle. Zum nur zu verständlichen Schrecken der Nachbarn bekam sie 15.000 Zusagen. Gegensteuern ließ sich nicht mehr (Quelle).

Letztlich fand die Party „nur“ mit fast 1.500 Personen statt. Ein Polizeieinsatz nicht unwesentlichen Ausmaßes wurde erforderlich, weil natürlich Randale ins Spiel kam.

Nun könnte man einfach darüber berichten, damit alle daraus lernen können, damit etwas in der Art keinem anderen Teenager oder Erwachsenen passiert. Das wäre sinnvoll. Die Konsumenten der Berichterstattung könnten in Zukunft ein bisschen besser aufpassen, welche Knöpfchen sie in ihren Social Communitys drücken und allen wäre geholfen.

Nicht so in Deutschland. Dem Land, in dem offenbar jeder Darmwind zu einem Orkan ungeahnten Ausmaßes aufgeblasen werden muss. (Nicht von allen, so viel muss man der Fairness halber dazusagen…)

So erfuhr ich, dass meine Ansicht, sowohl Tochter als auch Eltern dürften aus der Sache gelernt haben, ganz und gar Menschen verachtend zu sein scheint. Nein, vielmehr seien Thessa und ihre Eltern als Opfer zu betrachten.

Hääääääääääää?

Gleich vorweg: was die obskuren „Gäste“ dieser Party betrifft, so halte ich diese für die zweifellos allergrößten Vollpfosten in dieser Geschichte. Ich kann schon nicht verstehen, warum man eine Party zusagt, wenn man den Einladenden nicht kennt. Aber dann auch noch hinzugehen… kapier ich nicht. Ich kann nicht im Ansatz nachvollziehen, was daran so witzig sein soll, jemanden in eine derartige Bredouille zu bringen. Das will ich auch gar nicht verstehen können. Genausowenig wie ich verstehen will, was so toll daran ist, wenn Randale zum festen Unterhaltungsrepertoire gehört.

Eigentlich verwundert es auch nicht weiter, dass diese illustre Gästeschaft diverse Platzverweise der Polizei ignorierte, einen Polizisten verprügelte (Quelle) und last but not least eine Reiterstaffel zur Umkehr zwang, weil sie es fertigbrachte, sogar Polizeipferde an den Rande des Nervenzusammenbruchs zu treiben (Quelle). Von Leuten, die meinen, es sei irgendwie lustig, aus dem Fehler eines Teenagers ein Event machen zu müssen, erwarte ich auch kein gutes Benehmen.

Fakt ist aber dennoch, dass viele Jugendliche im Internet deutlich zu leichtsinnig sind. Da muss gegengesteuert werden. Insofern würde ich Thessa durchaus als Opfer sehen. Wie hochgradig ihr Opferstatus wäre, weiß man meiner Meinung nach allerdings erst, wenn man nähere Infos darüber bekommt, wie oft das Thema „Facebook“ in ihrem Schulunterricht eine Rolle spielte. Zufällig kenne ich nämlich eine Menge Schulen, in denen das mittlerweile sehr extensiv zur Sprache kommt. Sollte sie da einfach weggehört haben, weil Lehrer sowieso alle ein bisschen doof sind? Dann wäre sie meiner Ansicht nach schon nur noch ein halbes Opfer. So hilflos sind 16-jährige nämlich auch nicht mehr.

Nun fand sie die Sache nach eigenem Bekunden aber auch noch „geil“. (Quelle). Ich wage mal zu bezweifeln, dass der verprügelte Polizist das alles so geil fand, insofern habe ich derzeit leise Schwierigkeiten damit, Thessa tatsächlich als Opfer zu betrachten.

Fakt ist übrigens auch, dass erstaunlich viele Eltern nicht die leiseste Ahnung davon haben, was ihre lieben Kleinen im Internet alles treiben und was da möglich ist. Vielleicht bin ich da ein bisschen altmodisch, aber ich empfinde das durchaus als Versäumnis. Eltern sind erwachsene Menschen, die meiner Ansicht nach durchaus in der Lage sein sollten, zu hinterfragen, was ihr Kind alles unternimmt. Ja, das ist eine Menge, was man sich da an Infos holen muss. Aber wenn man ein Kind in die Welt setzt, hat man nun mal auch eine Menge Verantwortung.

Deswegen habe ich ebenfalls so meine Schwierigkeiten mit dem Opferstatus von Thessas Eltern.

Damit bin ich ganz offensichtlich in den Augen mancher irgendwie böse und gefühlskalt. Tja…

Warum muss ich mich jetzt bitte überschlagen vor lauter Mitgefühl? Was genau soll denn nun das Drama sein?

Was ist denn diesem Teenager großartig passiert? Das Ganze ist der jungen Dame ja nach eigenem Bekunden nicht mal peinlich. Die Familie muss aller Voraussicht nach noch nicht einmal den Polizeieinsatz zahlen.

Menschen machen Fehler! Das ist kein Grund, sie zu verdammen, aber es ist jetzt auch nicht so dermaßen außergewöhnlich, dass man dafür ein Tränenmeer vergießen müsste. Ich jedenfalls mache jeden Tag welche.

Sollte man sich nicht vielmehr auf das Positive konzentrieren? Darauf, was man aus der Sache lernen kann? Lehrer könnten ihren Unterricht anpassen und den Fall Thessa in ihr Repertoire aufnehmen. Eltern könnten anfangen, ein bisschen mehr hinter die Technik zu steigen. Damit meine ich nicht speziell Thessas Eltern. Dazu weiß ich zu wenig über den Fall. Ich kenne aber verdammt viele Eltern, die nicht den blassesten Schimmer haben, was Internet heutzutage bedeutet. Auch hier hilft übrigens die Polizei weiter, nämlich unter www.polizei-beratung.de.

Na ja, und was mein angeblich mangelndes Mitgefühl betrifft… ehrlich gesagt habe ich am meisten Mitgefühl mit dem Polizeibeamten, der verprügelt und damit verletzt wurde. Nicht, weil ich Polizisten für die besseren Menschen halte, sondern weil der am allerwenigsten mit der ganzen Sache zu tun hat. Weder hat er eingeladen, noch ist es seine Tochter, die da im Internet vor sich hingewurschtelt hat, noch ist er freiwillig vor Ort erschienen, um an einer dubiosen Party teilzunehmen, sondern er war beruflich dort, um Eskalationen zu verhindern. Er durfte also bluten, um die Fehler von anderen auszubügeln, womit ich übrigens hauptsächlich die Charakterfehler jener meine, die Gewalt für einen unabdingbaren Teil ihrer Abendunterhaltung zu halten scheinen.

Und so richtig ärgern kann ich mich darüber, wie die Linkspartei in Hamburg die Tatsache ausnutzt, dass die Polizei angeblich diese Party nicht in den Griff bekommen hat. (Woran macht man das eigentlich fest? Immerhin wurde wohl niemand verletzt – außer dem Polizisten, für den anders als für Thessa und ihre Familie irgendwie keiner Mitgefühl übrig zu haben scheint? Wie viele Hundertschaften braucht es denn eigentlich, um 1.400 Leute zum Gehen zu bewegen? Und wer hatte noch mal den Ursprungsfehler begangen?)

Jedenfalls fordert die rechtspolitische Sprecherin dieser Partei nun, die Pferdestaffel der Stadt Hamburg aufzulösen (Quelle).

Ja, da wittert wohl jemand Morgenluft?

Angeblich sei es zu gefährlich für die Menschen, wenn die Pferde wuschig würden. Na ja, da empfehle ich doch dann mal den Menschen, die armen Pferde in Ruhe zu lassen. Die wurden nämlich nicht von nichts nervös, sondern von den Böllern und Bierflaschen, die man ihnen zwischen die Hufe knallte. Tierquälerei ist das aus meiner Sicht , mal ganz abgesehen davon, dass man die Menschen auf den Pferden auch gefährdet.

Eine interessante Verwechslung von Ursache und Wirkung. Vermutlich reine Klientelpolitik… da will man sich gewisse Wähler gewogen halten, die die Schuld für Eskalationen ausnahmslos bei der Polizei verorten wollen anstatt sich selbst zu hinterfragen.

Meiner Meinung nach mal wieder sehr kurz gesprungen. Auch wenn andere Bundesländer ihre Pferdestaffeln schon länger eingespart haben – für klug halte ich das nicht. Berittene Polizisten können bei Vermisstensuchen ein ganz anderes Gelände abdecken als zu Fuß oder auf dem Motorrad. Oder ist Vermisstensuche am Ende auch schon politisch verdächtig?

Da fragt sich doch, ob es den Leuten, die diese Angelegenheit zu einer mittleren Katastrophe aufbauschen, wirklich um Thessa geht. Oder geht es am Ende darum, sich selbst auf dem Rücken dieses sowieso nicht so richtig einsichtigen Teenagers zu profilieren?

Das ist, was mich an dem Fall nervt!

2 Comments

  • friederike
    7. Juni 2011 - 21:51 | Permalink

    Allmählich glaube ich wirklich, dass der Untergang des Abendlandes in Sturzflug übergeht. Gibt es für Vernunft, Logik und Augenmaß eigentlich einen Fallschirm?
    Irgendwie bin ich froh, dass bei Dir noch ein sicheres Plätzchen im Gehirn ist.
    Was würden Aristoteles und Platon wohl zu diesem Fall sagen? Es darf vermutet werdenl, dass sie froh sind, schon tot zu sein.

  • Hans-Gerd Birkholz
    14. Juni 2011 - 21:01 | Permalink

    Was soll ich machen? 1400 grölende, alkoholisierte. wildpissende, flaschenwerfende und randalierende Jugendliche im Zaum zu halten ist wohl adhok nicht möglich!
    Die Reiterstaffelwar da schon ein aduäkates Mittel! Doch wenn das Risiko für Pferd und Reiter zu gross ist sollte man diese auch aus Gesundheitsgründen wieder zurückziehen.
    Das Politiker dies mal wieder zum Anlass nehmen und sich in der Öffentlichkeit präsentieren
    wollen, damit jeder weiss, dass sie auch noch da sind – absurt!
    In NRW wurden vor Jahren die Reiterstaffeln aufgrund Einsparungen aufgelöst. Doch zwischenzeitlich wurden wieder welche aufgebaut und es geht die Tendenz dahin, dass noch weitere hinzukommen!
    Sie sind, aus vieler Hinsicht gesehen, ein unerlässliches Mittel! – Nein ich bin kein Reiter -!

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