Allgemein

Der Polizist, der mir die Zunge rausstreckte

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„Schau mal“, sagte Don und streckte mir die Zunge heraus.

Mein kleiner Sinn für absurde Situationen amüsierte sich. Da streckt ein Kölner Polizist der Vorsitzenden von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. die Zunge heraus. Und es war absolut nett gemeint.

Dirk Rohde, genannt Don, hat nur noch eine halbe Zunge.

„Ich musste sehr hart üben, um wieder normal sprechen zu können. Sonst hat man in meinem Beruf keine Chance.“

Don und ich waren gerade auf dem Weg zu Bazaar Kebap, einem Lokal in Köln-Nippes, wo er mit mir essen gehen wollte. Ich hatte ihn um ein Interview gebeten, weil mich seine Geschichte fasziniert hat. Der Verein Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., dem ich vorsitze, macht es sich ja unter anderem zur Aufgabe, zu zeigen, dass hinter Polizeiuniformen Menschen stecken – und eines war mir im Vorfeld schon klar – dieser Mensch ist ein sehr außergewöhnlicher.

Nun ist es ja grundsätzlich nichts Besonderes, wenn man ein Interview anlässlich eines gemeinsamen Essens vornimmt. Wenn allerdings für einen der Interviewpartner Essen mehr mit Qual als mit Genuss zu tun hat, weil er krankheitsbedingte Schluckbeschwerden hat und auch nichts mehr schmeckt, dann zeigt schon dieser Vorschlag, dass er kein Mensch ist wie jeder andere.

 

Don ist seit 35 Jahren Polizist. Er hat sogar vor etwa 30 Jahren eine Ausbildung beim SEK gemacht, diese aber aus privaten Gründen abgebrochen.

Im Mai 2015 bekam er die Diagnose „Mundbodenkrebs“. Seit Januar 2017 ist er wieder im Dienst als Motorradpolizist in der Kölner Innenstadt. Zwischen diesen Daten lag eine unglaubliche Zeit des Leidens und eines Kampfes zurück ins Leben.

 

Im Bazaar Kebap holte ich zwar mein Notizbuch raus, schrieb dann aber doch nichts auf. Ich entschied, diesen Artikel rein aus der Erinnerung zu schreiben.

Auch meine vorbereiteten Fragen brauchte ich nicht. Don lenkte das Gespräch. Und er lenkte es gut. Wenn etwas gut läuft, kann ich mein inneres Alphatier auch mal im Zaum halten.

 

„Das waren teilweise unvorstellbare Schmerzen“, sagte er über die Zeit seiner Krankheit. „Noch einmal halte ich das so nicht durch.“

Er zeigte mir Bilder von Freunden, die er durch den Krebs kennen gelernt hat. Teilweise schlimme Bilder. Von Menschen, die bereits tot sind. Man sieht diesen Bildern an, dass es kein schöner Tod war.

„So was mache ich nicht mit. Ich muss alle sechs Wochen zur Tumorkontrolle. Sagen die mir, dass der Krebs wieder da ist, schmeiße ich eine Riesenabschiedsfeier. Und dann geht’s in die Schweiz.“ Dort hat er bei einer Sterbehilfeorganisation für den Fall einer tödlichen Diagnose eine Freitodverfügung unterzeichnet.

Er begründet seine Einstellung zum Tod mit seiner SEK-Vergangenheit. „Menschen, die beim SEK waren, sind vermutlich so. Die nehmen ihre Gegner mit, nicht umgekehrt. Ich möchte in Würde gehen. Nicht qualvoll und langsam sterben.“

Er weiß auch, dass dieses Thema polarisiert. Meiner Ansicht nach muss das jeder für sich selbst entscheiden.

„Diese Tumorkontrollen sind für mich immer wieder ein Datum, an dem ich erfahre, ob ich weiterlebe – oder sterbe.“

 

Er erzählt von seinem Kampf gegen die Krankheit und zurück ins Leben. Zeigt mir die Narbe, die er einmal bei einem Bagatellunfall den gegnerischen Parteien gezeigt hat, die sich gegenseitig wegen Kleinkram zerfleischten. Die Unfallbeteiligten trennten sich friedlich. Die Geschichte postete er in seinem Facebook-Blog. Die Presse kam drauf. Und ich dann durch die Berichterstattung auch.

Bei mir traf er damit einen Nerv. Seit ich die Polizei öfters mal in den Einsatz begleiten darf, kommen mir viele Alltagssituationen vor wie Kleinigkeiten. Verstärkt wird das durch zwei Menschen in meinem Umfeld, deren Krebs nur noch palliativ behandelt werden kann. Deswegen wollte ich ihn gern interviewen und über ihn schreiben.

 

Don zeigt mir auch, wie viele Muskeln an seinem Hals weggenommen wurden. Ich bin beeindruckt davon, dass er weiterhin einen Motorradhelm trägt.

 

Essen dauert bei ihm sehr lang. Er trinkt dazu eine Art Smoothie, in dem er Gemüse verarbeitet hat.

„Meine Speichelproduktion ist kaputt. Also muss ich beim Essen viel trinken, weil ich es sonst nicht schlucken kann. Und wenn ich das Gemüse nicht zusetze, dann nehme ich zuviel ab.“

Fast habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wie ich meine Lammkoteletts genieße. Aber eben nur fast, denn er schafft es, mir trotz allem das Gefühl zu geben, als sei das hier ein normales Essen.

Was sicherlich auch an den Betreibern des Lokals liegt. Sie kennen sein Problem, er muss nichts erklären.

Deswegen hat er sogar eine Sondergenehmigung des Polizeipräsidiums, dort seine Essenspausen zu machen, obwohl es nicht in seinem Dienstgebiet liegt. Überhaupt verhält sich das Präsidium ihm gegenüber hochanständig. Das finde ich klasse.

Don engagiert sich auch für andere Krebskranke. Nicht nur in seinem Blog „Schockdiagnose Krebs. Und plötzlich ist alles anders.“ auf Facebook. Er fungiert auch als Ansprechpartner für Kopf-Hals-M.U.N.D. Krebs e.V., ein Selbsthilfeverein. Er verschenkt gerne Polizeiteddys. Ich bekam auch einen zum Empfang. Der steht auf einem Ehrenplatz.

„Einer meiner Freunde hat sich damit beerdigen lassen.“

Man merkt Don an, dass ihn das sehr bewegt hat. Mich bewegt es auch.

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Nach dem Essen fährt er mich noch an den Bahnhof. In seinem neuen Auto. Ein schicker Flitzer. Der gehört zu seinem Programm, sein Leben zu genießen, so lange er kann.

„Ich genieße jeden Tag, den ich noch habe. Das Leben ist schön.“

 

Ein Mensch, der durch die Hölle gegangen ist, und für sich nicht nur Lebensfreude wiedergefunden hat, sondern auch einen Sinn. Anderen bei diesem Gang durch die Hölle helfen.

 

Ich wünsche mir, dass Menschen, die einem Polizisten gegenüberstehen, in diesem nicht nur die Funktion sehen, sondern auch den Menschen. Vielleicht ist nicht jeder Mensch ein so beeindruckender Typ wie dieser spezielle Polizist – aber Don ist der Beweis, dass uns diese Menschen überraschen können.

Lassen wir unsere Blicke nicht an der Uniform abprallen, sondern schauen wir tiefer.

Allgemein Polizeiarbeit

Überhebliche Polizisten? – Wie man mich richtig ärgern kann…

„Zur Polizei gehen doch auch nur die überheblichen Typen…“

???

Mit dieser Weisheit überraschte mich an einem tristen Wintermorgen eine junge Dame. Dazu sei gesagt, dass es ein Montag war und deutlich vor neun Uhr – also nicht gerade der Zeitpunkt, zu dem ich warmgelaufen bin und somit eine deutliche Steigerung der winterlichen Tristesse.

 

Damit katapultierte sie mich in die Sprachlosigkeit und etwa 51 Stunden zurück in die Vergangenheit sowie mindestens 150 km nach Südosten. Gerade war für die Nachtschicht, die ich bei der Polizeiinspektion Ludwigshafen 1 begleitet hatte, das Dienstende ausgerufen worden.

„Trinkst du noch mit uns ein Feierabendbier, bevor dein Zug fährt?“

(Einschub für all jene, die an dieser Stelle Schnappatmung bekommen: die Damen und Herren sind im Nachgang entweder gelaufen, gefahren worden oder in ein öffentliches Verkehrsmittel eingestiegen…)

Ich freute mich über diese Frage.
„Sehr gern, aber alkoholfrei oder Radler, wenn möglich. Ich möchte nicht in Sylt aufwachen – oder in einem Knast der Bundespolizei.“

„Och kumm. Du kennsch se doch all.“ (Pfälzisch für: „Ach komm, du kennst sie doch alle.“)

Ich muss immer noch lächeln, wenn ich an diesen Satz des Wachhabenden denke. Eine harmlose Neckerei, verbunden mit einer gewissen Wertschätzung. Immerhin traut er mir zu, dass ich mir neben den Namen von 9000 rheinland-pfälzischen Polizisten auch noch die von 35.000 Bundespolizisten merken könnte. Wenn der wüsste, wie vergesslich ich sein kann… ;-)

Übrigens gibt es tatsächlich noch Bahnhöfe, wo ich keinen kenne. ;-)

 

Zurück zur soeben zuende gegangenen Nachtschicht. Der Zufall hatte es gewollt, dass das Wetter lausig war.

Darüber hinaus war ich mit einer Dienstgruppe unterwegs gewesen, bei der ich schon öfters die Rückbank gedrückt hatte und die mich immer sehr herzlich empfängt. Ich fühle mich von der ganzen Dienstgruppe, bis hin zum Dienstgruppenleiter, immer äußerst wertschätzend behandelt.

 

Ich war wechselweise mit zwei Streifenteams unterwegs gewesen.

Mein erstes Streifenteam bestand aus Markus und Hannah. Markus, mit Mitte/Ende 30 ein erfahrener Polizist, der mir mit als erstes mitteilte, dass er wieder Vater geworden sei – und zwar von Zwillingen. Ich freute mich mit ihm. Hannah hatte gerade ihre Ausbildung hinter sich gebracht.

Mir gefiel Markus Umgang mit dieser blutjungen Kollegin sehr gut. Sehr wertschätzend.

 

Relativ zu Beginn der Nacht bekamen wir einen Einsatz wegen Hausfriedensbruch rein. Eine Dame ohne festen Wohnsitz war eines Supermarktes verwiesen worden, in dem sie vor einigen Jahren wohl mal aus Not etwas hatte mitgehen lassen. Entsprechend hatte der Marktleiter keine Wahl, als das seitdem bestehende Hausverbot durchzusetzen. Auf der anderen Seite war es kurz vor Toresschluss. Schwierig, woanders noch an das Gewünschte – Kaffee und Wasser – zu kommen. Entsprechend wollte sie einfach nicht gehen. Wieder einmal ein Einsatz, in dem ich beide Seiten sehr gut verstehen konnte.

Übrigens eine wirklich nette Dame, die wir da im Supermarkt antrafen. Mit einem Blick auf Hannahs ungewöhnliche Frisur stellte sie fest: „Seeehr attraktiv! Und sehr mutig!“ Da konnte ich ihr nur beipflichten.

In der Zeit war Markus vor dem Supermarkt bei einem Telefonat mit der Dienststelle damit beschäftigt, Informationen über die Dame zu erlangen.

Zudem ist die Rechtslage wohl so, dass bei Menschen ohne festen Wohnsitz in solchen Fällen eine Sicherheitsleistung angesagt ist. Das gefiel der Dame überhaupt nicht. Nachvollziehbar.

Nach diversen Telefonaten zwischen Markus, der Dienststelle und dem Bereitschaftsstaatsanwalt entschied der Letztere, dass Markus und Hannah eine Sicherheitsleitung von insgesamt 0 Euro erheben sowie die Beschuldigte wegen Hausfriedensbruch anhören sollten.

Für die Abwicklung des Papierkrams wurde sie in den Polizeibus gebeten, mit dem Markus und Hannah ihre Streifenfahrten abwickelten. Bei den bereits von mir beschriebenen Witterungsverhältnissen war die Dame dafür dankbar.

Ich kann nicht genau sagen, woran es lag und wie Markus das gemacht hat, aber sein Umgang mit der Dame war einfach reizend. Er hat sie einfach ganz normal behandelt. Nicht anders, als mich oder Hannah. Die beiden haben sogar miteinander gelacht.

Er gab ihr auch noch eine wohlmeinende Warnung mit auf den Weg: „Der X, der ist neulich eingefahren. Wegen dem 30. Hausfriedensbruch. Also nimm das ernst und meide diesen Supermarkt.“ X ist ein anderer Obdachloser, den sie beide kannten. Irgendwann ist auch in solchen kleinen Dingen Schluss mit lustig.

Und ja, ich würde die Hand dafür ins Feuer legen, dass Markus der Dame ein gleiches Schicksal einfach ersparen wollte. Das drückten sein Tonfall, seine Mimik und seine Gestik ganz deutlich aus.

Zum Abschluss beschrieb er ihr noch den Weg zu einem anderen Supermarkt um die Ecke – wenn sie sich gesputet hat, dann hat sie auch noch bekommen, was sie wollte. Hoffentlich!

 

 

Zuvor hatten wir einen Einsatz bekommen, bei dem sich eine junge Frau über ihren Nachbarn gegenüber beschwert hatte.

Zuerst waren die Angaben recht undurchsichtig. Schließlich aber kristallisierte sich heraus, dass die junge Frau ab und an Sex gegen Geld bietet. Aufgrund des Betrags kam es zu Streitigkeiten, zu denen letztlich die Polizei gerufen worden war. Schließlich wurden die Streitigkeiten beigelegt.

„Kennen wir uns nicht?“ fragte Markus schließlich die junge Frau. Sie bestätigte das.

Im Nachgang erzählte er mir, dass er diese junge Frau schon dienstlich recht lange kannte. In früheren Zeiten war sie oft von zu Hause abgehauen, sein Streifenpartner und er hatten sie dann am Rhein gefunden in ziemlich eindeutiger Lage mit einem Mann.

Also schien in Kindheit und Jugend schon nicht alles zum Besten verlaufen zu sein. Dazu keine Ausbildung, eine Behinderung…

„Die weiß halt auch nicht weiter“, sagte er schließlich.

Weder im Umgang mit ihr noch während er mir über sie erzählte, kam auch nur für einen Atemzug „Überheblichkeit“ auf. Im Gegenteil war erkennbar, wie gut er sich zu den Menschen auf Augenhöhe begeben kann.

Das ist etwas, was mir immer und immer wieder bei sehr vielen Polizistinnen und Polizisten auffällt, mit denen ich unterwegs sein darf.

 

Markus kann übrigens auch anders. Noch in dieser Nacht wurden wir zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt gerufen. Eine 18-Jährige beschuldigte ihre Eltern, sie geschlagen zu haben.

Wir kamen in eine hochaggressive Situation mit lautem Geschrei und vielen Tränen auf beiden Seiten.

Letztlich stellte sich heraus, dass die junge Dame gerne verreisen wollte und von ihren Eltern mal eben schlanke 400 Euro wollte. Diese hatten so viel aber gerade nicht übrig.

Markus führte mit der 18-Jährigen dann ein erzieherisches Gespräch, das ich super fand. Er machte ihr deutlich klar, dass es absolut unterste Schublade ist, seinen Eltern derartige Dinge zu unterstellen, weil diese sich gerade nicht in der Lage sehen, einen Reisewunsch zu erfüllen.

 

 

Zuguterletzt fuhren wir zur Verstärkung an einen Unfallort.

Ein Fahrer war mit sehr hoher Geschwindigkeit in eine recht schmale Straße eingefahren. Leider war er dabei volltrunken, so dass er rechts und links nicht gerade wenige Fahrzeuge touchiert hatte. Letztlich war er in einem Transporter mit osteuropäischem Kennzeichen hängen geblieben, dabei hatte er in dessen Heck eine beachtliche Einbeulung hinterlassen.

Bei unserem Eintreffen war ein Streifenteam schon damit beschäftigt, den Unfall aufzunehmen. Zwei Hundeführer kümmerten sich um den mutmaßlichen Fahrer des Wagens – ein junger Mann, der dank seines hochaggressiven Auftretens am Boden gehalten wurde. Um den Schwierigkeitsgrad des Einsatzes zu erhöhen, reklamierte ein zweiter junger Mann für sich, den Wagen gefahren zu sein. Soweit ich das verstanden hatte, widersprach er damit den Zeugenaussagen vor Ort.

 

In der Straße befanden sich eine ganze Menge Leute, die sich den Einsatz sehr interessiert ansahen. Einige hatten auch schon ihr Smartphone filmbereit in der Hand. Vermutlich alles Leute, die es weit von sich weisen würden, als Gaffer bezeichnet zu werden. Fakt ist allerdings, dass sie da äußerst unnötig herumstanden und zusahen.

 

Zwei Rettungswagen inklusive Besatzung hatten sich auch eingefunden.

Um das Durcheinander voll zu machen, kurvten auch ständig Autos durch diese Straße. Entsprechend wurde entschieden, dass zwei weitere Streifen diese Straße absperren sollten.

An beiden Straßen wurde auf der Einfahrtspur ein Streifenwagen quer gestellt und das Blaulicht angeworfen. Eigentlich ziemlich eindeutig. Uneigentlich fuhren dann immer noch ernstlich Fahrer über die Gegenspur in diese Straße ein. Unfassbar. Immerhin wurde es deutlich ruhiger.

 

Leider nicht an der Zuschauer-Front. Dort wurde der Einsatz kräftig kommentiert, natürlich aus einer Position unglaublich fundierten Expertenwissens.

Mein Lieblingssatz war: „Zwanzig gegen einen. Voll der übertriebene Einsatz hier.“

*Seufz*

Ja, schon. Sie waren alle wegen dem einen dort, der irgendwie in der Fahrschule die Stunde verpasst hatte, in der es darum ging, dass besoffen fahren nicht angesagt ist. Aber erstens waren wir nach meiner Zählung in etwa zu zehnt, und nicht zwanzig. Zweitens kümmerten sich maximal zwei um den hochaggressiven Fahrer, die anderen waren mit Unfallaufnahme und Zeugenbefragung (und Zurückschicken der trotz Absperrmaßnahmen in die Straße einfahrenden Mitmenschen) beschäftigt. Und drittens hätte sich maximal ein Rettungsdienstler um den Herrn gekümmert, hätte er sich einfach sozialkompatibel benommen.

Aber Hauptsache, mal wieder der Polizei erklärt, was sie alles falsch macht…

 

 

 

Nach dieser Unfallaufnahme wurde ich an eine weitere Streife übergeben – Gitti und Kevin.

Mit Kevin war ich schon einmal in einer Spätschicht mitgefahren. Auch er hat die Gabe, sich mit Menschen sehr freundlich auf Augenhöhe zu begeben – ich erinnere mich sehr gut daran, wie er einer alten Dame beim Ausfüllen eines Strafantrages geholfen hat, die es einfach nicht so mit Formularen hatte. An der Engelsgeduld kann sich so mancher eine Scheibe abschneiden.

 

 

Unser erster Einsatz in dieser Nacht war allerdings der Versuch, an Essen zu kommen. Was gelang. Teilweise. Mitten im Beschaffungsvorgang kam ein Einsatz wegen Zechbetrugs rein. Blaulichtfahrt.

„Iss am besten jetzt“, sagte Gitti fürsorglich zu mir. „Warm kriegst du das Essen sonst nicht mehr zu Gesicht.“

Ich folgte ihrem Ratschlag, das Essen für die anderen verstaute ich hinter dem Beifahrersitz. Es kam tatsächlich kalt an.

Es ist mir ja irgendwie peinlich, dass mich das Glück in der Nacht so verwöhnt hat.

 

 

Einsatzort war ein Lokal einer Kette, in der ich auch oft und gern verkehre. Ein Mann hatte sein Essen und sein Getränk nicht bezahlt. Als ihm der Geschäftsführer hinterherlief, zeigte der Zechbetrüger ein Messer vor.

Angesichts solch stechender Argumente entschied der Mann, die Lösung dieses Problems der Polizei zu überlassen.

Er gab uns eine sehr gute Personenbeschreibung und wir suchten im Streifenwagen (ich vertilgte dabei die fast schon kalten letzten Überreste meines Menüs) den Nahbereich um das Lokal ab.

Mindestens eine weitere Streife unterstützte uns dabei.

Und tatsächlich:

„Das ist er doch“, sagte Kevin.

Die Beschreibung passte.

Tatsächlich war es unser gesuchter Zechpreller.

Eine weitere Streife kam hinzu, nicht zuletzt, weil die Info mit dem Messer im Raum stand. Auch Kevin und Gitti kommen gern gesund aus dem Dienst nach Hause – so wie alle Polizisten.

Das Messer hatte er nicht mehr bei sich, offensichtlich hatte er es unterwegs entsorgt.

Er gab allerdings zu, in diesem Lokal gewesen zu sein und hatte auch den Kassenzettel bei sich.

Nun schreibt sich das für mich schnell herunter, aber die genaue Abklärung eines solchen Sachverhalts dauert schon eine Weile. Ich habe dabei nicht auf die Uhr gesehen, aber es reichte für zwei Radfahrer sich auf dem Bürgersteig durch unsere Ansammlung hindurchzudrängeln (weil die Polizei grundsätzlich nur zur Dekoration auf Bürgersteigen im Kreis um Bürger herumsteht) sowie einigen Fußgängern.

Einer wollte von uns wissen, wo denn der nächste Taxistand sei – mit einem langen Blick auf die beiden Streifenwagen.

Nix da, mein Freund. Falsche Farbe, falsche Beschriftung.

Einer der jungen Polizisten beschrieb ihm den Weg.

„Wie weit ist denn das?“

„Etwa 800 Meter.“

„800 Meter?“
Dabei ein Schmerz verzerrtes Gesicht. Als hätte man ihm gesagt, dass er 10 km wandern müsse. Stramm bergauf.

„Ist nicht so weit, wie es sich anhört.“

Schließlich gab der Mann klein bei und trollte sich. In die andere Richtung.

 

Der Geschäftsführer des Lokals freute sich sehr, dass wir den Zechpreller hatten. Ich freute mich auch.

 

Für den Rest der Nacht präsentierte Ludwigshafen sich sehr ruhig. Das heißt aber nicht, dass mein Streifenteam arbeitslos gewesen wäre. Gitti und Kevin suchten proaktiv nach Einsätzen. U.a. überprüften wir auch einen einsam an einem Feldweg stehenden Roller und machten Einbruchspräventionsstreifen.

 

Zurück zum darauffolgenden Montag. Ich muss zugeben, dass mir die Polizistinnen und Polizisten, die ich bei ihrer professionellen Arbeit beobachten darf, dabei immer ein Stück weit ans Herz wachsen. Plötzlich diesen Spruch um die Ohren geschlagen zu bekommen, traf mich mitten rein, in dieses Herz.

Überheblichkeit…

Ich schließe ja gar nicht aus, dass die junge Dame tatsächlich Menschen kennt, die zur Polizei gegangen sind und die sie als überheblich empfindet.

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann gibt es sogar bei meiner Lieblingspolizei in Rheinland-Pfalz tatsächlich drei Polizeibeamte, die ich mit dieser Vokabel belegen würde. Das sind 0,03% aller Polizisten in RLP. Als Quote nicht wirklich repräsentativ und somit keine Grundlage für eine Aussage, wie sie mir die junge Dame am Montagmorgen präsentierte.

(Es braucht sich auch niemand Mühe geben, da mehr aus mir herauszubringen. Ich pflege solche Meinungsverschiedenheiten mit den Betroffenen persönlich zu klären. Ebenso braucht sich auch niemand Fragen zu stellen, der mich schon mal im Streifenwagen hatte oder dessen Schicht ich mal begleiten durfte. Ihr hättet es von mir direkt vernommen, wenn ich ein Problem gehabt hätte…. wp-monalisa icon Die Drei wissen Bescheid.)

Ich halte es also nicht für unmöglich, dass meine Gesprächspartnerin Erfahrungen gemacht hat, die sie zu diesem Urteil verleitet haben. Vielleicht kamen ihr die Leute aus ihrer Schulzeit, die sich für die Polizeilaufbahn entschieden haben, wirklich so vor.

Verallgemeinern sollte sie solche Dinge allerdings nicht.

Gerade im Kontrast zu den Einsätzen mit den Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen, kam mir diese Aussage hochgradig ungerecht vor und tat mir sogar ein bisschen weh. Die einzigen, die die Vokabel „überheblich“ in dieser Nacht verdienen, sind jedenfalls nicht die an den Einsätzen beteiligten Polizisten. Bei den Kommentatoren von Polizeieinsätzen, den Respektlosen, die meinen, sie müssten sich noch durch einen Polizeieinsatz drängeln, anstatt ihren Luxuskörper mal einige Meter beiseite zu bemühen, oder jungen Mädchen, die meinen, ihre Eltern wären ihnen eine teure Reise schuldig, würde mir dieses Wort weit eher in den Sinn kommen.

 

Nicht nur diese Schicht nimmt mich immer sehr, sehr herzlich in Ludwigshafen auf. Untereinander hauen sie sich teilweise schon einiges an Sprüchen um die Ohren. Gelegentlich bin auch ich mal Adressatin solcher Ansagen. Ehrlich gesagt macht mich das stolz. Offenbar traut man mir zu, das korrekt einzuordnen. Und wenn es mir zu viel wird, das auch mitzuteilen.

Nicht nur die Menschen, die ich bereits kennen gelernt habe, auch ihre Kollegen halten Tag für Tag im Dienst an uns als Gesellschaft den Kopf für uns hin. Sie sind vor allen Dingen das – Menschen. Mit Fehlern, mit Schwächen, aber auch mit einer ganzen Latte an sehr guten Eigenschaften ausgestattet. Allen voran die Eigenschaft, die Gesellschaft durch ihren Einsatz besser machen zu wollen. Das steht für mich auch bei den 0,03 %, bei denen es im zwischenmenschlichen Bereich nicht so geklappt hat, im Vordergrund.

Ein kleiner Weihnachtswunsch  wäre, dass Menschen in Zukunft besser nachdenken, bevor sie solche verallgemeinernden Wertungen heraushauen.

Mein großer Weihnachtswunsch wäre, dass das Gros der Gesellschaft es wichtiger findet, den Dienst unserer Polizistinnen und Polizisten an uns als Gesellschaft zu würdigen als an irgendwelchem Kleinkram ihre Kritik aufhängen. Oder an Einsätzen, die sie eigentlich nicht wirklich beurteilen können. Ich wünsche mir, dass meine Mitbürgerinnen und Mitbürger sich viel öfter bei unseren Einsatzkräften bedanken. (Nicht nur) Heiligabend und an den folgenden Feiertagen sind sie wieder für uns im Einsatz. Vielleicht findet ja der eine oder andere Zeit dafür, sich zwischen Küchenstress und Geschenkeauspacken daran zu erinnern, wer ihm die Sicherheit dafür schenkt – und einfach mal in seiner örtlichen Dienststelle Danke zu sagen.

 

Danke für Euren täglichen Einsatz, liebe Polizei in Ludwigshafen und anderswo. Ich wünsche allen Polizistinnen und Polizisten ein frohes Weihnachtsfest – und mindestens einen Bürger, der auch daran denkt, ihnen ein frohes Fest  zu wünschen. Kommt alle gesund nach Hause zu euren Lieben.

Allgemein Polizistenstimmen

Polizisten eine Stimme geben: Weihnachtsengel in Uniform

Am heutigen Morgen, den 22.12.17 kurz nach 6 Uhr, fuhren wir, zwei Streifen des Abschnitt 35, zu „Hilferufen weiblich“.
Alarmiert hatte uns eine Nachbarin des Hauses, welche diese Rufe wahrgenommen hatte.

Wir hörten an der angegebenen Adresse überhaupt nichts. Also hielten wir Rücksprache mit der Anruferin.
Sie konnte uns nicht genau beschreiben, woher das Wimmern und das Schreien wirklich kam.
Aber kurze Zeit später klopfte ein Kollege an eine Tür und Treffer. Wir hatten die vermeintlichen Hilferufe gefunden.
Es öffnete uns eine junge Frau, welche total aufgelöst und verweint war.
Nach einem kurzen Gespräch erfuhren wir auch den Grund.

Sie war maßlos traurig, weil sie ihren Zug in ihre Heimat verpasst hatte und sie Weihnachten nicht mit ihrer Familie feiern konnte.
Eine neue Fahrkarte konnte sie sich nicht leisten.
Im weiteren Gespräch erfuhren wir wohin sie wollte.
Wie es der Zufall so wollte, wollte mein Kollege Rolf am heutigen Tage auch in die Richtung. Er bot ihr also an, sie und ihre Katze mitzunehmen.
(Das hat mich schon richtig gerührt.)
Es wurde also schnell vereinbart, dass sie kurz nach 12 Uhr (da endete unsere Frühschicht) abgeholt wird.
Und so geschah es auch.

Eben gerade, gg. 17.00 Uhr, habe ich die Rückmeldung erhalten, dass Rolf die junge Frau gut an ihren Vater übergeben hat.

Ich bin unheimlich stolz, so einen tollen empathischen Kollegen in meiner Schicht zu haben.
Für mich ist er ein Weihnachtsengel in Uniform.

Danke Rolf. Du bist klasse.

Dirk Heßler

Allgemein Verein

Hambacher Forst und Gewalt gegen Polizisten

Symbolfoto: Menschen in Uniform

Da wir als gemeinnütziger Verein zur politischen Neutralität verpflichtet sind, hat sich der geschäftsführende Vorstand von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. bislang nur sehr eingeschränkt zu den Einsätzen im Hambacher Forst geäußert – in Form von Genesungswünschen für verletzte Polizeibeamte.

Wir waren der Ansicht, dass ja nun allmählich sattsam bekannt sei, wo wir stehen – als Verein, der sich hinter seine demokratisch legitimierte und rechtsstaatlich verfasste Polizei stellt – und dass ebenso sattsam bekannt sei, dass es uns in erster Linie um die in diesen Einsätzen verletzten Polizistinnen und Polizisten geht.

Nun ergab es sich aber, dass Äußerungen im Internet aufkamen, die sich zwar vordergründig auf die Seite der in diesem Einsatz verletzten Beamtinnen und Beamten stellten – aber gleichzeitig unterschwellig in Zweifel zogen, dass der Einsatz der Polizei Aachen rechtmäßig sei. Es wurde nach einer Einsatz“order“ gefragt.

Manche äußerten die These von der Unrechtmäßigkeit des Polizeieinsatzes auch ganz offen und untermauerten diese mit einem Verweis auf den am 28.11.2017 vom OVG Münster verhängten Rodungsstopp.

In diesem Zusammenhang sei im Übrigen deutlich gemacht, dass das OVG Münster mit diesen Stopp mitnichten die Rodung als solche als unrechtmäßig deklariert hat. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen Zwischenbeschluss, der bis Vorliegen eines finalen Beschlusses Gültigkeit hat. „Die Zwischenentscheidung sei zur Gewährleistung effektiven Rechtsschutzes angesichts der Komplexität des Sachverhalt und der sich stellenden Rechtsfragen sowie zur Vermeidung irreversibler Zustände erforderlich.“ (Pressemitteilung des OVG Münster vom 28.11.2017). Zudem hat es am 01.12.2017 dem BUND und der RWE Power AG einen Vergleichsvorschlag vorgelegt. Bis da also eine finale richterliche Entscheidung vorliegt, dürfte noch einiges an Zeit ins Land ziehen.

Auch hat der Rodungsstopp rückwirkend nicht den Polizeieinsatz unrechtmäßig gemacht, wie der eine oder andere es wohl gerne in einem ideologisch bedingten Schnellschusswunschgedanken gerne hätte.

 

Der Grund und Boden, auf dem diese Rodungen stattfinden, gehört seit 1978 der Rheinbraun AG, die seit Oktober 2003 durch Fusion in der RWE Power AG aufgegangen ist.

Egal, wie man nun zu den Rodungen speziell, zum Braunkohleabbau insgesamt und zur RWE Power AG als Unternehmen steht (in unserem Verein findet sich dazu ein ganzes Sammelsurium an Ansichten – und das ist auch gut so), so gibt es doch keinerlei rechtlichen Zweifel an der Eigenschaft der RWE Power AG als Eigentümerin des fraglichen Grund und Bodens. Zwar darf nicht jeder mit einem Grund und Boden machen, was er will (das ergibt sich auch aus dem Art. 14 Abs. 2 des GG – Eigentum verpflichtet). Da muss eine sorgfältige Interessenabwägung abfinden, daher der Rodungsstopp. Wer nun gewinnen wird – das werden wir sehen. Unbenommen davon darf aber jeder Eigentümer eines Grundstücks entscheiden, wer sich darauf aufhalten darf und wer nicht. Dabei ist es auch vollkommen wurscht, wie hoch oder niedrig die Sympathiewerte des Eigentümers des Grundstücks sind.

Hält sich jemand gegen den Willen der RWE Power AG dort auf, so ist das ein Hausfriedensbruch.

Verletzen dann auch noch einige der Personen, die sich auf diesem Grund und Boden aufhalten, Waldarbeiter, so sind das Körperverletzungsdelikte.

Körperverletzungen und Hausfriedensbruch finden sich beide im Strafgesetzbuch wieder (§§ 223 bis 231 StGB sowie §123 StGB), es handelt sich folgerichtig um Straftaten. Wer ist bei Straftaten zuständig? Korrekt! Die Polizei.

Der Einsatz der Polizei Aachen dort vor Ort war und ist also in keiner Weise juristisch anrüchig.

 

Ich habe grundsätzlich hohen Respekt vor Menschen, die sich engagieren und für andere einsetzen. Aber auch, wenn man glaubt, dass man mit seinen politischen Aktivitäten nur das Beste für die Welt erreichen möchte, so rechtfertigt das weder das Begehen von Straftaten noch das mehr oder minder unterschwellige Adressieren von Unterstellungen an die Polizei Aachen.

Ich distanziere mich im Namen des geschäftsführenden Vorstandes von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. ausdrücklich von derartigen Unterstellungen.

 

Den im Hambacher Fort bis hierher verletzten Polizistinnen und Polizisten wünschen wir herzlichst gute Besserung! Sollten dort weitere Einsätze vonnöten sein, so wünschen wir allen Einsatzkräften, dass sie aus diesen gesund wieder nach Hause kommen.

 

G. Minrath im Namen des Vorstandes von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Neuwieder Bullshit-Bingo

„Nur noch ein Stündchen“, sagte Aline und klang dabei auch ein bisschen müde.

„Joah“, sagte Stephan.

Ich auf meiner Rückbank hatte zu diesem Zeitpunkt deutliche Schwierigkeiten, die Augen aufzuhalten. Neuwied und Umgebung präsentierten sich nach einer durchschnittlich ereignisreichen Schicht sehr friedlich. Übermächtige Sehnsucht nach meinem Bett machte sich in mir breit. Ich hatte genug erlebt, um einen Artikel zu schreiben – von mir aus konnte jetzt gern das Schichtende in greifbare Nähe rücken.

Plötzlich knackte es noch mal im Funk:

„Fahrt mal zur folgenden Disko.“ (Es folgte eine Ortsangabe in der Innenstadt.) „Da hat es eine Erpressung gegeben, zwei Täter. Wo seid Ihr gerade?“

Zu weit weg. Zwei andere Streifen wurden vorgeschickt.

Aline warf die Sondersignale an, Stephan trat den Gashebel durch. Mit Blaulicht und Martinshorn brausten wir los. Mittlerweile braucht man mir das nicht zu erklären. Die fortgeschrittene Uhrzeit, eine Disko, eine Straftat – alles Zutaten, die man für eine hochaggressive Situation braucht – in die gerade mal zwei Streifen fuhren.

Symbolfoto

Meine Müdigkeit schlug um in wildes Pumpen von Adrenalin.

Über Funk hörten wir, wie die beiden anderen Streifenwagen eintrafen.

„Stephan, beeil dich“, rief Tobi aus dem Funk. Ganz klar unter Dampf.

Schluck.

Zum Glück waren wir fast da, Stephan hatte schon abgebremst.
„Wo sind die denn?“
Suchend sah er sich um.

„Da.“

Meine beiden Begleiter sprangen aus dem Wagen, rannten los, ich hinterher, in Richtung Menschenmenge.

Zwei Polizisten, Wolle und Niklas, hatten bereits einen Herrn auf der Motorhaube eines Streifenwagens abgelegt.

„Ich kann nicht atmen, ich kriege keine Luft“, schrie der laut. Übrigens derart ausgiebig, dass mit seiner Atmung ganz klar alles in bester Ordnung war. Im späteren Verlauf wurde er mit K. angesprochen. Fast über den gesamten Einsatz hinweg demonstrierte K. uns den hervorragenden Zustand seiner Atemorgane und Stimmbänder.

Den anderen Beamten, Tim, Lisa und Tobi, standen etwa 35 Personen gegenüber, die aufgebracht und teilweise aggressiv wirkten und auf die Beamten einredeten. Stephan begab sich zu den Kollegen, die der Menschenansammlung gegenüberstanden, Aline half Wolfgang und Niklas, da K. sich immer wieder mal wehrte.

Ich postierte mich in respektvollem Abstand zu den Beinen des jungen K., falls er nochmal auskeilen sollte. Möglichst nicht im Weg stehen, alles im Blick behalten, im Zweifel die Flucht ergreifen können. Natürlich weiß ich, dass die anwesenden Polizisten alles tun würden, um mich heil aus welcher Lage auch immer rauszubringen. Ich würde jedem einzelnen meiner bisherigen Streifenpartner mein Leben bedingungslos anvertrauen. Aber wenn ich es ihnen einfacher machen kann, indem sie gar nicht in die Lage kommen, mir den Allerwertesten retten zu müssen, finde ich persönlich das noch viel besser.

Aus der Menge kamen Rufe wie „Der hat doch gar nichts gemacht!“ und „Voll übertrieben!“

Schade, dass ich meine Bullshit-Bingo für Polizisten-Karte nicht dabei habe. Das wären schon mal zwei Haken!

Allerdings war mir nicht wirklich lustig zumute. Das waren etwa 35 Leute gegen sieben Polizisten. Mich selbst zähle ich ehrlichkeitshalber nicht dazu. Mein Trainingsstand ist im Vergleich zu dem der Beamten, mit denen ich unterwegs bin, nicht der Beste. Irgendetwas, womit ich im Zweifel zuschlagen konnte, war auch nicht in greifbarer Nähe.

Zwei Männer taten sich besonders hervor. Sie gingen aggressiv auf die Beamten zu.

„Bleiben Sie stehen!“

Diese Aufforderung erfolgte mehrmals.

„Nehmen Sie die Hände aus den Taschen.“

Stephan war unmissverständlich. Diese Ansage galt einem der beiden aggressiven Männer. (Wie ich später erfuhr, heißt er W.)

„Warum?“
Die Frage triefte nur so von Provokation.

Weil er es sagt? Und weil gerade keine Zeit und auch nicht ganz die richtige Situation ist, um Dir haarklein die Grundlagen der Eigensicherung zu erklären.

„Die Hände aus den Taschen.“
Stephan wiederholte seine Aufforderung.

Polizistinnen und Polizisten wissen nie, was ihr Gegenüber in den Taschen hat. Im schlimmsten Fall ein Messer oder eine Schusswaffe. Stephan und seine Kollegen wollten gesund an Leib und Seele nach Hause kommen – und das ist auch ihr verdammtes Recht!

Für den Bruchteil einer Sekunde nahm W. die Hände aus den Hosentaschen. Versenkte sie sofort wieder darin.

„Nehmen Sie die Hände aus den Taschen.“

W. ließ die Hände tief in den Hosentaschen.

„Dann geben Sie mir Ihre Personalien, Sie stören hier eine Amtshandlung.“

Nun wollte W. den Ort des Geschehens verlassen. Stephan griff nach ihm, W. schlug ihm gegen den Arm.

Mit einem Griff beförderte Stephan W. auf den Streifenwagen, dessen Motorhaube er sich nun brüderlich mit K. hätte teilen können.

Stattdessen leistete er heftigen Widerstand, keilte und schlug in alle Richtungen aus. Niklas sprang Stephan zu Hilfe.

Gemeinsam brachten sie W. zu Boden.

Im Gerangel ein heftiger Krach.

Ach du Sch****

Mein Adrenalinpegel stieg noch einmal an.

Später stellte sich heraus, dass durch die Gegenwehr von W. der Kotflügel des Streifenwagens eingebeult worden war.

Das Foto habe ich natürlich erst nach Schichtende gemacht. Es hätte sicherlich nicht deeskalierend gewirkt, wenn ich noch mit der Kamera durch den Einsatz gehüpft wäre.

W. wurden Handschellen angelegt.

Nahezu zeitgleich wurde der dritte im Bunde von Lisa und Tobi zu Boden gebracht.

„Wir brauchen Verstärkung für den Abtransport“, teilte Stephan über Funk mit. Das machte Sinn, in unserem Streifenwagen saßen drei Personen und wenn ich die Polizisten vor Ort durchzählte, war auch eine der anderen Streifen zu dritt eingerückt. Noch nie hatte sich einer der Menschen, die mit mir im selben Streifenwagen transportiert wurden, derart aggressiv gebärdet.

Tim nahm in der Zwischenzeit erste Personalien auf.

Eine blonde Frau rief: „Nun hör doch auf, dich zu wehren. Dann hört auch die Polizei auf. “

Mir war nicht klar, welchen der drei sie meinte. Aber sie zeigte damit eine durchaus realistische Einschätzung der Lage.

Ein weiterer Mann mischte sich ein:
„Ich bin ein besorgter Bürger. Ich hinterfrage die anlasslose Gewalt durch die Polizei, die ich mit ansehen musste.“

Bingo. Und… Hä? Wieso anlasslos?

Er wiederholte das mantraartig.

Stephan erteilte ihm mehrfach einen Platzverweis. Den ignorierte er fröhlich. Vielleicht ist er nicht mehr ganz so fröhlich, wenn er seinen Bußgeldbescheid in Höhe von 250 Euro für das Nichtbefolgen desselben erhält. Der nigelnagelneue §99a des POG RLP erlaubt das. Gute Sache, wenn man mich fragt.

 

„Der Einsatz ist vollkommen übertrieben“, kam irgendwo aus der Menge.

Bingo!

Ja, klar. Sieben Polizisten gegen 35 Mann, die sie attackieren und auf ihnen herumhacken und dann übertrieben.

Interessante Wahrnehmung.

Zwischenzeitlich war W. etwas runtergekommen, fuhr sich aber immer wieder hoch. Aline musste sich auf seine Beine setzen, damit keiner der Beamten von seinen Tritten getroffen wurde.

Niklas unterstützte wieder Wolle.

Ich stand weiterhin auf meinem Standort und versuchte, das Zittern meiner Knie zu unterdrücken, das durch die Flutung mit Adrenalin hervorgerufen wurde. Außerdem war es kalt. Und ich hatte Angst.

Die Menge wurde auch immer wieder durch entsprechende Zwischenrufe hochgebracht.

Was, wenn das hier kippt?

Schließlich rief Wolle laut:
„Die Securitys bitte mal alle zu mir.“

Hier sind Securitys?

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das gar nicht bemerkt.

Etwa fünf Männer traten hervor, Stephan wies sie dann an, sich als „Kette“ zwischen die Polizeibeamten, die ja mit den drei aggressiven Festgenommenen beschäftigt waren, und die Menge zu stellen.

Puh!

Mein Kniezittern ließ merklich nach.

Die Menge wurde dann endlich ruhiger, die ersten trollten sich sogar.

Ein weiterer, bis hierher unbeteiligter, Mann mischte sich ein:
„Ich kenne mich mit Strafrecht aus. Das ist ganz klar ein Rechtsbruch, was ich da vor mir sehe.“

Bingo!

Einer der Mitarbeiter der Security der Disko fragte ihn:
„Machen Sie das beruflich?“

„Ich hab BWL studiert. Aber ich habe auch Ahnung von Strafrecht.“

Ja, das sieht man ja gerade sehr deutlich…

Das Grinsen des Security-Mannes war in etwa so süffisant wie meine Gedanken zu dieser Thematik. Der Gerechtigkeit halber sei dazu gesagt, dass Stephan ihn so verstanden hat, dass der Mann den Polizeieinsatz für rechtmäßig befunden hätte.

 

Allmählich wurde K. ruhiger und konnte aus seiner Haltung entlassen werden. Niklas versuchte mehrfach, ihm zu erklären, dass er nicht wegen der Vorkommnisse in der Diskothek auf der Motorhaube des Streifenwagens gelandet war, sondern weil er auf ganz normale Fragen feindselig und explosiv reagiert hatte. Niklas fand einen Zugang zu K., der dann eine vernünftige Aussage machte.
Ein Bekannter von ihm, ein gewisser S., sei Opfer einer Erpressung geworden. Die Täter seien W. und der Mann gewesen, der gerade mit W. zusammen am Boden lag.
„Ich hab nur meinem Kumpel geholfen.“

„Wo ist denn der S.?“

„Der ist schon im Bett, der muss morgen arbeiten“, schallte es aus der Menge zurück. Tatsächlich war S. nicht mehr vor Ort.

Wie bitte?

Auch K. war darüber einigermaßen fassungslos, was noch verstärkt wurde durch den Spruch einer gemeinsamen Bekannten der beiden:
„Arbeiten ist wichtiger als das hier.“

Ach so?

Ok. Ausgeschlafen bei der Arbeit zu erscheinen ist wichtig. Sehe ich ein. Aber wichtiger, als einem Freund mit einer Aussage bei der Polizei weiterzuhelfen? Mein Freund wäre der die längste Zeit gewesen…

 

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit (meine Armbanduhr sagte was von 10 Minuten), hörte ich in der Ferne Martinshörner.

Oh bitte, lass das die Verstärkung sein.

Zuerst sah ich Blaulichter am Ende der Straße in der mittlerweile diesigen Nachtluft flackern.

Uff!

Dann sah ich sie verschwinden.

Was zum…

Quietschende Reifen.

Die Blaulichter kamen wieder mein Blickfeld.

Ein Motor heulte auf, ein Streifenwagen wurde sichtbar.

Halleluja!

Noch einmal quietschende Reifen. Vom Bremsen. Immerhin waren Kollegen in Not. Bei einer längeren Anfahrt zu solchen Situationen steigt der Adrenalinpegel nicht schlecht an. Besonders, wenn man sich in fremdem Dienstgebiet nicht so gut auskennt und deshalb um ein Haar falsch abgebogen wäre. Nichts, was mit einem Minimum an Einfühlungsvermögen nicht nachzuvollziehen wäre.

„Der hat zu viel GTA gespielt“, demonstrierte jemand aus der Menge einen eklatanten Mangel an genau diesem.

Witzig… ganz witzig…

 

Im Angesicht der neu hinzugekommen Beamten überzog W. Stephan mit einer ganzen Tirade an Unterstellungen, u. a. habe er ihn grundlos angegriffen.
„Sie sind brutal. Sie sind ein gewalttätiger Mensch.“

Die Neuankömmlinge kümmerten sich zuerst um den dritten Mann am Boden.

 

Eine zweite Streife aus Koblenz traf ein. Dem Streifenwagen entstiegen Sven und Kathi, „meine“ Streifenpartner aus meiner Nachtschicht bei der PI Koblenz 1.

Ich freute mich, sie zu sehen. Die beiden nahmen sich kurz die Zeit, mich zu begrüßen. Das freute mich auch, und es beruhigte mich kolossal.

Wenn dafür Zeit ist, ist die Situation jetzt genau so sehr unter Kontrolle, wie sie mir mittlerweile vorkommt.

Auch ihnen erzählte W. von Stephans „Brutalität“. Er schob nach:
„Ich hab nichts gemacht.“

Wenn man bedrohliches Verhalten, Widersetzen gegen eine polizeiliche Anweisung, Widerstand und Unterstellungen am laufenden Band als „Nichts“ definieren möchte…

Da auch die Koblenzer Polizei (wie wohl alle Polizistinnen und Polizisten) mit jeder Menge Leute zu tun hat, die alle nichts gemacht haben wollen, wussten Sven und Kathi diese Botschaften durchaus einzuordnen.

Die beiden brachten auch W. in die Dienststelle.

Im Nachgang erfuhr ich übrigens von Sven, dass auch in Koblenz 1 die Nachtschicht gerade dem Ende zugegangen war, als der Funkspruch aus Neuwied kam. Die Beiden hatten neun Minuten gebraucht, um von Koblenz nach Neuwied zu fahren (Respekt!). Auch meine Einschätzung mit dem gewaltigen Adrenalinpegel hatte gestimmt.

Ich glaube mich zu erinnern, dass noch ein weiterer Streifenwagen einrückte. Ich bin mir allerdings nicht sicher, da Stephan und Aline wieder in die Dienststelle wollten, um sich mit W. zu beschäftigen. Die Schicht neigte sich ihrem Ende zu, aber es war klar, dass die beiden Herren der Polizei noch jede Menge Arbeit bescheren würden. Da die Situation unter Kontrolle war, konnten wir drei auch abrücken.

Als wir auf dem Weg zum Streifenwagen waren, traf dann noch ein letzter Streifenwagen ein, der aus einem entfernten Winkel des Dienstgebietes der Polizeiinspektion Straßenhaus gekommen war. Der Fahrer hatte alles gegeben, aber es dauert eben eine Weile, derartige Entfernungen zu überwinden.

Stephan, Aline und ich fuhren in die Dienststelle. Die beiden Koblenzer Streifen waren mit den beiden Festgenommenen schon eingetroffen, einer der Herren saß im Flur, ein anderer in einem Vernehmungsraum. K. hatte mittlerweile gehen dürfen, da er sich komplett beruhigt und seine Aussage gemacht hatte.

 

Ich hatte im Einsatz mitbekommen, dass Niklas durch die Widerstandshandlungen von W. verletzt worden war. In der Dienststelle hatte er kurz Zeit, mir seine Blessuren zu zeigen.

 

Dazu kam noch ein geschwollenes Handgelenk. Das mag erstmal „gar nicht mal so schlimm“ aussehen. Niklas sagte auch, es sei gar nicht mal so schlimm.

Davon unbenommen ist die Tatsache, dass Polizistinnen und Polizisten das Recht haben, gesund nach Hause zu kommen. Das beinhaltet auch Kratzer und Schürfwunden.

Hinzu kommt, dass sich das Ganze im Nachgang dann doch nicht mehr so harmlos herausstellte. Niklas verschwand erst einmal, um sich in einem nahe gelegenen Krankenhaus untersuchen zu lassen.

 

Nach dem Austausch der Handschellen und einiger Informationen verließen die Koblenzer die Dienststelle.

Stephan und Aline vernahmen W., der weiterhin Handschellen trug (nun ein Neuwieder Modell, kein Koblenzer).

 

Es folgt ein Auszug aus seinem Benehmen den beiden Beamten gegenüber:

Er fragte Stephan mehrmals, warum er festgenommen worden sei, er habe nichts gemacht.

Stephan setzte mehrfach zu einer Erklärung an, wurde dann aber unterbrochen und angeschrien. Dabei fielen folgende Vokabeln:

„Sie sind doch nicht normal.“

„Sie ticken nicht ganz richtig.“

„Drecksack.“

Als Stephan und Aline ihn darauf aufmerksam machten, dass das nun eine Beleidigung sei, sagte er:

„Das ist mir egal, ich sage trotzdem Drecksack.“

Er erhöhte um:
„Ihr könnt mich am Arsch lecken.“

„Sie können mir einen blasen.“ (An Stephan gewandt.)

Örks!

 

Tobias versuchte, ihn einen Atemalkoholtest machen zu lassen. Anstatt einfach in das Plastikröhrchen des Alkomaten zu pusten, bombardierte W. Tobias mit Fragen:
„Warum bin ich hier? Warum mit Gewalt? Warum muss ich das machen?“ und an Stephan wieder und wieder: „Sie sind ein brutaler Mensch.“

Letztlich erklärte er zwar vordergründig seine Bereitschaft, in den Alkomaten zu pusten, tat es dann aber nicht.

Da Stephan und Tobias nicht bis abends mit dem Mann herumdiskutieren wollten, vermerkte Stephan in seinem Bericht, dass der Atemalkoholtest verweigert worden war. Dies teilte er W. mit. Der rastete verbal völlig aus.
„Wieso verweigert? Ich wollte doch pusten!“

Du hast aber nicht gepustet…

Entsprechend lautete Tobias nächste Frage:
„Stimmen Sie einer freiwilligen Blutprobe zu?“

Derselbe Tanz ging von vorne los. „Warum bin ich hier? Warum mit Gewalt? Warum muss ich das machen?“ Dieses Mal erweiterte er sein Repertoire um: „Ich habe den Alkotest nicht verweigert.“

Letztlich lief es auf dasselbe hinaus. Anstatt seine Bereitschaft zu erklären, sich vom Polizeiarzt Blut abnehmen zu lassen, schlug er den beiden sein Lamento um die Ohren.
„Ich habe mich gar nicht gewehrt.“

Der Dienstgruppenleiter rief den Dienst habenden Bereitschaftsstaatsanwalt an. Der ordnete eine Blutprobe an, entsprechend machte sich der Polizeiarzt auf den Weg zur Dienststelle.

 

Beim Warten auf den Polizeiarzt musste Stephan natürlich W. im Auge behalten. Gleichzeitig arbeitete er schon einmal an seinem Bericht zu dem Vorfall. Soweit das möglich ist, wenn man von der Seite pausenlos von W. beschimpft und beleidigt wird.

Niklas, mittlerweile mit Bandage, kam in den Raum, um Stephan den Befund vom Krankenhaus zu geben, da dieser in den Bericht zu dem ganzen Einsatz mit aufgenommen werden musste.

„Du warst doch gar nicht dabei“, behauptete W. schlankweg.

„Doch“, sagte Niklas.

„Ich hab mich doch gar nicht gewehrt. Du kannst nicht verletzt sein. Du bist doch ein kleiner Lutscher.“

„Wie bitte?“

Ich bewunderte Niklas gerade uneingeschränkt für seine Sachlichkeit. Ich kochte innerlich gerade wieder mal.

„Schlag mich doch, schlag mich doch, das willst du doch.“

Niklas lehnte dieses Angebot ab:
„Nein, das gibt mir nichts.“

 

Plötzlich brachte W. eine ganz neue Variante ins Spiel.
„Du hattest deine Füße in meinem Rücken“, warf er Stephan vor, als sein nicht enden wollendes Dauerlamento sich gerade mal wieder um dessen angebliche „Brutalität“ drehte.

Hä?

Das war definitiv nicht der Fall gewesen. Ich habe das von meinem Standort sehen können.

„Nein, das war mein Knie“, teilte Stephan ganz ruhig mit.

Genau so hatte ich das gesehen. Stephan hatte ihn teilweise allein mit dem Knie im Rücken am Boden gehalten.

„Du hast mir ins Gesicht getreten“, kam die nächste Neuigkeit aus den unerforschlichen Tiefen von W.s Fantasie.

Oh, wie ich kochte.

Es wäre für Stephan anatomisch schlicht unmöglich gewesen, W. aus der Position heraus, aus der er ihn mit seinem Knie am Boden gehalten hatte, ins Gesicht zu treten. Abgesehen davon, dass W. zwar ein ordentliches Hämatom aufwies und auch einige andere kleinere Verletzungen, die alle aber keinesfalls von einem ordentlichen Tritt mit dem Einsatzstiefel herrühren konnten.

„Du hast mich auch getreten.“
Nun war Aline an der Reihe, in den Genuss seiner Liebenswürdigkeiten zu kommen. Dabei hatte sie lediglich auf seinen Beinen gesessen, weil er mit den Füßen nach den Beamten gekeilt hatte.

„Ich wurde von euch zusammengetreten.“

Das wird ja immer besser.

 

Im Laufe seines Monologs sprang W. wieder und wieder auf und schrie herum. Zweimal mussten andere Polizisten hereingestürzt kommen, um ihn zu bändigen und auf den Stuhl zurück zu bringen.

Irgendwann brüllte er:
„Ihr könnt einen nur fesseln, ins Gesicht treten, auf einen Stuhl setzen und wenn er aufsteht, tretet ihr ihn wieder ins Gesicht.“

W. war auch in der Dienststelle zu keinem Zeitpunkt mit Tritten traktiert worden, er wurde lediglich mit Hilfe der Hände in eine sitzende Position gebracht. Langsam erreichte ich den Siedepunkt. Falsche Anschuldigungen und dann auch noch auf so eine Art und Weise, sind für mich mit das widerwärtigste Mittel in einer Auseinandersetzung.

 

„Ich bin vierfacher Familienvater. Ich bin selbstständiger Unternehmer. Was tun Sie mit mir?“
Als täte das irgendetwas zur Sache. W.s Benehmen war trotzdem unterirdisch.

„Rufen Sie Herrn X. an.“ Diese Aufforderung an Stephan und Aline erging mehrfach. Im Laufe des Gespräches stellte sich heraus, dass Herr X. offensichtlich bei der Kriminalpolizei beschäftigt ist. Lustigerweise war W. der festen Überzeugung, dass X. Stephans Vorgesetzter sei.

„Ich weiß genau, dass ich einen Anruf frei habe. Sie brechen gerade massiv das Recht.“

Bingo. Und du schaust zu viele amerikanische Krimiserien.

„Sie schauen sich offensichtlich zu viele amerikanische Krimiserien an“, wieRderholte Stephan meine Gedanken.

Deutsche Krimiserien wohl auch, wenn er glaubt, die Kripo sei der Schutzpolizei vorgesetzt…

Innerlich musste ich grinsen. Das fuhr meine Temperatur wieder etwas herunter.

 

„Ich habe der Polizei neulich erst 300 Euro gespendet.“

Die Polizei darf doch gar keine Spenden nehmen. Verwechselst du da was?

„Nun bin ich enttäuscht von der deutschen Polizei, wie soll man deutschen Polizeibeamten noch vertrauen?“

Nun, damit habe ich keine Probleme. Die bleiben nämlich konsequent bei ihren Vorwürfen (Erpressung, Widerstand und fertig). Du packst doch sekündlich eine neue Geschichte aus.

 

Mehrfach wandte sich W. an mich, was ich dazu denken würde.

Zuerst sagte er zu mir:
„Sie finden das sicher auch sehr lustig.“

„Ich kann hier gerade überhaupt nichts lustig finden.“

Fand ich auch nicht. Ich habe ja schon einige Aggressoren erlebt bei der Polizei (und alle hatten nichts gemacht), aber er war ganz klar ein Spitzenreiter. Insbesondere seine Verweigerung, den Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und den Reaktionen der Polizeibeamten darauf auch nur im Ansatz anzuerkennen, war mir unheimlich.

„Was sagen Sie denn dazu? Ich hab doch gar nichts gemacht.“

Ich darf mich ja nicht einmischen, konnte mir aber, da er mich nun schon mal fragte, nicht verkneifen:
„Ich habe das alles genau so wahrgenommen, wie es die Polizeibeamten sagen.“

Offenbar verstand er mich nicht genau, denn er versuchte weiterhin, mich auf seine Seite zu ziehen. U. a. sagte er zu mir:
„Was sagen Sie denn dazu? Sie stehen ja auch ratlos da.“

Stephan sprang mir bei:
„Die ist nicht ratlos, die ist fassungslos, wie sich jemand so benehmen kann.“

„Das trifft es ziemlich genau.“

 

Eine weitere Beamtin, Annika, dokumentierte mit einem Fotoapparat seine Wunden, die er sich bei der Festnahme zugezogen hatte – soweit das möglich war.
„Halten Sie bitte still“, bat sie mehrfach.

„Ich halte doch still“, sagte W. – und zappelte derart herum, dass es wirklich schwer war, vernünftige Fotos zu machen.

 

„Ihr seid wie Bonnie und Clyde“, teilte er irgendwann Stephan und Aline mit. Alles andere wiederholte er mehr oder weniger regelmäßig. Stephan entschied schließlich, seine Body-Cam einzuschalten.

Gute Idee!

 

Selbstverständlich teilte Stephan W. mit, dass dieser nun gefilmt wird. Was diesen zu einer neuen Variante zu animieren schien:

„Flippen Sie öfters so aus?“ wollte er von Stephan wissen. „Ist die deutsche Polizei instabil? Soll ich das so meinen Töchtern erzählen? Wie soll man einer solchen Polizei vertrauen?“

„Sie sind ein schlechter Verlierer“, teilte er Stephan weiter mit. „Sie haben sich zum Affen gemacht. Was kann ich dafür, dass Sie Russlanddeutsche hassen? Sie sind rassistisch, Herr Y. Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?“

Rassistisch. Bingo.

 

Irgendwann sagte Stephan: „Es wäre besser, Sie würden endlich von Ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen.“

Oh ja, bitte. Einfach still sein.

Auf sein Recht, die Aussage zu verweigern, hatte Stephan W. schon ganz zu Anfang mehrfach hingewiesen, aber der hörte ja nicht zu. Wie auch? Dazu hätte er ja für wenige Minuten aufhören müssen, herumzuschreien und Stephan zu beschimpfen.

„Wieso soll ich diesen Gebrauch machen? Ich habe doch nichts gemacht.“

Argh!

Aline versuchte es mit Vernunft: „Der Kollege hat Sie nur auf Ihr Recht aufmerksam gemacht, denn schließlich leiten wir gerade ein Strafverfahren gegen Sie ein.“

W. explodierte förmlich.
„Ein Strafverfahren? Dazu sind Sie nicht befugt. Ohne Staatsanwalt und ohne Richter.“

Aline versuchte ein letztes Mal, ihm zu erklären, dass Richter mitnichten Strafverfahren einleiten, sondern über Strafen entscheiden. Und dass die Polizei natürlich ein Strafverfahren einleiten darf. Ohne Erfolg. Ich persönlich tippe darauf, dass W. der Unterschied zwischen Straf- und Gerichtsverfahren nicht ganz klar ist. Aber Hauptsache, mal wieder der Polizei ihren Job erklärt.

Endlich kam der Polizeiarzt. Da W. auch hier zwar verbal Kooperationsbereitschaft signalisierte, sich aber körperlich sperrte und unkooperativ verhielt, wurde er mit Handschellen auf den Boden in eine liegende Position gebracht und der Arzt entnahm ihm dort sein Blut. Natürlich war auch das aus W.s Warte rechtswidrig, da weder Richter noch Staatsanwalt zugegen seien.

Allen drei dabei anwesenden Beamten (Tobias, Stephan und Aline) drohte er an, dass sie ihren Job los seien (Bingo!). Stephan und Aline bescheinigte er noch: „Sie haben hier ihren Abgang.“ Was immer er damit meinte.

Die Body-Cam hing in einem ungünstigen Winkel an Stephans Revers. Sie würde in erster Linie interessantes Büromobiliar filmen, wenn W. zu Boden gebracht werden würde. Kurzerhand drückte Tobi mir das Gerät noch vor der Blutentnahme in die Hand, damit sie alles aufzeichnen konnte.

Schließlich halfen ihm die drei Polizeibeamten auf und brachten ihn ins Gewahrsam. Dort wollte er sogar noch Tobias seine Uhr in die Hand drücken… was auch immer er nun damit bezweckte.

Danach, es war mittlerweile fast eine Stunde über die Zeit, verließ ich die Dienststelle und machte mich auf den Heimweg. Ich hatte mich als Zeugin zur Verfügung gestellt. Also verfasste ich daheim meine Aktennotiz dazu, solange mein Gedächtnis noch frisch war. Dafür brauchte ich fast bis mittags. Es sei nur am Rande erwähnt, dass ich diese Nachtschicht „heimatnah“ hatte absolvieren wollen, um früh ins Bett zu kommen.

Meine Bullshit-Bingo-Karte war voll. Ok, drei Haken hatte ich einem Einsatz aus dem ersten Teil der Nacht zu verdanken. Dort wurden „meine“ Polizisten beglückt mit „Anstatt mal die Grenzen zu kontrollieren…“,  „Jeder darf hier rein, aber ich werde kontrolliert…“ sowie „Haben Sie keine richtigen Verbrecher zu jagen?“ Aber das wäre ein anderer Artikel…

Später erfuhr ich noch, dass W. den Richter beleidigt hatte, als der zur Polizeiinspektion kam, um über den weiteren Gewahrsam zu entscheiden. Der Richter entschied dann, ihn bis 16 Uhr im Gewahrsam zu lassen. Ebenfalls erfuhr ich, dass Niklas Verletzungen doch nicht so harmlos gewesen waren, wie sie oberflächlich ausgesehen hatten. Er wurde am Folgetag krank geschrieben.

Schon länger lese ich die auf wenige Zeilen komprimierten Pressemitteilungen zu solchen Einsätzen anders als früher. Seit dieser Nacht kann ich mir noch besser vorstellen, was an Zeitaufwand, Aggressionen, die an den Beamten ausgetobt werden, Arbeit und Emotionen dahinterstehen kann.

Auch wenn Stephan und ich unsere inneren Bullshit-Bingo-Karten vollgekriegt hatten – ich brauche solche Erlebnisse nicht wirklich.

Gewalt gegen Polizisten ist hässlich. Wenn man sie live sieht, ist sie noch viel hässlicher. Und wenn es Polizisten trifft, die man persönlich mag, dann ist sie an Hässlichkeit kaum zu überbieten.

Danke nach Neuwied! Ihr seid klasse!

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Tropenregen – eine Nachtschicht in Ludwigshafen

Eine Woche vor der Nachtschicht. Elsass. Nach einem heißen Tag folgt eine Nacht ohne jede Abkühlung. Ich sagte zu meinem Mann: „Die Nachtschicht nächste Woche in Ludwigshafen wird wohl ziemlich tropisch. Und dann steppt da bestimmt wieder der Bär.“

Sieben Tage später. Mein Mann brachte mich zum Zug nach Ludwigshafen. Ungefähr 20 Grad weniger Außentemperatur. Er zeigte auf den Regen:
„Kannst dir ja vorstellen, das sei ein Tropenregen.“

Zwei Stunden später in Ludwigshafen: Der Dienstgruppenleiter, mit dem ich übrigens auch schon mal Streife gefahren bin, wollte mich vorsichtig auf eine langweilige Nacht vorbereiten. Ich glaubte ihm nicht.

Ludwigshafen und langweilig schließen sich grundsätzlich aus. Polizei und langweilig übrigens auch. Für mich jedenfalls!

Der DGL reichte mir meine Schussweste mit den Worten: „Ich denke, das ist die Richtige. Das ist jedenfalls die, die im DGL-Raum für dich liegt.“

Ein ziemlich breites Grinsen erschien auf meinem Gesicht.

WOW!

Da liegt schon eine Weste vorbereitet? Ich bin inventarisiert. Ich fühle mich geehrt. Und das meine ich ernst.

 

 

Mal wieder hatte ich nicht mal Zeit, meine Tasse auszupacken, als schon der erste Einsatz anstand. Mit Timo und Ferry ging es zu einer Unfallaufnahme. (Mit Timo war ich übrigens schon einmal Streife gefahren. Eine sehr gute Erinnerung.) An einer Ampelkreuzung waren ein blauer Kleinwagen und ein Mercedes kollidiert.

Wie üblich hatten natürlich beide Seiten grün gehabt. Es gab auch Zeugen für beide Varianten. Da kann die Polizei dann gar nicht anders, als entsprechend alle Daten und Aussagen aufzunehmen und ansonsten zu hoffen, dass die Wahrheit gewinnen möge.

 

Zwei der Zeugen, die auf der Seite des Mercedesfahrers waren, amüsierten sich damit, die Polizei mit ziemlich viel Unsinn vollzutexten. Zwar war ich nicht die Polizei, wie ich auch unmissverständlich zu verstehen gab („Ich schreibe anschließend einen Artikel darüber.“), aber ich war in Begleitung der Polizei aufgetaucht und ging somit als adäquater Ersatz durch („Schreiben Sie doch mal einen Artikel über meinen Boxclub.“). Immerhin bestand mein Nutzen darin, meinen beiden Herren den Rücken freizuhalten. Abgesehen davon, dass das Gespräch streckenweise tatsächlich nicht ganz uninteressant war.

 

Zuerst wurde ich von einem der Herren darüber aufgeklärt, dass ich mit „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ völlig falsch läge, da ja eigentlich „Polizeigewalt“ das Problem in dieser Gesellschaft sei. Er selbst sei in Mannheim Opfer von Polizeigewalt geworden. Ehrlich gesagt habe ich die Geschichte nicht genau verstanden. Es ging um die Haltung eines Hundes einer Rasse, die nicht ganz einfach ist. Ich dachte ja immer, Hunde lägen im Aufgabenbereich des Ordnungsamtes. Vielleicht lag da auch einfach eine Verwechslung der Uniformen vor? Jedenfalls endete er damit, dass er von allen „gefickt“ (ich zitiere) worden sei, inklusive seinem eigenen Anwalt. Wenn in einer Erzählung immer alle böse sind außer dem Erzähler, dann fange ich immer an, mir Fragen zu stellen…

Nachdem er damit fertig war, fragte mich sein Kumpel, also Zeuge 2, ob er auch noch zur Polizei könne.

„Wie alt sind Sie denn?“

Sein Alter passte.

Ich: „Dann sollten Sie mal die Einstellungsberatung anrufen.“

Zeuge 1: „Aber du hast da doch eine Anzeige.“

Zeuge 2: „Aber nur eine. Das muss doch noch klappen.“

Ich: „Rufen Sie am besten die Einstellungsberatung an. Die sind sehr nett da. Wie gesagt, ich bin ja nicht die Polizei.“

Zeuge 2: „Ich war mal bei der Bundeswehr. Ich habe etwas für dieses Land getan. Da muss doch was gehen.“

Zeuge 1: „Vergiss nicht, bei dem Telefonat zu sagen, dass die Anzeige wegen Körperverletzung mit Todesfolge war.“

Zeuge 2: „Aber doch nur einmal.“

Ich lasse den Dialog an dieser Stelle einfach mal so stehen…

 

 

Anschließend wurden wir zu einem Einsatz im Dienstgebiet der Inspektion Ludwigshafen 2 als Verstärkung hinzugerufen. Es handelte sich um eine Razzia in einer Gaststätte. Ausgelöst worden war das Ganze durch eine Schlägerei. Offensichtlich hatten die eingesetzten Beamten bei einem der Kontrahenten Drogen gefunden und es drängte sich der Verdacht auf, dass sich in dieser Gaststätte noch mehr davon finden könnte.

 

„Erst mal schauen, was da angedacht ist“, sagte Timo zu mir. „Wenn wir da reingehen, bleibst du besser im Auto.“

Ja, das würde ich auch so sehen.

Nach wie vor ist meine einzige Angst, wenn ich Polizeibeamte in den Einsatz begleite, dass ein Fehler von mir ihnen Ärger bereitet. Um mich habe ich nie Angst. Ich weiß, dass die, mit denen ich losgeschickt werde, mich aus allem rausholen würden.

 

Der Einsatzleiter am Ort, ein Polizist der PI LU2, starrte mich bei Eintreffen erst einmal an – mit diesem Blick, der für sich genommen ausreichen sollte, um als Platzverweis verstanden zu werden. Um ein Haar wäre ich gegangen. Bis mir einfiel, dass ich mich einfach kurz vorstellen könnte.
„Ich gehöre zu den beiden. Ich bin die Praktikantin.“

„Ja, die gehört zu uns“, bestätigte Timo.

Damit durfte ich bleiben.

Uff!

Der Plan war, den Anwesenden das Weggehen unmöglich zu machen und im Rahmen einer Bearbeitungsstraße Personalien aufzunehmen und die Leute zu durchsuchen.

Timo und Ferry fiel erstmal die Aufgabe zu, die andere Seite der Straße abzusperren. Das hörte sich für meine beiden Herren und mich nicht so an, als müsste ich im Auto bleiben.

Es regnete übrigens immer noch. Schräg vor mir stand ein Hundeführer mit seinem Hund. Sogar der Hund hat gezittert. Ob vor Kälte oder Aufregung weiß ich nicht. Mein Hund friert bei Regen jedenfalls.

Ich fror auch nicht schlecht. Und der Einsatz würde noch mehrere Stunden dauern. Aber es kam keinesfalls in Frage, meine Begleiter im Regen stehen zu lassen. Abgesehen davon, dass ich eine Bearbeitungsstraße noch nie erlebt hatte. Ich fand das alles mal wieder äußerst spannend. So vergaß ich hin und wieder, dass mir eigentlich kalt war.

Sollte übrigens jeder mal erlebt haben, der meint, Polizeiarbeit beurteilen zu müssen.

 

Es rückten noch weitere Streifen an, von beiden Ludwigshafener Dienststellen, aus Frankenthal, Speyer und Oggersheim.

 

Einige der überwiegend jungen Männer, die teils im, teils vor dem Lokal warteten, waren meinen beiden Herren wohlbekannt. Sie gaben sich dermaßen cool, dass es schon ans Klischeehafte grenzte. Da wurden gegenseitig Handyfotos gemacht und natürlich wurde ausgetestet, wie weit einen die Polizisten laufen lassen würden. Und natürlich war man plakativ gut gelaunt. Alles, um der Polizei zu zeigen, dass man sie so gar nicht ernst nimmt.

Aus meiner Sicht war es zumindest beim einen oder anderen nur Fassade, das wurde mir sehr deutlich, als einer der jungen Herren lamentierte: „Wie kommt es, dass ich fünf Mal innerhalb von fünf Tagen kontrolliert werde?“

Ein anderer junger Mann versuchte das, ins Lustige zu ziehen: „Beim sechsten Mal gibt es einen Lutscher.“

Damit war auch die allgemeine Coolness wieder hergestellt.

 

Nach fast zwei Stunden waren alle Anwesenden durch die Bearbeitungsstraße gegangen und das Lokal war leer. Dafür war so einiges von der Polizei beschlagnahmt worden, Drogen, Bargeld und Handys, die als gestohlen gemeldet waren. Ich hatte lange den Überblick verloren, wie oft Timo und Ferry gesagt hatten: „Gehen Sie bitte außen rum. Sie können hier jetzt nicht durch.“ Immerhin drehten die meisten dann ab. Nur zwei kamen mit: „Ich muss aber hier durch.“

Manchmal frage ich mich wirklich, was Leute denken, wenn sie irgendwo eine derartige Ansammlung von Polizei sehen. Ein riesiger Gesprächskreis mitten auf der Straße? Betriebsausflug?

Die Streifen aus den Nachbarorten wurden alle aus dem Einsatz entlassen.

 

Jetzt kam die Stunde der Hundeführer. Es waren Drogenspürhunde am Start. Einer der Herren, der sich später als Leser unserer Seite outete, fragte mich, ob ich mir das mal ansehen wolle. Natürlich wollte ich. Wir stiegen in die Kelleretage der Gaststätte ab.

Der Hund bekam ein Signal, das ihm bedeutete, dass er nun mit der Suche beginnen solle. Das tat er dann auch. Manchmal ein wenig hektisch. Da musste Herrchen ihn noch einmal an die eine oder andere Ecke erinnern. Erinnerte mich sehr an meinen Hund, der auch sehr bemüht ist, beim Lernen alles richtig zu machen, aber beim Präsentieren seines Repertoires mal ein bisschen abkürzt, um schneller an die Belohnung zu kommen. Soll übrigens ein Anzeichen für herausragende Intelligenz beim Hund sein. Ich persönlich glaube das. ;-)

Eine Belohnung bekam der Polizeihund hier am Ende natürlich auch.

In der oberen Etage wurde „mein“ Hundeführer von seiner Kollegin gebeten, auch noch einmal den Hund durch eine bestimmte Ecke zu schicken. Ihr Hund hatte in einem der Spielautomaten Drogen angezeigt. Bevor man aber so ein teures Gerät auseinandernehmen wollte, sollte noch eine Gegenprobe her. Was soll ich sagen? „Unser“ Hund zeigte dasselbe an und tatsächlich fand sich dort ein Stückchen Marihuana.

Nun endlich tauchte auch der Eigentümer auf, mit der Bemerkung auf den Lippen: „Oh. So viele Polizeiautos. Was ist passiert bei uns?“

Der Einsatzleiter machte ihn darauf aufmerksam, dass an diesem Abend schon deutlich mehr Polizeiautos vor Ort gewesen waren.

Einsatzort, als die meisten schon abgerückt waren.

Übrigens war auch der Kommunale Vollzugsdienst von Beginn an vor Ort gewesen, denn Gaststättenkonzessionen sind Aufgabenbereich der Kommune. Wie es für diese spezielle Gaststätte weiterging, weiß ich nicht, denn wir rückten ab.

 

 

Einer der jungen Herren dieser Schicht, mit dem ich übrigens auch schon mal Streife gefahren bin, hatte seine letzte Nachtschicht und hatte entsprechend ein sehr leckeres saarländisches Gericht gekocht. Er hat nämlich saarländischen Migrationshintergrund. Ich bekam auch eine Portion ab.

Da auch der Hundeführer von eben dabei war, vertieften wir unser Gespräch vom Einsatzort. Nicht für lange.

Der Dienstgruppenleiter stürzte in den Sozialraum.
„Einsatz! In Mannheim ist ein Notruf aufgelaufen, da soll ein Kind angerufen haben, dass seine Mama schreit. Hört sich nach häuslicher Gewalt an. Anschrift hier in LU.“

Zum Glück war mein Teller leer.

Timo und Ferry sprangen auf, ich hinterher. Im Laufschritt ab in den Streifenwagen.

Blaulichtfahrt!

Symbolfoto

Da es wegen des Regens auf den Straßen von Ludwigshafen recht ruhig war, ohne Martinshorn.

 

 

Am Einsatzort sprangen wir aus dem Wagen. Timo klingelte einmal überall.
„Polizei! Wir müssen mal ins Haus!“

Während wir die Treppe hochhetzten (nachdem die Tür unten festgestellt worden war), öffneten sich überall die Wohnungstüren. Erschreckte Gesichter.

„Alles in Ordnung, wir wollen nicht zu Ihnen!“

Polizisten wird es kaum überraschen, dass wir natürlich fast ganz nach oben mussten.

Vor der Tür, hinter der die Familie, um die es ging, wohnen sollte, hielten wir an. Kein Mucks war zu hören.

Meine beiden Herren klingelten.

Das Spiel mit den Einsatzstiefeln, die die Treppen hochpolterten und dem „Alles in Ordnung, wir wollen nicht zu Ihnen!“, wiederholte sich, eine zweite Streife traf zur Verstärkung ein. Übrigens bin ich mit einem der Herren auch schon Streife gefahren und würde ihm bedenkenlos mein Leben anvertrauen. Wie übrigens allen, mit denen ich bisher fahren durfte.

Keine Reaktion auf das Klingeln.

Die Nachbarn wurden rausgeklingelt.

„Haben Sie etwas gehört?“

„Nein, da war es den ganzen Abend ruhig.“

Hm…

Wir waren etwas ratlos.

„Um jetzt diese Wohnung aufzubrechen, haben wir viel zu wenig in der Hand. Das genehmigt uns auch kein Richter“, erklärte Timo.

Ein Funkspruch zurück in die Zentrale.

Es stellte sich heraus, dass das Kind in Mannheim keinen Namen genannt hatte, man hatte geschaut, wem das Handy gehörte, von dem der Anruf gekommen war. Das hatte diese Adresse in Ludwigshafen ergeben.

Damit war die Sache natürlich nicht erledigt. Das erklärte mir später in der Dienststelle der Wachhabende. Ich hatte mir schon gedacht, dass die Polizei derartige Anrufe nicht auf sich beruhen lässt. Zeitgleich mit unserem Abflug in diesen Einsatz hatte die Mannheimer Polizei jede Menge Maßnahmen anlaufen lassen, u.a. vermutlich eine Handyortung.

Bei derartigen Anrufen ist es mit einem Einsatz, der nichts ergibt, nicht getan. Für meine Streife allerdings war allerdings erst einmal nichts mehr in dieser Sache zu tun.

 

 

Zurück in der Dienststelle wurde ich der nächsten Streife übergeben. Marcel, mit dem ich schon einmal gefahren war, und Jan, eigentlich ein Koblenzer, den die Folgen der Umstrukturierung der Bereitschaftspolizei temporär nach Ludwigshafen verschlagen haben.

Wir bestreiften Ludwigshafen, u.a. das Rheinufer, und stolperten direkt über einige junge Herren, die trotz des Regens ein wenig am Kornspeicher „chillten“. Im wahren Wortsinn, denn es war nicht wärmer geworden. Zuerst einmal baten wir um Verstärkung, dann unterzogen meine Herren, unterstützt von einer weiteren Streife, die jungen Männer einer Personenkontrolle. Einige davon waren übrigens auch bei dem Einsatz vor der Gaststätte dabei gewesen. Insgesamt verlief die Kontrolle dennoch in guter und kooperativer Stimmung.

 

 

Weiterstreifen. Ein Fahrzeug ohne Licht aus dem Hessischen. Damit gewann der Fahrer natürlich eine Verkehrskontrolle. Da ansonsten alles in Ordnung war, kam er mit einer Verwarnung davon.

 

 

 

Weiterstreifen. Schließlich bekamen wir einen Funkspruch:
„Fahrt mal in die x-Straße. Da gab es wohl eine Unfallflucht.“

Am angegebenen Ort erwarteten uns zwei Herren, Brüder. Sie zeigten uns einen Wagen mit auswärtigem Kennzeichen. Der gehörte einem der beiden, der gerade seinen Bruder in Ludwigshafen besuchte. Dahinter stand ein in Ludwigshafen zugelassener Wagen. Beide wiesen recht eindeutige Spuren dessen auf, was uns nun erzählt wurde.

Der Ludwigshafener war hinter dem auswärtigen Auto rückwärts eingeparkt und dabei mit dem linken vorderen Kotflügel am rechten Hinterteil des Wagens vor ihm hängen geblieben.

Ja, so sah das auch aus.

Der Halter und sein Bruder hatten das mitbekommen und waren auf die Straße gestürzt.

„Der hat mindestens zehn Anläufe gebraucht, der kann gar nicht fahren“, stellte einer der beiden fest.

Der Herr sei dann ausgestiegen und als er nach seinen Daten gefragt wurde, um den von ihm angerichteten Schaden zu begleichen, sei er einfach gegangen. Mit einem Hund übrigens. Das Ganze sei gegen viertel vor eins morgens passiert.

Es sei an dieser Stelle nur am Rande erwähnt, dass der Herr auch noch vor einem Tor eingeparkt hatte, an dem ein eindeutiges Parkverbotsschild hing.

 

Jan und Marcel machten schnell einige Fotos von den Schäden. Dann machten wir uns auf zur Halteradresse des Herrn. Dazu kam noch eine weitere Streife zur Verstärkung, denn es gab „Vorerkenntnisse“. Der Fahrzeughalter hatte Vorstrafen wegen Körperverletzung im Register.

An der angegebenen Adresse klingelte Marcel. Niemand reagierte.
„Eigentlich möchte ich um die Uhrzeit nicht überall klingeln. Die armen Leute.“

Er klingelte noch einmal, sehr nachdrücklich. Uns wurde geöffnet.

Geht doch!

In der entsprechenden Wohnung (fast ganz oben) empfing uns eine Frau.

Mit vier Polizisten, mir und der Dame war der Flur recht voll. Nicht zu voll für einen kleinen, weißen Hund, der sich neugierig in die Menschenmassen schob und jedem Mal am Hosenbein schnupperte. U.a. bei mir verweilte er ein wenig länger, vermutlich weil ich interessant nach unserem Hund roch. Er wiederum roch auch interessant nach Hund, er war nämlich feucht.

Marcel stellte sich kurz vor.
„Wir suchen den Herrn X.“

„Der ist nicht hier.“

Die Wohnung war klein, alle Türen standen offen. Man konnte in alle Zimmer hineinsehen. Es war also klar, dass der Gesuchte sich hier nicht befinden konnte. Zumindest nicht mehr…

„Wer sind denn Sie?“ fragte Marcel weiter.

„Seine Frau.“

„Wo ist denn Ihr Mann jetzt?“

„Ich weiß nicht.“

„Wann haben Sie Ihren Mann denn zuletzt gesehen?“

Kurz und schlecht: Die Dame gab an, um 23 Uhr nach Hause gekommen zu sein und ihren Mann seit dem Vorabend nicht gesehen zu haben.

„Wie viele Hunde haben Sie denn?“

„Einen.“

Wir erinnern uns – der Unfallflüchtige war mit einem Hund ausgestiegen. Es regnete leicht. Dieser Hund hier war feucht.

„Und der war den ganzen Tag allein hier?“

„Er war hier, als ich heimkam.“

Ach so?

Marcels Blick fiel auf einen Schlüsselbund mit einem Autoschlüssel und diversen Schlüsseln, die nach Haus- und Wohnungstürschlüsseln aussahen. Wie es der Zufall wollte, passte die Marke zum Wagen des Unfallflüchtigen.

„Und was ist das für ein Autoschlüssel?“

„Der ist für das Auto von meinem Mann.“

„Dann müssen Sie Ihren Mann aber doch gesehen haben, wenn Sie um 23 Uhr schon hier waren.“

„Nein, der lag schon hier.“

„Und wie ist Ihr Mann dann gefahren.“

„Oh, der fährt immer mit dem Ersatzschlüssel.“

Ja, das macht total Sinn.

Als Ehepartner hat man übrigens das Recht, die Polizei zu belügen, dass sich die Balken biegen.

Marcel und seine Kollegen wirkten insgesamt nicht wirklich überzeugt. Auch ich hatte den Eindruck, die Dame hatte ihren Gatten nicht nur gesehen, sondern wusste ganz genau, wo er sich gerade aufhielt.

Zum Abschluss reichte Marcel der Dame seine Visitenkarte.

„Sagen Sie Ihrem Mann, er soll bei uns vorbeikommen. Oder mich hier anrufen. Sofort, wenn Sie ihn sehen. Das ist wichtig!“

Damit verließen wir den Ort mit den nach meinem Eindruck arg gebogenen Balken.

Was dieser Berufsstand in meiner Gegenwart schon belogen worden ist… Das sollte auch mal jeder erlebt haben, der Polizisten überzogenes Misstrauen vorwirft.

 

 

Weiterstreifen.

„Boah, dass wir den nicht gekriegt haben, das ärgert mich gerade“, sagte Marcel im Streifenwagen. Nicht nur einmal. Mehrfach.

Was soll ich sagen?

Ich ärgerte mich sowas von mit ihm und teilte das auch mit. Mehrfach.

Vermutlich ärgerte sich auch Jan, aber da er ein nicht ganz so extrovertierter Typ ist, erzählte er es uns nicht dauernd.

 

 

Während wir also weiter Ludwigshafen bestreiften, mussten wir nicht nur an einer roten Ampel halten. An einer davon trat ein junger Mann an den Streifenwagen heran und machte Zeichen, dass er Gesprächsbedarf habe.

Marcel ließ die Scheibe herunter.

„Fahrt Ihr mich nach Hause?“

Ich musste schon wieder alle Kraft aufwenden, um keinen Lachanfall erster Klasse zu bekommen. Immerhin hatte ich in Koblenz schon einen jungen Herrn erlebt, der meinte, diese Frage stellen zu müssen, nachdem er meine Begleiter über einige Stunden äußerst beleidigend und herablassend behandelt hatte. Dagegen war dieses hier eine richtig liebenswürdige Version.

„Nein, das dürfen wir nicht. Die Polizei ist kein Taxiunternehmen.“

„Bitte.“

Ah. Geht doch!

Dennoch DARF die Polizei es einfach nicht. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

„Rufen Sie sich doch ein Taxi.“

Es stellte sich heraus, dass der junge Mann – er war übrigens 19, wie er uns zwischendurch erzählte – weder Geld, noch ein Handy, noch seine Jacke dabei hatte. Offensichtlich war er mit seiner Freundin in einer Disko gewesen. Dort hatte sie ihm den Laufpass gegeben und er war dann auch losgelaufen.

Er blieb ein wenig unklar, warum er seine Sachen in der Disko nicht abholte. Es handelt sich dabei übrigens um eine Disko mit sehr gewissenhaften Türstehern, mit denen die Polizei sehr gut zusammenarbeitet. Ich persönlich tippe deswegen darauf, dass seine Reaktion auf diese zugegebenermaßen schmerzhafte Nachricht dafür gesorgt hatte, dass ihn die Türsteher wohl nicht mehr in ihren Verantwortungsbereich lassen würden. Das ist aber nur eine Mutmaßung.

„Ich wohne in X. Das sind 6 Kilometer. Das kann man doch nicht zu Fuß gehen.“

Ok, das Wetter wäre jetzt auch nicht das Wetter meiner Wahl für eine Wanderung gewesen. Aber sogar ich schaffe Fußmärsche von bis zu 20 Kilometer. Sein konditioneller Zustand hätte ihn das in maximal anderthalb Stunden bewältigen lassen.

„Wir dürfen es nicht.“

Die konsequente Weigerung meiner beiden Herren führte zu einigen sehr unwilligen Äußerungen an die Adresse der beiden. Ich habe die Details vergessen.

„Hey, es gibt keinen Grund, UNS jetzt dumm zu kommen“, machte Marcel klar.

Er erntete dafür ein verächtliches Abwinken. Der 19-Jährige drehte sich auf dem Absatz um und lief los.

„Ist das die richtige Richtung?“ erkundigte sich Jan.

Das wäre auch meine Frage gewesen.

„Ja“, befand Marcel.

Meine beiden Begleiter (und ich) beobachteten ihn noch eine Weile sehr scharf aus dem stehenden Streifenwagen. Er hatte minimal Schlagseite, machte aber insgesamt den Eindruck, dass er sechs Kilometer zu Fuß anstandslos bewältigen würde.

Also fuhr Marcel, vermutlich nach der 15. Rotphase, seit wir an der Ampel eingetroffen waren, den Streifenwagen wieder an, um weiter in Ludwigshafen nach dem Rechten zu sehen.

„Wo ist der plötzlich hin?“ fragte Jan, als wir die Stelle passierten, an der wir den jungen Herrn zuletzt gesehen hatten.

Er war nicht mehr zu sehen. Aber wir hatten ja gesehen, dass er in gutem Zustand losgezogen war.

 

Wir kamen gerade mal 500 Meter weit, als Marcel den Streifenwagen wendete.

Was jetzt?

Marcel kurvte um die nächste Verkehrsinsel und fuhr zurück.

Da lag unser junger Herr lang hingestreckt auf dem Trottoir im Nieselregen.

Huch. Geht es dem doch schlechter als gedacht?

Wir stiegen aus. Bauten uns um ihn herum auf.

Er öffnete ein Auge, schielte uns an.
„Fahrt Ihr mich jetzt nach Hause?“

„Wir dürfen nicht“, sagte Marcel. „Aber wir bestellen jetzt einen RTW, der fährt Sie ins Krankenhaus, wenn es Ihnen scheinbar so schlecht geht.“

„Ich will aber von Euch nach Hause gebracht werden.“

Herrje. Alkohol ist wirklich nicht gut für die Auffassungsgabe.

„Wir dürfen nicht.“

Der 19-Jährige richtete sich auf.
„Kommen Sie mal in meine Lage!“

Mit diesen Worten stand er auf, stand dabei auch sehr gerade und hatte keine Schwierigkeiten, sich aufrecht zu erhalten.

Er erzählte uns noch einmal seine Geschichte.

Nun war wirklich keiner meiner beiden Herren unempfindlich für seine Situation. Ich auch nicht. Natürlich ist es mies, wenn die Freundin Schluss gemacht hat und man ohne Geld, ohne Jacke und ohne Handy leicht alkoholisiert in einer verregneten Großstadt sitzt und die einzige Lösung sechs Kilometer Fußmarsch sind. Dennoch durfte die Polizei ihn nicht mitnehmen. Punktum!

Marcel und Jan signalisierten auch Verständnis. Aber:
„Wir dürfen Sie nicht fahren. Deshalb gehen Sie jetzt bitte nach Hause.“

Ein neuer Aggressionsschub.
„Ich hoffe, Sie verlieren auch einmal Ihre Freundin und alles, was Sie haben.“

Schlagartig kam er dabei dermaßen aggressiv rüber, dass ich mich schon mal vorsichtig aus dem Weg schlich, damit meine beiden Begleiter im Falle eines Falles freie Bahn hätten.

„Wir haben Ihnen nichts getan“, machte Marcel ganz richtig aufmerksam, und eröffnete ihm eine neue Option.
„Wir können Sie auch mitnehmen, wenn Sie sich weiterhin so aggressiv verhalten, und Sie übernachten bei uns. Das ist aber ziemlich teuer.“

Diese Aussicht ließ den jungen Mann noch zorniger werden. Ein schier endloser Wortschwall prasselte auf uns hernieder – immer wieder machte er darauf aufmerksam, dass er alles verloren habe, und dass wir das auch mal erleben sollten.

Ehrlich gesagt hatte sein Auftritt etwas Komisches. Ich habe vor allen Dingen in Begleitung der Polizei (aber auch sonst hier und da) einige Menschen gesehen, die wirklich alles verloren hatten. Deswegen konnte ich die Dramatik in seinen Worten nur mäßig ernst nehmen. Auf der anderen Seite konnte ich mich sehr gut an mich selbst in dem Alter erinnern. Man glaubt tatsächlich allen Ernstes, man hätte alles durch, hätte einen immensen Reifegrad erreicht und bricht zusammen wie ein Kartenhaus, sobald das Leben mal nicht so mitspielt, wie man selbst es gerne hätte. War echt eine tolle Zeit, aber sehr anstrengend. Müsste ich nicht unbedingt noch einmal haben. Ich bin wirklich froh, eine gewisse Altersgelassenheit entwickelt zu haben.

Marcel schaffte es noch einmal, ihn runterzusprechen. Letztlich zog er seiner Wege, die erste Teilstrecke unter dem aufmerksamen Blick meiner Begleiter. Er hatte keinerlei Schwierigkeiten, die Spur zu halten. So kam er dann wohl tatsächlich heil und am Stück zuhause an. Zumindest hörten wir nichts Gegenteiliges mehr.

„Sagte ich eigentlich schon, dass mich das echt ärgert, dass wir diesen Unfallflüchtigen nicht bekommen haben?“

„Ja, Marcel. Mich auch,“ teilte ich mit.

 

 

Zu meinem Bedauern fuhren wir in die Dienststelle, wo ich mir einen Kaffee gönnte. Marcel und Jan teilten sich ihre Berichte auf, ich stand dabei und überlegte, wen ich als nächstes bitten würde, mich mitzunehmen. Der Dienstgruppenleiter kam mit dem Dienststellentelefon in der Hand herein.

„Für dich!“ sagte er und hielt Marcel den Apparat hin.

Marcel meldete sich mit Namen.

Es stellte sich heraus, dass am anderen Ende der Leitung unser Unfallflüchtiger war.
„Ich bin bei einem Kumpel. Ich sag euch aber nicht, wo ich bin.“

Marcel versuchte, ihn zu überreden, in die Dienststelle zu kommen. Vergeblich.

Das Gespräch war ziemlich schnell beendet.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Wachhabende schon die Adresse, von der der Anruf eingegangen war.

Und nein, die Polizei hat nicht irgendwelche geheime Technik zur Verfügung. Wenn man von einem Festnetzanschluss anruft, der seine Nummer mit durchleitet und diese im Telefonbuch steht, ist das keine sonderliche Kunst, eine solche Adresse zu bekommen.

Mit zwei Streifen fuhren wir los an die angegebene Adresse. Zwei der Herren gingen ums Haus, um zu schauen, wo überall Licht war. Es ging mittlerweile hart auf drei Uhr morgens zu, da ist es nicht so nett, alle Hausbewohner rauszuklingeln.

Beim zur Telefonnummer gehörigen Namen reagierte niemand. Dafür ging nach dem ersten Klingeln das Licht aus.

Joah…

Nach einem wieder etwas nachdrücklicheren Klingeln öffnete dann doch jemand.

Wir betraten das Haus.

Natürlich wohnte auch dieser Herr fast ganz oben.

Seufz…

Er öffnete uns die Tür.

„Wir suchen den Herrn X.“

„Den habe ich schon ewig nicht mehr gesehen.“

Die Augenbrauen meiner Begleiter wanderten bis unter den Haaransatz.
„Komisch, der hat gerade von Ihrer Nummer bei uns angerufen.“

„Äh… öhm… also…“

Just in diesem Moment setzte sich ein Aufzug von noch weiter oben nach unten in Bewegung. Ich drückte mich schon mal an die Wand des Treppenhauses.

Oha…

Das dachte wohl auch das andere Streifenteam, denn die beiden stürmten an mir vorbei nach unten.

Bitte, lass es ihn sein…

Marcel und Jan sprachen weiter mit dem Wohnungsbesitzer, aber ich weiß nicht mehr, worum es ging, da ich meine Ohren ganz nach unten richtete.

„Herr X.?“

„Ja?“

STRIKE! STRIKE! STRIKE!

 

Keine zwei Minuten später saß ich auf dem Vordersitz und Herr X. fuhr mit uns zur Dienststelle. Da er in keiner Weise aggressiv war, trotz seiner Vorgeschichte, ging das.

Dort pustete er erst einmal. Freiwillig übrigens. 1,92 Promille.

 

Aus meiner persönlichen Warte ein ganz schön strammer Wert. Aus der Warte diverser Pressemitteilungen der Polizei, die ich zu diesem Thema schon gelesen habe, gar nicht mal so viel.

Übrigens hatte er schon im Streifenwagen in eine Blutprobe eingewilligt.

Wir warteten auf die Polizeiärztin.

Dabei erzählte uns der Herr seine Geschichte. Er hatte tatsächlich wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis gesessen, sich aber seit 10 Jahren nichts mehr zuschulden kommen lassen. Er hatte eine gute Arbeit, für die er allerdings seinen Führerschein brauchte. Deswegen war er auch abgehauen.

Was ein wenig mit seiner recht eigenwilligen Interpretation des Vorfalls in der Straße kollidierte:

„Ich habe die ganze Nacht durchgesoffen, aber ich bin nicht gefahren. Ich bin nur eingeparkt.“

Marcels Einwand, dass einparken auch fahren sei, ließ er nicht gelten.

Natürlich ließ auch hier keinen kalt, dass da jemand Angst um seine Existenz hatte, die er sich sehr mühsam aufgebaut hatte. Aber dafür konnte nun wirklich keiner was, außer ihm selbst. Dass man alkoholisiert sein Auto nicht bewegen sollte ist ja nun auch nicht so neu als Botschaft.

 

Im Flur der Dienststelle entstand plötzlich hektische Aktivität. Einige Beamten liefen im Laufschritt Richtung Streifenwagen.

„Wow“, machte Herr X. „Ihr habt auch einen gefährlichen Job.“

 

Die Polizeiärztin traf ein.

„Ich nehme übrigens ein Medikament, das beim Blutbild so aussieht, als wäre ich auf Methadon. Bin ich aber nicht. Nur, damit Sie das wissen.“

„Wie heißt denn das Medikament?“

Er nannte einen Namen.

Sie sah ihn mit einem freundlich-strengen Blick an.

„Sie wissen aber doch, dass man das nicht mit Alkohol kombinieren sollte, oder?“

Sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Er wusste das.

Natürlich hatte er sich selbst in diese Lage gebracht. Trotzdem blöd, wenn gerade alles, was man sich mühsam aufgebaut hat, den Bach runtergeht.

 

Wieder ging es auf dem Flur rund. Mit halbem Ohr bekam ich mit, dass jetzt sogar der DGL mit ausrückte, weil keiner mehr da war.

„Ist das immer so bei euch?“ fragte Herr X.

„Oft.“

„Krass.“

Ja, ich sag ja immer, dass „meine“ Ludwigshafener einen tollen Job machen. Ok, nicht nur „meine“ Ludwigshafener, ich habe noch in keiner Dienststelle schlechte Arbeit präsentiert bekommen. Aber Dienst in Ludwigshafen ist schon sehr speziell. Schön, dass auch der eine oder andere Ludwigshafener Bürger das mal mitbekommt.

 

Nachdem Herr X. verarztet war und seiner Wege gehen konnte, nahm sich die Polizeiärztin kurz Zeit, mich auszufragen. Sie lobte den Verein ausdrücklich. Wir waren uns auch beide einig, dass der Tonfall, den manche gegenüber der Polizei anschlagen, mehr als inakzeptabel ist. Darüber hinausgehende Gewaltakte sowieso.

 

 

Nun näherte die Nacht sich ihrem Ende. Fast alle waren draußen. Jan und Marcel hatten jede Menge Schreibarbeit vor sich. Ich saß eine Weile beim Wachhabenden. Wir waren beide ziemlich müde und schwiegen uns an. Für mich war das vollkommen in Ordnung. Für ihn wohl auch…

 

 

Schließlich kam eine Streife, Max und Lucie, rein, um mich noch für einen Einsatz mitzunehmen. Kollision zwischen Taxi und Laterne. Es gab nur einen geringen Blechschaden. Dieser Unfall war recht schnell aufgenommen. Der Taxifahrer war nicht alkoholisiert und hatte selbst die Polizei angerufen, also ging das ganz schnell.

 

 

„Ich hätte nicht gedacht, dass bei dem Wetter so viel passiert“, sagte der Dienstgruppenleiter abschließend zu mir, als ich ihm die Schussweste aushändigte.

War halt doch ein Tropenregen!

 

Damit war auch diese Nacht wieder zuende und ich ergatterte eine Mitfahrgelegenheit nach Koblenz. Auch nicht schlecht! Danke dafür!

 

Allgemein

Ein ganz besonderer Geburtstag: 30 Jahre Bayerisches Unterstützungskommando (Michaela)

Außerhalb von Bayern ist es kaum bekannt: das Unterstützungskommando der Bayerischen Polizei, kurz USK. Dabei besteht diese spezielle Einsatzeinheit schon seit dem Jahr 1987 und ist in Bayern im Bereich der Sicherheit kaum mehr wegzudenken. Das 30jährige Bestehen wurde am 26. Oktober 2017 in München mit einem Festakt gewürdigt, ausgerichtet durch das Präsidium der Bayerischen Bereitschaftspolizei, das Polizeipräsidium München und das Polizeipräsidium Mittelfranken.

Am Festakt in München nahmen hochrangige Gäste teil (police_pics_germany)

Die Anwesenheit hochrangiger Redner und Gäste unterstreicht die hohe Bedeutung des USK und die Wertschätzung, die das USK in Polizeikreisen erfährt. Eröffnet wurde der Festakt von Wolfgang Sommer, Präsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei; die Festrede hielt Gerhard Eck, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr. Zu den Gästen zählten Abgeordnete des Bayerischen Landtags, Vertreter der Polizeien aus dem In- und Ausland, unter anderem der Landespolizeien Hessen, Sachsen, Rheinland-Pfalz, Thüringen, der Bundespolizei, des Bayerischen Landeskriminalamts sowie der österreichischen Spezialeinheiten WEGA. Ebenfalls zugegen waren Vertreter der Verbände der Bayerischen Landespolizei sowie der Personalvertretungen, unter anderem die Landesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG), des Bunds Deutscher Kriminalbeamter (BdK) und der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Gründung als Reaktion auf Gewaltexzesse

Eindrucksvoll schilderte Innenstaatssekretär Eck den historischen Ursprung des USK. Gegründet wurde das USK als Reaktion auf die zunehmende Gewaltbereitschaft bei Versammlungen und Demonstrationen, die sich in den 80er Jahren abzuzeichnen begann. Als Beispiele nannte Eck die Ausschreitungen rund um die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf in den Jahren 1987 bis 1989, die sogenannten Kurdenkrawalle bei Augsburg im Jahr 1994 oder die wiederkehrenden Konflikte im Zusammenhang mit den Castor-Transporten. Die Ermordung der zwei Polizeibeamten Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm an der Startbahn West in Frankfurt am 2. November 1987 war ein trauriger Höhepunkt dieser Gewaltexzesse und trug dazu bei, dass die Bayerische Staatsregierung umgehend – nämlich nur 4 Tage später – die Gründung des USK beschloss und ihren Beschluss noch im selben Monat durch die Aufstellung entsprechender Einheiten umsetzte. USK-Einheiten gibt es heute beim Polizeipräsidium München, beim Polizeipräsidium Mittelfranken sowie bei den Bereitschaftspolizeien in Dachau, Nürnberg und Würzburg.

Ein Baustein der Sicherheitsarchitektur

Seither zeigt sich das USK als „wesentlicher Baustein der Sicherheitsarchitektur in Bayern“ – so Innenstaatssekretär Eck. Die Einsatzkräfte sind in Bayern vielerorts präsent, zum Beispiel an innerstädtischen Brennpunkten, bei Fußballspielen mit hohem Konfliktpotenzial oder bei Großveranstaltungen wie dem Nürnberger Christkindlesmarkt. Zudem unterstützt das USK  den polizeilichen Einzeldienst, etwa beim Umgang mit gefährlichen Personen. Aber auch außerhalb Bayerns kommt das USK immer wieder zum Einsatz, zuletzt etwa beim G20-Gipfel in Hamburg. Das USK leistet somit weit über die Landesgrenzen hinaus einen wesentlichen Beitrag zur Sicherheit. Das breite Aufgabenfeld mit vielfältigen Herausforderungen ist sicherlich einer der Gründe dafür, dass sich regelmäßig mehr Polizeibeamte für den USK-Dienst bewerben, als aufgenommen werden können.

Hohe Anforderungen an die Einsatzkräfte

Festschrift zum 30jährigen Bestehen mit dem Symbol des USK, dem Greif (police_pics_germany)

Das Abzeichen des USK, der babylonische Greif, steht für Stärke, Schnelligkeit und Wachsamkeit – Eigenschaften, die das USK mit seinen speziell qualifizierten Einsatzkräften auszeichnen. Der Präsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei Wolfgang Sommer betonte in seiner Festrede die hohen Anforderungen, die an die Einsatzkräfte des USK gestellt seien. Erforderlich seien neben der körperlichen Fitness auch charakterliche Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit, Besonnenheit, Entschlossenheit, Stressresistenz, Mut und Risikobereitschaft sowie ein Höchstmaß an Einsatzbereitschaft und Durchhaltevermögen. Nur auf Grundlage dieser Eigenschaften seien die USK-Kräfte für Einsätze unter extremen Bedingungen gerüstet, oft an der Grenze der psychischen und physischen Belastbarkeit.

Hinzu kommen, so Sommer, die oft kurzfristigen Einsatzplanungen. Diese führen, so Sommer weiter, zu unregelmäßigen Dienstzeiten, weshalb die Einsatzkräfte des USK bereit sein müssen, ihre individuellen und familiären Interessen hintenan zu stellen. Nicht zuletzt nehmen die Einsatzkräfte eine hohe Verletzungsgefahr in Kauf, denn aufgrund der besonderen Einsatzlagen komme es immer wieder zu teils schweren Verletzungen. Gleichzeitig, so betonte Sommer, steigen die Anforderungen durch die sich stetig erweiternden Aufgaben, die an das USK gestellt werden, wie zum Beispiel in den Bereichen Beweissicherung, Dokumentation oder in der Zusammenarbeit mit den Spezialeinheiten bei der Terrorismusbekämpfung.

Aufgrund dieser speziellen Aufgabenstellungen sei das USK seit jeher innerhalb der Polizei ein „innovativer Antreiber“, so Sommer. Dies gelte sowohl für taktische Belange als auch für Fragen der Ausstattung. So verfüge das USK über Ausstattungen, die im normalen Polizeidienst nicht durchgängig zur Verfügung stehen; aktuell werde etwa ein spezieller Einsatzanzug neu entwickelt. Auch Innenstaatssekretär Eck betonte die umfassenden Kompetenzen, welche die USK-Einsatzkräfte für die verschiedenen Felder der Polizeiarbeit mitbringen. Diese seien nicht zuletzt auf den hohen Anteil an Trainings und Fortbildungen zurückzuführen, einem festen Bestandteil der Tätigkeit beim USK.

Erfolg durch konsequentes Auftreten

Einsatzkräfte des USK (police_pics_germany)

Der Präsident der Bayerischen Bereitschaftspolizei, Wolfgang Sommer, betonte in seiner Festrede, dass die Deeskalation allein durch Präsenz eine der wichtigsten Aufgabe des USK sei. Oft könne schon der Anblick der USK-Einsatzkräfte ein gewaltbereites polizeiliches Gegenüber davon abhalten, Straftaten zu begehen. Jedoch werden, bedauerte Sommer, derartige Erfolge in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, weil das Augenmerk eher auf dem USK als Festnahme- und Lagebereinigungseinheit liege. In der Festschrift  „30 Jahre USK Bayern“ deutet Hubertus Andrä, Polizeipräsident in München, darüber hinaus an, dass das USK „sich durch konsequentes Auftreten nicht immer nur Freunde macht.“ In der Tat gerät das USK immer wieder einmal in die Kritik. Hierbei steht oft der Vorwurf im Raum, die Einsatzkräfte gingen unverhältnismäßig vor, etwa durch die vorschnelle Ingewahrsamnahme verdächtiger Personen. Sicherlich kann sich in manchen Einsätzen die Entscheidung über das polizeiliche Vorgehen als Gratwanderung erweisen. Wie überall kann es hier vielleicht auch einmal zu Fehlentscheidungen kommen. Dies darf jedoch nicht die Diskreditierung des USK insgesamt zur Folge haben.

Kritik als Kehrseite

Die bisweilen negative Wahrnehmung des USK ist wohl die Kehrseite der anspruchsvollen Aufgabe, Lagen mit besonders hohem Gewaltpotenzial unter Kontrolle zu halten. Um eine differenziertere Wahrnehmung zu ermöglichen, wären Medienberichte über die facettenreichen Tätigkeiten des USK wünschenswert – das 30jährige Bestehen ist hierzu ein guter Anlass. Umso bedauerlicher, dass Pressevertreter, bis auf Lokalmedien, bei dem Festakt augenscheinlich nicht zugegen waren; bis auf einen Bericht der Abendzeitung München findet sich auch bei einer Google-Suche keinerlei Berichterstattung über den Festakt oder das 30jährige Bestehen des USK. Hier bleibt zu hoffen, dass das mediale Interesse an den positiven Aspekten der Polizeiarbeit zukünftig wächst, denn zu einem demokratischen Staat gehört eine umfassende und ausgewogene Berichterstattung, auch über die Polizei.

Allgemein Demo Verein

Am Ende hatte ich feuchte Augen – Demoeinsatz in Remagen – 18.11.2017

Unsere Polizei hat mir an diesem Tag feuchte Augen verschafft. Unsere Polizei, einige Vereinsmitglieder und weitere Unterstützer.

Mehr helfende Hände als sonst hatte ich beim jährlichen Demoeinsatz in Remagen. Darauf und auf die Reaktionen aus den Reihen der Polizei möchte ich den Schwerpunkt dieses Artikels legen. Dem Einsatzanlass möchte ich nur wenige Worte zum Schluss widmen. Einer demokratisch legitimierten und rechtsstaatlich verfassten Polizei Rückhalt zu vermitteln ist als Absage an jede Form des Extremismus deutlich genug.

Mein Einsatz begann, nach dem Einholen der entsprechenden Genehmigungen bei den beiden zuständigen Polizeipräsidenten, mit dem Bestellen der Leckereienspende im Vorfeld. Da wir im Vorjahr zurückgemeldet bekommen hatten, dass der viele Kuchen zusammen mit den Nussecken der Gewerkschaft der Polizei dafür gesorgt hatte, dass der eine oder andere Polizeibeamte sich kurz vorm Zuckerschock befand, wollten wir umdenken. Der Verein heißt schließlich KEINE Gewalt gegen Polizisten e.V.. Also sprachen wir im Verein seit Monaten über Alternativen. Zwei Mitglieder spendeten Geld, damit wir dieses Jahr mit mehr Variationen antreten konnten.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Bäckerei Müller und die Markthalle Remagen für sehr gute Beratung in der Sache. Neben Muffins spendeten wir dieses Mal Laugenkonfekt, Mini-Partystangen und Äpfel. Es kam alles sehr gut an. Zwar haben wir den einen oder anderen Apfel übrig, aber wir üben ja noch. In 20 Jahren haben wir es auf den Apfel und den Muffin genau austariert.wp-monalisa icon

Nach und nach bat ich in der Innenstadt wieder um das Aushängen diverser Plakate. Neben Grund- und Realschule (an dieser Stelle mein besonders herzlicher Dank an die jeweiligen Hausmeister für ihre Unterstützung und natürlich auch an die Schulleitungen) hängten die Kreissparkasse Ahrweiler, die Fahrschule Kühn, die Buchhandlung Hauffe, die Post, die Hubertus-Apotheke, die Graben-Apotheke und die Remagener Markthalle unsere Plakate aus. Um das Aushängen im Schaukasten der Evangelischen Kirche kümmerte sich unsere Schatzmeisterin. Danke auch an das Ordnungsamt für die Genehmigung, Plakate in der Lagerhalle am Bahnhof anzubringen, die ebenalls als Versorgungsstelle für die Bereitschaftspolizei dient.

Zwei Tage vor dem Einsatz machte ich mich daran, die Hundekekse für die Diensthunde zu backen. Unser Schriftführer hatte mir netterweise das notwendige Hackfleisch gekauft. Freitag brachte unser Mitglied Sabine Thumm-Kißling selbst gebackene Muffins – mengenmäßig ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir verteilten diese aber gleichmäßig auf alle Versorgungsstellen, um rüberzubringen, dass die Polizistinnen und Polizisten im Einsatz Sabine wichtig genug sind, sich an den Ofen zu stellen. In der Zeit war ich mit unserem Mitglied Svenja unterwegs, schon einmal Plakate in einigen Versorgungsstellen aufzuhängen und noch letzte Besorgungen zu tätigen.

Die helfenden Hände unseres Schriftführers

Am Einsatztag selbst begann unser Tag um 6:30 Uhr damit, das Auto zu beladen. Dabei halfen der Schriftführer und unser Neumitglied Julia. Um Punkt sieben Uhr fuhren wir vor der Bäckerei vor. Unsere Schatzmeisterin und Nadine stießen dazu. Dadurch waren wir so schnell fertig, dass wir noch ein kleines Frühstück kaufen konnten. So brachten uns später die köstlichen Düfte, die aus den hübschen Geschenkkartons der Bäckerei Müller waberten und die Fensterscheiben beschlagen ließen, nicht ganz so um den Verstand. Unsere Schatzmeisterin fuhr dann erst einmal wieder nach Hause, um mit ihrem Mann zu frühstücken. Für den Rest des Tages blieb sie in Bereitschaft, aber wir konnten ihr einen ruhigen Samstag gönnen.

Wir lagen so gut in der Zeit, dass Nadine, Julia und ich die erste Versorgungsstelle schon bestückt hatten, bevor wir in der Feuerwache um acht Uhr morgens unsere Plakate aufhängen konnten. Zu Nadines und meiner Freude trafen wir dort Polizeibeamte, die uns schon vom Vorjahr kannten. Also brauchten wir gar nicht viel zu erklären und machten uns ans Aufbauen des ersten Tisches.

Im Vordergrund: Sabines selbst gebackene Muffins

Weiter ging es zur Feuerwache. Dort waren schon einige Polizisten und auch Feuerwehrleute emsig am Werk.

Am Streifenwagen ganz links sieht man, wie schattig es war.

Auch hier bekamen wir einen Tisch zur Verfügung gestellt und hängten unsere Plakate aus. Zu meiner Freude begegnete ich dem einen oder anderen, den ich schon mal bei einer Schicht begleiten durfte. Einer der Herren war kürzlich im Einsatz verletzt worden und hatte eine Karte von KGgP bekommen. Er zeigte mir die letzten Narben: „Aber schau mal, kaum noch etwas zu sehen.“

Abgesehen davon machte die Müdigkeit uns ein wenig albern, so dass ich, als wir wieder ins Auto stiegen, das hier vorfand. Danke, Nadine, Du Künstlerin! wp-monalisa icon

Nadine, Du bist echt eine Wolke.

 

Nach einer kurzen Erledigung in der Innenstadt kamen wir noch einmal wieder – ich wusste, dass der Einsatzleiter der Hundeführer kurz an der Feuerwache sein würde. So konnte ich ihm für alle Diensthunde unsere Hundekekse geben. Darauf regierte er mit großer Freude. Hunde sind auch nur Menschen. Und ja, wäre eine Reiterstaffel anwesend, würde Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. auch Möhren spenden.

Nächste Station – Polizeiinspektion. Auch hier lieferten wir einige Leckereien ab – schließlich muss neben dem Großeinsatz auch der normale Dienstbetrieb abgewickelt werden. Da war auch einiges geboten, jedenfalls kam der Wachhabende kaum dazu, ein paar Worte mit mir zu wechseln. Nun blieb nur noch die Lagerhalle am Bahnhof, damit wir unsere letzte Versorgungsstelle der Landespolizei bestücken konnten. Also nix wie los.

Am Bahnhof war es im Vergleich zu sonst deutlich zugeparkter. Offensichtlich waren die Parkverbotsschilder von unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern nur sehr eingeschränkt wahrgenommen worden.

Ein Mannschaftswagen der Polizei hatte sich jedoch ein Plätzchen ganz nah an der Lagerhalle gesucht. Um genau zu sein, den Platz, den ich gern gehabt hätte. Also wurde ich mal kurz ein bisschen dreist und rangierte den Wagen mit unserem Kofferraum genau vor den Bug des Mannschaftswagens – das kurzfristig fassungslose Gesicht des Fahrers im Rückspiegel.

Aus beiden Fahrzeugen stiegen alle aus. Schnell hob ich die Kofferraumhaube, um die beiden Beamten mit dem Anblick unserer Leckereien friedlich zu stimmen. Beide lachten.

Der Beifahrer sagte: „Ich meinte bereits zu meinem Kollegen: ‚Pass auf, da geht gleich der Kofferraum auf und da kommt Kuchen raus!‘ So war es dann auch!“

Ich erkannte den Herrn wieder, der schon im Vorjahr die Schlüsselgewalt über die Lagerhalle gehabt hatte. Nachdem wir uns ausgiebig begrüßt hatten, halfen uns die beiden Herren dabei, unsere Gaben in die Lagerhalle zu tragen.

 

Da ich mittlerweile ein dringendes Bedürfnis verspürte, ging ich auf die an die Lagerhalle angeschlossenen Toiletten. Nach Vollendung meiner Erledigung wusch ich mir die Hände.

Seife?

Suchend schweifte mein Blick umher.

Keine Seife!

Zurück zu meinem Ansprechpartner.
„Habt Ihr eigentlich Seife dabei?“

„Nein! Ist da keine?“

„Nein!“

Unfassbar. Das ging gar nicht. Über mehrere Stunden ohne eine Möglichkeit, sich ordentlich die Hände zu waschen – und das in einer Jahreszeit, in der erste Grippe- und Erkältungswellen um sich greifen…

Da unser Termin bei der Bundespolizei erst um elf Uhr stattfinden würde, blieb uns noch Zeit.

„Wir kommen wieder!“

Mit Julia und Nadine fuhr ich zu einem Supermarkt in der Nähe und beschaffte vier Seifenspender und – wo ich schon mal da war – Desinfektionstücher. Auf Vereinskosten. Damit fuhren wir zurück zum Parkplatz und übergaben das an unseren Ansprechpartner.

„Ihr seid der Wahnsinn!“ war seine Reaktion.

Gerne! Aus unserer Sicht das Mindeste.

 

Schließlich fuhren wir los zur Versorgungsstelle der Bundespolizei. Genau vor der Haustür war ein Parkplatz frei. Manchmal muss man auch Glück haben. Ich glaube, die Idee war auch, dass dort für das Versammlungsgeschehen die Parkplätze frei gemacht werden sollten – aber wir standen ja nur zehn Minuten da.

Wir wurden sehr herzlich empfangen. Offenbar machte unsere Spende Freude. Uns freut es jedenfalls, wenn es gemundet hat.

Bildquelle: Bundespolizei

 

Nun wurde es Zeit, das Auto aus der Stadt zu schaffen. Oder sollten wir doch noch mal versuchen, zur ersten Versorgungsstelle zu kommen und noch etwas nachzulegen? Ok, das wollten wir probieren.

Klappte nicht!

Wir liefen auf zwei Straßensperrungen auf und entschieden, das Auto dann doch aus der Stadt zu bringen. Was uns eine interessante Schleichfahrt hinter einem Streifenwagen einbrachte.  wp-monalisa icon Ist ok. Ich mag solche Aussichten. wp-monalisa icon

Julia musste uns wegen anderweitiger Verpflichtungen verlassen, Nadine und ich gingen wieder zurück in die Stadt. Als erstes besuchten wir noch einmal die Bundespolizei – wir hatten doch glatt die Hundekekse für die Hundeführer beim ersten Anlauf nicht abgegeben. Da die Bundespolizei schon heftig im Einsatz und unter Strom stand, versprach uns eine Polizistin, die Hundekekse weiterzugeben.

Danke! Ihr macht mich stolz.

Anschließend liefen Nadine und ich durch die Stadt, von Versorgungsstelle zu Versorgungststelle. Von einigen mir bekannten Polizisten wusste ich, dass sie in diesem Einsatz stehen würden – ich schaffte auch im Laufe des Tages, jedem von ihnen wenigstens die Hand zu schütteln. Das ist mir auch immer sehr wichtig. Von einigen Bekannten wusste ich es nicht – und freute mich über ein Wiedersehen. Wir lernten viele neue Polizeibeamtinnen und -beamten kennen, die sich interessiert nach unserem Verein erkundigten. Und nicht nur Polizeibeamte…

Zu meiner Freude hörten wir mehrfach, dass sich zunehmend Bürgerinnen und Bürger einfach mal so bei der Polizei bedanken. Einige Gesprächspartner hatten den Eindruck, ein gesellschaftlicher Wandel finde statt. Einige führten es auf den islamistischen Terror zurück, der den Bürgern wieder vor Augen führe, was sie an ihrer Polizei haben. Was immer der Grund ist – wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. können diese Entwicklung nur begrüßen.  wp-monalisa iconHoffen wir, dass sie nachhaltig ist.

Abschließend war noch Zeit für ein gemeinsames Gruppenbild mit den Leuten von der GdP, die ihrerseits im Versorgungseinsatz standen und eifrig Nussecken verteilten. Man beachte das schöne rote Auto im Hintergrund. Sagte ich bereits, dass ich auch großer Fan der Feuerwehr bin?

Wie immer war ich nebenher auf der Jagd nach Symbolfotos. Dabei musste ich einigen Polizisten die Angst vor meinem großen Objektiv nehmen. Bei mir gelten Persönlichkeitsrechte auch für Polizeibeamte. Wie immer sagte ich am Ende des Einsatzes: „Ich bin kaum zum Fotografieren gekommen!“ Und wie immer waren es am Ende dann doch einige brauchbare Fotos.

Wir schauten auch an der Fachhochschule vorbei, wo wir kurz auf eine liebe Bekannte trafen, die im Remagener Bündnis für Frieden und Demokratie aktiv ist. Auch hier schüttelten wir einige Hände.

Auf dem Weg dahin kamen wir einige hundert Meter entfernt an der Aufzugstrecke einer Gegendemonstration vorbei, pünktlich zu dem Zeitpunkt, an dem eine Lautsprecherdurchsage erklang: „Die Polizisten haben Helme auf. Das finden wir nicht gut.“

Da war ich inhaltlich dabei. Ich finde das auch nicht gut, wenn Polizisten ihre Helme aufsetzen müssen. Das heißt nämlich, dass es dann gewisse Anzeichen dafür gibt, dass sie etwas an den Kopf geworfen bekommen könnten. Aus Spaß tun sie das jedenfalls nicht.

Sie sind nämlich nicht zwingend scharf darauf, ihre Helme aufzusetzen. Es wäre also allseits geholfen, wenn man sich als Demonstrant von denen trennen könnte, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung nicht gewaltlos ausüben können oder wollen.

Stünde jemand so dicht hinter mir, wie der Demonstrant links außen hinter den beiden Polizisten, würde ich mich reichlich körperlich bedrängt fühlen. Auch nicht nett!

Insgesamt verlief der Einsatz friedlich und endete entsprechend früh. Darüber bin ich sehr froh. Der Verein heißt schließlich KEINE Gewalt gegen Polizisten e.V. Früher als gedacht begannen die Beamten mit dem Abbau. Netterweise halfen uns Polizistinnen und Polizisten an allen Versorgungsstellen einfach damit, unsere Materialien vor die Tür zu stellen. So brauchten wir sie letztlich nur noch schnell einzusammeln.

Bevor ich nun zum Ende des Artikels komme, noch einmal eine kleine Ansage für alle, denen meine Absage an Extremismus in jeglicher Form zu subtil war: Ich lehne Rechtsextremismus ab. Jede Form der Menschenverachtung ist mir zutiefst zuwider. Da ich dem rechten Aufzug aber weitestgehend aus dem Weg gegangen bin, sehe ich nicht ein, wieso ich diesen Leuten in diesem Artikel eine Bühne bieten sollte.

Ganz am Schluss fand ich auf einigen übrig gebliebenen Äpfeln folgende Nachricht vor:

 

WOW!

Davon hatte ich echt feuchte Augen! Ihr seid der Hammer. Ihr und unsere Mitglieder, die mich so tatkräftig unterstützt haben. Ich bin immer noch ganz gerührt, wenn ich dieses Bild sehe.

Zum Abschluss trotzdem noch unser Dank – denn es ist ganz an uns Bürgerinnen und Bürgern, Euch für Euren täglichen Einsatz für uns als Gesellschaft zu danken!

 

Und wie immer zum Abschluss die Pressemitteilung der Polizei dazu:

Versammlungsgeschehen in Remagen

Aktivisten aus verschiedenen politischen Lagern hatten heute zu Versammlungen und Kundgebungen in Remagen aufgerufen und bei der Kreisverwaltung Ahrweiler angemeldet. Aufgabe der Polizei ist es, die von der Verfassung garantierten Grundrechte auf Versammlungsfreiheit zu gewährleisten und Konfrontationen zwischen den rivalisierenden Aktivisten zu verhindern. Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, setzte die Polizeidirektion Mayen mehrere hundert Einsatzkräfte in und um Remagen ein.

Um 11:00 Uhr fand an der „Schwarzen Madonna“, einer kleinen Friedenskapelle in der Nähe der Rheinwiesen, ein ökumenischer Gottesdienst statt.

Über den Tag verteilt fanden in Remagen und am Rhein-Ahr-Campus eine Vielzahl von verschiedenen Veranstaltungen statt, welche sich gegen die rechte Gesinnung richteten.

Die Anhänger „Rechts“, ca. 200 Personen, trafen sich ab 12.00 Uhr im Bereich des Güterbahnhofs an der B 9. Die Teilnehmer zogen durch verschiedene Straßenzüge der Innenstadt. Nach einer Kundgebung in der Nähe der Friedenskapelle ging der Aufzug wieder zurück zum Güterbahnhof und endete dort.

Zirka 350 Personen des linken Spektrums suchten heute den Weg nach Remagen. Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Gruppen konnte durch die eingesetzten Polizeikräfte verhindert werden.

Pressemitteilung der Polizeidirektion Mayen vom 18.11.2017

Allgemein Polizeiarbeit

Autobahnpolizei – ein Luxus?

Sonntag, später Nachmittag bis Abend. Ich hatte einen schönen Tag in der Pfalz hinter mich gebracht und fuhr auf der A61 gen Norden. Gerade passierte ich Frankenthal.

Plötzlich fiel mir an dem Wagen, hinter dem ich fuhr, etwas auf.

Hä? Was hat der denn unterm Auto hängen?

Vorsichtig nahm ich das Ganze näher in Augenschein, nicht ohne den Verkehr und die Autobahn generell aus den Augen zu lassen.

Gehört das so, oder kann das gefährlich sein? Ein Fall für die 110?

Eine Baustelle.

Der Fahrer vor mir scherte plötzlich auf die linke Spur, ich blieb rechts, weg war er.

Kurz vor Gau-Bickelheim, also fast 50 Kilometer weiter, hatte ich ihn wieder vor mir. Dort gibt es eine Autobahnpolizeistation.

Wäre ja günstig.

Entgegen der hier und da in den Sozialen Netzwerken laut werdenden Unterstellungen bin ich auf Grund meiner Vereinstätigkeit nicht zur Oberverdachtschöpferin vor dem Herrn mutiert. Im Gegenteil. Mein Wissen um die personelle Lage einer „auf Kante genähten“ Polizei macht mir wenig Lust, die Damen und Herren für nichts in den Einsatz zu jagen. Also schaute ich noch einmal ganz genau hin.

Der Unterboden hängt halb auf dem Asphalt. Geht gar nicht…

Also Polizeinotruf. Über Freisprechanlage übrigens, aber das nur am Rande.

„Polizeinotruf.“

Ich nannte meinen Namen, dann: „Ich bin auf der A61 unterwegs Richtung Köln. Ich bin kurz vor Gau-Bickelheim. Vor mir fährt ein niederländisches Fahrzeug, dem der Unterboden halb auf dem Asphalt hängt.“

Polizist: „Ein niederländisches Fahrzeug?“

Ich: „Ja, folgende Zulassung..“
Ich diktierte die Zulassung.

Der Beamte wiederholte die Zulassung, nannte dabei eine 93[*].

Als er fertig war, korrigierte ich noch einmal: „Nein, Zwoundneunzig. Der Rest stimmt.“ Dann schob ich nach: „Renault, dunkelblau, soweit ich das unter dem Dreck erkennen kann.“

Polizist: „Fährt der Wagen schnell?“

Ich: „Ja, wir fahren beide 140!“

Polizist: „Sind Sie schon an Gau-Bickelheim vorbei?“

Ich: „Nein, wir passieren gerade den letzten Parkplatz vor Gau-Bickelheim.“

Polizist: „Alles klar, ich schicke sofort eine Streife!“

Ich: „Danke! Tschüß!“

Ich entschied, hinter dem Fahrzeug zu bleiben, falls es die Autobahn verlassen sollte. Dann hätte ich noch einmal bei der 110 durchgeklingelt. Allerdings hielt ich das Szenario für unwahrscheinlich, da ja die A61 geradewegs in die Niederlande führt, aber man weiß nie.

Zehn Minuten später (ich war schon echt nervös), sah ich dann im Rückspiegel Blaulicht. Mit hoher Geschwindigkeit kam der Mercedes der Autobahnpolizei RLP näher. Ich sofort rechts eingeschert. Die flogen an mir vorbei, ich zog hinter ihnen raus. Ich gebe offen zu, ich wollte möglichst sehen, was passiert!

Das Fahrzeug war auch vor dem Streifenwagen auf die rechte Spur gezogen, die Polizei setzte sich sofort vor das Fahrzeug und warf „FOLGEN“ an. Bei der nächsten Anschlussstelle verließen sie die Autobahn.

Meine Helden!!!

Ich nehme nicht an, dass sie meinen Daumen hoch gesehen haben…

Im Grunde könnte mit meinem Erleichterungsgefühl und meinem Dank an die Autobahnpolizei dieser Artikel enden. Tut er aber nicht…

Die nächste PASt (Polizeiautobahnstation) hinter Gau-Bickelheim ist Emmelshausen. Dazwischen liegen etwa 58 Autobahnkilometer. Die nächste nach Emmelshausen ist Mendig, ca. 45 Autobahnkilometer weiter.

Wenn es nach dem Willen des Innenministers von Rheinland-Pfalz geht, wird die PASt Emmelshausen wohl demnächst geschlossen. Dann wären insgesamt 103 Autobahnkilometer ohne PASt.

Was, wenn ich den Wagen erst kurz nach Gau-Bickelheim aufgelesen hätte anstatt bei Frankenthal und genau so lange gebraucht hätte, mir klar zu werden, dass ein Notruf sinnvoll ist? Ich hätte den Entschluss mitten im autobahnpolizeimäßigen Niemandsland gefasst.

Aus beiden Richtungen zwischen 30 und 45 Minuten Anfahrt – bei normalen Verkehrsverhältnissen. Fragt sich halt, was auf deutschen Autobahnen normal ist… Die Anfahrtszeiten passen aber nur, wenn die fraglichen Streifen nicht gerade am anderen Ende des Dienstgebietes sind, was bei Gau-Bickelheim beispielsweise auch bedeuten kann, dass sie auf der A63 schon ganz schön weit Richtung Kaiserslautern unterwegs sein können. Auch müssen alle Mitautofahrer bei Sinnen sein, wenn das Polizeifahrzeug mit Blaulicht von hinten kommt. Zu der Thematik des Verhaltens von uns Bürgern, wenn ein Blaulichtfahrzeug mit Sondersignalen unterwegs ist, kann man ja mal mit Polizisten Gespräche führen…

In meinem Fall waren sie innerhalb von zehn Minuten da. In dem von mir konstruierten Beispiel hätten sie bis zu vier Mal so lang gebraucht. Was hätte in der Zeit alles passieren können? Der Unterboden kommt runter und fliegt dem nachfolgenden Fahrzeug in die Windschutzscheibe. Oder zwingt das nachfolgende Fahrzeug bei rappelvoller Autobahn in wilde Ausweichmanöver. Oder…

Übrigens – außer mir hatte wohl niemand angerufen. Was in mir mal wieder die Frage aufwirft, wo meine Mitbürger beim Autofahren ihre Augen haben. Aber das wäre ein anderer Artikel.

Laut Innenminister wird übrigens das Anfahrtsproblem dadurch gelöst, dass ununterbrochen im aktuellen Dienstgebiet der PASt Emmelshausen eine „Hunsrückstreife“ unterwegs sein soll.

Liest sich gut.

Heißt das aber, dass da zwei Beamte eine Achtstundenschicht ununterbrochen im Auto verbringen sollen? Holla, die Waldfee! Mein Rücken ist ja schon nach spätestens drei Stunden komplett bedient und ich sitze noch nicht mal mit einem schweren Waffengürtel an der Hüfte im Auto.

Kaffee trinken gestrichen? Oder soll das dann in den Raststätten stattfinden? Wäre sicherlich eine schöne Erfahrung, wenn man bedenkt, wie viele meiner Mitbürger Schnappatmung von dem Gedanken bekommen, ein Polizeibeamter könne ernstlich eine Pause machen wollen. Und wer bezahlt die raststättentypischen Mondpreise?

Und was ist eigentlich für den Schichtwechsel vorgesehen? Für mindestens eine Stunde keine Hunsrückstreife, oder ein überlappender Schichtwechsel?

Meiner Meinung nach wird es am Ende darauf hinauslaufen, dass die Inspektionen im Dunstkreis der Autobahn das mit abdecken. Abgesehen davon, dass sie weniger stark motorisiert sind (ok, „mein“ Fall war mit 140 km/h unterwegs, aber es geht ja auch schneller), müssen sie auch erstmal zur Autobahn kommen.

Wenn es darum geht, den Fahrer in eine Ausfahrt zu ziehen, mag das ja noch angehen. Aber was, wenn der Verkehr auf einer Autobahn komplett zum Stehen gebracht werden muss. Dafür haben Autobahnpolizisten eine spezielle Ausbildung. Oder was, wenn es um noch speziellere Einsätze geht?

Irgendwann ist einfach mal Schluss mit „auf Kante nähen“. Insbesondere, wenn die Kante sowieso schon nur noch aus sehr fadenscheinigem Stoff besteht und jeden Augenblick zu reißen droht.

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[*] Aus Datenschutzgründen wurden sämtliche Daten des KfZ verändert.

Allgemein Polizeiarbeit

Vom Stinkefinger zu einem Einsatz mit fünf Streifenwagen – eine Sommernacht in Neuwied

Nachdem meine Nachtschicht mit Stephan und Stephan letzten Dezember den täglichen Wahnsinn auf Neuwieds Straßen nur sehr unzureichend belegt hatte, wollte Stephan diesen Stunt noch einmal mit mir wiederholen. (Stephan ist mittlerweile in einer anderen Dienststelle.)

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich da nicht lange bitten lasse – und so war es Ende Juni wieder so weit.

Dieses Mal war ich mit Stephan und Sebastian unterwegs.

 

Als erstes passierten wir (ich hatte zu diesem Zeitpunkt Hunger bis unter beide Arme) einen Garten, aus dem verführerische Grilldüfte herüberwehten.

Sebastian: „Soll ich mal fragen, ob die noch zwei übrig haben?“

Ich: „Wieso zwei? Wollt Ihr keins?“

Stephan: „Nee, Sebastian und ich teilen uns eins.“

 

Stephan war an diesem Tag Dienstgruppenleiter, also dauerte es ein wenig, bis es auf die Straße ging.

In dieser Zeit fragte mich allerdings ein Anwärter nach unserem Patch.

Aber gerne doch!

Ihr macht mich immer wieder stolz! wp-monalisa icon

 

Nachdem wir Essen besorgt hatten, ging es auch schon auf Streife.

Da in dieser Nacht in zwei Stadtteilen Neuwieds Kirmes war, begannen wir damit, eine davon zu bestreifen.

Vor einem Getränkestand hielt sich eine Gruppe junger Leute auf. Während wir den Ort des Geschehens langsam passierten, entfuhr Sebastian: „Ich glaub, ich träume.“

Es gefiel einem der jungen Herren, der Besatzung des Streifenwagens zu demonstrieren, dass sein Mittelfinger vollständig intakt und sehr gerade gewachsen war. Eine junge Frau, mutmaßlich seine Freundin, hängte sich förmlich in seinen Arm, um diesen herunter – und damit den Mittelfinger aus dem Bild – zu ziehen. Ohne Erfolg!

Das konnten meine beiden Herren natürlich nicht auf sich sitzen lassen, also hielt Stephan an. Personenkontrolle!

Der Besitzer des gut gewachsenen Mittelfingers erklärt Stephan und mir ein wenig abseits sehr ausführlich, dass wir ihn gerade massiv in seinen Kreisen störten:
„Da will man einfach einen schönen Abend mit seinen Freunden verbringen und dann sowas…“

Nun ja. Wer hat noch mal wem den Mittelfinger gezeigt?

Schließlich, als Stephan darauf so gar nicht mit Einknicken reagieren wollte, klärte er uns auf, dass er doch gar keinen Mittelfinger gezeigt habe. Wir hätten uns verguckt.
„Ich hab mit dem Zeigefinger auf das Polizeiauto gezeigt und dabei gesagt: ‚Das sind die Guten!‘ Fragt das mal meine Freunde.“

Genau das tat Sebastian gerade. Um sicherzugehen, dass die Freunde auch ganz bestimmt das Richtige aussagen, wollte der junge Herr sich auch gleich zu ihnen begeben, was allerdings Stephan nicht wollte.

„Bitte bleiben Sie stehen!“

„Hey! Stehenbleiben!“

Letztlich machte Stephan zwei Schritte um den Delinquenten drumherum und schob ihn zurück an dem Ort, an dem er ihn haben wollte.

„Heeee! Polizeigewalt!“

Ja, sicher…

 

Langer Rede, kurzer Sinn: Die Freunde des jungen Mannes sagten alle aus, dass er der Polizei den Mittelfinger gezeigt habe. Jede andere Aussage wäre ja auch völlig sinnlos gewesen.

So gewinnt man dann auch eine Anzeige wegen Beleidigung.

 

Bliebe noch der Herr zu erwähnen, der anhand meines Aufzugs erkannte, dass ich irgendwie nicht Polizei bin und sich interessiert erkundigte, was ich da mache. Ich erklärte es ihm kurz, er erkundigte sich dann noch danach, wo der Artikel erscheinen würde. Auch das erklärte ich. Bin gespannt, ob er es lesen wird.

Beim weiteren Bestreifen der Gegend passierten wir eine Gruppe Jugendlicher, von denen einer plötzlich losbrüllte: „Hey, guck mal, die haben einen hinten drin.“

Herrlich! Deswegen mache ich diese Schichtbegleitungen so gerne mit. Mein Sinn für Ironie bekommt immer wieder Futter.

 

Da es im Frühsommer über einen langen Zeitraum zu heiß und zu trocken gewesen war, hatte das Land Rheinland-Pfalz die höchste Waldbrandalarmstufe ausgerufen. Entsprechend war es wenig verwunderlich, dass wir einen Einsatz reinbekamen, bei dem es brannte. Also so richtig, meine ich. Bei der Polizei brennt es ja häufig…

Hier sollte ein Gartenhäuschen in Flammen stehen.

„Feuerwehr ist auch alarmiert.“

Blaulichtfahrt.

Am angegeben Ort wurden wir von einem jungen Mann erwartet, der sich als unser Anrufer herausstellte. Er wies uns direkt ein!

Der Eigentümer des Gartenhäuschens löschte schon das Gartenhaus erfolgreich mit seinem Schlauch. Allerdings kokelte der Hang darunter fröhlich vor sich hin.

Stephan und Sebastian machten sich auf den Weg zu ihm, währenddessen fiel mir die Aufgabe zu, die Feuerwehr einzuweisen.

Die löschte dann auch in Windeseile den glimmenden Hang und kontrollierte mehrfach, ob sie auch alle Glutnester erwischt hatte.

Erst dann war Zeit, sich die Aussage des jungen Mannes anzuhören, der den Notruf abgesetzt hatte. Seine Partnerin und er waren gerade schlafen gegangen, als sie Brandgeruch wahrnahmen. Obwohl ihr Schlafzimmer zur anderen Seite rausgeht, sahen sie den Feuerschein im Fenster des gegenüberliegenden Hauses. Der junge Mann rannte sofort auf die Straße, weckte die betroffenen Nachbarn und rief die 110 und die 112 an. Alles richtig gemacht! Bravo!

 

Kaum bestreiften wir wieder die Gegend, als wir über Funk hörten, dass im Bereich der Nachbar-PI ein Notruf eingegangen war. Ein Mann war dabei gesehen worden, wie er auf einem Volksfest ordentlich dem Alkohol zugesprochen hatte. So weit so gut, allerdings war er mit einem mutmaßlich sehr strammen Alkoholpegel in sein Auto gestiegen und losgefahren. Dabei hatte er noch einen Fußgänger gestreift.

„Wir haben alle Streifen im Einsatz“, hörten wir als nächstes.

Ein Fall für Stephan und Sebastian.

Die nächste Blaulichtfahrt. Und dieses Mal so richtig lang. Direkt zur Wohnadresse des Herrn. Na gut, kurz vorher schaltete Sebastian die Sondersignale ab. Kein Grund, das ganze Wohnviertel aus dem Schlaf zu reißen.

Mittlerweile hatten wir auch das Kfz-Kennzeichen sowie eine Beschreibung des Wagens und des Mannes, den wir suchten. Noch während wir Ausschau nach dem Kfz hielten, kam ein Mann in der entsprechenden Altersklasse um die Ecke gebogen. Zu Fuß!

Ich (leise): „Der passt doch auf die Beschreibung?“

Stephan (laut): „Herr X.?“

Der Mann: „Ja?“

Bingo!

Er wusste auch sofort, was die Polizei von ihm wollte.

Ein Atemalkoholtest ergab einen ziemlich hohen Promillewert, also musste der Herr von uns in den Streifenwagen verladen und zur Polizeiinspektion Straßenhaus zur Blutprobe gefahren werden.

So lernte ich dann auch mal diese Dienststelle kennen.

Es dauerte eine Weile, bis der Arzt eintraf. Herr X. war übrigens von Beginn an freundlich und sehr einsichtig.

„Ich habe diesen Fehler gemacht und keiner sonst.“

Daran sollten sich so einige ein Beispiel nehmen, mit denen die Polizei zu tun bekommt.

Da er sich so kooperativ gezeigt hatte, und wir eh über seinen Wohnort zurück nach Neuwied mussten, nahmen Stephan und Sebastian ihn mit, um ihn bei sich daheim abzusetzen. Sehr nett!

Auf der Fahrt erkundigte sich Herr X. sehr intensiv danach, was nun passieren würde. Stephan klärte ihn auf, soweit er das sagen konnte – schließlich entscheidet das die Staatsanwaltschaft.

 

Ein in Osteuropa zugelassenes Fahrzeug kreuzte unseren Weg. Da war eine Verkehrskontrolle angesagt. Viele Fahrzeughalter lassen ihre Fahrzeuge nämlich nur sehr ungern in Deutschland zu, weil die Kfz-Steuer hierzulande ungleich höher ist als in den meisten Ländern Osteuropas. Allerdings muss, wer in Deutschland seinen Wohnsitz hat, natürlich auch in Deutschland seinen Wagen zulassen.

Und Bingo! Der Halter wohnte seit drei Jahren in Deutschland, der Wagen war seit drei Monaten (!) zugelassen – in Osteuropa. Bei unterstelltem linearen Verlauf der Zeit kann es sich da kaum um ein Vergessen handeln…

Natürlich mopperte der Halter auch gleich herum, dass er nur angehalten worden sei, weil er Ausländer sei.

Nun, eigentlich nicht!

Er war angehalten worden, weil der eine oder andere mit ausländischem Kennzeichen vergisst, sein Kfz hier zuzulassen – so wie er es „vergessen“ hatte.

Ich bin auch schon mal angehalten worden, weil mein Auto alt und dreckig war und somit ins „Raster“ „Drogen am Steuer“ fiel. Man kann dann die eingesetzten Polizisten bepöbeln, man kann aber auch einfach seinen Wagen mal durch die Waschanlage fahren – oder wahlweise korrekt zulassen.

 

Nächster Einsatz: eine Schlägerei. Diese war allerdings nicht existent. Hingegen winkten am uns durchgebenen Ort drei junge Leute den Streifenwagen heran. Beim zweiten Durchfahren der Straße wohlgemerkt. Es stellte sich heraus, dass es sich vielmehr um eine familiäre Auseinandersetzung handelte.

Eine Mutter war nicht einverstanden mit dem Freund ihrer Tochter. Keine günstige Verhandlungsposition für die Mutter, da die Tochter bereits von diesem schwanger war. Diese junge Frau und der besagte Freund waren zwei der drei jungen Leute. Die Wortführerin war eine Freundin der Schwangeren.

Nach allem, was ich den äußerst wirren Angaben, die da auf meine beiden Herren einprasselten, entnehmen konnte, war da auch noch ein rechtsextremer Exfreund im Spiel, mit dem die Mutter wohl gemeinsame Sache mache, weil der neue Freund Ausländer sei.

Jedenfalls fürchtete man nun um die Katzen der Tochter, da sich der Ex und die Mutter nun auf den Weg zur Wohnung der Tochter gemacht hatten. Die sich übrigens im Wohnhaus der Mutter befand.

Von der Polizei wurde nun erwartet, zur Wohnung der Tochter zu fahren, um die Katzen zu retten.

Dies lehnten Stephan und Sebastian ab. Solange keine strafbare Handlung vorliegt, sondern nur Annahmen, kann die Polizei nichts machen. Es lag keine konkrete Gefahr für die Katzen vor. Familienstreitigkeiten sind auch erst einmal nichts, was die Polizei tangiert, so lange keine Straftaten im Raum stehen.

 

An diesem Punkt wollten meine beiden Herren sich an ihre Berichte machen und wir fuhren in die Dienststelle. Dort wurde ich noch einmal intensiv zum Verein und zu meiner Tätigkeit ausgefragt.

 

Schließlich musste die Polizei Neuwied noch einmal alles auf die Straße werfen, was sie hatte.

Häusliche Gewalt.

Wir rückten mit insgesamt fünf Streifenwagen aus.

Weil die Nummerierung der Häuser dort nicht wirklich logisch war, parkten wir etwa 100 Meter weiter. Kein Ding, die rheinland-pfälzische Polizei kann sehr schnell rennen.

Einsatzort war der 5. Stock. Ich traf als Letzte ein. Ich würde ja gern behaupten, dass das nur daran läge, dass ich netterweise den Profis Platz gemacht hätte (was ich getan habe), aber… nun ja… selbst, wenn ich gewollt hätte, wäre ich nicht schnell genug für einen anderen Platz in diesem Rennen gewesen. wp-monalisa icon

Im entsprechenden Stockwerk angekommen, hörte ich schon ein herzhaftes „Durak“ (russisch, in etwa „Vollidiot“) in den Flur schallen.

Damit titulierte der Familienvater, der gerade für zehn Tage der Wohnung verwiesen wurde, seinen Sohn, der die Polizei gerufen hatte. Ansonsten war er aber recht friedlich, so dass eine Streife schon mal wieder abrückte.

Die Polizei wollte einen Alkotest machen. Der Alkomat lag in den Streifenwagen. Fünf Stockwerke tiefer und 100 Meter weiter.

„Gerke…“

Hmpf!

„Ja?“

„Kannst du mal…?“

„Klar.“

Sieh es positiv – so kriegst du um drei Uhr morgens schon vorm Aufstehen den Schrittzähler für den Tag voll…

Als ich wiederkam (ich war gar nicht mal so sehr aus der Puste), hörte ich, wie der Herr meine Begleiter darüber aufklärte, wie übertrieben der ganze Einsatz sei. Das war ja noch nie da gewesen. Das hätte ich ja nun um kein Geld der Welt verpassen wollen.

„In Russland kommt ein Polizist für zehn Leute. Hier kommen zehn Polizisten für einen.“

Nun ja. In Russland ist die Polizei auch ein bisschen anders drauf als hier. Ich persönlich hab ja lieber eine demokratisch legitimierte und rechtsstaatlich verfasste Polizei als eine Ordnungsmacht nach russischem Vorbild.

Letztlich verließ er aber dann die Wohnung.

 

Mit diesem denkwürdigen Einsatz endete diese Nacht. Es soll für Neuwied wieder eine untypisch ruhige Nacht gewesen sein. Ich für meinen Teil fand es wie immer sehr spannend, unserer Polizei bei der Arbeit zuzusehen und fand auch nicht, dass meine beiden Herren zu wenig zu tun gehabt hätten. Und was das für Neuwied typische Einsatzaufkommen betrifft – ich gebe nicht auf. Ich komme wieder… wenn ich darf… wp-monalisa icon

 

Im Nachgang dazu teilte Stephan mir einige Tage später mit, dass der junge Mann, der seinen Mittelfinger so schön fand, dass er ihn uns um jeden Preis zur Schau stellen wollte, sich im Nachgang persönlich in der Dienststelle bei Sebastian und Stephan entschuldigt hatte.

„Es gibt doch noch anständige Jungs!“

Erfreulich! Zum Glück!