Gestern in einer mittelgroßen, deutschen Stadt

Ich hatte gestern einen wichtigen Termin in einer Stadt. Mittelgroß…also, die Stadt.

Natürlich bekam ich wieder meine übliche Blaulichtdosis. Auch mal wieder zu einem sehr passenden Zeitpunkt. Mein Navi hatte sich für meinen Geschmack etwas unklar ausgedrückt. Irgendwie stand ich auf der falschen Spur. Kein Problem! Ein schneller Blick in die Runde. Ich war mehr oder minder allein auf weiter Flur. Also fuhr ich mal eben quer über eine Sperrfläche, um mich so einzuordnen wie ich es brauchte. Ja, schon gut.
Wie es nun mal so kommt, wenn man schon die erste Regel übertreten hat, erwischte ich die Ampel, die ich passieren musste… nun ja… also rot war sie noch nicht… nicht ganz. Grün ist aber auch anders.

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott bekanntlich sofort. Nicht nur kam mir plötzlich ein Streifenwagen entgegen, nein, ein zweiter tauchte aus einer Querstraße direkt hinter mir auf.

Ja, auch an kühlen Regentagen kann man heftig schwitzen.  Egal, wie hochgradig unwahrscheinlich es war, dass die meinen Stunt hatten sehen können – mein schlechtes Gewissen überschwemmte mich sofort.

Na ja, schlimmstenfalls hätte ich, nachdem die beiden mir den Tarif für die Ordnungswidrigkeit genannt hätten und nach Klärung der Formalien freundlich meine Visitenkarte herausgereicht. So weit kam es aber gar nicht. Ich hoffe trotzdem, dass der Aufkleber für „Keine Gewalt gegen Polizisten“ wahrgenommen wurde.

Nach meinem Termin trank ich mit einem sehr lieben Menschen noch einen Kaffee. Plötzlich passierte eine Demo das Bistro.  Gegen Kernkraft. Insofern ein Thema, mit dem ich mich durchaus identifizieren kann.

Nun wird ja aus der Ecke jener, die Polizisten etwas weniger positive Gefühle entgegenbringen, auch gern dahingehend generalisiert, dass im Grunde die Polizei selbst die Demos durch übermäßige Anwesenheit zur Eskalation brächte. Und überhaupt sei freie Meinungsäußerung im Polizeistaat Deutschland nicht gern gesehen und deswegen würden Demos nur unter massiver Polizeipräsenz stattfinden. Und dann würde es halt knallen, weil ja die Polizei so provokant aufträte.

Ähm… ja, nee, ist klar.

Hier der erste Teil der geballten Polizeipräsenz:

Übelst, oder?

Fünf Minuten später die Verstärkung:

Wobei rechts der Mensch vom Ordnungsamt ist. Insofern…

Gilt der?

Die Demo löste sich dann ausgesprochen friedlich auf und alle gingen glücklich nach Hause.

In gewisser Weise stützt natürlich diese Geschichte die Theorie, dass eine Demo dann friedlich bleibt, wenn man die Polizei im Grunde kaum sieht. Man kann dann schon auf das schmale Brett kommen, dass der 1. Mai in Berlin regelmäßig eskaliert, weil man da durchaus eine ganze Menge Polizei zu sehen bekommt.

Leider hat diese Argumentation einen ziemlichen logischen Bruch. Sie lässt nämlich komplett außer Acht, dass auch das Verhalten der Teilnehmer einen kleinen Einfluss auf die Polizeipräsenz hat.

Diese Demonstranten hier haben sich komplett auf dem Boden des Versammlungsrechts bewegt. Und natürlich war noch mehr Polizei irgendwo in der Nähe, denn der Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei wird nicht zur Zierde eine Ecke weiter herumgestanden haben. Irgendwo werden die schon gewesen sein, um dann ihren Kollegen beizuspringen, wenn die Sachlage brenzlig wird.

Wurde es aber nicht.

Insofern beweist mir dieses kleine Erlebnis vor allen Dingen eines:

Eine Demo bleibt genau dann friedlich, wenn sich die Teilnehmer als Demonstranten gebärden und nichts anderes. Sprich, wenn sie sich auf dem Boden des Versammlungsrechts bewegen. Ihre Botschaft kam mit Sicherheit besser an, als wenn sie sie mit ein paar Steinwürfen in Szene gesetzt hätten.

Vielleicht macht die Polizei nicht immer alles richtig. Aber seit wann steht auf Fehler die Prügelstrafe?

Und falls jetzt wieder die süffisante Frage kommt, ob ich wohl schon einmal wirklich unmotivierte Gewalt gegen Polizisten mit eigenen Augen gesehen hätte:

Ja, habe ich.

Nicht nur, dass ich durchaus so manche Beleidigung höre, die Streifenwagen und / oder ihren Insassen hinterhergerufen wird, einfach weil sie irgendwo langfahren / langlaufen (ich bin nicht taub!). Ich war auch vor Jahren auf einer Demo, pikanterweise für den Frieden. Meine nette Unterhaltung mit einem noch netteren Polizisten, der innerlich voll auf der Seite von uns Demonstranten stand, ließ mich meine Leute verlieren und ich stand plötzlich mitten unter Leuten, die ich so wenig kannte wie sie der Polizei wohlgesonnen waren. Tatsächlich flogen plötzlich Gegenstände in Richtung Polizisten. Grundlos!

Ich kam da übrigens raus. Mit Hilfe von zwei Polizisten. Die konnten sehr gut unterscheiden, dass ich mit diesen Typen nicht das Geringste zu tun hatte. Auch das als Antwort auf das ständige Beleidigtsein so einiger, dass sie angeblich mit den Gewalttätern in einen Topf geworfen würden. Ganz offensichtlich kann man sich distanzieren. Polizisten sind nämlich der deutschen Sprache mächtig.

6 Comments

  • 17. Mai 2011 - 12:26 | Permalink

    Ich hätte auch gerne so einen Aufkleber :-)

    Wieder ein sehr schöner Beitrag von dir :-) Schön, dass dir die Polizisten in der Situation geholfen haben. Dies bestätigt auch wieder mein Bild von der Polizei :-)

    • 17. Mai 2011 - 17:02 | Permalink

      Im Moment ist der Aufkleber noch ein Prototyp. Nach der Vereinsgründung werde ich mich intensiver damit befassen, wie der Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten“ durch solche Goodys unterstützt werden kann… ;-)
      Danke für Dein Lob. :-)

  • scotfree
    18. Mai 2011 - 07:36 | Permalink

    Viele Leute wollen einfach nicht verstehen, dass auch Polizisten durchaus eine Meinung haben. Ja genau und manches Mal, ist diese eben gleich mit den Demonstranten. Er der „Polizist“ MUSS ja neutral bleiben. Oder was wollen manche Demonstranten?…Soll der Polizist sich hinter „ihn“ stellen und ein Plakat aus der Jacke ziehen?
    Ich finde…
    So manche Demonstration wird doch schon im Vorfeld,von einigen Demonstranten so geplant um sich mit der Polizei „anzulegen“. (siehe,1.Mai,da kursieren Videos mit dem Titel“Bullen fangen“ http://www.youtube.com/watch?v=3a9Kq-o4AHo
    Hahaha oh ja wie“lustig“ doch manches sein kann…
    Mit Deinem tollen Artikel hast Du mal wieder bewiesen, man kann auch friedlich seine Meinung kundtun und alles ist gut!!!

  • Hans-Gerd Birkholz
    28. Mai 2011 - 20:17 | Permalink

    Heute grosse Demo gegen Atomkraft in Bonn! Alles friedlich!
    Vom Opa bis zum Baby, vom Skinhead bis zum „Pikopello, vom Traktor bis zum Fahrrad!

    So muss es sein! Dann kommt die Botschaft, die man damit senden will auch ( vielleicht) an.
    Mit Gewalt erreicht man nur das Gegenteil! Alle Beteiligten, ob Demonstrant oder PB, waren mit Sicherheit froh, dass es so ausgegangen ist!

  • 29. Mai 2011 - 07:00 | Permalink

    Ich bin auch froh, dass alles ruhig geblieben ist.

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