Kriegsende

Heute vor 66 Jahren endete das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Zum Glück. Die, die Deutschland in den 12 Jahren vorher regiert und in den wirtschaftlichen und moralischen Abgrund geführt haben, kann niemand mehr an der Regierung wollen, der auch nur halbwegs bei klarem Verstand ist. Ob das Gegenmodell so viel besser ist, wage ich angesichts der beeindruckenden Bilanzen von Stalin, Mao und Pol Pot schwer zu bezweifeln. Insofern bin ich heilfroh, eine bürgerlich demokratische Regierung zu haben, die mich nicht sofort in einen Knast steckt, wenn ich mal nicht einverstanden bin. Da das ziemlich oft der Fall ist, hätte ich wohl schon so einige Knäste durch.

So, nun zurück zum Thema:

In Freiburg gibt es eine kostenlose Zeitung namens „Der Sonntag“. Letzte Woche bekam ich von einem Kollegen, der mich immer durch das Ausschneiden von Artikeln aus der Printpresse unterstützt (danke dafür, lieber S.), den Artikel „Respektlos und gewaltbereit – Südbadische Polizisten beklagen sich, immer öfter attackiert zu werden“ von Toni Nachbar (Printausgabe Der Sonntag, 10. April 2011). Heute Morgen bin ich endlich dazu gekommen, ihn zu lesen.

Als erstes suchte ich nach der Online-Version. Die gibt es sogar, leider nur zurück bis zum 17.04.2011.

Schade! Der Artikel ist richtig gut. Ich hätte ihn Euch so gern verlinkt, damit Ihr mal eine wirklich gut recherchierte Story zu lesen bekommt. Aber wenigstens das Highlight will ich Euch nicht vorenthalten.

Nach einer Beschreibung der Gesamtsituation in Südbaden und der Erklärung, warum Freiburg in Sachen Gewalt gegen Polizisten die regionale Hochburg darstellt, kommt eine Aufzählung, bei welchen Einsätzen es hauptsächlich zu Gewaltakten gegen Polizeibeamte kommt. Es geht in erster Linie um die unbeachteten Alltagseinsätze: „Routinekontrollen, Ruhestörungen, Streitereien, Kneipen- und Diskoschlägereien sowie klassische Festnahmen.“
So kurz nach dem ersten Mai sollte man das noch einmal betonen. Nichtpolizisten sind nämlich immer ziemlich überrascht über diese Botschaft. Natürlich sind die mindestens 149 verletzten Polizeibeamten vom ersten Mai inakzeptabel. Aber die gemäß der Statistik des KfN geschätzten 48 verletzten Polizeibeamten im täglichen Streifendienst bundesweit sind genauso inakzeptabel.

Es folgten Fallbeispiele und eine Erklärung der Ursachen. Alkohol, Drogen, sinkende Frustrationstoleranz, der allgemein unflätiger werdende Umgangston usw.

Dann kommt die Rede auf den „kritischen Bürger“.

Zitat:
„‚Es gibt im dienstlichen Alltag viele Situationen, in denen die Polizei energisch eingreifen muss und sich auf Diskussionen gar nicht einlassen kann‘, sagt Polizeisprecher Braccio. Anders ausgedrückt: Oft ist es so, dass die Polizei gar nicht mehr anders als mit ruppigem Dazwischengehen Straftaten im Keim ersticken kann. Doch auf gesellschaftlicher Seite sei das Verständnis dafür im Abnehmen, beklagt der Leiter des Polizeireviers Nord Hochuli. Eine Folge davon: ‚Polizeibeamte werden zunehmend bei ihren Einsätzen von vermeintlich kritischen Bürgern behindert, die meinen, der Polizei sagen zu müssen, wie es geht.'“

Wie ich schon öfters im Rahmen dieses Projektes sagte: Kritisch sein heißt nicht, an allen Ecken und Enden an der Polizei herumzumäkeln. Das ist derzeit nämlich irgendwie schick und man ist sich eines gewissen Applauses gewiss. Insofern beinhaltet das nicht einmal ein Risiko, denn im Unterschied zu Polizeistaaten landet man dafür nicht im Gefängnis. Es kostet nicht einmal Geld.

Wirklich kritisch ist, seinen Denkapparat anzuwerfen. Möglicherweise fahren die Leute in Uniform nicht das erste Mal einen solchen Einsatz und wissen deswegen, was sie tun. Man könnte auch darüber nachdenken, was man denn selbst von der Polizei erwartet, wenn sie einen eines Tages retten soll. Zum Beispiel, wenn einem ein Schläger schon das Nasenbein gebrochen hat, man gerade im Begriff ist, erwürgt zu werden und irgendwer zum Glück die 110 gerufen hat. (Was heutzutage schon mehr ist als die meisten leisten. Viele gucken nämlich interessiert zu und machen sich mentale Notizen, wie lange die Polizei braucht, um sich auch darüber mal wieder beklagen zu können.)

Man hört das Martinshorn, sieht aus den Augenwinkeln die Blaulichter, während man schon röchelt und nach Luft ringt. Jetzt… jetzt… naht die Rettung…

Die Türen des Streifenwagens klappen. Während einem Hören und Sehen vergeht hört man energische Schritte. Noch eine Sekunde, dann…

„Öhm… hören Sie mal, Herr Wachtmeister, so geht das ja wohl gar nicht.“

Ja, die Polizeibeamten führen jetzt erstmal bei einem Schälchen heißen Brennnesseltee ein nettes Gespräch mit den „kritischen“ Bürgern, die sich interessiert um das Schauspiel versammelt haben und jetzt der Polizei erklären, wie sie den Würger vom Hals abpflücken kann ohne ihm dabei allzu weh zu tun.

Schade für den, der dann erwürgt wurde, weil das Gespräch leider ein Stündchen zu lange gedauert hat. Aber schön, dass mal drüber geredet wurde.

Kritisch sein heißt nicht, an allem und jedem herumzumeckern, was einem vor die Füße fällt. Kritisch sein heißt auch, sich in andere hereinzuversetzen und mal darüber nachzudenken, ob die Forderungen, die man an sie stellt, realistisch und fair sind.

Was die steigende Gewalt gegen Polizeibeamte betrifft, so wage ich gar nicht, zu schreiben, dass ich mir wünsche, dass dieser „Kriegszustand“ für sie endet. Ja, das wünsche ich mir. Voraussetzung dafür ist aber wohl erstmal, dass das Problem gesellschaftlich wahrgenommen wird. Dazu helfen solche Artikel. Vielen Dank dafür nach Freiburg.

4 Comments

  • friederike
    8. Mai 2011 - 22:31 | Permalink

    Dank unserer medialen Aufklärung fühlt sich eben jeder Gebildete und Halbgebildete als Fachmann bzw. Fachfrau. Die Spezies der Halbgebildeten ist dabei besonders selbstsicher. Hier hat sich der Horizont zum Standpunkt verengt.

  • 12. Mai 2011 - 18:15 | Permalink

    Wobei ein Standpunkt ja gar nicht so schlecht ist. Man sollte nur noch für Argumente offen und zugänglich sein.

    Ich glaube auch, nach längerem Nachdenken über die Problematik, dass das Wort „Meinung“ heutzutage nicht mehr klar definiert ist. Es wird einfach falsch gebraucht. Zum Beispiel, wenn es um Fakten geht.

    Beispiel:
    Wenn ich morgens aufstehe und es fällt Wasser vom Himmel, dann ist es keine Meinungsäußerung, wenn ich sage: „Es regnet!“
    Hingegen ist eine Meinungsäußerung, wenn ich diesen Regen bewerte, wenn ich also sage: „Es ist gut, dass es regnet.“ oder „Es ist schlecht, dass es regnet.“
    Für beide Sichtweisen gibt es Argumente.

    Wenn ich also meine, es ist schlecht, dass regnet, weil ich meiner geplanten Freizeitbeschäftigung nicht nachgehen kann, ist das meine Meinung. Ich gewähre meinen Mitbewohnern Meinungsfreiheit, wenn ich ihnen dabei zuhöre, wie sie mir erklären, warum Regen gut ist, z.B. weil die Ernte sonst vertrocknet. Liefern sie gute Argumente, dann schließe ich mich ihrer Meinung an.

    Es gibt hingegen kein vernünftiges Argument, das die Behauptung „Es regnet nicht“ unterstützen würde, wenn es wie aus Eimern gießt. Leider glauben heutzutage viele Menschen, freie Meinungsäußerung hätte erst einmal etwas damit zu tun, diverse Fakten in Frage zu stellen. Das geht damit los, dass sie Statistiken generell ablehnen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass diese, je nach angewendeter Methode mehr oder weniger valide sein können. Oder sie nehmen Fakten nicht zur Kenntnis, die nicht in ihr Weltbild passen, so wie viele Menschen mir ins Gesicht sagen, es gebe keine Gewalt gegen Polizisten. Das sei eben ihre Meinung. Was will man dazu noch sagen? Was hat es mit Meinung zu tun, klar belegbare Fakten zu ignorieren?

    Praktisch an dieser Argumentation ist, dass man ihr nicht beikommen kann. Mit Menschen, die Meinungen nicht von Fakten unterscheiden können, kann man einfach nicht vernünftig reden. Mein einziger Trost ist, dass die es im Regelfall auch beruflich nicht sehr weit bringen – zumindest nicht in Systemen, in denen Leistung noch etwas zählt. Ein Grund mehr für mich, alle Ideologien, die sinnlose Gleichmacherei fordern, weiterhin abzulehnen.

  • 18. Mai 2011 - 20:29 | Permalink

    Eine tolle Argumentation meines Vorkommentators. Meinung und Fakten verschwimmen auch mit Zutun der Medien. Wenn man sich ma ansihet, welchen großen Teil in der Presse die Meinung einnimmt, dann ist klar, daß die Leute beides vermischen.
    Es führt aber auch dazu, daß man sich schwerer eine Meinung bilden kann, da die dazu nötigen Fakten ausbleiben.

    Liefert man Fakten und trifft dann noch auf jemanden, der Fakten zugänglich ist, können interessante Gespräche entstehen-selbst mit Leuten, die politisch nicht auf meiner Linie liegen.

    Auf der anderen Seite muss man sich die Fakten besorgen und seine eigene Meinung auch mal hinterfragen- weil sich vielleicht die Fakten geändert haben. Wiederum in anderen Bereichen ist es angebracht nicht auch mal Ideen, Visionen und Meinungen zu haben und an deren Verwirklichng zu arbeiten.

    Betreffs der Überschrift, des Artikels: Es wäre doch schön, wenn jeder alle ungefilterten Fakten der Archive nachlesen/nachhören könnte, dann hätten wir auch weniger Meinung und mehr Wahrheit- (und zu der wiederum ene Meinung;-)

    Was den Krieg in unseren Städten angeht: Der ist ja gar nicht offen- noch nicht, aber es wird kippen. Es wird in dem Maße kippen, wie der Staat nicht durchgreifen kann (Polizei qua Gesetz nicht darf.) Die Zeiten in einer individualistisch- liberalen-feigetoleranten Gesellschaft werden für die Polizei nicht leichter. Bevor der „Krieg“endet, muss es wohl erst richtig „knallen“. Befürchte ich und äußer diese persönliche Meinung.

    http://www.blaulicht-blog.net

  • 19. Mai 2011 - 09:29 | Permalink

    Der Vorkommentator ist übrigens die Bloggerin. Also quasi ich…

    Danke für das Kompliment.

    Ist stimme Dir zu, dass die Medien dazu beitragen, dass Fakten und Meinungen verschwimmen. Allein schon, weil der Unterschied zwischen Artikel und Kommentar immer mehr untergeht,

    Aber das ist noch nicht alles. Viele Leute sind auch einfach zu faul, diese Unterschiede zu hinterfragen, weil es so einfach bequemer ist. Und sie lernen es auch nicht mehr in der Schule, weil auch im Bildungssystem Leistung nicht mehr gefragt ist, sondern alle ganz im Sinne der Gleichmacherei möglicht billig und aufwandlos durchgezogen werden müssen.

    Deine Anspielung im vorletzten Absatz verstehe ich nicht, Von welchen unzugänglichen Archiven sprichst Du? Und was soll man bitte dort finden?

    Den letzten Absatz sehe ich leider ganz ähnlich wie Du. Und ich fürchte auch, dass die Menschen in diesem Land zu bequem sind, um wachzuwerden.

  • Comments are closed.