Allgemein Polizeiarbeit Verein

„Du gehörst doch nach Andernach!“

Mitte der 80er Jahre eine nicht sonderlich gepflegte Beleidigung, wenn jemandes Verhalten nicht in die Normen passte, die uns als Teenager beherrschten. Die auch reichlich eng waren – was für Pubertierende auch normal ist. Schlecht ist nur, wenn man sich auch im Erwachsenenalter von diesen allzu eng gesteckten Normen nicht befreien kann.

Jedenfalls wusste im nördlichen Rheinland-Pfalz, wo ich aufwuchs, zumindest in den Orten an der Rheinschiene jeder, was gemeint war. Der Spruch spielte an auf die Rhein-Mosel-Fach-Klinik, eine Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie.

Jahrelang verschwand diese Klinik aus meinen Gedanken, eine gute Bekannte wohnte lange in Andernach, ich ging hier und da in Andernach aus. Dann ergab es sich, dass ich eine Nachtschicht bei der Polizeiinspektion Andernach mitfahren durfte. Da mir schon bei diversen Besuchen zu Heiligabend oder auch zum Danke-Polizei-Tag aufgefallen war, dass das Einsatzaufkommen dort eigentlich immer recht hoch ist, freute ich mich schon auf diese Erfahrung.

 

Als ich ankam, erwartete mich das mir für ländliche Dienststellen mittlerweile wohlbekannte Phänomen – an allen Ecken und Enden fehlte Personal. Zwei Beamte waren erkrankt, zwei waren nach Koblenz zu einem plötzlichen Sondereinsatz abgeordnet worden und es gab einen Anwärter, der ausgebildet zu werden hatte. Ursprünglich war der Gedanke gewesen, mich von Streifenteam zu Streifenteam weiterzureichen, um die Belastung aufzuteilen. So blieb ich die ganze Nacht bei Michael und Jil.

 

Wir bestreiften das noch recht ruhige Andernach. Als erstes fiel uns ein weißer Kastenwagen auf, der am Straßenrand vor einer Liegenschaft im Gewerbegebiet stand. Etwas, was sogar mir als Laie komisch vorkam. Entsprechend langsam steuerte Michael den Streifenwagen an dem Lieferwagen vorbei. Hektische Betriebsamkeit brach aus, ein Mann sprang ins Führerhäuschen des weißen Wagens. Er fuhr an.

Entschlossen wendete Michael den Streifenwagen und folgte. Der Weiße fuhr auf eine weitere Gewerbeliegenschaft auf. Michael stellte den Streifenwagen genau davor.

 

„Guten Abend. Polizei Andernach.“

„Guten Abend.“

Fahrzeugkontrolle. Papiere waren soweit in Ordnung. Auch Verbandskasten, Warndreieck und Warnwesten waren wie erforderlich vorhanden.

„Ich möchte mir mal die Ladungssicherung anschauen“, teilte Michael mit. Der Mann riss die Tür zur Ladefläche auf.

Es gab keine Ladung. Die sollte nämlich erst hier abgeholt werden, wie uns der Fahrer mitteilte. Was auch ein Herr bekräftigte, der aus dem Haus kam.

Kurz und gut – es schien alles in Ordnung. Warum nur hatte er weiter hinten so komisch geparkt? Ein Rätsel, was sich wohl nicht mehr lösen lassen würde.

Offensichtlich merkte der Mann, dass die beiden Polizeibeamten und ich noch jede Menge Fragezeichen im Kopf hatten – denn er verabschiedete sich mit den Worten:

„Und danke, dass Ihr mich eben beim Pipimachen noch nicht gestört habt.“

 

 

Wir lachten noch im Streifenwagen.

„In unserem Beruf erlebst du ständig was Neues.“

Darüber waren sich Michael und Jil einig. Natürlich quetschten auch sie mich interessiert aus, warum ich mir freiwillig die Nachtschichten mit der Polizei antue. Ich legte meine Gründe dar. Abgesehen davon, dass das für mich ein Zeichen der Wertschätzung ist, mir anzusehen, wie unsere Polizistinnen und Polizisten arbeiten, ist es auch eine gute Möglichkeit, mit jenen zu reden, die sozusagen an der Alltagsfront Tag für Tag ihren Kopf für uns hinhalten. Außerdem macht es mir Spaß.

„Das kann ich verstehen“, sagte Jil. „Mein Beruf macht mir auch Spaß.“

Michael bestätigte das.

Das vielleicht mal für alle, die in den Kommentarspalten unserer Präsenzen in den Sozialen Netzwerken Polizistinnen und Polizisten gern zu Opfern machen. Das sind sie nicht. Sie machen eine fantastische, manchmal gefährliche Arbeit für unsere Gesellschaft und werden dafür von manchen Teilen der Gesellschaft unsäglich behandelt. Aber sie haben oft Spaß an ihrer Arbeit und tun sie gerne.

Last but not least helfen mir meine Nachtschichten auch beim Argumentieren gegen die ganzen Hintertreppengerüchte aka Scheißhausparolen, die über unsere Polizei kursieren. Erst neulich hatte ich eine interessante Konversation mit einem Menschen, der ernstlich der Ansicht war, über eine Einweisung in eine Psychiatrie könne die Polizei jeden Menschen für jedes beliebige Vergehen 48 Stunden festhalten, ohne dass sich ein Richter da einzumischen habe. Und natürlich macht in seinem Weltbild die Polizei das auch pausenlos und mit jedem, der ihr nicht in den Kram passt. Was für ein blühender Unsinn. Und ich konnte ihm das wenigstens teilweise ausreden…

Da dieses „Gespräch“ in einem Sozialen Netzwerk stattfand, hoffe ich immer, dass genug Schweigende mitlesen, die sich vielleicht von den besseren Sachargumenten überzeugen lassen.

 

 

Schließlich hatte ich im Laufe der Andernacher Nacht zwei Einweisungen miterlebt.

 

Im ersten Fall handelte es sich um eine Frau, die bereits vom Rettungsdienst versorgt wurde. Zumindest mühten sich bei unserem Eintreffen die beiden Sanitäter redlich, sie zu versorgen. Allein – sie wollte nicht. Entsprechend war sie ihnen gegenüber aggressiv geworden. Sie hatten die Polizei gerufen, den Einsatz bekamen wir. Was zu einer Miniblaulichtfahrt über etwa einen Kilometer führte, da wir ganz in der Nähe waren.

Die Dame war ganz klar nicht wegefähig. Sobald sie nicht an einem Zaun oder einer Mauer lehnte, brauchte sie nicht nur den Bürgersteig in seiner gesamten Breite, sondern auch noch die Fahrbahn dazu. Auf einer viel befahrenen Straße ein unkalkulierbares Risiko.

 

Zudem hatte ich das dringende Gefühl, allein durch das Einatmen in ihrer Gegenwart einen ähnlich Grad an Alkoholisierung zu erreichen wie sie ihn offensichtlich hatte.

„Ich will nach Hause“, wiederholte sie hartnäckig.

„Wir können Sie nicht nach Hause lassen. Wir können Sie auch nicht allein gehen lassen“, wiederholte Michael ebenso hartnäckig wie freundlich.

Letztlich stieg sie in den Krankenwagen. Da sie im Vorfeld aggressiv gegen die Sanitäter geworden war, stieg Jil mit ein. Und ich durfte nach vorne rücken (Yay!).

Auf der Fahrt zur Rhein-Mosel-Fachklinik erklärte mir Michael, dass hier eine deutliche Eigengefährdung vorlag. Eifrige Leser meiner Artikel werden sich jetzt fragen: Wieso müssen die denn in Andernach – im Unterschied zu kreisfreien Städten wie bspw. Ludwigshafen den Kommunalen Vollzugsdienst nicht fragen, bevor sie eine Einweisung vornehmen. Dies hat damit zu tun, dass in ländlicheren Gebieten von Rheinland-Pfalz die Kreisverwaltung zuständig ist, die zum einen über keinen eigenen Vollzugsdienst verfügt und zum anderen nur innerhalb der Geschäftszeiten zu erreichen ist. Also nicht während einer Nachtschicht. Entsprechend tritt die Polizei direkt in Verhandlungen mit den Ärzten.

Bei dieser Dame war es auch keine Einweisung im klassischen Sinne, denn es ging ja um ihren sehr hohen Alkoholisierungsgrad. Im Grunde musste die Polizei sie in Gewahrsam nehmen, um sie vor sich selbst zu schützen. Allerdings war wiederum der Alkoholisierungsgrad derart hoch, dass kein Arzt ihr eine Gewahrsamsfähigkeit ausgestellt hätte. In diesem Fall hat also die Rhein-Mosel-Fachklinik den Polizeigewahrsam stellvertretend vorgenommen, aber eben unter Aufsicht fachkundiger Ärzte.

 

„Wir können sie wirklich nicht weiter draußen rumlaufen lassen. Da kann jede Menge passieren. Sie könnte überfahren werden oder auch bei sich zu Hause einen Unfall haben.“
Michael konnte offensichtlich mein Schweigen zu der Thematik nicht einordnen. Dabei war ich in der Sache ganz auf seiner Seite. Schweigsam war ich nur, wie ich ihm dann auch erklärte, weil ich einen Fall aus dem niedersächsischen Rastede im Kopf hatte, wo zwei junge Polizisten einen Betrunkenen aus dem Streifenwagen gelassen hatten und er kurz darauf überfahren wurde. Die beiden müssen nun nicht nur mit ihren Schuldgefühlen fertig werden, sondern auch mit einer öffentlichen Hexenjagd und Angst um ihre Existenz.

Ich teilte meine Gedankengänge dazu mit Michael.

Wir hatten auch jede Menge Zeit für derartige Gespräche, weil der Haupteingang zur Klinik wegen Bauarbeiten nicht benutzbar war. Die Suche nach dem Nebeneingang gestaltete sich komplex. Zudem führten die letzten paar Meter über eine Umleitung quer durch ein Krokusbeet. Darauf muss man erstmal kommen. Jedenfalls hatten sowohl Michael als auch der Fahrer des RTW echte Skrupel, quer durch die Blümchen zu fahren, die nach einem langen, harten Spätwinter schüchtern aus dem Gras lugten.

Die Ärztin sah die Eigengefährdung ähnlich wie die Sanitäter und Beamten und nahm die Dame auf.

„Die handeln doch eh im Sinne der Beamten“, meinte der Diskutant, dessen eigenartige Meinung über die Möglichkeiten einer demokratisch legitimierten und rechtsstaatlich verfassten Polizei, Menschen einfach mal eben so in einer Psychiatrie verschwinden lassen zu können, mir ganz schön viel Kopfschmerzen bereitete.

In diesem Fall ja. Ich kenne auch andere Fälle, in denen die Ärzte die Leute unmittelbar nach Eintreffen in der Psychiatrie wieder auf freien Fuß gesetzt haben.

Wobei der Sinn der Beamten nicht darin lag, die Dame „verschwinden“ zu lassen, sondern sie vor sich selbst zu schützen. Ein wesentlicher Unterschied!

Im Übrigen habe ich noch bei keiner einzigen Schichtbegleitung erlebt, dass eine Polizistin oder ein Polizist einfach so mal schnell jemanden einweisen wollte. Es gab immer sehr gute und nachvollziehbare Gründe.

Bis hierhin hätte man auch alles in einschlägigen Gesetzen nachlesen können, wie bspw. dem Landesgesetz für psychisch kranke Personen (PsychKG) für RLP bzw. ähnlichen Gesetzen für andere Bundesländer. Wie sagt ein von mir geschätzter Polizist oft und gern: „Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung.“

Nicht im Gesetz nachlesbar ist die Menschlichkeit, mit der die beteiligten Blaulichter an die Sache herangingen. Niemand hat sich über die Dame lustig gemacht. Alle hatten vor allen Dingen ihr Wohlergehen im Auge – und das der anderen Verkehrsteilnehmer. Für denjenigen, dem sie genau vors Auto fallen würde, wäre das nämlich auch kein Zuckerschlecken.

Im Nachhinein sagte Jil im Auto: „Sie hat mir im Krankenwagen ihr ganzes Leben erzählt – also einfach hatte sie es nicht!“

 

Besonders augenfällig wurde das beim folgenden Einsatz gegen Ende der Nacht. Ein junger Mann hatte den Notruf gewählt und dort mitgeteilt, dass er seine Lebensgefährtin geschlagen hätte. Er wolle sich selbst anzeigen. Meine Streife wurde zu ihm geschickt, um den Sachverhalt aufzunehmen.

Er erwartete uns bereits vor seiner Haustür. Der junge Mann wirkte zeitgleich verzweifelt und aggressiv, er hantierte mit einem großen Feuerzeug (eines von denen mit dem langen Rüssel, um Kamine anzuzünden oder Teelichter am Boden eines tiefen Glases) herum.

„Legen Sie das mal bitte weg“, forderte Jil auf, nachdem allseits „Guten Morgen“ gewünscht wurde.

Zack!

Er pfefferte das Teil in eine Ecke seines Eingangsbereichs.

Hoppla!

Definitiv ein Fall, in dem ich mich nicht unbedingt nach vorne drängeln und zusehen sollte, dass alle Fluchtwege offen bleiben.

Da es ziemlich kalt war, gingen wir mit ihm ins Haus. Dort fragten Michael und Jil ihn aus, was passiert war. Ich bewunderte den Boden, der nicht nur derart klebte, dass er bei jedem Schritt schmatzende Geräusche abgab, sondern auf dem auch dunkelrote Spritzer prangten.

Blut?

Der Mann erzählte uns, dass er Streit mit seiner Freundin bekommen hätte, daraufhin habe er ihr eine Ohrfeige verpasst. Diese Entgleisung erfüllte ihn mit Verzweiflung, so sehr, dass die Aussage fiel:

„Ich will mich suizidieren.“

Michael bohrte nach.

Die Freundin sei dann schließlich mit einem dreistelligen Eurobetrag und zwei Bekannten verschwunden. Das Geld stammte vom Konto seiner Mutter, er hatte es mit einer EC-Karte abgehoben. Die Mutter war im Krankenhaus.

„Die bringt mich um“, sagte er.

Die Höhe des Betrages schwankte im Laufe des Gespräches mehrfach – ebenso wie seine Stimmung, was ihn äußerst unberechenbar erscheinen ließ.

Meinem Eindruck nach war es hauptsächlich die Tatsache, dass ihm die Hand ausgerutscht war, die ihn mit Verzweiflung erfüllte. Ein bisschen Angst vor seiner Mutter schien aber auch dabei.

„Wir müssen Sie einweisen lassen, wegen Ihrer Suizidgedanken“, stellte Michael fest.

„Ich bin doch nicht blöd.“
Dabei wirkte der Mann wieder sehr aggressiv.

„Das hat doch mit ‚blöd‘ nichts zu tun“, sagte Jil.

Der junge Mann kam wieder ein bisschen runter.

Ich machte mir milde Sorgen um meine beiden Begleiter, die ihn auch für keine Sekunde aus den Augen ließen. Dennoch gingen sie sehr freundlich auf ihn ein.

Letztlich funkten sie eine zweite Streife herbei, da in unserem Streifenwagen meinetwegen kein Platz war.

„Ich kann nicht in die Klinik“, sagte der junge Mann schließlich.

„Warum nicht?“

„Ich hab keinen Schlüssel. Wenn die mich wieder wegschicken, weiß ich nicht, wo ich schlafen soll.“

Die zweite Streife kam genau zu dieser Diskussion dazu. Letztlich willigte er ein, sich in die Klinik bringen zu lassen.
„Aber nur, wenn ich meine Decken holen gehen kann, dann nehme ich die mit raus und übernachte notfalls im Gartenhäuschen.“

„Ich hol die gerade“, erbot sich eine der neu hinzugekommen Polizistinnen, Silvia. „Wo sind die denn?“

„Oben im Schlafzimmer.“

Silvia und ein weiterer Polizist stiegen die Treppe ein Stockwerk nach oben.

„Oben keine Blutflecken“, vermeldete Silvia leise zu den anderen, als sie wieder nach unten kam.

Die Decken wurden außer Sicht von der Straße neben der Haustür deponiert.

Die zweite Streife war mit dem Bus und einem Anwärter gekommen, so dass drei Polizeibeamte bei ihm waren, als er in die Klinik gefahren wurde.

Selbstverständlich versuchten im Nachgang mehrere Streifen die Freundin zu finden. Immerhin war immer noch nicht geklärt, von wem das Blut war. Auch wir suchten eine Adresse einer der beiden Bekannten auf, mit der die Freundin unterwegs gewesen sein soll. Da die beiden Bekannten polizeibekannt waren, war es für die Polizei nicht weiter schwierig, an die Adressen zu kommen.

Eine andere Streife traf schließlich die Lebensgefährtin bei bester Gesundheit an.

Von wem nun das Blut war, bliebt unklar. Sicher ist, dass kein Gewaltverbrechen stattgefunden hatte.

 

 

Natürlich haben wir uns in dieser Nacht nicht nur mit der Rhein-Mosel-Fachklinik beschäftigt, sondern hatten auch andere Einsätze:

„Meine“ Streife hat im Laufe der Nacht insgesamt vier Verkehrskontrollen durchgeführt.

Ein Fahrer musste seinen Führerschein abgeben, weil er mit deutlich über 1,1 Promille fuhr. Interessantes Detail: auf dem Beifahrersitz saß seine stocknüchterne Ehefrau. Muss man nicht verstehen!

 

Es gab einen Einsatz wegen eines betrunkenen Randalierers, der sich aber bei unserem Eintreffen schon wieder beruhigt hatte. Die Sachlage entpuppte sich als Streitigkeiten zwischen Vater und Sohn.

Auch gab es eine Schlägerei vor einer Diskothek, dem Rasputin, zu der wir mit insgesamt vier Streifen ausrückten (der Sondereinsatz in Koblenz war zu diesem Zeitpunkt bereits beendet). Die Türsteher hatten zwei junge Männer nicht reinlassen wollen, die ihrerseits partout reinwollten. Die Gründe der Türsteher sind im Zweifel vollkommen egal, sie haben das Hausrecht und dürfen auch dann den Zutritt verwehren, wenn ganz einfach die Nase nicht gefällt.

Als persönlichen Höhepunkt bekam ich noch eine ausgiebige Blaulichtfahrt von Weißenthurm bis knapp ins Dienstgebiet der PI Koblenz 2 geschenkt, als uns ein Auto mit Schlangenlinien auf der B9 gemeldet wurde.

 

Danke an die PI Andernach für diese spannenden Einblicke, besonders an Michael und Jil. Ihr seid klasse!

 

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Bremen, Klappe die Zweite

Nach meiner Schicht im Sommer 2016 hatte Peter befunden, dass Bremen sich mir nicht in angemessener Weise präsentiert hätte. Die Schicht war einfach zu ruhig gewesen. Entsprechend hatten wir beschlossen, das Ganze bei Gelegenheit zu wiederholen – im Sommer 2017.

Zuerst präsentierte sich mir die Bahn wieder einmal mit einer hübschen Verspätung, so dass Peter mich nicht am Hauptbahnhof abholen konnte. Das macht aber nichts, denn Bremen hat einen sehr guten Nahverkehr. Die Zeit in der Tram gab mir auch Gelegenheit, abzukühlen.

Im Zug nach Bremen machte ich nämlich Bekanntschaft mit einer Bremer Familie, bestehend aus einem Vater und zwei seiner Töchter im angehenden Pubertätsalter. Sie fuhren in der ersten Klasse und waren, soweit ich das beurteilen kann, das, was man linksaußen so schön „Biodeutsche“ nennt. Diese Information gebe ich nur, um wiederum den einen oder anderen Leser rechtsaußen vor Schnappatmung zu bewahren.

Dazu muss man sagen, dass ich mir ein Ticket erster Klasse geleistet hatte (zum Supersparpreis von 30 Euro), weil die Fahrt ja nun doch länger dauert und weil ich auf langen Fahrten gerne Genesungskarten schreibe.

Nun kenne ich beruflich eine Menge mehr oder minder pubertierender Jugendlicher, aber auch dieses Hormonchaos erklärt und entschuldigt nicht alles…

Zuerst schafften die beiden es, eine Lärmkulisse zu produzieren, dass ein ausgewachsener Frauenkegelclub bei einer Weinprobe dagegen als eine Oase der Stille rüberkommt.

Kein Ding! Ich habe immer Musik dabei, die mich so abschließt, dass ich mich auf meine Karten konzentrieren kann.

Mir ist unklar, ob den beiden jungen Damen nicht passte, dass ich so gar nicht auf ihre Vorstellung reagierte, aber sie drehten zunehmend auf. Irgendwann konnte ich meine Musik nicht mehr lauter stellen, wollte ich keinen Hörschaden riskieren.

Ich ignorierte das Theater aus Prinzip und begann mich zu fragen, ob die gesamte Erziehungstätigkeit des Herrn Vaters wohl weiterhin darin bestehen würde, interessiert zuzuschauen, wie seine beiden Grazien gerade einen ganzen Großraumwaggon terrorisierten – wissend, dass der erste, der es wagen würde, etwas zu sagen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Kinderfeindlichkeit geziehen werden würde.

Nun kriegten die beiden Damen irgendwie heraus, dass meine Beschäftigung etwas mit dem Thema „Polizei“ zu tun hatte – und beglückten den ganzen Waggon in unbeschreiblicher Lautstärke (zur Erinnerung – ich trug Kopfhörer mit Musik) mit Polizeiwitzen dümmlichster Art, die sie extra zu diesem Behufe aus dem Internet zogen. Nebenbei bemerkt waren die auch alt wie die Zeit… also die Witze.

Auch hier – erzieherische Worte des Vaters – Fehlanzeige. Er fand das wohl noch lustig.

Da hatte ich dann eine sehr gute Vorstellung von dem, was Polizeibeamte sich teilweise auch von „gutsituierten“ Bürgern an Dreistigkeiten gefallen lassen müssen.

Das Ganze endete übrigens damit, dass ich mir noch in Nordrhein-Westfalen einen neuen Platz suchte – zwei Waggons weiter.

Ich hoffe, der Vater liest diesen Artikel und es ist ihm angemessen peinlich.

 

Netterweise holte Peter mich (bereits in Uniform) von der Tram ab. Herrlich! Ich hätte zu gern die Gesichter der Leute in der Bahn gesehen, dass ich nicht nur von der Polizei schon in Empfang genommen, sondern auch gleich mit einer Umarmung begrüßt werde.

Im Unterschied zum letzten Mal hatten wir auch Zeit für eine kurze Vorstellung während der Schichtbesprechung.

Peter hatte noch Papierkram aus der Vorschicht da liegen, also wurde ich schon einmal mit Andreas und Tobias rausgeschickt.

Der erste Einsatz ließ auch nicht lange auf sich warten.

 

Einbruchsalarm in einem Großlager.

Blaulichtfahrt.

Das fängt ja gut an… ;-)

Der Sicherheitsdienst ließ uns auf das Gelände, wir fuhren einmal mit dem Streifenwagen um Lagergebäude und Gelände – nichts!

Eindeutig ein Fehlalarm.

Wir rückten ab, zumal der Verantwortliche für das Lager nun selbst nach dem Rechten sehen wollte.

 

Nächster Einbruchsalarm.

Ein leer stehendes Hotel. Dieses hatte eine Weile als Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge gedient. Der Nachbar, der die Polizei alarmiert hatte, sagte: „Das Haus steht leer.“

Tobias bezweifelte das.

„Da übernachten bestimmt welche drin.“

Schon auf der Anfahrt wunderte ich mich. Für mein rheinisches Gemüt ist Bremen eine Großstadt. Allerdings fuhren wir durch eine sehr ländliche, flache Landschaft, die in mir durchaus Entspannungsgefühle aufkommen ließ – erinnerte sie mich doch schwer an diverse schöne Urlaub in Norddeutschland.

Als wir ausstiegen, stiegt mir der Duft von Kuhdung in die Nase…

Vielseitig, diese Großstadt!

In der Einfahrt des Nachbargrundstücks stand ein Auto. Während Andreas versuchte, Einblick ins Haus zu gewinnen, entdeckte Tobias in dem Auto Leute. Ein Mann kam um das Auto herum auf uns zu.

„Haben Sie hier was mitgekriegt?“ wollte Tobias wissen.

„Ja, also eigentlich wurde wohl die Polizei wegen uns gerufen?“

Hä?

Andreas gesellte sich zu uns.

„Na ja“, fuhr der Herr fort. „Sie (er zeigte auf eine junge Frau, die auf dem Beifahrersitz eines Wagens saß) hat Drogen genommen, ist ein bisschen durchgedreht und dann bin ich mit ihr hierhergefahren, damit sie runterkommt.“

Aha?

Er war aber noch nicht fertig.

„Dann hat sie geschrien, und deswegen haben wohl einige Passanten die Polizei gerufen.“

Natürlich führten meine beiden Herren eine Personenkontrolle durch. Resultat: Der junge Mann war der Polizei bekannt – u.a. auch wegen Vergewaltigung. Natürlich gingen bei meinen Begleitern sämtliche roten Lampen an, auch wenn sie nach außen hin unbewegt blieben.

Andreas bestand darauf, mit der Frau zu sprechen, während Tobias mit dem Mann allein blieb.

Sie versicherte mehrfach (und nicht nur aus meiner Sicht glaubwürdig), ihr ginge es gut.

Entsprechend war für die Polizei nichts zu tun, der Einbruch war keiner gewesen und es gab, trotz der Vorgeschichte des Mannes, keinerlei Anzeichen für eine Straftat.

Ein Einsatz, der ganz anders war, als noch bei der Anfahrt gedacht.

„Sowas gibt es oft“, stellte Tobias fest.

 

Wir bestreiften Huchting, einen Stadtteil von Bremen, der einige Straßenzüge hat, die durchaus polizeilicher Aufmerksamkeit bedürfen. Es ist keine NoGo-Area, aber es soll auch keine werden.

 

Dem Streifenwagen kam ein Fahrradfahrer ohne Licht entgegen. Selbstverständlich qualifizierte sich der Mann für eine Kontrolle. Er sprach kein Deutsch, dafür kam nach und nach seine ganze Familie angerückt. Letztlich gingen aber alle ihrer Wege, nachdem ihm eindringlich klar gemacht wurde, dass er für Licht an seinem Fahrrad zu sorgen habe.

 

Ein Auto fuhr sehr schnittig an uns vorbei, also wurde auch hier eine Kontrolle durchgeführt. Die ergab nichts, außer der Erkenntnis, dass Shisha-Tabak sehr stark und gar nicht mal schlecht riecht. Damit war nämlich der Kofferraum voll bis zum Rand.

 

Wir passierten eine Shisha-Bar, vor der ein Auto mitten auf dem Gehweg parkte. Andreas, der den Streifenwagen fuhr, gab dem Halter eine faire Chance, aus der Bar zu kommen und seinen Wagen auf einen ordentlichen Parkplatz zu fahren. Der ließ diese Chance jedoch verstreichen, also wird er in den folgenden Tagen wohl Post bekommen haben.

 

Zwei junge Herren machten sich auf verdächtige Art in einer dunklen Ecke an einem Auto zu schaffen. Alles ok, einer davon war der Fahrzeughalter.

 

Wo wir schon mal in der Ecke waren, haben wir auch kurz geschaut, ob der Wagen eines Halters mit Fahrverbot bewegt worden war. War er nicht!

 

Im Funk hörten wir mit, wie in einem anderen Teil von Bremen fünf Streifen zu einem Einsatz flogen, weil Rettungssanitäter angegriffen wurden. Kranke Welt!

 

Nächster Einsatz.

Verdächtige Vorkommnisse in einem Einfamilienhaus, dessen Eigentümer in Urlaub waren.

Wir wurden vor Ort von der Anruferin erwartet.

„Im Haus brennt Licht. Das war aber vorher nicht an.“

Nun war die Frage aller Fragen:

Einbrecher oder Zeitschaltuhr?

Die Dame hatte auch schon den Bruder der in Urlaub befindlichen Frau angerufen, der einen Schlüssel hatte. Er schloss auf, die Polizei betrat das Haus. Meine beiden Begleiter checkten überall, ob sich niemand im Haus aufhielt und ob alle Fenster und Türen unversehrt waren. Auch durch den Garten drehten sie eine Runde.

Letztlich stellte sich heraus: die Eigentümer hatten tatsächlich Zeitschaltuhren installiert.

Der Bruder schaltete sie alle ab.

„Wenn das so schnell bemerkt wird, wenn Licht an ist, dann wird das Haus ja gut bewacht.“

Die aufmerksame Nachbarin entschuldigte sich bei meinen beiden Herren.

„Nicht doch. Wir kommen gerne.“

Deswegen finde ich euch auch so klasse.

 

Zu diesem Zeitpunkt endete Andreas Arbeitszeit und die beiden fuhren wieder zur Dienststelle.

Peter übernahm das Fahren des Streifenwagens und es ging direkt raus zu einer Ruhestörung.

Tatsächlich hörten wir in der Nähe des Wohnhauses des Anrufers eine öffentliche Party – diese war aber durchaus gemäßigt in der Lautstärke. Im Gegensatz dazu tobte allerdings genau im Nachbarhaus eine viel lautere Unterhaltung. Die hatte den Anrufer aber offensichtlich nicht weiter gestört.

Auch seine eigene Klingel störte ihn nicht weiter, nachdem Peter und Tobias drei Mal geklingelt hatten, rückten wir wieder ab. Offensichtlich lag der Mann schon in tiefstem Schlummer… dachten wir.

 

Nächster Einsatz:

Eine verwirrte alte Dame mit einer Katze randaliert an einer Tür.

Schon auf der Anfahrt mutmaßte Tobias, um wen es sich handeln könne – und richtig!

Die Dame hatte allein er schon sechs Mal in diesem Jahr nach Hause gebracht. Sie ist hochgradig dement und lebt mit ihrem Mann zusammen. Der, schon an die 90 Jahre alt, hat nicht mehr die notwendigen Kräfte, um alles, was damit zusammenhängt, zu bewältigen.

Tobias wusste, wo die Dame wohnt. Peter brachte sie sehr liebenswürdig dazu, zu uns ins Auto zu steigen (ich durfte wieder auf den Beifahrersitz umziehen). Dafür nahm er sich sehr viel Zeit und Ruhe – was ich wirklich toll fand. Ich gebe zu, dass ich ein bisschen eine Schwäche habe, wenn es um demente Menschen geht. Mir ist diese Krankheit ausgesprochen unheimlich, vermutlich weil ich selbst sehr rational bin und viel über den Kopf löse. Es macht mich immer ein bisschen fassungslos, wenn Menschen über Vernunft und Logik nicht zu erreichen sind – auch, wenn sie gar nichts dafür können. Deswegen bewunderte ich Peter gerade uneingeschränkt.

In jedem Fall wird Peter einen Bericht an das Amt für Soziale Dienste der Stadt Bremen verfassen, damit dem Ehepaar geholfen werden kann. Der nächste Ausflug ist vorprogrammiert und wenn erst die kalte Jahreszeit kommt, kann das schlimm enden.

 

 

 

Kaum war dieser Einsatz beendet, erfuhren wir, dass der Anrufer wegen der Ruhestörung tatsächlich noch einmal die Polizei angerufen hatte. Wir mussten aber nicht noch einmal hinfahren – es reicht aus, einmal nicht hineingelassen zu werden.

 

Wieder eine Ruhestörung.

Und wieder einmal kam es mir gar nicht so laut vor, was da aus der Kneipe schallte.

„Machen Sie einfach die Tür zu, dann werden wir auch nicht mehr angerufen!“

Stimmt! Wurden wir auch nicht mehr.

 

Ein Auto mit schwedischem Kennzeichen kreuzte unseren Weg. An einem der Nummernschilder fehlte eine Plakette. Verkehrskontrolle. Alles in Ordnung.

 

Anschließend ging es in die Dienststelle, weil Peter und Tobias nun einiges an Berichten angehäuft hatten. Zumindest war das der Plan, der aber unterbrochen wurde durch einen Notruf.

Der Anrufer hatte einen lauten Knall gehört, was i.d.R. bedeutet, dass ein Zigarettenautomat aufgesprengt wurde.

Wir fuhren in die angegebene Straße.

Ein Zigarettenautomat.

Intakt!

Hm…

Keine hundert Meter weiter noch ein Zigarettenautomat.

Ebenfalls intakt.

„War am Ende doch ein Fehlalarm?“

Noch einmal 100 Meter weiter…

Oha…

Wir fanden Einzelteile des Automaten noch auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein ganz schön hohes Risiko für die paar Kröten, die man heutzutage in diesen Automaten findet. Zudem roch es dermaßen nach Schwarzpulver, dass nach meinem Dafürhalten diese Zigaretten im Anschluss arg gesundheitsschädlich gewesen sein dürften. Ok, sind sie sowieso… trotzdem…

 

Letztlich galt es, Beweise zu sichern. Peter machte Fotos.

 

Dann überlegten meine Herren, wie sie dieses Gerät in die Dienststelle bringen. Dazu muss es erst einmal von seinem Sockel gelöst werden. Das ist nicht allzu einfach, sonst bräuchte man die Teile ja auch nicht mühevoll zu sprengen…

 

Kurz: die Feuerwehr musste kommen.

In der Wartezeit drehten Peter und ich ein paar Runden durch die Umgebung – in der Hoffnung, ein paar Spuren der Automatenaufbrecher zu finden – vergeblich.

 

Die Feuerwehr arbeitete fast eine halbe Stunde daran, diesen Automaten von seiner Halterung zu lösen.

Zum Transport wurde ein Bulli von der Dienststelle geholt. Ich kriegte bei seinem Anblick feuchte Augen – erinnerte mich sehr an meine Jugend…

Netterweise halfen die Feuerwehrleute dann noch, den Automaten in den Bulli zu verladen. Sie fuhren sogar mit zur Dienststelle, um beim Entladen zu helfen. Sehr nett! Ich weiß schon, warum ich bekennender Blaulichtfan bin.

 

Nun ging es für Peter und Tobias aber wirklich an ihre Berichte. Ich amüsierte mich in der Zwischenzeit damit, einen Bücherschrank zu durchforsten, in dem einige Bücher zu verschiedenen polizeirelevanten Themen standen. Polizeirecht, Einsatzlehre, Eigensicherung, Gesetzeskommentare… überall standen Namen drin. Offensichtlich private (Leih-)gaben von Polizeibeamten, die hier arbeiten. Übrigens alle ziemlich aktuell und mit deutlichen Gebrauchsspuren versehen. Besonders in Erinnerung ist mir ein Buch geblieben mit dem klangvollen Titel „Reducing ethnic profiling in the European Union – a handbook of good practices“. Ich habe kurz hineingelesen. Nun kann man über Racial Profiling trefflich diskutieren und unterschiedlicher Ansicht sein – das ist in einer pluralistischen Gesellschaft auch gut so! Fakt ist aber doch, dass ein derartiges Buch, dass die These vertritt, dass Racial Profiling in der Polizeiarbeit eher hinderlich sei und wie man es vermeiden könne, in einer Sammlung von privaten Büchern von Polizisten in einer deutschen Polizeidienststelle eine ziemlich klare Antwort auf eine ganze Latte von Unterstellungen gibt, die regelmäßig auf unsere Polizei abgeschossen werden.

 

Damit verging auch der kurze Rest der Nacht sehr schnell und schon war es Zeit für das Abschiedsfoto vorm Dienststellenschild – wie üblich nach der Nachtschicht mit der Gefahr, nicht wirklich wach rüberzukommen (irgendwo zwischen grenzdebil und auf Droge…).

 

Danke an die Polizei Bremen für die nette Aufnahme und die spannenden Einblicke. Immer wieder gerne! Und da meinen Herren immer noch nicht genug los war – ich komm wieder. Ich mach das so lange, bis es passt… ;-)

 

 

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Nix los im Stadion – oder doch?

„Dafür, dass eigentlich nix los war, ist der Text aber ganz schön lang.“
Mit diesen Worten kommentierte einmal ein Bereitschaftspolizist einen Artikel von mir.

Schon!

Der Text war lang.

Aber warum sollte man immer nur etwas schreiben, wenn etwas Außergewöhnliches vorfällt? Okay, weil die Menschen schlechte Nachrichten lieber lesen als Gute. Deswegen kriegen auf unserer Facebook-Seite die Danke-Nachrichten auch standardmäßig weit weniger Likes als die Katastrophennachrichten.

Ist mir aber egal!

99% der Polizeieinsätze laufen super – auch darüber kann man reden.

So wie der Polizeieinsatz zum Spiel Mainz 05 gegen Schalke 04.

Ok, für mich persönlich lief einiges schief. 12 km Stau, die ich geschickt umfahren konnte – und dann mitten im Berufsverkehr vom Rhein-Main-Gebiet gestrandet. Entsprechend kam ich erstmal zu spät.

 

Heiko Arnd, der Einsatzleiter, übergab mich an zwei Herren, die Mitglieder des Social Media Teams sind. Übrigens „echte“ Polizisten, die den Social Media Teil halt AUCH bewältigen. An diesem Spieltag zum Beispiel.

 

Zuerst besuchten wir, bei „traumhaftem Wetter“, gemeinsam die Bereitschaftspolizei, die natürlich u.a. am Stadion steht.

Dann zeigten mir meine beiden Begleiter das Stadion. Im Unterschied zum Stadion in Kaiserslautern, wo ich ja auch schon einmal im Fußballeinsatz war, ist es deutlich neuer. Für mich persönlich ist es ziemlich neu – in den 90ern war ich nämlich ab und an mal im alten Bruchwegstadion dabei. Mainz war damals noch in der 2. Liga. Auch da kam mal Schalke zu Besuch und das kleine Stadion platzte aus allen Nähten. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an Durchsagen des Stadionsprechers mit der Bitte an die Schalke-Fans, die keinen Platz im Stadion mehr ergattert hatten, doch bitte aus den umliegenden Bäumen herauszuklettern. Doch genug Anekdoten aus grauer Vorzeit…

Das Stadion, derzeit Opel-Arena genannt (nennt mich altmodisch – ich mochte das noch ganz gern, als Stadien nicht nach dem Hauptgeldgeber benannt wurden, sondern Namen hatten, die man sich merken konnte und die sich auch nicht pausenlos änderten), liegt ziemlich auf der grünen Wiese. Entsprechend „erfreulich“ war es für die Fans, dass keine Parkplätze zur Verfügung standen – weil offensichtlich die Verhandlungen mit den Eigentümern der fraglichen Grundstücke ergebnislos blieben. Mittlerweile hat die Universität zur Problemlösung beigetragen, indem sie ihre Parkplätze an Spieltagen zur Verfügung stellt.

Aus polizeilicher Sicht ist an diesem Stadion sehr viel Positives. Die Lage vor den Toren der Stadt führt dazu, dass die Fans relativ problemlos zum Stadion geführt werden können und ihre Wege sich nicht kreuzen – wie es am 11-Freunde-Kreisel in Kaiserslautern passiert.

Am Stadion angekommen, werden die Fans der Gästemannschaft durch einen Tunnel in ihren Block geführt. Entsprechend können Heimfans tatsächlich einmal ums Stadion drum herumlaufen – ohne sich mit den Gästefans ins Gehege zu kommen.

Die Polizei hat eine eigene kleine Wache. Auch die wollten wir anschauen, allerdings waren die Beamten darin offensichtlich mit einem Fußballfan beschäftigt, der nicht allzu glücklich aussah. Entsprechend wollten wir nicht stören. Auch eine Leitstelle hat die Polizei, doch dazu später.

 

Zu einem gelungenen Fußballeinsatz in Mainz trägt auch die Verkehrspolizei bei. Ein Freitagabendspiel hat die Eigenschaft, dass sich der Berufsverkehr durch die Anreise von Fans nicht wirklich entspannt, entsprechend gab es auch gut zu tun.

 

Schließlich ging es wieder ins Stadion, dieses Mal in die Leitstelle. Von dort aus hat man einen guten Blick ins Stadion und auch aufs Spielfeld. Blöd, wenn man als überzeugte Rheinland-Pfälzerin genau dann auf selbiges guckt, wenn Schalke das einzige Tor des Abends in das Mainzer Netz ballert. Hmpf!

Heiko Arnd, Andrea Funke, und ich beim Schnuppern von Stadionatmosphäre vor der Leitstelle – an dieser Stelle einen herzlichen Dank an den Herrn von der Feuerwehr für das Foto inklusive der Bildrechte.

 

Heiko Arnd nahm mich mit in zwei Besprechungen, eine kurz vor Anpfiff. Dabei kamen die szenekundigen Beamten (Polizisten, die ihr Ohr möglichst am Puls der Fußballfanszene haben) aus Gelsenkirchen und aus Mainz, der Sicherheitsbeauftragte des Stadions, der Fanbeauftragte von Mainz 05 und eben die Einsatzleitung zusammen, um Eindrücke und Beobachtungen auszutauschen.

 

In der Halbzeitpause gab es eine zweite Besprechung, dieses Mal kamen die Teilnehmer nur aus den Reihen der Polizei. Bereitschaftspolizei, Verkehrspolizei und die szenekundigen Beamten gaben noch einmal ihre Eindrücke zum Besten.

 

Auch nach Spielende gestaltete sich alles ruhig. Entsprechend konnte ich mich um kurz nach Mitternacht schon wieder auf den Heimweg machen.

 

Eigentlich gab es nur zwei Dinge, die mich gestört haben.

 

Zu einem bestimmten Zeitpunkt lief ich mit zwei uniformierten Polizeibeamten durch die Wandelhalle des Stadions. Nur das – einfach gehen. Und prompt pöbelte uns jemand an: „Scheiß-Bullen!“

Ich nehme an, meine Begleiter haben das nicht gehört. Bei meiner Einstellungsuntersuchung wurde mir gesagt, mein Gehör sei zu gut – und jeder, der in meiner Gegenwart flüstert, kann das bestätigen.

Danke an die Absender dieser netten Worte für das Kompliment! Es ehrt mich immer, wenn ich mit Angehörigen einer Berufsgruppe verwechselt werde, die bei mir sehr hoch im Kurs steht.

 

Im Schalker Fanblock wurde permanent jede Menge Pyrotechnik abgebrannt. Dabei gab es auch Verletzte, das ist aber nicht mein Punkt. Offensichtlich waren dies alle Verletzte, die durch „friendly fire“ getroffen wurden – insofern bin ich da relativ mitleidlos.

Ich stelle mir dazu vielmehr zwei Fragen.

  1. Warum nutzten eigentlich die Schalker Spieler nicht ihren Einfluss auf die Fans und zeigen denen einfach mal, dass es so nicht geht? Wäre übrigens auch mal eine Maßnahme, wenn diese unsäglichen ACAB-Plakate irgendwo erscheinen. Einfach mal den entsprechenden Block nach dem Spiel bei der „Danke-Runde“ ignorieren.
  2. Wenn man Bengalos in dieses Stadion schmuggeln kann – was kann man da noch alles reinbringen? Diese Frage geht an die Verantwortlichen von Mainz 05, denn die Polizei ist an diesem Punkt raus. Die haben mit den Einlasskontrollen nichts zu tun.
    Ich bin nun mal halbe Französin und ich habe während der Terrorwelle der 90er Jahre in Paris gelebt. Bei den Anschlägen am 13. November 2015 in Paris hätte es noch viel mehr Tote gegeben, wenn die beiden Terroristen, die sich vor dem Stade de France in die Luft gesprengt haben, es in dieses Stadion geschafft hätten. Was ist der Unterschied zwischen französischen und deutschen Einlasskontrollen?
    Deutschland ist nicht Frankreich? Vielleicht! Aber seit dem 19.12.2016 und dem, was am Breitscheidplatz geschah, sollten wir uns vielleicht doch endlich mal klar werden, dass dieser Terrorismus sich nicht für Ländergrenzen interessiert.

In dem Sinne bin ich persönlich sehr froh, einen Artikel schreiben zu dürfen über einen Einsatz, bei dem eigentlich nix los war.

Danke an die Polizei Mainz, insbesondere an Heiko Arnd sowie die beiden Herren, die mich eine Weile als Achlastbeschwerer dabei hatten, für die spannenden Einblicke.

Allgemein Trauriges

Wann, wenn nicht jetzt?

Eine Frau ist mit ihren Kindern allein zuhause. Das Wetter ist nicht so sonnig wie die Tage davor. Es ist 20 Uhr.

Vielleicht sind die Kinder noch so klein, dass sie gerade ins Bett gebracht werden. Vielleicht sind sie schon in dem Alter, in dem sie sich überlegen, ob sie noch einmal ausgehen.

Plötzlich marschieren 60 Vermummte vor dem Haus auf. Sie sind laut. Sie bringen Plakate mit politischen Botschaften an.

Jäh ist die friedliche Stimmung für die Familie dahin. Eingeschüchtert sind sie. An Schlaf oder Ausgehen ist nicht mehr zu denken. Was mögen diese Menschen fühlen, allein in diesem Haus. Mit Sicherheit fühlen sie sich entsetzlich schutzlos.

Wer würde sich da nicht fürchten, allein schon vor der schieren Überzahl? Dass diese Menschen ihr Gesicht nicht zeigen, verschärft die Furcht mit Sicherheit noch.

Die Polizei schreitet ein. Medien sprechen von einem „Großeinsatz“. Das ist auch das Mindeste, was ich bei solch einer Aktion erwarten würde.

Die Familie, die diese Erfahrung machen musste, ist die Familie eines niedersächsischen Polizisten. Übrigens ein Staatsschutzbeamter.

 

Die Polizeigewerkschaften melden sich zu Wort, verurteilen diesen Vorfall. Natürlich auch polizeifreundliche Initiativen wie „Solidarität mit den Beamten der Davidwache“ und „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“, also wir. Wir mit einer Stunde Verspätung, weil ich das erstmal für mich verdauen musste. Durch den Verein entstanden Freundschaften zu Polizistinnen und Polizisten. Ich kenne teilweise ihre Familien und ich weiß, wie sie zu ihren Familien stehen. Würde der Familie eines mir bekannten Polizisten so etwas zustoßen, würde es mir das Herz brechen. Da ich von emotionalisierten Schnellschuss-Statements immer weniger halte, je älter ich werde, habe ich mir erstmal eine Weile genommen.

 

24 Stunden später meldet sich der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius als Dienstherr des betroffenen Polizeibeamten zu Wort. „Wenn der Name und die Adresse dieses Beamten aus Hitzacker auf einschlägigen Seiten der linksautonomen Szene veröffentlicht werden und er dann zuhause mit seiner Familie Opfer einer solchen Bedrohungslage wird, können wir das nicht hinnehmen und müssen reagieren.“

 

48 Stunden später äußert sich Lorenz Caffier, der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, in einer Pressemitteilung. „Linke Gewalt darf nicht mehr verharmlost und von Teilen des politischen Spektrums in Deutschland insgeheim noch entschuldigt werden, sonst werden solche Auswüchse eines Tages zur Gefahr für das staatliche Gewaltmonopol.“

 

Ansonsten – nichts!

 

I am not amused.

 

Wir leben in einer Zeit, in der Polizisten gekennzeichnet werden sollen, und teilweise schon sind, damit sich das polizeiliche Gegenüber gegen „Polizeigewalt“ wehren kann. Jeder Fall von gefühlter oder tatsächlicher übertriebener Gewaltanwendung durch Polizeibeamte wirbelt medialen und politischen Staub auf in der Größenordnung der Wolke über dem Pinatubo unmittelbar nach seinem Ausbruch. Die laut PKS 2017 im Schnitt 204 gewalttätigen Übergriffe auf Polizeibeamte am Tag hingegen sind eine Meldung unter „ferner liefen“. Die Einführung der Body-Cam, die ja nun sehr hilfreich ist bei der Beurteilung, wer denn bei einer Eskalation angefangen hat, brachte eine Menge Datenschützer auf die Palme und sie ist immer noch nicht in jedem Bundesland vorhanden.

Es wird alles dafür getan, uns Bürger vor unseren Polizeibeamten zu schützen – und umgekehrt?

 

Diese Bürger in Uniform halten für uns den Kopf hin, ihr Dienst an uns als Gesellschaft sorgt dafür, dass sich das Recht des Stärkeren nicht gesamtgesellschaftlich durchsetzt. Sie gehen jeden verdammten Tag raus auf die Straße, lassen sich bepöbeln, beschimpfen, anspucken und angreifen, um da aufzuräumen, wo elterliche Erziehung gepaart mit einem zu Tode gesparten Bildungssystem und einer zu Tode gesparten Justiz versagen. Nicht, dass die Polizei nicht zu Tode gespart worden wäre…

Die meisten Polizistinnen und Polizisten, die ich kennenlernen und bei ihren Schichten begleiten durfte, tun das nach wie vor hochmotiviert und gerne. Sie tun das für eine Besoldung, die im Vergleich zu dem Geld, das man anderswo bekommen würde, nicht gerade überzeugend ist.

Es gibt ein Schema zur Messung der Bezahlungsgerechtigkeit, das Genfer Schema. Die vier Kategorien, nach denen gemessen wird, lauten

  • geistige Anforderungen (Fachkenntnisse, Nachdenken)
  • körperliche Anforderungen (Geschick, Muskelbelastung, Nerven- und Sinnesbelastung)
  • Verantwortung (beispielsweise für Betriebsmittel, Sicherheit und Gesundheit anderer)
  • Arbeitsbedingungen (Temperaturen, Nässe, Schmutz, etc.).

Je stärker eine Anforderung / Belastung ist, desto besser sollte die Tätigkeit bezahlt werden. Da fängt man schon an, sich Fragen zu stellen, wieso ein Polizist deutlich weniger verdient als ein Vorstandsmitglied eines deutschen Großunternehmens. Doch zurück zum aktuellen Vorfall in Niedersachsen.

 

Das Schweigen im Walde von unseren Regierenden wurde nämlich sehr schön ausgeglichen durch eine Verlautbarung der Initiative, die hinter dem Aufmarsch vor dem Haus des Polizisten steht. In einer geradezu halsbrecherischen Täter-Opfer-Umkehr teilen sie mit, dass es sich eigentlich nur um ein harmloses „Straßenkonzert“ vor dem Haus eines „übermotivierten Staatsschutzbeamten“ gehandelt habe, in dessen Nachgang man Opfer von „Polizeigewalt“ geworden sei.

Ja, nee, ist klar!

 

Und auch dazu hat niemand etwas zu sagen, der in diesem Land etwas zu sagen hat? Wie sich da Leute anmaßen, angebliches polizeiliches Fehlverhalten mal so ganz nebenbei in Eigenregie zu ahnden??? Und ich dachte bislang immer, man schreibt, wenn man an einer polizeilichen Maßnahme etwas zu meckern hat, eine Dienstaufsichtsbeschwerde oder erstattet bei Strafbarkeit Anzeige bei einer Staatsanwaltschaft. Ich hatte ja keine Ahnung, dass das offensichtlich vollkommen veraltete Vorstellungen sind, denen ich da aufsitze…

 

Auf Facebook entblödete sich bereits gestern Abend ein mittlerweile von mir blockierter, weil keiner sachlichen Auseinandersetzung fähiger, Nutzer nicht, zu schreiben, er verstünde das Problem nicht, wenn ein „Nazibulle“, wofür die „Ostgebiete“ Deutschlands ja bekannt seien, mal ein bisschen Gegenwind bekäme.

Ach so. Ja, dann. Ich meine, gut, Niedersachsen gehörte schon immer zu Westdeutschland, aber wen interessiert das schon, wenn man begründen möchte, warum die Angehörigen eines Polizisten verdienen, was sie bekommen haben? Da wird dann eben mal ein bisschen die Geschichte geklittert und gen neue Bundesländer herumverallgemeinert. Vermutlich sind es auch diese mangelnden Geschichtskenntnisse, die verantwortlich dafür sind, dass ich durch diesen Vorfall von dem ernstlichen Gedanken geheilt wurde, in dieser Republik hätte seit 1945 die Praxis, Angehörige für unliebsame Taten eines Familienmitgliedes leiden zu lassen, keinen Platz mehr. So kann man sich irren.

 

Solche obskuren Gedanken einer totalen Fehlinterpretation einer demokratisch legitimierten und rechtsstaatlich verfassten Polizei wird es immer geben, sobald diese es wagt, die eigenen Kreise zu stören und Grenzen zu setzen. Die Dreistigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der diese Ideen mittlerweile geäußert werden, hat aber sehr viel damit zu tun, dass kaum jemand widerspricht.

 

Ich erwarte von meinen Regierenden bis hin zur Bundeskanzlerin und zum Bundespräsidenten klare Worte des Rückhalts. An diesen Polizeibeamten, an seine Familie und an alle anderen Polizistinnen und Polizisten dieser Republik ebenfalls. Und auch andere Innenminister und –senatoren dürfen ihren beiden Kollegen aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern gern unterstützen. Ziemlich zügig, bevor noch mehr Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird und irgendwann die halbe Republik ernsthaft glaubt, der Mann habe es irgendwie schon verdient. In völliger Verkennung der Tatsache, dass dieser Polizist nach allem, was wir wissen, einfach seine Arbeit getan hat und dass es hier Angehörige des Mannes getroffen hat.

 

Wann, wenn nicht jetzt, sollen solche Worte denn mal kommen?

 

Meinen Rückhalt habt Ihr jedenfalls, liebe Polizisten und Polizisten, und den eines kleinen Vereins von Bürgern für Polizeibeamte. Auch, wenn Ihr Euch davon leider aktuell nichts kaufen könnt…

 

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Nächtliches Twittern in Frankenthal

Ende Januar durfte ich wieder bei der PI Frankenthal mitfahren. „Meine“ Streife bestand aus Jasmin, mit der ich schon einmal eine Spätschicht gefahren war, sowie ihrem neuen Streifenpartner Felix.

 

Seit einigen Wochen leide ich an einer Schreibhemmung, deswegen habe ich entschieden, meine Twitterbegleitung in den Artikel zu übertragen. Vielleicht für jene Leser mal ganz spannend, die kein Twitter haben.

 

Wieder darf ich eine #Nachtschicht bei der #Polizei #Frankenthal mitfahren. Auf dem Weg zum ersten Einsatz. @polizei_FT #polizeilive

 

Die Raute nennt sich Hashtag und dient als eine Art Markierung. Sucht bspw. jemand auf Twitter alle Tweets zum Thema „Polizei“, so wird ihm mein Tweet unter vielen anderen ausgeworfen. Ebenso verhält es sich mit #Frankenthal. #polizeilive ist mein persönlicher Hashtag, mit dem ich anzeige, dass ich live aus einem Streifenwagen twittere. Vielleicht setzt sich das ja mal durch. ;-)

Mit @polizei_FT spreche ich den Account der Polizei Frankenthal an, damit sie dort wissen, was über sie durch den Äther rauscht.

 

Nun geht es aber richtig los:

1. Einsatz: #Handbremse vergessen. #Auto parkte sich selbstständig um und schmiegte sich liebevoll zwischen #Hauswand und weiteres #Auto. Alle Beteiligten freundlich. #polizeilive @polizei_FT

2. Einsatz: Der #Fahrer eines Motorrollers (15) erarbeitete sich eine #Kontrolle, weil er auffällig schnell durch die #Zone 30 düste… #Eltern freuten sich, ihren #Spross abzuholen. #polizeilive @polizei_FT

Man muss dazu sagen, dass er tatsächlich dem Streifenwagen, den er nicht bemerkte, buchstäblich davonfuhr – bis Jasmin mit Blaulicht beschleunigte und der junge Herr gestoppt wurde.

Ergänzend möchte ich dazu bemerken, dass wir eigentlich auf dem Weg in die Dienststelle waren, wo mein Abendessen auf mich wartete. An dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Dank an den Dienstgruppenleiter dafür, es in den warmen Ofen zu stellen. Das Prozedere mit dem jungen Mann dauerte nämlich länger.

Um eine Weiterfahrt zu verhindern, wollten Jasmin und Felix das Versicherungskennzeichen abschrauben. Allerdings waren die Schrauben rostig und das Ding ließ sich einfach nicht lösen. Eine weitere Streife brachte sogar nochmal Werkzeug vorbei.

 

Das (dank DGL) noch warme Essen hatte ich gerade drin, als ein Notruf reinkam:

#Blaulichtfahrt. Nach #Notruf #Verdacht auf #häusliche #Gewalt. Waren lediglich #Streitigkeiten, bei Eintreffen der #Polizei bereits beigelegt. #polizeilive @polizei_FT

 

Wir fuhren mit zwei Streifen an. Natürlich befand sich der Einsatzort recht weit oben im Haus. (In Polizeikreisen wird das oberste Stockwerk auch gern als „Schutzmannparterre“ bezeichnet.)

 

Wo wir schon einmal unterwegs waren, fuhren wir eine Runde Streife – wo unser Blick auf einen Wagen fiel, der just einen Parkplatz verließ, als wir auf selbigem eintrafen. Das erregte natürlich Jasmins und Felix Aufmerksamkeit.

#Kontrolle eines #Fahrzeuges wegen auffälliger #Fahrweise – nur ein #Jäger auf der #Suche nach jagdbarem #Wild. #polizeilive @polizei_FT

Natürlich kontrollierten meine Begleiter auch gleich seine Waffenbesitzkarten. Auch da war alles in Ordnung.

 

Der nächste Einsatz kam über Funk rein:

#Einsatz im #Krankenhaus, wo eine #Verletzung durch #Spiegelabtreten behandelt wurde. Im #Anschluss nettes #Kurzgespräch mit noch netteren #Rettungssanitätern. #polizeilive @polizei_FT

Tatsächlich hatte sich ein junger Mann selbst verletzt, nachdem er eine Reihe Spiegel abgetreten hatte. Den Grund für die Verletzung gab er im Krankenhaus bekannt, woraufhin die Polizei gerufen wurde.

Alkohol und andere bewusstseinseintrübende Substanzen sind und bleiben einfach nicht gut für’s Denkfach…

 

Wieder auf der Straße ging es zu Sache:

#Vier #Verkehrskontrollen in #Folge. Bis jetzt zeigten sich alle von ihrer besten #Seite. #Sehr #löblich. #polizeilive @polizei_FT

Anschließend mussten meine Begleiter die Erlebnisse dieser Nacht schon einmal so weit zu Papier bringen… oder besser: in die PCs hacken.

 

Nach dem #Schreiben einiger #Berichte wieder auf #Streife. Als erstes einen verlassenen #PKW im #Feld vorgefunden. #Kurios, aber keine #Feststellungen. #polizeilive @polizei_FT

Und bevor wieder jemand fragt – der abgebildete PKW war es natürlich nicht. Allerdings nehme ich es mit dem Datenschutz sehr genau – genauer als ich müsste. Und außerdem heißt „Fotografie“ so viel wie „Malen mit Licht“. Was schon einen gewissen Hinweis darauf gibt, dass man eine Lichtquelle braucht. Nachts. Mitten im Feld… muss ich noch deutlicher werden, dass das Bild vermutlich nichts geworden wäre?

 

Und wieder eine Verkehrskontrolle:

#Voll #abgefahren. Bei #Reifen grundsätzlich keine gute #Idee. #Bußgeld und ein #Punkt in Flensburg. #polizeilive @polizei_FT

 

#Abschluss mit #Verlängerung. #Unterstützungseinsatz für das #DRK. #Unfreiwillige #Einweisung. Nicht schön. Für keinen. #polizeilive @polizei_FT

Was in diesem Tweet so lapidar zusammengefasst ist, fing an mit einem Notruf einer Frau über die 112. Ihr hochgradig unter einer Psychose leidender Sohn hatte, wohl nicht zum ersten Mal, seine Medikamente eigenmächtig abgesetzt. Ein Zustand, in dem er aggressiv gegen jeden wird. Seine Mutter, Rettungssanitäter und Polizei. Dies ist bei sämtlichen Blaulichtorganisationen auch durchaus bekannt. Entsprechend rief das DRK die Polizei zu Hilfe. Diese kam mit allem, was die Polizei Frankenthal für die Nacht aufbieten konnte.

Mit entsprechend vielen Leuten ging die Polizei zu der Wohnung des besagten jungen Mannes.

Wider Erwarten hielt sich sein Aggressionsniveau in Grenzen, aber er hatte ganz klar einen psychotischen Schub und musste vor sich selbst geschützt werden. Leider wollte er unter keinen Umständen eingewiesen werden, sodass letztlich die Polizei helfen musste. Er wurde u.a. in Handschellen gelegt.

Polizeibeamte fuhren im Rettungswagen mit und Streifenwagen begleiteten den RTW in die entsprechende Klinik.

In der Klinik wehrte der junge Mann sich weiterhin gegen seine Einweisung und zwar so sehr, dass er letztlich erst ein weiteres Mal Handschellen angelegt bekam und dann mit Gurten an ein Bett gefesselt werden musste, um eine Beruhigungsspritze bekommen zu können. Dabei blieb die Polizei anwesend.

 

Ich verzichte auf die Details. Ich kann allerdings allen versichern, dass die Situation für keinen schön war. Sicherlich war sie am hässlichsten für den jungen Mann auf dem Bett, aber auch sonst hatte keiner Spaß dran – weder die Sanitäter, noch der Arzt oder die Pfleger, noch die Polizistinnen und Polizisten. Ich auch nicht. Niemand war blind dafür, dass dieser Mann ernsthaft litt. Allen war aber klar, dass dies die einzige Lösung war. Das jenen, die ebenso hartnäckig wie falsch im Internet behaupten, die Polizei würde leichtfertig jeden einweisen, der ihre Kreise stört. Abgesehen davon, dass sie das gar nicht darf, weil derartige Entscheidungen an klare gesetzliche Vorgaben gebunden sind (in RLP das Landesgesetz für psychisch kranke Personen (PsychKG), zudem muss, wo vorhanden, der kommunale Vollzugsdienst das anordnen) und die letzte Entscheidung sowieso bei einem Arzt liegt.

Jedenfalls waren alle froh, dass dieser Einsatz vorbei war – und das nicht nur, weil der Schichtwechsel schon eine gute halbe Stunde verstrichen war.

 

Danke an die Polizei Frankenthal, besonders Jasmin und Felix für den tollen Empfang. Ihr wart mal wieder klasse! Oder, wie ich auf Twitter schon sagte:

#Danke, liebe #Polizei #Frankenthal. Ich bin mal wieder #begeistert. Ihr wart #klasse. #Nachtschicht #polizeilive #gutearbeit #ihrmachttollearbeit #ihrseidklasse @polizei_FT

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Eiskalt – mit der Bundespolizei im Einsatz

Doch, wir hatten schon recht früh einen ersten Winter in Rheinland-Pfalz. Anfang Dezember. Ich weiß das zufällig so genau, weil ich in der Nacht die Bundespolizei im Einsatz begleiten durfte.

 

Da ich in der Rheinschiene lebe, werde ich gelegentlich mal von Schnee überrascht – so auch an diesem Nachmittag, an dem mein Nahverkehrszug sich in die Westpfalz hochschraubte… von schneefreiem Gebiet in eine Gegend mit immer mehr Schnee. Ich gratulierte mir zu meinen wasserfesten Halbschuhen und den standardmäßig im Rucksack befindlichen Handschuhen mit Mütze – und hoffte ansonsten auf warme Streifenwagen. Ich hatte ja keine Ahnung…

 

In der Dienststelle wurde ich zuerst freundlich von Anja, der Pressesprecherin, begrüßt. Ich wunderte mich ein bisschen, dass sie voll uniformiert und bewaffnet war, also so, als würde sie jederzeit in einen Einsatz gehen. Anschließend wurde ich noch einmal freundlich begrüßt, von einer aus Krankheitsgründen schwer reduzierten Dienstgruppe. Neben dem Dienstgruppenleiter versammelten sich im Aufenthaltsraum der Bundespolizeiinspektion Kaiserslautern drei ausgelernte Bundespolizisten und drei Anwärter. Innerlich machte ich mich da schon wieder auf den Weg nach Hause, da ich ja keine Belastung sein will. Aber unsere Polizei regelt das schon.

 

Sven, der Polizist, der sich eigentlich um mich hatte kümmern wollen, wurde mit einem der Anwärter nach Mainz abgeordnet. Da waren es nur noch vier. Und Anja. Und ich…

 

Die erste Hälfte der Nacht verbrachte ich mit Igor, einem erfahrenen Bundespolizisten, und Till, einem Anwärter. Und Anja, die ja auch ausgebildete Polizistin ist.

 

„Wir nehmen einen Zug, fahren bis Homburg und wieder zurück. Und schauen mal, was wir da so finden“, entschied Igor.

Für mich hörte sich das nach einem guten Plan an. Gemeint war übrigens Homburg an der Saar im Saarland, für jene Leserinnen und Leser, die sich in der Westpfalz und ihren Anrainern nicht so gut auskennen. Da ich selbst dort noch nie gewesen war, war der neugierige Teil in mir durchaus erfreut. Obwohl mir natürlich klar war, dass ich viel mehr als den Bahnhof nicht zu sehen bekommen würde. Aber auch sonst hatte ich ja keine Ahnung…

Ich bekam eine Weste mit dem Aufdruck „POLIZEI“, damit klar war, zu wem ich gehöre, und los ging es. Noch zu fünft, am Bahnhof selbst zeigten Siggi und Martin Polizeipräsenz.

Entsprechend blieben sie zurück, während wir den Bahnsteig zum Zug nach Homburg erklommen. Dort pfiff ein ganz schön kalter Wind.

 

 

„Wir werden weniger von der Einsatzlage getrieben als die Landespolizei. Schwerpunkte unserer Arbeit liegen auch im Bereich der Fahndung“, erklärte Igor mir und unterbrach damit meine Überlegungen, ob es wohl lohnen würde, die Mütze aus dem Rucksack zu kramen. Ein empfindlich kalter Wind strich über den Bahnsteig.

Der Zug fuhr ein. Jetzt verstand ich auch, was Igor damit meinte, sich selbst Arbeit zu suchen. Schon mit der Einfahrt des Zuges begann er, den Bahnsteig entlang zu gehen, den Blick dabei in den Zug gerichtet. Im Verlauf der Nacht sollte sein Auge für jene Mitbürger, bei denen es sich lohnt, mal genauer hinzusehen, mir noch echte Bewunderung abringen.

Zuerst einmal war ich froh, in den ein wenig miefigen, aber sehr schön warmen, Zug zu kommen.

Wir stiegen ein und gingen nach und nach durch den Zug. Eine stichprobenartige Kontrolle hier, eine Kontrolle da. Das Ganze begleitet von interessierten Blicken der Fahrgäste.

Plötzlich richtete sich Igors Aufmerksamkeit auf eine minimal derangiert wirkende Frau, die sichtlich nicht ganz Herrin ihrer Sinne war, und von einem Mann an die Zugtür begleitet wurde. Dabei hatte er auch seine Hand auf ihrem Hintern. Insgesamt wirkte das Ganze recht vertraut.

Entsprechend überraschend war für mich die Reaktion des Herrn auf Igors Ansprache. Er sagte: „Das ist nur eine Kollegin. Wir kommen von einer Weihnachtsfeier.“

Aha?

„Die wird in X-stadt abgeholt.“

X-stadt, ein Bahnhof zwischen Kaiserslautern und Homburg/Saar. Der Zug stoppte. Tatsächlich machte der Mann ernsthafte Anstalten, die halb besinnungslose Frau sich selbst zu überlassen.

„Meine“ Bundespolizisten schritten ein und nahmen sich der Dame an. Sie konnte sich kaum aufrecht halten. Von Igors Fragen zeigte sie sich unbegeistert. Er wollte wissen, in wie weit sie orientiert war, indem er erfragte, ob sie wusste, wo sie war und wie sie hieß. Vielleicht merkte sie durchaus, dass sie gerade nicht das beste Bild abgab und ihr war das alles peinlich.

Auf dem Bahnsteig war es noch kälter als in Kaiserslautern.

Immerhin wusste sie ihren Namen. Und wusste, dass ihr Mann sie abholen wollte. Seinen Namen konnte sie auch nennen und ihre Papiere vorzeigen. Nur das Laufen gestaltete sich problematisch. Sie musste von Till und Anja gestützt werden, um nicht ins Gleisbett zu torkeln.

 

„Wir können sie nicht sich selbst überlassen“, erklärte mir Igor.

Der Weg vor den Bahnhof dauerte entsprechend der motorischen Restfähigkeiten der Dame ein wenig länger.

Tatsächlich stand ein Wagen vorm Bahnhof. Örtliches Kennzeichen, dann zwei Buchstaben, die die Initialen des Ehemannes bildeten. Zum Glück war er es wirklich. Natürlich überprüften Igor und Till erst seine Papiere, bevor sie ihm die Dame mitgaben.

Er war sichtlich angefressen vom Zustand seiner Frau. Ich persönlich war auch angefressen – davon, dass er sich nicht einmal zum Bahnsteig bemüht hatte. Mein Mann tut das.

Nun hieß es warten auf den nächsten Zug. Ich nahm mir doch die Zeit, meine Mütze rauszukramen. Dabei erklärte mir Igor die strikte Trennung der Zuständigkeiten zwischen Landes- und Bundespolizei. Ich habe nicht alles behalten, aber die Quintessenz für mich war, dass die Zuständigkeiten von Landes- und Bundespolizei klar gesetzlich geregelt und vorgegeben sind. Da würde es mich freuen, wenn häufiger das Gespräch gesucht würde, um das gegenseitige Verständnis zu erhöhen. Letztlich kämpfen alle Polizeien für das Gleiche und unter den gleichen schwierigen Umständen.

„Wir können uns per Eilzuständigkeit eines Falles annehmen. Aber es gibt bestimmte Delikte wie Drogen- und Waffendelikte, die wir nicht übernehmen dürfen. Da müssen wir die Bearbeitung an die Landespolizei weitergeben.“

Endlich kam der Zug zurück nach Kaiserslautern. Von dort unternahmen wir einen weiteren Versuch, nach Homburg an der Saar zu gelangen. Dieses Mal kamen wir bis Landstuhl, von dort ging es mit der letzten Bahn zurück nach Kaiserslautern.

Insgesamt förderte Igor bei seinen Befragungen ein illegales Messer, einen illegalen Böller Marke Eigenbau und diverse Betäubungsmittel zu Tage.

 

In Landstuhl landeten wir übrigens zwischen, weil ein junger Mann Cannabis bei sich hatte und auch konsumiert hatte.

Die Bearbeitung des Falles fand in der Polizeiinspektion Landstuhl (Polizei Rheinland-Pfalz) statt. Irgendwie fühlte es sich für mich eigentümlich an, eine Dienststelle „meiner“ Polizei zu betreten, ohne dort den Achslastbeschwerer zu geben.

PI Landstuhl

 

Übrigens haben sich Landespolizei Rheinland-Pfalz und Bundespolizei für das Gebiet von Rheinland-Pfalz auf gemeinsame, vereinfachte Formulare geeinigt, um die Abwicklung solcher Fälle reibungsloser zu gestalten.

Während Igor noch mit der Befragung des jungen Mannes befasst war, standen plötzlich zwei Polizisten der örtlichen PI im Raum. Ich war so fasziniert von dem Vorgang, dass mir erst nach einiger Zeit der Groschen fiel.

Freudige Begrüßung.

Einer der jungen Herren war mal in Ludwigshafen mein Streifenpartner gewesen.

Breites Lächeln bei Igor.

Und ich gewann eine Nachtschichtbegleitung in Landstuhl.

 

Wieder in Kaiserslautern fuhren keine Züge mehr. Was nicht hieß, dass meinen Begleitern die Arbeit ausging. Während sich Igor und Till schon einmal ihren Berichten widmeten, gingen Siggi, Martin, Anja und ich auf Fußstreife. Einmal unter dem Bahnhof durch, dann vor der Disko „Nachtschicht“, die ich ja schon während zweier Nachtschichten bei der Landespolizei kennen lernen durfte. Allerdings richteten meine Begleiter den Blick auf die Gleise und die Bahnanlagen hinter der Disko.

Hatte ich bis hierher wenigstens ab und zu in einem warmen Zug auftauen können, war damit jetzt Schluss.

Zurück im Bahnhof galt es, Präsenz zu zeigen. Für mich interessant, wie viel in so einem Bahnhof um eine derartige Uhrzeit noch los ist. Junge Leute, die ihr Handy aufluden. Viele Diskogänger, die auf ihre Züge nach Hause warteten.

 

Siggi zeigte mir zwischendurch die Leitstelle (zum Auftauen), dann bat er Martin, den Bulli für eine Autostreife freizumachen. Ich half Martin und nutzte die Gelegenheit für ein Shooting mit dem Thema „schneebedecktes Polizeiauto“.

Wir fuhren über ein Bahngelände. Ich gebe an dieser Stelle zu, dass ich es auch deswegen spannend finde, die Polizei zu begleiten, weil man auch so viele andere Einblicke bekommt. Anschließend ging es weiter zu einem anderen Gelände der Bahn. Auf dem Weg dahin passierten wir zwei junge Herren, die Siggi verdächtig vorkamen. Er hielt an.

Und siehe, sie hatten Sprayerausrüstung dabei. Also ins Auto mit ihnen und ab zur Dienststelle.

Letztlich hieß das, dass wir auf dem zweiten Bahngelände nach den Werken der Sprayer suchten.

„Pass bloß auf Dich auch. Immer genau in alle Richtungen gucken, damit man nicht von einem Zug überfahren wird.“

Mit dieser Warnung im Kopf hielt ich mich an Siggi.

Sehr spannend, nachts zwischen stehenden Zügen herumzulaufen. Aber auch verdammt kalt. ;-)

 

Zum Abschluss starteten wir noch zu einer Fußstreife an den Bahnhof. Schon, als wir vor die Dienststelle traten, sprach uns ein junger Mann an:

„Beeilen Sie sich, da schlagen sich welche.“

Wir rannten los. Natürlich kam ich als Letzte an. Ein Mann lag auf dem Boden, kam gerade zu Bewusstsein.

Die Schlägerei selbst war schon vorbei, der Schläger nicht vor Ort.

Meine Begleiter nahmen auf, was aufzunehmen war.

 

Schon kamen auch Sven und sein Begleiter aus Mainz zurück. Eine interessante Nacht war schnell umgegangen. Da die Zugverbindungen aus der Westpfalz zu mir nach Hause nicht ganz so toll sind, musste ich noch eine Weile in Kaiserslautern ausharren. Netterweise leistete Sven mir dabei Gesellschaft. Wir begannen mit einem kleinen Abschiedsfotoshooting vor einem schicken Bundespolizei-BMW. Da Sven mittlerweile wieder in zivil war, brachte uns das einen höchst misstrauischen Blick einer passierenden Streife der Landespolizei ein. Sehr gut! Passt aufeinander auf!

Danke an die Bundespolizeiinspektion Kaiserslautern für diese ganzen spannenden Eindrücke und den herzlichen Empfang! Ihr seid klasse!

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Unbekannte Türen – Nachtschicht in Ludwigshafen

„In meinem Beruf schaut man hinter Türen, von denen die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass es sie gibt“, sagte vor einigen Monaten ein ehemaliger Polizist zu mir.

An ihn muss ich sehr oft denken, bei meinen Schichtbegleitungen. Bei einer Schichtbegleitung in Ludwigshafen im letzten Januar kam er aus meinen Gedanken gar nicht mehr raus.

 

Dabei begann es eigentlich sehr lustig. Im Regelfall frage ich nämlich die Damen und Herren, deren Achslastbeschwerer ich für die Nacht sein darf, sofort, wie ich sie in meinem Artikel dazu nennen soll. Die Betroffenen sollen sich ja damit wohl fühlen, bisher entschieden sich die Beteiligten entweder für ihre Klarnamen, ihre Spitznamen oder eben Initialen. „Mein“ erstes Streifenteam , Timo und Tom, platzte auf meine Frage dazu heraus: „Supercop 1 und Supercop 2.“

Danach arbeiteten wir eine Menge Einsätze ab – also um genau zu sein, arbeiteten die anderen, ich schaue ja nur zu – um zuguterletzt einen traurigen Höhepunkt zu erleben.

 

Springen wir also direkt zum letzten Einsatz der Nacht, als wir (Supercop 1 und 2 und ich) gegen vier Uhr morgens zu einem Krankenhaus gerufen wurden. Die drei „Damen“, die die Polizei alarmiert hatten, wollten ihren Großvater in ein anderes Krankenhaus verlegen lassen. Sie warfen dem behandelnden Arzt vor, den alten Herrn nicht richtig zu behandeln und hatten auch schon in einem anderen Krankenhaus ein Bett für ihn gebucht. Einziges Problem: Der Arzt im Ludwigshafener Krankenhaus wollte den Großvater nicht in das andere Krankenhaus lassen.

Das hörte sich insgesamt gruselig an. Allerdings fragte ich mich, wie die Polizei das lösen sollte. Ich denke, man merkt, dass ich unsere Polizistinnen und Polizisten ganz überwiegend für sehr kompetent halte. Aber um solche Dinge beurteilen zu können, braucht man nun mal eine medizinische Ausbildung.

„Wir gehen mal rein und reden mit dem Arzt.“

Gute Idee!

Ich folgte meinen beiden Herren ins Krankenhaus.

 

„Gut, dass sie da sind.“

Der Arzt, der uns entgegen kam, wirkte auf mich nach diesen Worten nun nicht gerade wie jemand, der sich einer Freiheitsberaubung schuldig macht.

Hmmm…

Seine Version der Geschichte war eine ganz andere: Die drei jungen Damen hatten im Foyer des Krankenhauses herumrandaliert, weil sie nicht akzeptieren wollten, dass der Mann im Sterben läge.
„Ich kann den Herrn nicht verlegen. Das wäre in seinem jetzigen Zustand nicht menschenwürdig. Jetzt kann man ihn nur noch in Würde gehen lassen.“

Darüber hinaus bat er meine Begleiter, den jungen Frauen einen Platzverweis zu erteilen.
„Ich habe nicht von mir aus die Polizei gerufen, weil ich irgendwo verstehen kann, dass die an ihrem Opa hängen. Aber wo Sie schon mal da sind…“

Nachvollziehbar. Herumrandalieren in einem Krankenhaus geht gar nicht! Der Mann hat Verantwortung für kranke und sterbende Menschen.

Also ging mein Streifenteam wieder nach draußen, um den drei jungen Frauen den Platzverweis zu erteilen.

 

Erwartungsgemäß gestaltete dies sich nicht einfach und auch nicht ohne jede Menge Schreierei. Die Drei waren auch nicht in der Lage zu verstehen, dass die beiden Beamten keine Gesundheitsgutachten erstellen können und dass der Arzt Hausrecht hat und sie dieses im Zweifel durchsetzen müssen.

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch durchaus in der Lage, die emotionale Situation der drei jungen Frauen nachzuvollziehen. Der Tod ist auch nicht gerade mein bester Freund, allerdings gehört er nun mal zum Leben dazu. Wir müssen mit ihm leben, ob wir das wollen oder nicht. Ich spare meine Kräfte lieber auf, um mich gegen Dinge zu stemmen, die ich tatsächlich verändern kann.

Selbstverständlich reichte mein Verständnis nicht so weit, dass ich Randale in einem Hospital entschuldigen würde, aber wären sie jetzt einfach gegangen, wären sie mir trotz dieser Entgleisung nicht unsympathisch gewesen.

Das änderte sich schlagartig, als zwei der jungen Frauen das Krankenhausgelände verließen, die Dritte sich aber beharrlich weigerte. Also berührte einer meiner Herren sie an der Schulter, um sie zum Gehen zu bewegen.

 

Im Internet kursiert ein Video aus Frankreich. Ein Polizist drückt einen Luftballon weg, den eine Demonstrantin ihm einige Male auf den Helm klopft. Unglückerweise platzt der Ballon. Die Frau bricht laut kreischend zusammen. Das Video kursiert ernstlich unter dem Titel „Polizeigewalt“.

 

So ähnlich muss man sich vorstellen, was sich vor meinen Augen abspielte. Ich zog schon mein Handy aus der Tasche und überlegte ernstlich, die Situation mitzufilmen, um im Zweifel für meinen Begleiter aussagen zu können.

„Sie haben mich angefasst. Sie dürfen mich nicht anfassen.“

Und ob er das durfte.

 

Bevor er nun endgültig die „Dame“ vom Krankenhausgelände begleitete, kamen drei weitere Verwandte des Mannes vor das Eingangsportal. Offensichtlich hatte man das Theater bis ins Sterbezimmer vernommen.

Sie bestätigten, dass der alte Herr im Sterben läge und im Kreise seiner Familie sei. Es könne nicht die Rede davon sein, dass er dort festgehalten würde.

Eine der Frauen entschuldigte sich bei den Polizisten für den Auftritt der jungen Frauen.

Immerhin!

Symbolfoto: andere Einsatzörtlichkeit

Nur wenige Tage nach dieser Nachtschicht starb ein Freund von mir. Ich bin sehr froh, dass man ihn in Ruhe gehen ließ und nicht so ein Affentheater veranstaltet wurde.

 

 

Eine Tür zu einem weiteren menschlichen Abgrund öffnete sich nur halb. Eine junge Frau, schwer betrunken, hatte ihrer Schwester ihren Suizid angekündigt. Diese hatte, richtigerweise, die 112 betätigt. Ein Rettungswagen war vor Ort – nur wollte die Frau sich nicht retten lassen. Offensichtlich wurden die Rettungssanitäter in der Wohnung im zweiten Stock übel beschimpft, anstatt dass die „Dame“ in den Rettungswagen stieg.

Diese konnten sie aber auch nicht ihrem Schicksal überlassen, denn nach einer solchen Ankündigung muss eine Einweisung erfolgen. Entsprechend wurde die Polizei hinzugerufen.

Ich ahnte Schlimmes, doch es kam alles ganz anders.

„Du bist süß!“ flötete die Suizidentin im Angesicht eines meiner beiden Begleiter. Und sprang anstandslos aus dem Bett, um in den Rettungswagen zu steigen.

Ich gebe zu, dass es mich rührte, als sie auf der Treppe nach unten meine Hand nahm.

Darf ich das überhaupt?

Ich entschied, dass mir das an dieser Stelle einfach mal egal war. Sie wollte es so und wenn es „meinen“ Blaulichtern den Einsatz einfacher gemacht hat, dann ist das doch meine leichteste Übung.

Ich hoffe, sie hat sich das mit dem Suizid noch mal anders überlegt. Und lässt die Finger vom Alkohol.

 

 

„Fahrt mal zu einer Ruhestörung in die X-Straße.“

Ja, es war eine Ruhestörung. Aber in einer Wohnung, die man sich nicht vorstellen kann, wenn man es nicht gesehen hat. Äußerst spärlich möbliert, ein extrem verdreckter Teppich, eine Luft zum Schneiden – und ein Kühlschrank, der zu meiner persönlichen Erbauung mit Nettigkeiten wie „ACAB“ und „FUCK COPS“ beschmiert war. Dafür muss man ein ganz schönes Sendungsbewusstsein haben – ich bemühe mich ja immer, dass meine Pro-Polizei-Devotionalien auf mein Arbeitszimmer beschränkt bleiben. Selbstverständlich durften auch harter Alkohol und Kippen nicht fehlen.

In der Wohnung gleich zwei Minderjährige.

Einer wurde vor Ort abgeholt, den anderen fuhren wir nach Hause.

 

 

„Nachbarschaftsstreitigkeiten.“

Eine Dame, die ich übrigens schon von einer anderen Schichtbegleitung kannte, hatte sich mit ihrem Nachbarn gegenüber angelegt. Auch diese Situation kannte ich aus der anderen Schichtbegleitung. Der Grund war allerdings neu:

„Der Hund stinkt!“

Über manche Gründe dafür, die Polizei zu rufen, kann man sich wirklich nur wundern.

 

 

Bliebe noch der junge Mann zu erwähnen, der mit einigen Freunden am Rheinufer einer Personenkontrolle unterzogen wurde. Der uns in ziemlich überheblichen Tonfall erzählte, dass er Alkohol nicht anrühren würde. Das sei nicht anständig.

Er war übrigens der einzige aus der ganzen Gruppe, gegen den schon polizeiliche Erkenntnisse vorlagen. Straftaten scheinen also eher weniger mit seiner Vorstellung von Anstand zu kollidieren.

 

 

Im Laufe der Nacht gab es noch weitere Personenkontrollen: Eine vor einer Berufsschule, weil es dort mehrfach zu Sachbeschädigungen gekommen war, eine vor einer Kirche aus demselben Grund.

 

Danke an Timo, Tom, Jens und Sabrina. Es war mal wieder eine spannende und erkenntnisreiche Nacht für mich. Ihr seid klasse!

 

Ich komme immer wieder sehr gern nach Ludwigshafen 1.

 

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Warum greift die Polizei hier nicht mal ordentlich durch?

Der Polizist neben mir und ich tauschten einen Blick. Innerlich atmete ich einige Male tief durch. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Ehrlichkeit mit schlechtem Betragen verwechseln. Wenn ich meine Meinung nicht sagen kann, ohne anderen gleich verbal an die Wäsche zu gehen, dann schweige ich lieber.

Ich pumpte aktuell nicht wenig Adrenalin. Ich hatte keinerlei Ahnung, wie die Sachlage, die eine Dame gerade auf diese „nette“ Weise beurteilte, ausgehen würde. Genau deswegen war mir reichlich unwohl. Angst ist kein gute Grundlage für rationale Erklärungen. Deswegen war ich froh, dass der junge Mann neben mir das Wort ergriff und die Dame aufklärte, die uns diese „nette“ Frage um die Ohren geschlagen hatte.

 

*

 

„Nimm alles mit, wir räumen den Wagen schon mal aus“, hatte Maurice zu mir gesagt. Ich hielt mich gerade im Wachraum der Polizeiinspektion Mainz 1 auf und überlegte, ob ich leichtsinnigerweise doch mal wieder einen vorzeitigen Abgang einleiten sollte. Immerhin hatte ich noch fast zwei Stunden Fahrt vor und noch mehr „Solidarisches Frieren mit unserer Polizei“ (Verkehrskontrolle mit Maurice, Jonas und vier Bereitschaftspolizisten an einem kalten Dezemberabend) hinter mir. Ich taute nur langsam auf und es war schon recht spät.

 

Auch vor dem Verharren an der Kontrollstelle war die Spätschichtbegleitung vergleichsweise ruhig gewesen. Nach einer Unfallaufnahme passierten wir auf dem Rückweg in die Dienststelle einen Bus, dessen Fahrer meinte, den Berufsverkehr an einem Freitagnachmittag blockieren zu müssen. Seine Begründung: Es habe beinahe einen Unfall gegeben. Die Polizei sollte den Beinaheunfallverursacher nun die Konsequenzen seines Handelns spüren lassen.

Aha?

Wir erinnern uns – es hatte keinen Unfall gegeben. Vor dem Hintergrund war seine Blockadeaktion natürlich eine Überreaktion. Zwar passt er damit gut in den Zeitgeist, gefährdete aber wiederum andere Verkehrsteilnehmer. Er kassierte einen Platzverweis und war sichtlich überrascht, dass nicht immer nur die anderen Leute Fehler machen.

 

Würden auch die letzten Minuten der Schicht so bleiben, wäre es kein Verlust, verschwände ich zeitnah… allerdings hatte ich derartige Entscheidungen schon bereut. Und beendet ist eine Schicht grundsätzlich erst dann, wenn der Dienstgruppenleiter „Schichtende“ ausruft…

 

„Da wollen welche eine Gaststätte nicht verlassen.“

 

Im Laufen zum Streifenwagen ringelte ich mich wieder in die Schussweste.

Wir fuhren mit vier oder fünf Streifenwagen vor der fraglichen Gaststätte vor. Übrigens ein sehr gutes Etablissement, in dem ich als Studentin bereits mehr als einmal verkehrte und auch jederzeit wieder einkehren würde.

 

Der Innenraum war gerammelt voll. Sogar die Terrasse war bis zum letzten Platz besetzt. Zur Erinnerung, es war Anfang Dezember. Vorm Eingang knubbelten sich weitere Gäste – die an einem Türsteher abprallten.

Hätte ich dafür Zeit gehabt, hätte ich mich gefreut, dass eine von mir sehr geschätzte Gaststätte mittlerweile derart gut läuft. Hatte ich aber nicht.

„Ein Junggesellenabschied“, informierte der Türsteher meine Begleiter. „Haben sich dann daneben benommen und wollen jetzt nicht mehr gehen.“

Meine Begleiter drängelten sich in den Innenraum. Schlagartig stiegen Erinnerungen an einen Einsatz in einer Kneipe in Ludwigshafen in mir auf – bei dem zum schlechten Schluss ein Zechpreller zu Boden hatte gebracht werden müssen. Dafür wäre hier kein Platz. Zumindest würde ich in keinem Fall ausweichen können, sollte es so weit kommen.

Hier bin ich nur im Weg – und verstehen werde ich auch nichts…

Also bog ich vor der Tür ab und postierte ich mich auf der Terrasse – vor einem Fenster mit ungebremsten Blick auf den Tisch, an dem die besagten Herren saßen.

Entsprechend konnte ich nichts hören, aber sehen – Maurice schien die Verhandlungen zu führen. Zwei der Herren schienen die Wortführer der Junggesellenabschiedsfeier zu sein, sie wirkten aufgebracht. Einer der beiden sprang auf.

Oha…

Das sah für mich reichlich bedrohlich aus.

Was, wenn die Situation darin kippt?

Vor meinem inneren Auge sah schon ich eine Hundertschaft dieses Etablissement stürmen. Die darauf folgenden Schlagzeilen konnte ich mir ebenfalls lebhaft vorstellen.

Irgendwie bekam ich so langsam das Gefühl, dass, egal was meine Herren darin auch machen würden, es irgendwie falsch enden würde…

Zwar hörte ich nichts vom Gespräch drinnen – dafür umso mehr von den auf der Terrasse geäußerten Expertenmeinungen draußen.

„Die Bullen kriegen es mal wieder so gar nicht hin.“

Ach nein? Was genau weißt du denn, warum sie hier sind und was sie wollen?

Aber wen interessierte das schon? Wir leben schließlich in einer Zeit, in der es als absolut verzichtbar erachtet wird, sich zur Unterfütterung seiner Meinung erstmal mit Faktenwissen zu versorgen…

„Die sind so lächerlich.“

Ich schaltete wieder in den Ignoriermodus. Wenn man einem polizeifreundlichen Verein vorsitzt, kann man nicht jedem Kommentar auf einem derartigen Niveau Aufmerksamkeit schenken…

 

Maurice schaffte es, die Junggesellenrunde dazu zu überreden, Personalausweise auszuhändigen. Zwei der Polizisten kamen aus der Gaststätte. Einer ging zum Streifenwagen, um abzufragen, ob gegen einen der Herren der lustigen Runde etwas vorlag. Sein Kollege blieb bei mir vor der Gaststätte stehen. Ich weiß nicht, ob er hier nur auf seinen Kollegen wartete oder ob sein Job gewesen war, auf mich aufzupassen. Jedenfalls kam es so, dass wir nebeneinander standen, gemeinsam durch die Scheibe starrten und lauthals mit der Frage konfrontiert wurden, die die Überschrift dieses Erlebnisberichtes bildet.

 

„Warum greift die Polizei hier nicht mal ordentlich durch?“

 

Die Sprecherin ließ diese Frage hinter unserem Rücken erschallen. Wir drehten uns zeitgleich um. Eine Frau kam näher.

Nun ja, auf diese Frage würden mir eine ganze Latte Antworten einfallen.

Weil 10 Polizisten gegen 10 Junggesellen ein ziemlich ungünstiges Verhältnis ist.

Weil es zu Solidarisierungseffekten der Umstehenden kommen könnte und das Verhältnis dann noch schlechter wäre. Und ja, die Polizeibeamten waren bewaffnet. Aber kein Polizeigesetz Deutschlands gibt es her, in solch einer Umgebung eine Schusswaffe einsetzen – und das ist auch gut so.

Weil man folgerichtig im Falle eines Falles tatsächlich Verstärkung würde kommen lassen müssen – und weil vermutlich die Besitzer dieser Gaststätte kaum glücklich über das zweifellos folgende Rauschen im Blätterwald sein dürften.

Weil es jede Menge Leute treffen würde, die zum gegebenen Zeitpunkt einfach nur friedlich ihre Freizeit genossen. Selbst wenn sie teilweise ausgesprochen unintelligente Sprüche absonderten, so hatten sie dafür noch lange nicht verdient, unter Umständen auch einen Schlagstock abzubekomen. Zumindest nehme ich an, dass ein „robuster Schlagstockeinsatz“ gemeint ist, wenn Leute fordern, dass die Polizei „mal ordentlich durchgreifen soll“. Gut, ich hätte die Dame fragen können, was sie sich eigentlich genau darunter vorstellt.

 

Letztlich ist aber die genaue Definition von „mal ordentlich durchgreifen“ egal. Denn jeder, der eine solche Polizei fordert, muss sich darüber im Klaren sein, dass diese Polizei dann IMMER ordentlich durchgreift. Nicht nur bei den anderen.

Wir haben auf der Facebook-Seite unseres Vereins eine ganze Menge Leser, die sich für polizeifreundlich halten und bei jeder sich bietenden Gelegenheiten Waffeneinsatz aller Art fordern. „Die müssen einfach mal ordentlich durchgreifen.“

Gleichzeitig ist das Gros genau dieser Leser nicht in der Lage, sich an die einfachsten von uns Seitenadmins aufgestellten Regeln eines respektvollen Miteinanders zu halten. Wie können diese Leute so sicher sein, dass eine Polizei, die „mal ordentlich durchgreift“, dies nicht bei ihnen selbst tun würde?

Was auf die Situation in der Gaststätte übertragen geheißen hätte, dass meine Herren nicht nur die widerspenstigen Junggesellenverabschieder mit ihren Schlagstöcken quer durch den Raum geprügelt hätten, sondern dass auch der Polizist neben mir der Dame mal schnell für ihre unbotmäßige Hinterfragung des laufenden Einsatzes den Schlagstock in die Zähne geschlagen hätte.

Ja, sie hatte „nur mal eben“ gefragt. Aber die Herren in der Kneipe waren auch „nur mal eben“ laut geworden und wollten „nur mal eben“ in Ruhe weiterfeiern. Nicht vergleichbar?

Dann versuchen Sie doch mal, in Russland bei einem Polizeieinsatz der Polizei eine derartige Frage zu stellen. Die Begeisterung darüber, wenn ihnen ihr Job in einer derartigen Weise erklärt wird, dürfte sich da deutlich anders auswirken als hierzulande…

Um nicht missverstanden zu werden. Ich finde durchaus, dass hier auf einige Formen des Fehlverhaltens eine Konsequenz deutlich schneller und vielleicht auch in manchen Fällen härter erfolgen sollte. Das muss nicht unbedingt bei jedem Delikt eine knackige Gefängnisstrafe sein. Aber eine Geldbuße, wenn man Polizisten im Einsatz mit überflüssigen Fragen nervt, wäre aus meiner Sicht schon mal ein guter Anfang. Ich bin durchaus der Ansicht, dass die eine oder andere Strafe durchaus höher ausfallen dürfte und dass Judikative und Legislative da nacharbeiten sollten. Dennoch halte ich unreflektierte Forderungen nach einer Polizei, die hart durchgreift, vielfach für unausgegoren. Ich jedenfalls bin froh, dass unsere Polizei ist, wie sie ist – demokratisch legitimiert und rechtsstaatlich verfasst. Eine Polizei, die man hinterfragen darf.

 

Im Übrigen vergessen auch viele Leute, was es mit Menschen macht, die sehr oft zu ihren Waffen greifen (müssen). Ein Verrohungseffekt tritt ein, der auch die eigene Seele belasten kann. Die meisten Polizistinnen und Polizisten, mit denen ich ins Gespräch komme, haben ihren Beruf gewählt, um anderen Menschen zu helfen. Mir sagte einmal ein Polizist, der für eine gewisse Zeit mit einer ganzen Menge sehr grenzwertiger Menschen konfrontiert war: „Ich merke, dass ich im Umgang mit diesen Leuten selbst zum Arschloch werde. Ich will aber kein Arschloch werden.“

Darüber sollte der eine oder andere nachdenken, bevor er unreflektiert solche Forderungen in die Welt haut.

 

Um es kurz zu machen – mein Begleiter sagte der Dame, dass es derzeit keinen Anlass gäbe, etwas anderes zu tun als zu reden.

Gegen keinen der Herren lag etwas vor. Der Polizist, der die Abfragen gemacht hatte, verschwand mit den Ausweisen wieder im Lokal, Maurice redete weiter auf die Gruppe ein – und plötzlich standen sie auf und griffen nach ihren Jacken.

Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis die Herren Junggesellenverabschieder sich zur Tür geschafft hatten. Genug Weile, dass ein junger Mann den Polizisten, der schon der Dame ihre Frage beantwortet hatte, ansprechen konnte:
„Ich bin hier ganz hart am Wetten, dass ich auf ein Foto mit einem Polizisten komme.“

Übrigens eine Frage, die ich auch öfters stelle – aber nicht, wenn ganz klar ein Einsatz stattfindet.

Nun ja.

Der Polizist lehnte ab. Weil er gerade im Einsatz war und immer noch nicht klar war, ob die Truppe rund um den Junggesellen auf Abruf es wirklich problemlos aus der Gaststätte schaffen würde.

Und tatsächlich…

Zwar strömten sie alle auf die Straße, aber einer von ihnen schaukelte sich plötzlich hoch, dass er seinen Ausweis noch nicht wiederhätte. Er beschuldigte Maurice, seinen Ausweis einbehalten zu haben.

Die Situation wurde wieder kritisch.

„Ich habe Ihren Ausweis nicht.“

„Doch, natürlich. Und ich gehe hier nicht weg, bevor ich den nicht wiederhabe.“

Aggression lag in der Luft.

„Ich habe alle Ausweise Ihrem Kumpel gegeben, der X heißt.“

„Sie haben meinen Ausweis nicht irgendwem zu geben. Ich geh hier nicht weg, bevor ich meinen Ausweis nicht habe.“

Zu meiner Erleichterung trat X auf den Plan und reichte dem Herrn seinen Ausweis.

Der entschuldigte sich (!) und trollte sich.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Alkohol ist nicht wirklich hilfreich beim Verstehen von Situationen, die komplexer sind als das Anheben eines Bierglases…

 

Tatsächlich war dies nun der letzte Einsatz! Ich war sehr erleichtert, dass meine Herren es so lösen konnten.

Ich bewundere (mal wieder) die endlose Geduld, mit der sie die Sachlage gelöst haben. Aber sie haben sie gelöst. Mit den Mitteln, die sie hatten.

Ich fand sie jedenfalls mal wieder klasse, unsere Polizeibeamten. Danke dafür nach Mainz 1.

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Stadt, Land, Polizei – wie die Polizei Landstuhl ein Gebäude umstellt

Landstuhl in der Westpfalz. Selbst ich als überzeugte Rheinland-Pfälzerin war erst zwei Mal dort.

Das erste Mal durfte ich die Bundespolizei Kaiserslautern in einer Nachtschicht begleiten. Bei einem der Einsätze ergab es sich, dass wir die Dienststelle der örtlichen Landespolizei aufsuchten, eben die Polizeiinspektion Landstuhl.

 

Wie es der Zufall wollte, erkannte mich ein junger Polizist, Kai, der mich schon mal in Ludwigshafen auf der Rückbank seines Streifenwagens gehabt hatte. Das wollte er gern nochmal wiederholen.

Da sagte ich nicht nein…

Zum einen reizte es mich, die Westpfalz auch mal um Kaiserslautern herum kennenzulernen. Zum anderen komme ich sehr gerne mit den Polizistinnen und Polizisten in den Streifenwagen ins Gespräch. Das ist mir mit das Wichtigste an meinen Schichtbegleitungen.

Möglicherweise habe ich seit meinem letzten Artikel über die Nachtschicht in Berlin den einen oder anderen Leser aus Berlin. Deshalb auch hier eine Parallele – was Landstuhl und andere Landdienststellen für Rheinland-Pfalz sind, ist möglicherweise eine Dienststelle im Grunewald für Berlin. Nur ist es hier in Rheinland-Pfalz viel, viel ländlicher.

Interessanterweise fand die Nachtschicht auch gerade mal zwei Wochen nach meiner Nachtschicht in Berlin statt.

 

 

„Na los, dann fahren wir mal in den Wald“, forderte Kai seinen Streifenpartner Janis und mich auf.

Die Polizeiinspektion Landstuhl ist nämlich unter anderem für den Raumschutz einiger US-amerikanischer Objekte zuständig, u.a. der Airbase Ramstein. Dafür hat sie nicht nur mehr Streifen als eine vergleichbar ländlich gelegene Dienststelle, sondern auch ein anderes Streifenwagenmodell, nämlich einen VW Tiguan.

 

Entsprechend seiner Bestimmung fehlt der zweite Rückspiegel und auch der Kofferraum ist mit weniger Materialen ausgestattet als der Normstreifenwagen. Aus meiner Sicht nur eine mäßig gute Idee, denn für uns Bürger ist Polizei drin, wo Polizei draufsteht. Uns ist es wurscht, ob der Streifenwagen, den wir zur Hilfe heranwinken, eigentlich dafür gedacht ist, über schlammige Waldwege zu fahren. Da unsere Polizeibeamten auch immer helfen, sind sie in diesem Fall leider unterausgestattet.

 

Wir waren gerade auf der Straße nach Ramstein, als wir einen Funkspruch bekamen.

„In einem Supermarkt in Ramstein scheint es einen Einbruchsdiebstahl gegeben zu haben. Fahrt da mal hin“, meldete die Leitstelle.

Guck an, das fängt hier an, wie es in Berlin aufgehört hat.

 

Mit zuckendem Blaulicht trieb Janis den Streifenwagen nach Ramstein. Das Martinshorn ist auf den wenig befahrenen Straßen dort weitgehend entbehrlich. Nur, wenn wir eine Kreuzung überqueren mussten, warf Kai es an.

„Auf dem Parkplatz steht noch ein Wagen, der kommt dem Anrufer komisch vor“, ergänzte der Funk.

 

Auf dem Parkplatz des Supermarktes erwartete uns ein junger Mann.

„Drinnen ist Licht an und ein Regal ist umgekippt“, teilte er mit. Er war sichtlich aufgeregt. „Ein Alarm ist aber nicht angesprungen. Das würde jedoch passieren, wenn einer die Fluchttüren benutzt.“

Kai runzelte kurz die Stirn.
„Dann ist der vielleicht noch drin.“

Sofort begannen meine beiden Herren, den Supermarkt zu umstellen. Das hört sich vielleicht merkwürdig an – ist aber machbar. Zumindest wenn die Gegebenheiten so sind wie an diesem Supermarkt und eine gewisse Ortskenntnis vorhanden ist. Was bei Kai der Fall war.

Er wusste, dass man nur an drei Seiten aus diesem Supermarkt herauskonnte – also genügte es vorerst, sich an zwei Ecken davon zu postieren.

Blieb also nur die Frage – wer nimmt die Personenkontrolle der Personen in dem PKW vor, die dem Anrufer so komisch vorgekommen waren?

Kai gab den aktuellen Stand der Dinge im Funk durch.

Die zweite Streife fuhr auf den Parkplatz auf und kontrollierte den PKW – ohne Ergebnis. Offensichtlich waren die Insassen rein zufällig auf diesem Parkplatz gewesen. Mir persönlich wird sich niemals erschließen, was so attraktiv an Parkplätzen ist.

„Übrigens – ich hab da in dem Supermarkt einen gesehen“, fiel dem Melder plötzlich ein.

Ach so? Und das konnte man nicht schon beim Absetzen des Notrufs mitteilen?

Kai blieb stoisch gelassen und orderte noch mehr Verstärkung nach.

 

Nach und nach trudelten zwei weitere Streifen ein sowie die Geschäftsführerin des Marktes.

„Wieso kam denn da kein Alarm, wenn da einer drin ist?“ wollte Kai wissen.

„Och, den haben wir vermutlich vergessen, scharf zu schalten.“

 

Ein Hundeführer meldete sich auch für den Einsatz an.

Die Temperaturen sanken mittlerweile deutlich unter Null – für mich als Weichei aus der Rheinschiene schon wirklich eisige Kälte. Dazu kam ein schneidender Ostwind sowie eine vergleichsweise hohe Luftfeuchte.

Offensichtlich merkte Kai mir an, dass ich fror.
„Du kannst gern im Streifenwagen warten.“

Nix da.

Ich fand das Angebot sehr, sehr nett, lehnte es aber ab.
„Mitgefangen, mitgehangen.“

„Das dauert aber noch ein Bisschen, bis der Hundeführer hier ist. Der ist eben noch in Kaiserslautern geblitzt worden.“

Zwar ist das für den Hundeführer nicht lustig, denn er würde dafür eine Stellungnahme verfassen müssen – aber grinsen musste ich trotzdem. Und draußen blieb ich auch.

Es geht ja nicht darum, bespaßt zu werden. Zwar habe ich Spaß an Schichtbegleitungen, sonst würde ich mir nicht so oft Nächte um die Ohren schlagen – aber das ist nur die positive Nebenwirkung. Eigentlich geht es ja u.a. darum, mitzubekommen, wie Polizeiarbeit geht. Wenn diese Polizeiarbeit darin besteht, sich zwei Stunden lang vor einem Supermarkt einen abzufrieren, dann friere ich mir eben zwei Stunden lang einen ab. Frei nach dem indianischen Sprichwort: „Urteile nie über einen anderen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist.“ Und der Mond ist noch lange nicht voll…

 

Schließlich traf der Hundeführer ein. Er selbst, sein Hund und Kai nahmen eine erste Durchsuchung des Supermarktes vor.

Dabei lösten sie einen Alarm in der dem Supermarkt angehängten Bäckerei aus.

„Können Sie das abstellen?“ fragte einer der Polizisten die Geschäftsführerin. Zumindest las ich das an seinen Lippen ab, denn das Heulen der Alarmanlage war nahezu undurchdringlich.

Sie schüttelte den Kopf.
„Da ist ein anderer zuständig.“

Na prima. Die Mokassins waren gerade äußerst unbequem.

Zwischendurch entstand Hektik, weil sich jemand in der Nähe des Supermarktes bewegte. Einige Polizisten rannten los. Die Geschäftsführerin hinterher. Dahinter dann ich.

Plötzlich schlug die Geschäftsführerin lang hin.

Ich blieb stehen.
„Alles in Ordnung?“

„Ja.“

Sie stand auf, ich blieb bei ihr. Einige Polizisten blickten sich kurz um, sahen, dass ich mich kümmerte, und rannten weiter.

Gut so. Ich war also nicht ganz überflüssig und musste nicht hinter im Vergleich zu mir sehr sportlichen Menschen herhecheln. Und passiert war der Dame auch nichts. Besser konnte es nicht laufen.

Letztlich erwies sich der plötzliche Aufbruch der Beamten als Fehlstart, denn es war nur ein Passant gewesen.

Die Durchsuchung dauerte an. Irgendwann hörte der Alarm auf zu jaulen.

Während wir draußen warteten, strategisch um den Supermarkt verteilt (ich positionierte mich neben Janis, um nicht im falschen Streifenwagen zu landen, schließlich wollte ich noch die Airbase Ramstein aus der Nähe sehen… ;-) ), kam ein Trupp Jugendlicher vorbei.

„Haben Sie eine Zigarette, bitte?“

Jeder, der um diesen Supermarkt herumstand, kam in den Genuss dieser Frage. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Immerhin hatten sie sich ja der Höflichkeitsform befleißigt. In Ludwigshafen hätte die Frage wahrscheinlich schon „Haste mal ’ne Kippe?“ gelautet. Dennoch finde ich es nach wie vor grenzwertig, Polizisten im Einsatz anzuquatschen.

 

Der Diensthund fand niemanden, also rückte der Hundeführer wieder ab. Das umgefallene Regal entpuppte sich als ein Haufen leerer Kartons, der für die Nacht in Sichtweite des Eingangs hingeworfen worden war.

Symbolfoto

 

Bei einer zweiten Absuche durfte ich mit in den Supermarkt – was ich mal wieder äußerst spannend fand. Ich hatte noch nie ein Lager oder einen Kühlraum gesehen.

Auch diese Suche blieb ergebnislos. Mir drängte sich der Verdacht auf, dass da einfach einiges vergessen worden war. Licht aus- und Alarm einschalten bspw.

Letztlich schaltete die Geschäftsführerin den Alarm wieder scharf und wir verließen den Einsatzort.

Übrigens trafen wir zum letzten Einsatz der Nacht noch einmal dort ein – weil der Alarm durch die morgens früh eintreffenden Angestellten ausgelöst wurde. Nun drängte sich mir auch noch der Verdacht auf, dass möglicherweise das Einschalten des Alarms der Ausnahmezustand war.

Wie dem auch sei, dem Mitarbeiter gebührt aus meiner Sicht dennoch ein Lob für seine Aufmerksamkeit. Andere sehen weg und irgendwann wird der Laden wirklich ausgeräumt.

 

 

Das Umstellen eines Gebäudes, in dem man einkaufen kann, sollte nicht die einzige Parallele zu meiner Berliner Nachtschicht bleiben.

„In einem Schnellrestaurant machen sechs Jugendliche Ärger. Die haben sich selbst bedient und bezahlen das jetzt nicht.“
Das meldete der Funk, als wir gerade einmal die Airbase Ramstein umrundet hatten.

„Verstanden“, bestätigte Kai. „Bei sechs hätte ich gern noch eine weitere Streife.“

Das fand ich schon gut, als ich es hörte. Im Schnellrestaurant selbst fand ich es noch besser, denn die sechs „Jugendlichen“ entpuppten sich als Mitglieder und Roadies einer Art Gangsta Rapper Band aus einer der größten deutschen Städte. Ziemliche Kanten. Und vor der Tür stand noch ein Tour-Bus mit einer unbekannten Anzahl an weiteren Kleiderschränken. Nach allem, was ich mitbekam, waren sie auch durchaus bereit, an ihrem Gangster-Image durch entsprechende Einträge in die polizeilichen Datenbanken dieser Republik noch weiter zu feilen.

Einer der Herren hatte sich also an einer Theke, die ganz eindeutig keine Selbstbedienungstheke ist, selbst bedient. Er war sogar bereit, das Stück Kuchen zu bezahlen. Allerdings besagen die Hygienevorschriften des Schnellrestaurants, dass das ganze Blech weggeworfen werden muss, wenn sich ein Kunde daran vergreift. Das ganze Blech wollte der Missetäter aber nun nicht bezahlen.

Nach und nach rückten, zu meiner Beruhigung, wieder insgesamt vier Streifen ein.

Leider bekam ich nicht genau mit, WAS Kai sagte (ich war zwar in der Nähe, hörte aber leider wenig), seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war er jedenfalls weiterhin stoisch gelassen und sehr ruhig.

 

Ein Vertreter der Dorfjugend betrat das Etablissement und hielt sich in sicherem Abstand hinter den Polizisten auf. Einer der Beamten wollte ihm einen Gefallen tun:
„Sie können gerne durch.“
Er lehnte ab und verwies darauf, dass er Angst vor den Gangsta Rappern habe. Für mich durchaus nachvollziehbar.

Dennoch rückte er neugierig ein paar Schritte vor und landete so neben einem weiteren Polizisten. Der bedeutete ihm ebenfalls, er könne gerne vorbei.

„Bleiben Sie mal ruhig“; war die Antwort.

Hä?

Nicht nachvollziehbar.

Niemand war unruhig geworden. Im Gegenteil waren die Polizisten höflich zu ihm gewesen. Vielleicht fühlte der junge Mann sich davon angepisst, dass er zweimal angesprochen wurde – aber woher sollte der zweite Polizist wissen, was mit dem ersten besprochen worden war.

Außerdem kann ich es auf den Tod nicht ausstehen, wenn jemand auf eine solche Art arrogant wird.

Wie man es als Polizei macht, macht man es falsch.

Dem hätte ich gerne ein paar Takte dazu gesagt, aber ich sage ja nie etwas im Einsatz, um keine zweite Front zu eröffnen. Das übernahm in diesem Fall aber gerne der junge Mann im Verein mit zwei weiteren Exemplaren der Dorfjugend – als sie nämlich zu dritt auf einen der Kleiderschränke zugingen und ihm mitteilten.
„Das hier ist unsere Heimat. Und wir wollen hier einfach nur essen.“

Ich griff nach meinem Handy und entsperrte es unauffällig – immer bereit sein, Verstärkung herbeizutelefonieren. Zum Glück erwies sich das als unnötig.

 

Kais Ansprache und die Präsenz der weiteren Polizisten zeigte Wirkung. Die Bandmitglieder verließen das Etablissement. Die Auseinandersetzung würde zivilrechtlich geklärt werden müssen. Die Polizei hatte dafür gesorgt, dass der Personalienaustausch ordnungsgemäß stattfinden konnte, dann eskortierte sie die Band zu ihrem Tourbus. Dem just in diesem Moment ein weiblicher Fan entstieg, komplett in Ekstase vom Leadsänger umarmt worden zu sein. Hach ja. Das konnte ich nachvollziehen. Auch wenn ich in dem Alter Fan einer anderen Musik war…

Die Beschriftung des Busses löste bei einem der Polizisten echte Begeisterung aus. Später im Streifenwagen outete sich Janis als Kenner und zeigte uns kurz zwei Minuten eines Musikvideos der Band. Wobei seine Begeisterung eher ironisch war – sein Rapgeschmack ist anders. Kais Musik schien es auch nicht so zu sein. Meine übrigens auch nicht. Rap generell nicht. Aber das ist ja wurscht.

Fakt ist, dass die äußerst unterschiedlichen Reaktionen meiner Begleiter auf Band, Bus und Musik mal wieder zeigen, was ich immer wieder sage – in den Uniformen stecken höchst individuelle Menschen.

 

„Und? Was haben sie dir in Landstuhl gezeigt?“
Diese Frage stellten mir im Nachgang nach die Nachtschicht mehrere Polizisten, u.a. ein Bundespolizist, den ich zufällig privat auf der Heimfahrt im Bahnhof Kaiserslautern traf.

Bis auf zwei Ausnahmen, wenn ich beim Erzählen bei der Umrundung der Airbase Ramstein zwischen diesen beiden Einsätzen ankam und das Wort „Raumschutzstreife“ in den Mund nahm, schauten sie mich mit einem eher mitfühlendem Blick an.
„Oh! Raumschutzstreife!“

Auch Janis und Kai schienen sich nicht ganz sicher zu sein, ob ich mich angemessen unterhalten fühlte. Und das, obwohl Kai mir bei unserem Zufallstreffen diesen Raumschutz als Besonderheit der PI Landstuhl benannt hatte.

Nun ja, was soll ich sagen?

Ich fand es SUPERSPANNEND. Das meine ich keineswegs ironisch.

Allein schon aus historischen Gründen war ich durchaus hingerissen. Ramstein Airbase ist die größte Einrichtung der US Air Force außerhalb der USA – und das in dem Bundesland, in dem ich aufgewachsen bin und lebe. Eigentlich schon fast peinlich, dass ich noch nie dort war.

Zudem bin ich ja schon ein paar Tage älter und erinnere mich sehr gut an 1988. Im August fand dort bei einer Flugshow ein Unglück statt. Drei Jets einer italienischen Kunstflugstaffel kollidierten und stürzten in die Menge. Insgesamt starben 70 Menschen, hunderte wurden verletzt.

Obwohl ich das damals nur im Fernsehen sah (und in den 80ern war Katastrophenfernsehen noch weit weniger auf Schock getrimmt als heutzutage) ging mir das massiv unter die Haut. Erst wenige Tage vorher war ich selbst auf einer Flugshow eines Standorts der bundesdeutschen Luftwaffe gewesen. Das werde ich sicherlich nie vergessen.

Last but not least mochte ich immer Harrison Ford, entsprechend habe ich das eine oder andere mal „Air Force One“ gesehen. Das war schon interessant, mal einen Blick auf einen der Handlungsorte zu werfen.

Andererer Einsatzort – aber so sahen die besseren Wege um die Airbase aus.

 

Wir waren übrigens gut eine Stunde unterwegs, um die Airbase einmal zu umrunden. Teilweise passierten wir dabei sehr ausgesetzte Wege. Auf einigen hatte ein Förster großzügig Holzschnitt verteilt. Wir begannen beim West Gate, kamen dann zum East Gate und letztlich passierten wir das LVis Gate, von dem Kai und Janis schon vorher ein paar Mal gesprochen hatten.

„Ach! LVis Gate. Ich hatte gedacht Elvis. Wie Presley“, entfuhr mir.

Damit konnte ich zwei so junge Männer zum Lächeln bringen. Was zeigt, was für ein großer Künstler Elvis war.

Wir sahen übrigens nichts Verdächtiges. Außer dieser Gestalten:

 

Zusätzlich gab es einige Verkehrskontrollen. Bis auf ein kaputtes Rücklicht, für das eine Mängelkarte ausgestellt wurde, verhielten sich alle vorschriftsmäßig. Offensichtlich baut die PI Landstuhl da seit einiger Zeit einen gewissen Kontrolldruck auf, so dass die Leute sich Trunkenheitsfahrten verkneifen.

 

Im Laufe der Nacht passierten wir auch einen Spielplatz, auf dem sich gelegentlich Drogengeschäfte abspielen. Als wir eintrafen, fanden wir nur eine Flasche Cola und etwas Alkohol. Dass die Cola noch nicht gefroren war, schien darauf hinzudeuten, dass sie noch nicht allzu lange dort stand.

Tatsächlich stießen wir auf zwei Verdächtige, die meine Herren auch gleich einer Personenkontrolle unterzogen. Einen der beiden hatten sie auch schon mal mit Drogen erwischt. Dieses Mal hatte er aber nichts dabei, sein Kumpel auch nicht. Also ließen sie die beiden ziehen.

 

Alles in allem war das eine für mich sehr spannende Nacht und mal wieder sehr gut für meine Motivation.

Danke für die spannenden Einblicke und den supernetten Empfang! Und danke, Kai, für den Vorschlag! Das war eine tolle Idee.

 

Allgemein Schusswaffengebrauch

Gedanken zum Schusswaffengebrauch in Fulda

In den letzten Monaten hatten wir so ein bisschen das Gefühl, dass sich die Presse ingesamt derartiger Situationen mit deutlich mehr Zurückhaltung annehmen würde als früher.

Dieser Eindruck ist allerdings durch die Berichterstattung über den tödlichen polizeilichen Schusswaffengebrauch in Fulda komplett zunichte gemacht worden. Nach wie vor gibt es durchaus einzelne Presseprodukte, die umfassend berichten, ohne Vorverurteilung der eingesetzten Polizeibeamten. Andere eher weniger.

Es begann mit einer Aussage einer Reporterin von n-tv, man müsse prüfen, ob die Schussabgabe der Polizei nicht vielleicht rassistisch motiviert gewesen sei. Diese Aussage fiel bereits am 13. April – dem Tag des Geschehens selbst. Damit war dann die Jagd sozusagen eröffnet.

Gut, es wurde erst drei Tage später genauer bekannt, welches Szenario die Polizei am Einsatzort vorfand – einen mit einem Stein am Kopf schwer verletzten Bäckereiausfahrer. Ein Polizist ist mit dem 19-Jährigen in ein „Gerangel“ gegangen, dabei wurde dem Polizisten der Schlagstock entwendet und der Polizist schwer am Arm verletzt.

Das ging weit über „harmlose“ Randale hinaus. Man muss schon der Realität ziemlich weit entrückt sein, um die Idee zu haben, dass in einer solchen Einsatzlage ein Polizist sich ernsthaft Gedanken über die Herkunft des Angreifers macht, bevor er zur Waffe greift.

Am 16.04. überschlugen sich diverse Medien mit der Feststellung in diversen Artikelüberschriften, dass insgesamt 12 Schüsse abgefeuert wurden. Diese Information reicht den meisten Menschen mit unbedingtem Willen zur Empörung dicke aus, um genau zu wissen, dass dieser Polizist nicht rechtmäßig gehandelt haben kann. Erst weiter unten im Artikeltext findet man dann die Information, dass es sich bei einigen der Schüsse um Warnschüsse gehandelt haben dürfte. Übrigens ein ziemlich gutes Indiz dafür, dass der Schusswaffengebrauch rechtlich durchaus im grünen Bereich gewesen sein dürfte, dafür muss man allerdings einen Blick ins Gesetz tun und nicht aus dem Bauch heraus irgendetwas absondern, was gerade durch den Kopf springt.

Bis hierher habe ich übrigens nichts darüber geschrieben, dass der 19-Jährige ein Afghane war, weil ich ehrlich gesagt den unbedingten Willen zur Empörung gegen alles, was nicht deutsch ist, genau so daneben finde. Diese Verallgemeinerei hilft keinem Menschen weiter und macht die Sache nur noch schlimmer, weil es irgendwann nämlich dann gar nicht mehr um den Vorfall an sich geht, sondern sich beide Seiten nur noch ihre Stereotypen um die Ohren schlagen. Sowohl der 19-Jährige als auch der Schütze werden durch solche Diskussionen einfach nur missbraucht.

Der Vorsitzende des Fuldaer Ausländerbeirats, Abdulkerim Demir, bezeichnete gegenüber dem Portal Osthessen-News das Verhalten der Polizei als „aggressiv“ und „gänzlich falsch“. War er als Augenzeuge dabei, oder was befähigt ihn zu einer derartigen Aussage? Ist er ausgebildeter Polizist? Bei allem Verständnis dafür, dass man die Interessen einer bestimmten Gruppe vertritt – es gibt echt Grenzen.

Der Vorsitzende Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte Hessen, Enis Gülegen, forderte eine lückenlose Aufklärung sowie eine Prüfung der Verhältnismäßigkeit des Schusswaffengebrauchs zu prüfen. Für Herrn Gülegen eine gute Nachricht: Das ist in Deutschland bei unnatürlichen Todesfällen, also auch bei polizeilichen Schusswaffengebräuchen, generell üblich. Es wird immer ein Ermittlungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft eingeleitet. Deutschland ist nämlich ein Rechtsstaat und das ist auch gut so. Wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. sind übrigens große Freunde dieser Verfahren, die Gründe dafür haben wir schon oft genug dargelegt. Einer davon ist der, dass die Verarbeitung für die betroffenen Polizisten einfacher ist, wenn eine unabhängige Instanz draufsieht und bescheinigt, dass der Schusswaffengebrauch juristisch gerechtfertigt war. Entgegen der obskuren Vorstellungen, die manch einer über unsere Polizisten und Polizistinnen zu haben scheinen, will nämlich keiner von ihnen die Schusswaffe in die Hand nehmen. Keiner von ihnen tritt an, um Leben zu beenden.

Hier nun einige Links zur Debatte. Lobend hervorheben möchte ich dabei die Statements des Staatsanwaltes Harry Wilke sowie des LKA-Sprechers Christoph Schule, die versuchen, mit Sachlichkeit gegen die ins Kraut schießenden Spekulationen anzugehen.

https://www.hersfelder-zeitung.de/hessen/getoeteter-mann-in-fulda-polizist-schoss-zwoelf-mal-9786536.html

http://www.fr.de/rhein-main/landespolitik/schuesse-aus-polizeipistole-zwei-von-vier-kugeln-waren-toedlich-a-1487884?GEPC=s5

Unsere Gedanken sind bei den eingesetzten Polizeibeamten. Wie mag es ihnen damit gehen, einer derartigen Hexenjagd ausgesetzt zu sein? Hoffentlich finden sie ausreichend Ruhe, um den Einsatz für sich nachzubearbeiten, denn – auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – keine Polizistin und kein Polizist tritt an, um Leben zu nehmen.