Wehe, wenn sie losgelassen…

Seit dem 4. Mai 2012 ist die Facebook-Präsenz des gemeinnützigen Vereins “Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.” offline.

Ein kurzer Exkurs für jene meiner Leser, die beim Thema “Social Media” nicht so ganz sattelfest sind. Der Verein “Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.” hat eine Homepage (www.kggp.de), an der mit Hilfe von vier Blogs (dieser ist einer davon) das Thema der steigenden Gewalt(bereitschaft) gegen Polizeibeamte an die Öffentlichkeit gebracht wird. Das ist auch eines unserer vorrangigen Vereinsziele.

Um diesem Ziel näher zu kommen, haben wir weitere Präsenzen in verschiedenen Sozialen Netzwerken: Facebook, Google+, Wer-kennt-wen und Twitter. Auch auf diesen Wegen gehen wir in die Öffentlichkeit.

Auf Facebook gibt es die Möglichkeit, Fanseiten zu errichten. Wer diese mit einem Klick auf den “Gefällt mir”-Button abonniert, bekommt alle Meldungen dieser Seite automatisch angezeigt. Das ist ein bisschen, wie eine Menge Zeitungen zu abonnieren, aber nur die Schlagzeilen auf den Tisch zu bekommen, die einen bestimmten Themenbereich abdecken. Das ist auch, was Facebook so attraktiv macht.

Wir haben dort seit Juni 2009 unsere Fanseite. Deswegen heißt sie auch nur “Keine Gewalt gegen Polizisten”, da wir damals noch nicht e.V. waren und man leider seine Seite nicht nachträglich umbenennen kann.

Nun haben natürlich auch andere “Organisationen” dort ihre Fanseiten. Man kann als Richtwert behaupten, dass etwa zwei polizeifreundliche Seiten massiven 100 Seiten gegenüberstehen, die in irgendeiner Form die vier Buchstaben beinhalten, die eigentlich mit “All cops are beautiful” zu übersetzen sind.

Warum man die Polizei nicht so lieb hat, kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Neben der allgemeinen Unfähigkeit, die Tatsache zu ertragen, dass einem das gesellschaftliche Zusammenleben hier und da Grenzen aufnötigt, weil die nervigen Mitmenschen auch Rechte haben, spielt natürlich auch Extremismus eine große Rolle. Dieser kann politisch motiviert sein, religiös motiviert, von Essensgewohnheiten bestimmt, oder auch sportlich. Wer nämlich dachte, Sport hätte etwas mit Spaß und Fairness zu tun, der ist aus Sicht mancher Spezialisten völlig schief gewickelt.

Vor allen Dingen Fußball wird leider gerne als Ideologie missbraucht.

Allerdings sind Fußballfans eine sehr durchmischte Gruppe. Ich bin selbst einer. Ich finde, Fußball ist ein toller Sport und hat viel mit Denken zu tun. Und mit Fairness. Zumindest, wenn man ihn aktiv betreibt. Allerdings heben mich die Ergebnisse der Bundesliga in etwa so viel an wie ein Sack Reis, der in China platzt. Unter EM und WM werde ich nicht warm. Dann bin ich allerdings nur unter Zwang von meinem Fernseher loszueisen… Wobei ich auch da herkunftsbedingt mehr als eine Nationalmannschaft auf der Hitliste habe. Was bedeutet – einer, den ich favorisiere, kommt immer in die Runde der letzten vier. Das ist so entspannend!!!!

Dann gibt es jene Fans, die den Sport toll finden, sich aber mehr oder minder dem Wohl und Wehe einer Mannschaft verschreiben. Sie würden niemals ein Spiel ihrer Mannschaft verpassen. Wenn ihre Mannschaft siegt, sind sie glücklich, und wenn sie verliert, trauern sie. Dabei sind sie vollkommen friedlich und kämen nicht im Traum auf die Idee, die Polizei oder andere Fans anzugreifen. Zwar kommt aus der Ecke manchmal recht harsche Kritik an Polizeieinsätzen bei Fußballspielen, aber das muss in einem freien Land erlaubt sein. Auch wenn ich mir bei mir so denke, dass die Polizei in jedem Fall die goldene Arschkarte hat. Greift sie zu sehr durch, ist es falsch. Wartet sie zu lange, ist es auch falsch. Kann sie es überhaupt richtig machen? Ich möchte jedenfalls nicht mit jenen tauschen, die diese Einsätze leiten.

Dann gibt es in verschiedenen Abstufungen Fußballfans, die zum Extremismus neigen. Etwas, was mir noch unverständlicher ist, als politischer Extremismus. Auf jemanden draufzuhauen, weil man eine Vorstellung hat, wie die ideale Gesellschaft auszusehen hat, finde ich zwar vollkommen daneben, aber irgendwie kann das noch im Ansatz als Grund für eine derartige emotionale Aufwallung durchgehen. Aber weil man Fan von Mannschaft A ist zu meinen, es sei eine tolle Idee, die Fans von Mannschaft B mit Gewalt zu überziehen, geht mir nicht in den Kopf. Und der Gedankengang, dass die Polizei der größte Feind ist, weil sie den Weg zu den anderen Fans verstellt… ist das überhaupt ein Gedankengang?

Na ja, egal, diese Art Fans gibt es halt auch und sie sind leider, wie meistens in diesen Fällen, eine Minderheit, die aber leider auffällt und ein schlechtes Licht auf jene Fußballfans wirft, die eben nicht so sind. Von denen sich trotzdem manche von jeder Kritik an gewalttätigen “Fußballfans” angepisst fühlen – was ich dann auch nicht mehr verstehe.

Übrigens gibt es auch bei der Polizei Fußballfans in allen von mir genannten Schattierungen. Es gab sogar einen Polizisten, der in seiner Freizeit Hooligan war und seine Kollegen verprügelt hat. Bei Licht betrachtet gibt es ihn auch noch, aber nicht mehr als Polizist… Mit diesem einen Exemplar dürfte es sich dann aber mit den gewalttätigen Fans in Polizeiuniform haben. Hoffe ich…

Man kann auch sagen, dass viele, nicht alle, Fußballfans, die sich den Ultras zugehörig fühlen, zu dem von mir beschriebenen Extremismus neigen. In etwa sind Ultras Hooligans. Das ist nicht ganz das Gleiche und ich habe das nur zum besseren Verständnis geschrieben. Ehrlich gesagt interessiert mich diese Szene nicht ausreichend, um darüber hier eine Art Doktorarbeit zu verfassen. Wem das nicht differenziert genug ist, der möge bitte im Interesse des eigentlichen Themas darüber hinwegsehen. Danke!

Nun gibt es auf Facebook eine Menge Fanseiten, auf denen sich Ultras und ihnen nahe stehende Menschen austauschen. Irgendein Ultra stolperte nun über die Facebook-Seite “Keine Gewalt gegen Polizisten” und fühlte sich von der Seite angepisst.

Natürlich hat er uns (den anderen Admins oder mir) nie verraten, was sein Problem ist. Vielleicht fühlte er sich bei einer Diskussion nicht ernst genommen. Wobei ich dazusagen muss, dass mir eine bestimmte Art zu diskutieren auch einfach keinen Spaß mehr macht. Wer das Gespräch mit einer gepflegten Beleidigung gegen die Polizei eröffnet, sollte sich eigentlich nicht wundern, wenn man ihn nicht mehr ganz lieb fragt, wo der Schuh drückt, sondern ebenso gepflegt von der Seite schmeißt. Oder wer Dinge unterstellt, die er sich sparen könnte, wenn er sich einfach mal die in klarem und verständlichem Deutsch geschriebenen Seiteninfos durchgelesen hätte. Warum sollten wir uns die Zeit nehmen, mit Leuten zu diskutieren, die selbst nicht bereit sind, sich die Zeit zu nehmen, sich verdammt noch mal zu informieren, bevor sie uns an Bein pissen? Mir ist sowieso unklar, wieso man sich nicht erst erkundigt, was eigentlich Sinn und Zweck einer Seite ist, und dann lospoltert. Ich klicke jedenfalls nirgends auf “Gefällt mir”, wo ich nicht weiß, was dahintersteckt.

Weder die anderen Admins noch ich sind zuständig für die Leseschwäche anderer Leute. Selbst im jetzigen Zustand des Bildungsystems ist es möglich, korrekt lesen zu lernen, wenn man sich nur auf den Arsch setzt. Man muss es halt einfach tun.

Jedenfalls setzte er ein paar seiner Ultra-Freunde in Bewegung und auf mindestens einer Ultra-Fanseite wurde dazu aufgerufen, die Facebook-Seite von “Keine Gewalt gegen Polizisten” zu boykottieren. Und zwar mit sehr einfachen Worten: “Spammen + melden”, darunter ein Link zu unserer Seite.

Joah, das war wohl mal eine verständliche Botschaft. Denn wir wurden gespammt. Innerhalb einer Stunde tauchten ca. 50 Botschaften an der Chronik der Seite auf. Das ist eine Art Pinnwand, an die bislang jeder schreiben durfte. Zusätzlich wurden ein paar Kommentare hinterlassen. Mindestens 70 Personen, eher mehr, beteiligten sich an der Sache.

Es wären noch mehr geworden, wenn wir die Seite nicht nach etwa einer Stunde vom Netz genommen hätten.

So etwas nennt sich in der Fachsprache übrigens “Flashmob” und “Mob” trifft es durchaus.

Etwa 85% der Botschaften bestanden aus den vier Buchstaben. Ja, wenn das mal kein schlagendes Argument ist, ne?

(Bevor uns an dieser Stelle wieder jemand erklärt, dass man diese vier Buchstaben auf die Sperrliste von FB setzen kann: die stehen da seit Wochen und Monaten drauf und zwar in allen denkbaren Varianten. Wäre dann auch noch schön, wenn diese Sperrliste auch immer so funktionieren würde. Bei diesem Flashmob versagte sie nämlich völlig. Offenbar eine Lastfrage.)

Weitere 13% der Botschaften bestanden aus anderen Beleidigungen. Die machten dann auch klar, warum die vier Buchstaben so beliebt sind. Die kann man sich wenigstens merken. Ich schreib das jetzt mal ganz langsam zum Mitschreiben, damit auch der dümmste Polizistenhasser es versteht. Es heißt nicht “scheissbullen” oder “scheiß bullen”, sondern “Scheißbullen”. Zusammen, mit “ß” (es liegt keine Vokalverkürzung vor) und groß, denn es handelt sich um ein Nomen. Übrigens schreibt man auch “Drecksbullen” und “Bullenschweine” aus exakt diesem Grund groß.

Einige ergänzten diese Nettigkeiten mit dem Hinweis “Fußballfans sind keine Verbrecher”. Richtig! Hat auch nie jemand auf unserer Seite behauptet. Auch hier hätte es doch durchaus geholfen, sein Denkfach anzuwerfen und einen Blick auf das zu tun, was man da gerade mit seiner Zerstörungswut überzieht.

Ein junger Mann drohte uns an, uns der “polezei” zu “melen”, da er offenbar den Verdacht geschöpft hatte, wir seinen überhaupt keine offizielle Seite der Polizei.

Ach?!

Ok, es stehen zwar alle Informationen zu dieser Thematik an prominenter Stelle der Seite, aber gut. Da wären wir wieder bei der PISA-Studie, die offenbar doch sehr richtig lag…

Entsprechend fielen die Antworten an ihn aus.

Ein weiterer junger Mann fragte uns, was wir denn zum Thema “Polizeigewalt” zu sagen hätten.

*Seufz*

Auch das steht in den Seiteninfos und wenn er anstatt blindlings der Anweisung “spammen + melden” zu folgen, einfach mal nach dem “warum?” gefragt hätte und einfach mal nachgelesen hätte, wofür unsere Seite steht, hätte er sich diese Frage schlicht sparen können. Und deswegen hatte ich auch keine Lust darauf, diese Frage in irgendeiner Form zu beantworten. Ein Coadmin hat sich sogar die Zeit genommen. Ich bewundere ihn für seine Geduld.

Natürlich werden wir uns von diesem Ausbruch brachialer verbaler Gewalt nicht zum Schweigen bringen lassen. Aktuell lassen wir prüfen, inwieweit das Ganze ein juristisches Nachspiel haben kann. Die eine oder andere Anzeige wegen Beleidigung ist schon mal sicher.

An dieser Stelle möchte ich mich noch für die vielfache Ansprache als “Scheißbulle” bedanken. Danke für das Kompliment! Ich werde gerne für die Vertreterin eines Berufsstandes gehalten, den ich hoch achte. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber auch hier wäre nachlesen keine schlechte Idee gewesen, um nicht ganz so daneben zu liegen…

Nun, nachdem wir die Seite vom Netz genommen und alles, was die Polizei in Sachen “Nachspiel” interessieren könnte, gesichert hatten, haben wir uns mal auf einer der Seiten, die zu diesem Flashmob aufgerufen haben, umgeschaut. (Danke an die FB-Freundin, die uns den Link zu dieser Seite gegeben hat.)

Da bin ich vor Lachen fast geplatzt. Jene, die wir bereits blockiert hatten, fanden sich da zum kollektiven Rumheulen zusammen. Die marschieren da also mit mindestens 70 Mann los, um etwas zu zerstören, was scheinbar nicht ihr Weltbild passt (was sie bei Licht betrachtet gar nicht so genau wissen können, denn mehr Informationen als “spammen + melden” hatten sie ganz offensichtlich nicht). Wehrt man sich gegen diese Zerstörungswut, sind sie wirklich getroffen. Das ist nur auf den ersten Blick zum Lachen. Auf den zweiten Blick sagt es eine Menge über Eigenverantwortung aus. Es gibt offenbar einige Menschen in diesem Land, die vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht werden, wenn sie jemandem eine Ohrfeige verpassen – und der sich einfach mal wehrt.

Es sagt auch eine Menge über jene Leute aus, die gebetsmühlenartig wiederholen, die böse Polizei sei immer so unmotiviert gemein zu den gewalttätigen Fußballfans und provoziere damit die Eskalationen selbst.

Mir persönlich beweist der Vorfall nur eines: Wir brauchen eine Polizei, hinter der auch die Politik steht, um sich zwischen solche Menschen zu stellen und jene, die Opfer dieser Gewaltbereitschaft werden. Ich fand es schon immer ein Unding, ausgerechnet die Polizei dermaßen zum Prügelknaben der Nation zu machen, aber dieses Ereignis macht es mir noch einmal klarer.

Auch der junge Mann, der uns melden wollte, beklagte sich, wir hätten ihn gar nicht ernstgenommen. Mit einem Unterton, der durchaus deutlich machte, wie getroffen er davon war, dass wir ob seiner Ansage nicht vor Angst erstarrt sind. Ja, meine Güte, dann lies halt hin. Wer ist denn dafür verantwortlich, wenn er nicht richtig informiert ist und dann argumentativ auf die Fresse fällt? Ist mir auch schon passiert, da muss man halt beim nächsten Mal aufpassen und es besser machen.

Im Nachgang zu der Sache ist natürlich auch beklemmend, wie viele Menschen sich mit einem kurzen Befehl “spammen + melden” in Gang setzen lassen, um bedenkenlos etwas zu zerstören, von dem sie nichts wissen, außer dass es irgendeinen obskuren Obermotz anpisst.

Ich habe mich lange Jahre gefragt, wie Pogrome zustande kommen konnten. Jetzt weiß ich es.

 

Übrigens fühle ich mich weiterhin nicht für die Leseschwächen anderer verantwortlich und mein Leben ist mir auch zu kurz, um mich mit solchem Blödsinn auseinanderzusetzen.

Aus exakt diesen Gründen werde ich die Kommentarfunktion für diese Blogs stark einschränken. Auch die Facebook-Seite wird leider ohne die Möglichkeit, an unsere Pinnwand/Chronik  zu posten, wieder online gehen. Dafür können sich viele friedliche Leser bei einigen wenigen Leseunkundigen bedanken!

Tierischer Notfall

Die 110 war die erste Telefonnummer, die ich kennenlernte. Als ich etwa vier Jahre alt war, erklärte mir meine Mutter, dass sie für Notfälle da sei und dass man damit die Polizei zu Hilfe rufen könne. Offenbar war mir auch die Bedeutung der Vokabel “Notfall” klar, denn ich habe diese Nummer niemals aus Spaß gewählt.

Dabei war ich als Teenager durchaus am einen oder anderen Scherzchen per Telefon beteiligt – mehr oder minder witzig. Manchmal bin ich in einer engen Telefonzelle neben meinem Kumpel vor Lachen geplatzt, wenn der seinem Talent frönte, einen sehr bekannten Politiker täuschend echt nachzuahmen. “Ich habe heute meinen Schlüssel liegen lassen, könnten Sie wohl mal nachsehen, bitte?” Der arme Nachtwächter der entsprechenden Parteizentrale hat sich netterweise den Wolf gesucht.

Manchmal war ich auch selbst die Übeltäterin, indem ich Menschen mit etwas ausgefalleneren Namen anrief und mich erkundigte, ob sie wegen ihres Namens Scherzanrufe erhalten würden…

Ist ja gut, ich schrieb ja – mehr oder weniger witzig.

Aber die 110 war raus aus der Scherznummer, die war tabu, so etwas machte man einfach nicht. Punkt!

 

Es bemächtigte sich meiner  neben großer Belustigung über das Talent des Bloggers ab und an auch ein gewisses ärgerliches Erstaunen, als ich treue Leserin des Notrufblogs VS Geheim von Steel wurde. Und später auch seines Buches. Ich traute meinen Augen kaum, aus welch teilweise vollkommen hirnrissigen Gründen Menschen einen Notruf wählen. Zum Beispiel, um zu erfahren, warum sie denn bitte schön im Stau stehen. Geht’s eigentlich noch?

Oder, wie mir der eine oder andere Polizist im Rahmen von Keine Gewalt gegen Polizisten hinterbracht hat, rufen auch regelmäßig Menschen die 110 an, wenn ein Polizeihubschrauber über ihrer Siedlung kreist. Unter anderem, um sich über den Krach zu beschweren. Ja, nee, ist klar. So ein Hubschrauberrundflug kostet ja auch nichts und deswegen braucht man auch gar nicht auf die Idee zu kommen, dass die Polizei einen solchen wohl kaum aus Spaß unternimmt. So zahlreich sind die Möglichkeiten auch nicht und wenn man ab und zu Nachrichten auf einem einigermaßen seriösen Sender schaut, bringt einen ein kurzer Denkprozess auf exakt zwei Lösungen: Vermisstensuche oder entflohener Straftäter. Im ersten Fall sollte es doch wohl möglich sein, seine eigenen Bedürfnisse nach Ruhe im Sinne der Rettung eines Menschenlebens für einen kurzen Zeitraum mal zu vergessen. Und im zweiten Fall wäre es eine Überlegung wert, ob es für einen selbst nicht auch ganz schön ist, wenn der flüchtige Täter wieder eingesammelt wird. Nur mal so. Denken ist nicht verboten!

 

Offenbar war die Erziehung meiner Mutter diesbezüglich sehr nachhaltig, denn ich habe bis heute eine gewisse Scheu, den Notruf zu wählen.

Das erste Mal setzte ich einen Anruf bei der 110 ab, als ich auf einer Autobahnauffahrt einen schweren Unfall sah, ein Auto war zu schnell in die enge Kurve gehämmert, auf die Leitplanke geraten und auf dem Dach gelandet. Das Auto dahinter war hineingefahren.

Da hatte ich auch keine Sekunde Zweifel, dass hier ein Notruf angebracht ist. Erschreckend war, dass vor mir schon mindestens sechs weitere Autos diese Unfallstelle passiert hatten, aber niemand es für nötig befunden hatte, Hilfe zu rufen. Manchmal finde ich die Prioritäten meiner Mitmenschen sehr befremdlich.

Jedenfalls hatte der arme Kerl am anderen Ende der 110 leichtere Probleme, sinnvolle Informationen aus mir herauszubekommen, weil ich von Adrenalin nur so überschwemmt war. Immerhin hat er es hinbekommen. Der war halt einfach gut. Meine Leistung hingegen… na ja…

Seitdem übe ich öfters. Vorzugsweise bei langen Autofahrten. Ich stelle mir vor, was ich wohl sagen müsste, wenn ich genau jetzt einen Unfall sehen würde. Wie müsste ich mich ausdrücken, damit der Polizist genau die Informationen bekommt, die er braucht? Ich kann das wirklich jedem nur empfehlen. Es klappt! Und ist für alle Beteiligten deutlich weniger traumatisch – nicht zuletzt für den, der Hilfe benötigt, wenn die Helfer möglichst schnell verstehen, wo sie hinsollen.

 

Allerdings brauchte ich das lange nicht. Bis neulich. Es war eigentlich (noch) nichts Schlimmes passiert. Aber ein bisschen aufgeregt war ich schon. Weil ich mir nicht im Klaren war, ob die 110 wirklich der richtige Ansprechpartner war.

Mein Mann und ich waren als Touristen in einer recht ländlichen Gegend unterwegs, auf einer kurvenreichen Kreisstraße. Ab und an kam uns ein Auto mit einheimischem Kennzeichen entgegen, und zwar noch deutlich schneller als wir. Die kannten halt ihre Straßen.

Plötzlich stand mein Mann auf der Bremse. Vor uns war ein Hindernis aufgetaucht.

eigenes Bild

Im ersten Augenblick musste ich grinsen. Dann schoss mir aber der Gedanke durch den Kopf, dass das ganz schön gefährlich werden kann. Man sieht rechts von der Straße den Graben. Wenn einer vor Schreck sein Steuer verreißt und landet da unten, ist durchaus ein Genickbruch drin. Auch eine Kollision mit einem Schaf produziert mindestens einen Totalschaden, wenn nicht Verletzte und Tote. Letztlich ist ein Schaf nicht billig und für den Bauern ein böser Verlust. Und last but not least stehe ich auf Schafe. Besonders auf Lämmchen. Die sind so süüüß.

Ok, ich hab die auch ganz gern auf dem Teller. Aber überfahren werden… nee, das muss wirklich nicht sein.

Bei mir daheim hätte ich den Besitzer angerufen. “Hey, Karl, hol mal Deine Schafe von der Straße.” Aber wir waren ja als Urlauber unterwegs.

Also die 110 gewählt. Da machte sich die langjährige Übung bezahlt.

“Polizeinotruf.”

Das kam übrigens sehr klar und deutlich, wenn auch mit dem lokalen Akzent gefärbt. Jedenfalls keinerlei Anlass für die dem Hörensagen nach sehr beliebte Rückfrage “Ist da die Polizei?” Wer bitte soll da sonst sein, wenn man gerade die 110 gewählt hat?

“Gernhardt hier. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dass ich Sie anrufe…”

(Komm zu Sache, die sitzen da nicht zum Spaß!)

“… aber hier laufen drei Schafe mitten auf der Straße herum. Da ist auch kein Schäfer dabei und auch sonst kein Mensch.”

(Eine Ortsangabe wäre jetzt nicht schlecht!)

“Wir sind auf der K XY kurz hinter der Ortschaft W.”

(Jetzt muss er nur noch wissen, in welcher Richtung. Aber verdammt, wie hieß noch mal der nächste Ort?)

“Wir sind aus Richtung D. nach W. gekommen. Ich habe keine Ahnung, wie der nächste Ort heißt. Wir sind Touristen.”

(Falls er das nicht schon am Akzent gehört hat, weiß er jetzt wenigstens, warum meine geografischen Kenntnisse so dürftig sind.)

Ich konnte den netten Polizisten am anderen Ende regelrecht grinsen hören, als er sagte: “Dann sind Sie wohl in Richtung P. unterwegs?”

(Ja, stimmt, jetzt, wo er das sagt… das hat auf dem Ortsausgangsschild von W. gestanden.)

Ich: “Ja, richtig. Sie sind gut!”

Das hörbare Grinsen wurde breiter.

“Sie sind also im Landkreis Z unterwegs?”

Ich: “Ja, genau!”

(Gut, dass ich eifrig Steel lese und deswegen weiß, dass manchmal eine Notrufzentrale mehrere Gebiete abdeckt.)

Er: “Wie weit sind Sie denn von W. entfernt?”

(Gute Frage! Ich hatte Tourismus betrieben und mit meinem Mann gequatscht anstatt auf die Strecke zu achten!)

Ich: “Sekunde!”

(Aus dem Auto aussteigen. Zurückblicken.)

Ich: “Ein, zwei Kilometer? Ich habe nicht genau drauf geachtet. Das Ortsschild kann ich jedenfalls nicht mehr sehen. Und P. noch nicht.”

(Besser geht es jetzt einfach nicht. Sorry!)

Dann musste ich noch meine vollständigen Personalien angeben. Klaro, sonst könnte ja jeder kommen.

Schließlich sagte er: “Ich schicke mal einen Streifenwagen vorbei.”

Ich: “Sollen wir hier warten?”

Er: “Nein, fahren Sie ruhig weiter. Und das ist schon richtig, dass Sie uns angerufen haben.”

Uff!

Ich: “Danke sehr! Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!”

Er bedankte sich und legte dann auf.

 

Als wir einige Stunden später denselben Weg zurück zu unserer Unterkunft fuhren, waren jedenfalls keine freilaufenden Schafe mehr zu sehen – wer immer sie nun von der Straße geholt hat.

 

Trotz allem – wieder mal eine gute Erfahrung mit der Polizei gemacht. Allerdings bleibe ich dabei – einfach mal kurz überlegen, ob die 110 wirklich die Nummer der Wahl ist. Es ist und bleibt ein Notruf und keine Frustabladestelle oder was sonst manche Menschen sich darunter vorzustellen scheinen.

Ein fieser Beruf

Heute möchte ich mich über den Beruf auslassen, den ich für den unangenehmsten Job halte, den man haben kann.

Bislang dachte ich immer, der unattraktivste Arbeitsplatz befinde sich auf dem Raumschiff Enterprise. Und zwar gibt es da einen Menschen, der die Turbolifte (vulgo: Aufzüge) kontrolliert und abhört. Wie sonst ist es zu erklären, dass eine solche Fahrt im Lift für die Protagonisten dieser Serie just in dem Moment endet, in dem ein bedeutungsschwangeres Gespräch seinen letzten Satz findet? Und zwar immer! Ja, da braucht es Fingerspitzengefühl, die Türen genau im richtigen Augenblick aufgleiten zu lassen. Und ein dickes Fell. Man stelle sich nur vor, was der arme Mensch sich den lieben, langen Tag anhören muss. Sicherlich gibt es auch auf der Enterprise Menschen, deren Gespräche sich spannungstechnisch… nun ja… nicht gerade auf Thrillerniveau befinden. Und dann die Phasen, in denen keiner den Lift benutzt.

*Gähn!*

Nee, also mein Job wäre das nicht.

Aber seit ich mich mit Keine Gewalt gegen Polizisten beschäftige, weiß ich, es gibt einen noch ekligeren Job.

 

Agent Provocateur.

 

Das genaue Berufsbild ist nicht umrissen. Nicht umsonst kommt es auch nicht in der Handreichung der Bundesagentur für Arbeit vor, die Schulabgänger zur Unterstützung für die Berufswahl in die Hand bekommen. Dieses Tätigkeitsfeld ist nämlich sowas von geheim. Aber sowas von… irgendwie deutet der Namensteil “Agent” das ja auch an, ne?

Allmählich bekomme ich aber ein Bild.

Also, der Agent Provocateur steht irgendwie in Lohn und Brot der Polizei. Wie genau das läuft und in den Staatskassen verbucht wird, weiß kein Mensch. Was an sich schon erstaunlich ist, in einem Land, in dem Kinder nur wenige Wochen nach ihrer Geburt bereits eine Steuernummer zugeteilt bekommen. Man weiß zwar nicht wofür, weil Kinderarbeit eigentlich verboten ist, aber vielleicht fürchtet der Fiskus, ihm könne eine Einnahmequelle verloren gehen für den Fall, dass Eltern ihr Kind illegal ins Bergwerk schicken, um die Haushaltskasse aufzubessern.

Aber irgendwie ist es ja auch wieder logisch, dass kein Mensch die Zahlungsströme kennt, die an diese Leute fließen. Ist ja total geheim.

Nur ganz wenige Leute haben da den Durchblick. Diesen geben sie auch gerne weiter, wenn wir Normalos mal wieder im Begriff sind, uns von unserem Mitgefühl für mehr oder minder schwer verletzte Polizeibeamte davontragen zu lassen. Sie leiten ihre Weisheit gerne ein mit den Worten: “Ihr glaubt auch alles, was in der Zeitung steht. Schon mal was von Agents Provocateurs gehört?” Mit dieser Einleitung hat es sich auch schon, der Rest des Gedankengangs wird dem geneigten Leser überlassen. Liegt aber ja auch irgendwie auf der Hand.

Meine erste Begegnung mit diesen Agents Provocateurs hatte ich als Studentin. Damals nahm ich an einer Demo für den Frieden teil. Ich erinnere mich nicht mehr, gegen welchen Krieg es da exakt ging, aber Frieden ist immer eine gute Sache.

Besonders streitbar friedliebend erwiesen sich einige junge Männer, die ich vom Sehen an meiner Uni kannte. Ich wusste sogar, wo die wohnten, nämlich in einem alternativen Wohnprojekt. Jedenfalls wurden die völlig anlasslos von jetzt auf gleich aggressiv gegen die anwesende Polizei. Nun ja, vielleicht hatte ich den Anlass auch verpasst, weil ich mich so angeregt mit einem der begleitenden Polizisten unterhalten hatte, der eigentlich auch ganz gern für den Frieden demonstriert hätte, was aber sein Dienstplan nicht zuließ. Nun, möglicherweise war das auch nur eine besonders perfide Art von Ablenkung, damit eine kleine unwichtige Studentin nicht mitkriegt, wie die Polizei selbst mal wieder die Aggressionen hervorruft. Das Gesprächsthema zwischen mir und dem friedensbewegten Polizisten drehte sich um 180 Grad in Richtung “Bitte bringen Sie mich hier raus, ich will mit dieser Gewalt nichts zu tun haben.” Das tat er auch mit Hilfe eines Kollegen. Mir brachte das noch einige ausgesprochen pazifistische Nachrufe ein, die sich in der Preisklasse von “Wir wissen, wo du wohnst.” bewegten. Diese Information stimmte zum Glück nicht, insofern machte ich mir da keine großen Sorgen. Allerdings stimmte mich der Vorfall durchaus nachdenklich. Ich war doch etwas enttäuscht von diesem Teil der Friedensbewegung.

Aber jetzt habe ich das auch endlich verstanden.

Die waren ja gar nicht echt. Das waren meine ersten Agents Provocateurs. Zwar wurde die Demo damals weder aufgelöst, noch gab es außer der Festnahme dieser Gewalt verteilenden Pazifisten keine weiteren Vorkommnisse, aber immerhin war es diesen Typen gelungen, die Friedensbewegung zu spalten. Ich war danach nämlich insofern abgespalten, dass ich immer sehr genau aufgepasst habe, in wessen Nähe ich mich bewegt habe. Vorzugsweise in der Nähe von Polizisten, um mich im Ernstfall wieder aus dem Getümmel zerren zu lassen.

Einstellungsvoraussetzung Nummer 1 für einen Agent Provocateur: man muss ganz schön hinterfotzig sein.

 

Nun habe ich mittlerweile ein Buch von einem ehemaligen MEK-Beamten aus Niedersachen gelesen, der doch die eine oder andere verdeckte Ermittlung hinter sich gebracht hat. Der durfte aber zwischendurch immer mal nach Hause. Meine Agents Provocateurs von dieser Friedensdemo waren hingegen rund um die Uhr in diesem alternativen Wohnprojekt zu finden (oder im AStA der Uni). Keine wahres Leben hinter der Legende erkennbar. Was für ein Verzicht, wo doch angeblich alle Polizeibeamten Spießer sind und alternative Lebensformen für sich selbst angeblich niemals in Betracht ziehen.

Außerdem muss man irgendwo sein von der Polizei bezogenes Gehalt horten, während man nach außen hin in einer gewissen alternativen Armut lebt. Da ist nix damit, mal eben seinen edlen Aston Martin mit 200 über die Autobahn zu hetzen. Nicht, dass normale Polizisten sich so etwas leisten könnten. Aber als Geheimagent sollte man doch einen etwas edleren fahrbaren Untersatz erwarten dürfen. Stattdessen strampelt man maximal sein rostiges Fahrrad über den Kiez.

Einstellungsvoraussetzung Nummer 2 für einen Agent Provocateur: man muss bereit sein, komplett in der Rolle aufzugehen. Und James Bond ganz schnell zu vergessen…

 

Da es, wie ich gelernt habe, immer diese geheimnisumwitterten Agents Provocateurs sind, die Demonstrationen zur Eskalation bringen, kann man sich vorstellen, was man in dem Job zu schleppen hat. Farbbeutel, Pyrotechnik, Steine, Gülle, Plastikplanen, um sich gegen den bei den Kollegen provozierten Wasserwerfereinsatz zu wappnen…. und das alles muss so getragen werden, dass es nicht nach Gewicht aussieht. Schließlich dürfen die, deren Demo man damit zum Platzen bringen will, keinen Wind davon bekommen. Geschweige denn, von den notwendigen Einkäufen vorher. Man muss also sehr oft sein rostiges Fahrrad zum Baumarkt treten, da man schließlich die angesprochenen Utensilien mit unverdächtigen Einkäufen aus dem Bioladen tarnen muss.

Einstellungsvoraussetzung Nummer 3 für einen Agent Provocateur: man muss sportlich und sehr kräftig sein, um unter der Last des Polizistenhasserzubehörs nicht zusammenzubrechen.

 

Die Betonplatte, die knapp einen halben Meter neben dem Magdeburger Polizisten aufschlug, wird der zuständige Agent Provocateur nicht selbst mitgeschleppt haben. Zumindest nicht allein. Entweder lag sie also praktischerweise schon dort, oder aber er hat sich mit anderen Agents Provocateurs zusammengetan. Wie er die erkannt haben will, wo die doch alle geheim sind, ist schon rätselhaft. Aber wer so raffiniert ist, hat damit sicher kein Problem.

Einstellungsvoraussetzungen Nummer 4, 5 und 6 für einen Agent Provocateur: Flexibilität und die Fähigkeit, sich bietende Chancen wie zufällig daliegende Betonplatten zu erkennen, Teamfähigkeit sowie eine verdammt gute Nase für ebenfalls in Tarnung lebende Teammitglieder.

 

Nun, auch der Polizei verlangt die Arbeit mit diesen Agents Provocateurs einiges ab. Nehmen wir zum Beispiel die Demonstration der “Kapitalismus”kritiker in Frankfurt am Main am 31.03.2012.

Ich äußere mich jetzt nicht dazu, dass Kapitalismus und soziale Marktwirtschaft wenig bis nichts miteinander zu tun haben, aber egal. In Zeiten von PISA sind solche Details offenbar vernachlässigbar. Allerdings denke ich auch, dass man über den Anteil des “sozialen” trefflich diskutieren kann. Aber eben diskutieren – was im Regelfall keine Verletzten produziert. Insgesamt wurden 15 Polizeibeamte und auch einige Demonstranten verletzt.

Schuld an der Eskalation war nach Lesart der Veranstalter ausschließlich die Polizei. Hatte diese es doch gewagt, eine Kette zu bilden.

Der zuständige Polizeipressesprecher hingegen betonte, dass die Polizei sich sehr lange sehr zurückgehalten habe.

Nun, nachdem zumindest die Medienberichterstattung häufig eher weniger zu Gunsten der Polizei ausschlägt, kamen hier dann doch mal einige Fragen auf. Zum Beispiel die Frage danach, ob es nicht doch mal an der Zeit sei, dass sich jene Demonstranten, denen es wirklich um die Sache geht, endlich mal von den Gewalttätern distanzierten? Denn wie gewaltfrei sind wohl Menschen eingestellt, die bereits ausgestattet mit Pyrotechnik, Steinen, Gülle und Chemikalien, die schwerste Verletzungen hervorrufen können, auf eine Demo einrücken? Wie gewaltlos ist es, Sachschäden im sechsstelligen Eurobereich zu produzieren? Ja, auch Gewalt gegen Sachen ist und bleibt Gewalt. (Übrigens auch verbale Gewalt, auch wenn sie noch so oft mit der Behauptung garniert wird, man selbst sei so furchtbar gewaltlos.)

Und wie stark differenzieren Täter zwischen Menschen, wenn sie nicht jene Polizisten in Schutzkleidung angreifen, die die Kette gebildet haben, sondern sich stattdessen an einem Kontaktbeamten ohne Schutzkleidung vergreifen? Und zwar in der Form, dass dieser anschließend schwerst verletzt auf einer Intensivstation landet. Wie ernst kann man den verständlichen Wunsch aller Demonstranten danach nehmen, selbst differenziert gesehen zu werden, wenn sie nicht einmal in der Lage sind, sich öffentlich von diesem Angriff zu distanzieren und stattdessen weiterhin die Schuld bei der Polizei verorten? Zumindest in dem, was ich so in der Presse gelesen habe. Vielleicht war ja irgendwo eine Distanzierung, die in den 20 Artikeln, die ich zu dem Thema gelesen habe, nicht abgedruckt wurde? Wer weiß das schon?

All diese Fragen schwirrten also sogar sonst unverdrossenen Polizistenkritikern durch den Kopf.

Dabei ist die Antwort doch so einfach!!!!

Auch hier waren Agents Provocateurs im Spiel.

Ich persönlich bin jetzt echt beeindruckt von dem logistischen Aufwand, den die Polizei da ganz offensichtlich betrieben hat.

Um diese gewaltigen Sachschäden und mindestens 15 verletzte Polizisten produzieren zu können, musste sie diese Agents Provocateurs buchstäblich busseweise rankarren. Und wie geschickt, dass keiner gemerkt hat, wie eine ganze Wagenladung Wurfmaterial ausgehändigt wurde. Hut ab!

Allerdings scheinen diese Agents Provocateurs nicht so ganz helle gewesen zu sein. Immerhin haben sie ja einen ihrer eigenen Leute so dermaßen übel verletzt, dass per 03.04.2012 noch im Raum stand, dass er permanente Augenschäden davontragen könnte (Quelle) und zum 10.04.2012 war noch nicht wieder klar, wann er wieder dienstfähig sein wird (Quelle). Aber gut, man kann nicht alles haben. In Frankfurt war ja offensichtlich Masse statt Klasse angesagt…

 

Was mich jetzt noch wundert ist: Wenn es regelmäßig immer wieder diese Agents Provocateurs sind, die Gewalt gegen Polizisten verüben, warum sind die dann noch nicht restlos alle aufgeflogen? Ich meine, die Staatskassen sind gähnend leer und werden tagtäglich leerer. Wer genau bezahlt diese Heerscharen von Agents Provocateurs? Denn wenn diese Schlaumeier, die die regelmäßig ins Spiel bringen, die einzigen sind, die Durchblick haben, dann müssten diese Agenten doch alle wie sie da sind in Schallgeschwindigkeit verbrannt sein. Oder muss das jeder Polizist können? Heute Verkehrskontrolle, morgen Agent Provocateur? Wissen die Jungs und Mädels das vor ihrer Übernahme in den Polizeidienst? Ich meine, ist das arbeitsrechtlich vertretbar? Und da soll noch keiner aufgemuckt haben? Oder mal eben mit der Presse geschnackt? Kurios, sehr kurios.

Und wieso habe ich die Agents Provocateurs von meiner Demo, mit der ich die erste Einstellungsvoraussetzung erläutert habe, später noch auf weiteren Demos gesehen? Ich meine, die sind doch leicht zu erkennen:

Gewalttäter gegen Polizisten = Agent Provocateur!!!

Warum lässt man weiterhin zu, dass die dabei sind? Konnte man sich damals nicht mal diese paar Gesichter merken? Würde man die aus seinen Kreisen isolieren, wären Demonstrationen ab sofort himmlisch friedlich und jeder, aber auch wirklich jeder, Depp würde einem glauben, dass die Eskalationen von der Polizei ausgehen.

 

Zu eigenartig, dass ausgerechnet diese Oberchecker das noch nicht kapiert haben.

 

Das war Karneval 2012

Ich bin heute etwas müde, deshalb verzichte ich auf die Nennungen all der anderen Begrifflichkeiten für diese Festivität. Ist nicht böse gemeint.

Der Grundtenor der Pressemitteilungen der Polizei war in diesem Jahr, dass Karneval in den meisten Fällen friedlich über die Bühne gegangen ist und zwar friedlicher als im Vorjahr.

Der Begriff “Karneval 2012″ bezeichnet in meinen Berechnungen lediglich den Zeitraum vom 16. bis 21. Februar 2012. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die Pressemitteilungen danach zu zerlegen, ob der Gewaltakt auch ohne Karneval stattgefunden hätte oder auch nicht. So trennscharf ist das gar nicht möglich, deswegen versuche ich es gar nicht erst.

Insgesamt liegen mir Pressemitteilungen vor über:

Mindestens 16 Sachbeschädigungen an Polizeieigentum:

davon mindestens 2 Dienstfahrzeug beschädigt (mindestens 1 durch Fußtritt)
mindestens 1 Gewahrsamszelle beschädigt
mindestens 1 Zellentoilette demoliert
mindestens 1 Matratze in einer Zelle zerstört
mindestens 1 Transportfahrzeug beschädigt
mindestens 1 Dienstwagen mit Steinen beworfen
mindestens 3 Scheiben von Dienstwagen zerstört (eine Seitenscheibe rausgetreten, eine Seitenscheibe kaputtgetreten, eine Heckscheibe beschädigt)
mindestens 2 Polizeiwagen gerammt (einer davon mit einem Mofa!)
mindestens 1 Briefkasten einer Wache demoliert
mindestens 1 Fall von zerfetzter Dienstkleidung
mindestens 2 gestohlene Nummernschildern von Funkstreifenwagen

Mindestens 2 Polizeibeamten wurde aggressiv begegnet, was immer darunter zu verstehen ist.

Mindestens 160 Polizeibeamte wurden beleidigt:

davon mindestens 2 via Missbrauch des Notrufs

Mindestens 12 Polizeibeamte wurden bedroht.

Mindestens 12 Polizeibeamte wurden angespuckt.

Mindestens 24 Polizeibeamte wurden im Rahmen von Verfolgungsjagden gefährdet.

Mindestens 30 Polizeibeamte wurden angegriffen:

davon mindestens 1 durch Tritt in den Rücken
mindestens 1 wurde bewusstlos geschlagen
mindestens 1 wurde auf den Kopf geschlagen
mindestens 1 gewürgt
mindestens auf 1 wurde noch eingetreten, als er schon am Boden lag
mindestens 3 wurden geschlagen
mindestens 2 erhielten Faustschläge ins Gesicht
mindestens 7 wurden mit Pfefferspray attackiert
mindestens 3 wurden getreten und
mindestens 2 mit Schneebällen beworfen.

Mindestens 276 Polizeibeamte wurden mit gewalttätigem Widerstand konfrontiert:

davon erhielt mindestens 1 einen Tritt in den Unterleib
mindestens 13 wurden getreten
mindestens 29 wurden geschlagen
mindestens 2 beworfen
mindestens 16 getreten
mindestens 4 erhielten einen Kopfstoß
mindestens 4 wurden mit einem Samuraischwert attackiert
und mindestens 3 erhielten einen Faustschlag ins Gesicht

Mindestens 78 Polizeibeamte wurden Karneval durch Gewalteinwirkung verletzt:

davon waren 10 im Anschluss dienstunfähig, mindestens für den Rest der Schicht, meistens länger
davon waren 9 krankenhausreif verletzt, mindestens für eine amulante Behandlung, aber auch stationär
mindestens 1 Polizeibeamter trug Verletzungen an Handgelenk und Knie davon
mindestens 1 Polizeibeamter trug Messerschnitte auf dem Handrücken davon
mindestens 1 Polizeibeamtin erlitt eine Gehirnerschütterung
mindestens 1 Polizeibeamten wurde der Daumen gebrochen
mindestens 1 Polizeibeamtin wurde mit Verdacht auf Jochbeinbruch ins Krankenhaus eingeliefert
mindestens 1 Polizeibeamter erlitt einen Oberarmbruch
mindestens 1 Polizeibeamter bekam einen Riss auf dem Handrücken beigebracht und
mindestens 1 Polizeibeamter erlitt einen Handbruch

Mindestens ein Diensthund wurde tierklinikreif getreten.

Mindestens 103 Polizeibeamte litten durch verdorbene Verpflegung an einer Lebensmittelvergiftung. (Nicht in der folgenden Grafik enthalten.)

 

Im Vergleich mit den letzten beiden Jahren bietet sich in den Grafiken folgendes Bild.

 

Und noch eine Grafik:

Man wundert sich ein wenig, weil in dieser Grafik die Übergriffe gegen Polizeibeamte im Vergleich zu den Vorjahren angestiegen zu sein scheinen. Wie ich diese Zahlen errechne und was sie letztlich aussagen, habe ich vor einiger Zeit einmal für alle entsprechenden Berechnungen zusammengefasst: Grundsätzliches zu meinen Zahlen.

Wie gewöhnlich müssen aus den dort genannten Gründen die Zahlen noch weit nach oben korrigiert werden.

Allerdings kann dennoch der Eindruck vieler Pressesprecher durchaus stimmen, dass Karneval im Vergleich zum Vorjahr deutlich ruhiger war. Es ist durchaus möglich, dass die Aktionen der Polizeigewerkschaften sowie Initiativen wie “Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.” mittlerweile eine solche Aufmerksamkeit, auch in der Öffentlichkeit, erregen, dass solche Meldungen eher veröffentlicht werden als früher. Wie auch immer die Sache aussieht – jeder verletzte Polizist ist einer zuviel.

Die einzelnen Pressemitteilungen können in der Galerie der Gewalt eingesehen werden. Alle, die den oben genannten Zeitraum betreffen und mit “Karneval2012″ getaggt sind, stecken in dieser Berechnung. Die Meldungen, die vor diesem Zeitraum liegen, habe ich rausgerechnet (Karneval wirft ja einen langen Schatten voraus).

Abschließend lasse ich noch den Pressesprecher der PD Konstanz zu Worte kommen, der jenen, die Polizeibeamten an Karneval Humorlosigkeit vorwerfen, mitgegeben hat:
“Während Einsatzkräfte der Polizei einerseits ernste Lagen zu bewältigen hatten, konnten dies ‘superlustige’ alkoholisierte Personen fast nicht verstehen. (PM der PD Konstanz vom 16.02.2012)”

Auch an Karneval sind Denken und Eigenverantwortung erlaubt!

Allen Polizeibeamtinnen und -beamten, die über die tollen Tage im Einsatz waren mein licher Dank. Und allen, die verletzt wurden, meine besten Genesungswünsche!

 

 

Passend zur Jahreszeit

Passend zur Jahreszeit möchte ich heute mein bereits erwähntes Weiberfastnachtserlebnis mit zwei Polizisten ein wenig ausführen. Bisher habe ich es lediglich in Hinblick darauf erwähnt, dass auch ich mir schon einmal Dienstausweise habe zeigen lassen (oder waren es damals Dienstmarken?   Ist so lange her…). Aber es ging ja noch weiter.

Ich war also 16 und ging noch zur Schule. Meine Clique und ich hatten ein sehr ausgefeiltes Karnevalsprogramm erarbeitet, das zwischen Weiberdonnerstag, 8 Uhr, und Veilchendienstag, 22 Uhr, im Grunde keine Pausen beinhaltete. Smilis Es begann Donnerstag mit der Party in der Schule. Danach ging es mit Schulfreunden per Bahn zwei Orte weiter. Von diesem Bahnhof war eine Wanderung von ca. 45 Minuten strammen Schrittes bergauf zu bewältigen, um den ersten Umzug der Umgebung zu erleben. Anschließend gingen alle in die örtliche Festhalle, wo dann bis weit nach Mitternacht gefeiert wurde. Es sei denn natürlich, man war noch minderjährig. Abgesehen davon, dass unsere Eltern sich damals ausreichend für uns interessiert haben, um uns zu angemessenen Uhrzeiten wieder daheim sehen zu wollen, waren wir ja auch auf die Bahn angewiesen. Der letzte Zug in meine Kleinstadt fuhr gegen kurz vor zehn. Also war klar, dass um neun Uhr abends die Festhalle verlassen werden musste…

…theoretisch.

Nun war ich damals schon ebenso interessiert an den Menschen wie heute und kam mit Gott und der Welt ins Gespräch, habe abgetanzt bis die Schuhsohlen qualmten und angesichts meiner bereits erworbenen Rückfahrkarte mein Schwerdonnerstagsbudget verballert bis auf den letzten Pfennig.

Vielleicht hätte ich auch mal auf die Uhr gucken sollen.

Andererseits war ich auch irgendwie der Ansicht, meine Freunde würden schon nicht ohne mich abhauen.

Tja…

Danach waren es auch nur noch Bekannte…

Jedenfalls, als ich dann irgendwann auf die Uhr schaute, blieb mir fast das Herz stehen. Keine Chance mehr, den Zug zu erreichen. Um mich herum Leute, die ich nicht kannte oder die nahezu bis zum Verlust der Muttersprache betrunken waren. Die nächste Telefonzelle mindestens 20 Fußminuten entfernt und in einer der finstersten Gassen, die das Dorf so aufzufahren hatte. Handys waren noch nicht mal angedacht.

Scheiße!

“Was soll ich denn jetzt machen?”

Als dann die beiden Polizisten den Festsaal betraten, fiel mir ein Stein von den Ausmaßen des Mont Blanc vom Herzen. Die würden mir helfen.

Für jene, die den betreffenden Blogbeitrag nicht gelesen haben, hier eine Wiederholung der Ereignisse:

Da ich einen Mitschüler hatte, dessen Onkel ihm für unsere Auftritte im Rahmen der Schultheater AG seine originale Polizeiuniform geliehen hatte, war ich mir einfach nicht sicher, ob diese beiden Polizisten nun echt waren. Also beglückte ich sie mit der “Wenn-Du-einen-Polizeibeamten-an-Karneval-mit-abgegriffenem-Blödsinn-nerven-willst-nimm-diese”-Frage: “Seid Ihr echt oder verkleidet?”

Sie sahen mir aber an, dass ich jung und verzweifelt war, also wiesen sie sich einfach aus und fragten nach meinem Problem. Ich erklärte es ihnen und fragte sie, ob sie mir ein Taxi herbeifunken könnten. Darüber hinaus konnte ich nur hoffen, dass meine Mutter genug Bargeld daheim haben würde, um das Taxi zu bezahlen.

“Wo wohnst Du denn?” … “Ach da, ja, dann nehmen wir Dich eben mit. Da müssen wir jetzt eh Streife fahren.”

Fünf Minuten später saß ich in einem waschechten Streifenwagen.

Wow! Wow! Wow!  Smilis

Für mich als Fan von Mareike Carrière als Ellen Wegener im Großstadtrevier (Na, wer erinnert sich noch? Wie ist denn hier so das Durchschnittsalter der Mitlesenden….  ) war das natürlich der Hammer.

Die Fahrt begann sehr lustig, denn mich hatten da zwei typische rheinische Schlappmäuler aufgelesen. Da wurden einige Witzchen gerissen. Manche mit durchaus ernstem Hintergrund, denn dass meine Clique mich da einfach so allein gelassen hatte, fanden die beiden ziemlich daneben.

Trotzdem kam der Moment, an dem meine Erleichterung, so schnell geholfen zu bekommen, und meine Aufregung, in einem Streifenwagen durch die Gegend chauffiert zu werden, der Realität Platz machten – die da ganz einfach lautete: Meine Mutter würde nicht begeistert sein. Nach allem, was wahrscheinlich war, wäre diese Karnevalssession damit für mich beendet.

“Alles klar dahinten? Du bist plötzlich so still.”

Nee, irgendwie war nichts mehr so richtig klar. Mit jedem Meter, den wir uns meiner Haustür näherten, hatte ich die Hosen ein Stück voller. Meine Mutter war nicht unbedingt streng. Aber konsequent. Was ja heutzutage gerne verwechselt wird.

Na ja, wo ich aber schon mal so nett gefragt wurde, rückte ich auch mit meinen Befürchtungen heraus. Die beiden tauschten einen kurzen Blick. Dann:

“Überlass das mal uns!”

Kaum fuhren wir daheim vor, bekam ich die Anweisung:

“Versuch mal, zerknirscht zu gucken!”

Wir stiegen alle aus, die beiden nahmen mich in ihre Mitte und so stellten wir uns vor unsere Haustür.

“Wir gucken jetzt auch mal böse.”

Das gelang ihnen ziemlich gut. Fast hätte ich Angst vor ihnen bekommen, obwohl sie doch bis vor einer Sekunde ausgesprochen gut gelaunt und locker gewirkt hatten.

Einer der beiden drückte auf den Klingelkopf. Schritte. Meine Mutter öffnete die Tür und…

sah ziemlich schockiert aus.

Kein Wunder! Welche Mutter sieht schon gerne ihr kräftig pubertierendes Töchterchen mit Leichenbittermiene zwischen zwei ausgewachsenen Polizisten vor der Tür stehen? Was soll man da auch denken?

“Was hast Du angestellt?”

Oha, jetzt wurde es brenzlig. Ob die Idee meiner Begleiter wirklich so gut gewesen war?

“Nichts”, sagte einer der beiden. Sein Gesichtsausdruck war auch wieder freundlich. Er erklärte meiner Mutter, was passiert war. Und er legte ihr nahe, mich jetzt nicht für den Rest von Karneval von den Vergnügungen auszuschließen.

“Ihre Tochter hat alles richtig gemacht. Sie hat sich nicht von einem Betrunkenen heimfahren lassen, sondern genau die Richtigen gefragt. Das passiert ihr bestimmt nie wieder.”

“Ich denke darüber nach.”

Mehr hätte ich vor den Augen Außenstehender nicht bekommen. Soviel war klar. Die beiden Polizisten verabschiedeten sich freundlich von mir.

“Wenn es Probleme gibt, ruf uns an. 110… ”

Ein Augenzwinkern.

Weg waren sie.

Aber ihr Eindruck war bleibend, denn meine Mutter sagte:

“Die beiden haben Recht. Gut, dass Du die Polizei gefragt hast. Also dann viel Spaß morgen. Aber in die Schule wird morgen gegangen.”

 

Übrigens passierte mir das wirklich nicht mehr. In diesem Jahr. Im darauffolgenden Jahr aber schon. Da wurde ich dann von der Feuerwehr heimgefahren. Im Löschzug. Das fand ich auch ziemlich cool. Meine Mutter äußerte dazu jedoch nur noch trocken: “Wenn Du nächstes Jahr im Krankenwagen heimgefahren wirst, komm bitte nicht im Liegen.”

Ab dem Jahr darauf hatte ich allerdings das Problem nicht mehr. Da hatten schon einige meiner Freunde ein Auto. Bei denen, die genug Verstand in der Birne hatten, nicht besoffen zu fahren, fuhr ich mit. Da brauchte ich keine Blaulichter mehr. Aber vergessen habe ich das nie und ich bin sicher, dass meine Sympathien für Blaulichter aller Art durchaus eine Folge meiner Jugenderlebnisse sind.

 

Noch ein witziger Nachklang. Neulich traf ich unsere damalige Nachbarin im Supermarkt. Wir tauschten eigentlich nur aus, was wir in den letzten Jahrzehnten so aus unserem Leben gemacht hatten. Gegen Ende des Gespräches, als wir schon im Begriff waren, wieder unserer Wege zu gehen, neigte sie sich vertraulich zu mir rüber:

“Sag mal. Jetzt ist das doch so lange her. Quasi verjährt. Jetzt kannst Du mir doch endlich sagen, was damals wirklich los war, als Dich die Polizei heimgebracht hat.”

Innerlich bin ich fast erstickt vor Lachen.

“Ich habe wirklich einfach nur den Zug verpasst.”

Irgendwie wirkte sie enttäuscht.

Im Augenblick arbeite ich an einer Geschichte. Falls wir uns noch einmal treffen. Wenn es sie glücklicher macht, kann ich ihr gerne erzählen, wie ich volltrunken mit einer Flasche Wodka unter dem Arm von einer Streife dabei erwischt wurde, wie ich in den Pfarrgarten des Dorfes gekotzt habe. Smiely Wie ich die Polizeibeamten beleidigt, bespuckt und bedroht, ihnen meine Fingernägel durchs Gesicht gezogen und im Anschluss nochmal in den Streifenwagen gekotzt habe. Die Versuchung ist überwältigend. Den Verein habe ich dann aus tiefer Reue gegründet.

Andererseits gefällt es mir viel besser, wie es wirklich war. Einfach weil es zeigt, was der Untertitel des Vereins ist. Menschenrechte gelten auch für Polizeibeamte – weil sie Menschen sind.

BGH-Urteile und menschliche Gefühle

Das ist nun schon das zweite BGH-Urteil innerhalb weniger Wochen, das vielen Polizeibeamten wie ein Schlag in die Magengrube erscheinen muss.

Und mir ist auch schon schlecht. Deswegen kommt mein Kommentar dazu erst heute. Das musste ich erst mal einigermaßen verdauen…

Erst die Sache mit dem Hells Angel, der sich in Gefahr wähnte und anstatt die 110 zu wählen, durch seine geschlossene Tür ballerte. Da war in meinem Bekanntenkreis teilweise auch eingefleischten Polizeikritikern nur schwer zu vermitteln, was daran nun Putativnotwehr gewesen sein sollte. Ich gebe aber auch zu, dass ich diesbezüglich nicht einmal einen Bruchteil der Verve an den Tag gelegt habe, mit der ich sonst bei der Sache bin… warum auch? Ist es meine Aufgabe, allgemeinverständlich etwas zu erklären, was ich selbst nicht billige?

Es ist mir durchaus, auf einer abstrakt-intellektuellen Ebene, möglich, die Argumentation des Gerichtes zu begreifen. Aber gut heißen muss ich sie damit noch lange nicht. Bei der Argumentation dürfte ich nämlich auch durch die geschlossene Tür schießen, wenn ich es dort rumoren höre. Mit KGgP mache ich mir beileibe nicht nur Freunde. Schade dann für die Nachbarin, die sich nur Eier leihen wollte…

Und jetzt die Aufhebung des Urteils wegen versuchten Mordes gegen den Mann, der dem Polizisten Michael Frehn mit brutalen Tritten gegen den Kopf das Gesicht zertrümmert hat.

 

Kurz zu den Ereignissen. Am 28. August 2010, zwischen zwei und drei Uhr, wurde die Polizei zu einem Einbruch in einen Supermarkt in Mönchengladbach-Odenkirchen gerufen. Auch Michael Frehn und seine Streifenpartnerin, als Zivilpolizisten unterwegs, rückten zur Verstärkung ein.

Die Polizeibeamten wollten die umstehenden Menschen einer Personenkontrolle unterziehen. Einer von diesen rastete aus. Michael Frehn und ein Kollege halfen dabei, den Mann zu Boden zu bringen, unten zu halten und die Schließacht anzulegen.

Einer der Umstehenden, Roberto di S., ging davon aus, es habe sich bei diesem Randalierer um seinen Bruder gehandelt. Also stürmte er auf die Polizisten los und sprang Michael Frehn mit den Füßen voran ins Gesicht. Die Bilanz: 20 Knochenbrüche auf beiden Seiten des Gesichts, die Vorderzähne waren komplett nicht mehr vorhanden.

In einem ZDF-Beitrag ging Michael Frehn an die Öffentlichkeit. Er sprach davon, wie er von seiner eigenen Nase nur noch die Spitze fühlen konnte, weil sie so tief ins Gesicht getrieben worden war. Wie es war, im eigenen Blut zu liegen und zu überlegen, ob man das überleben wird. Er erzählte, was ein Kollege über das Geräusch gesagt hat, als die Füße des Täters sein Gesicht trafen – wie eine aufplatzende Kokosnuss.

Unvorstellbar, was für grauenhafte Schmerzen dieser Mann durchgemacht haben muss… mal ganz abgesehen von der Todesangst.

Und ebenso unvorstellbar, wie sich das für seine Frau angefühlt haben muss, die ihn im Krankenhaus fast nicht wiedererkannt hat.

Anfang 2011 verurteilte das Landgericht Mönchengladbach Roberto di S. (21) wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren und zehn Monaten Haft. Der Richter kam zu dem Schluss, dass das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt sei, da Frehn arg- und wehrlos gewesen sei. Er hatte ausgesagt, dass er den Angriff nicht vorausgesehen habe, dass er nichts mitbekommen habe, dass die Situation für ihn “safe”, also sicher, gewesen sei.

Die BGH-Richter sehen das anders. Da andere Polizeibeamte vorher schon versucht hätten, Roberto di S. festzuhalten, hätte Frehn einen Angriff nicht ausschließen können. Das Urteil des Landgerichtes Mönchengladbach wurde aufgehoben, der Fall wurde an das Landgericht Düsseldorf zur Neuverhandlung verwiesen.

Heute möchte ich mich nicht in die Tiefen der Rechtsprechung begeben. Das ist sowieso ein Thema, über das man sich trefflich streiten kann. Entgegen anderslautender Unterstellungen kann ich damit auch verdammt gut leben. Solange man mir meine Meinung lässt, kann ich auch andere Meinungen stehen lassen. Niemand muss Polizeibeamte lieb haben. Ich habe auch nicht jeden lieb. Allerdings würde ich diese Menschen niemals halb tot prügeln. Oder mit Molotow-Cocktails bewerfen. Oder unter der Gürtellinie beschimpfen. So viel Zivilisationsgrad muss sein. Mein Minimalziel ist, dass Polizeibeamte nicht mehr verprügelt und beleidigt werden. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Aber auch, wenn ich heute keine Lust habe, mich durch den Dschungel der Paragraphen zu schlagen, möchte ich sagen, dass diese beiden Entscheidungen nicht die ersten aus Karlsruhe waren, bei denen ich mir so meine Fragen stelle…

Zum Beispiel die, ob ein Richter, nur weil er an einem Bundesgericht arbeitet, wirklich so unantastbar ist, dass man ihn nicht mehr kritisieren darf. An den Landgerichten arbeiten ja auch nicht gerade Deppen…

Wer sagt mir eigentlich, ob der BGH-Richter wirklich qualifizierter ist als der am LG Mönchengladbach? Gut, dass er mehr zu sagen hat, ist eine Frage der Hierarchien. Aber dass in Deutschlands Hierarchien nicht immer unbedingt der Klügste das Rennen macht, ist ja nun auch nicht so neu…

Aber ehrlich gesagt bin ich auch für solche Fragestellungen heute viel zu müde.

Deswegen möchte ich eigentlich nur davon sprechen, warum mich das so trifft. So ganz persönlich.

Es ist nicht nur, dass ich mich wirklich frage, ob die Richter in Karlsruhe auch nur eine Sekunde an die Gefühle von Michael Frehn gedacht haben. Ja, ich weiß. Ich sage ja selbst immer, dass Rechtsprechung nicht von Gefühlen geleitet werden sollte, sondern von Fakten. Man kann als Richter einen Menschen nicht besser behandeln als einen anderen, nur weil er einem sympathischer ist. Das geht gar nicht…

Aber ich ahne, was Michael Frehn und seine Frau für einen emotionalen Schlauch durchmachen mussten und jetzt noch einmal müssen. Ich hatte bislang zum Glück (und dafür bin ich dem Leben zutiefst dankbar) nur das zweifelhafte Vergnügen, einen Zivilprozess überstehen zu müssen. Das waren schon schlimme Zeiten für mich. Wie furchtbar muss es erst sein, Opfer einer solch brutalen Gewalttat zu werden und dann noch durch einen Strafprozess gehen zu müssen? In einem Raum mit dem Täter zu sein, und sich anzuhören, wie er sich rechtfertigt, um mit möglichst geringer Strafe aus der Sache rauszukommen. Klar, es ist in einem Rechtsstaat sein Recht, für sich das Beste rauszuholen. Nichtsdestoweniger dürfte das für die Opfer eine Vorstufe zur Hölle sein, unwidersprochen anhören zu müssen, wie ihnen vom Täter vielleicht sogar noch eine Teilschuld unterstellt wird, nur um das eigene Strafmaß zu senken. Und die Furcht, der Richter könne sich dieser Sichtweise anschließen.

Michael Frehn wollte eine hohe Strafe für diese unfassbare Brutalität sehen. Sieben Jahre und zehn Monate sind für deutsche Verhältnisse eine hohe Strafe gewesen. Auch wenn man sich in anderen Ländern über solche Urteile verwundert die Augen reibt. Auch vor diesem Hintergrund muss die Aufhebung des Urteils und die Aufgabe der Neuauflage ein heftiger Schlag ins Kontor für ihn sein. Wie immer das Urteil das Landgerichtes Düsseldorf ausfallen wird, selbst wenn sie auf versuchten Totschlag erkennen – es ist unwahrscheinlich, dass die Strafe genauso hoch oder gar höher ausfallen wird.

Und wieder müssen er und seine Frau einen Prozess durchleben. Dieses Mal in Düsseldorf. Also auch noch Fahrerei. Wieder zurück in die Vergangenheit, an diesen Tag, zu den neun Operationen. Sicherlich nicht angenehm.

Es ist für mich mehr als in Ordnung, dass mögliche Fehler in der Rechtsprechung korrigiert werden können. Es ist hingegen für mich überhaupt kein Zustand, wie mit den Opfern von Verbrechen umgegangen wird.

Reicht es wirklich aus, die Opfer von brutalen Gewaltverbrechen an den Weißen Ring zu verweisen?

Und kann man wirklich angesichts der zunehmenden Personalnot bei der Polizei annehmen, dass solche Situationen sich nicht immer wieder wiederholen könnten? Situationen, in denen Polizisten einen Randalierer bändigen, sie von Dritten angefallen werden und das dann auch noch hätten kommen sehen müssen? Also mich würde es nicht mehr wundern, wenn da irgendwann mal ein Polizist keine Lust mehr hat, einen Randalierer zu bändigen. Sich selbst für andere in Gefahr zu bringen und dann noch gesagt zu bekommen, dass man das hätte kommen sehen müssen… sauber…

Kann da nicht eine juristisch tragfähige Lösung gefunden werden, die all den Polizeibeamten, die in Zukunft in ähnliche Situationen kommen, solche Wege ersparen kann?

Das sind nur Fragen. Ich habe darauf auch keine Antworten. Dafür regiert mich heute viel zu sehr mein Bauch. Aber ich poste den Beitrag trotzdem. Weil seine Nettobotschaft ist, dass ich solidarisch bin mit Michael Frehn und mit allen Schutzpolizisten, die den Kopf für andere hinhalten. Und ich denke, das kommt rüber…

Ihren Ausweis, bitte!

Es begann mit einem Vorfall in Peine. Ein Golffahrer bog falsch ab. Also verkehrswidrig. Das Ganze vor den Augen eines Polizeibeamten, der ihm folgerichtig prompt die Kelle zeigte.

So weit, so gut. Eigentlich eine Lappalie. Uneigentlich ist diese spezielle Situation dann eskaliert. Bevor ich zu dieser Eskalation komme, möchte ich allerdings eine Anekdote über meine letzte Ordnungswidrigkeit einstreuen. Also die letzte, bei der ich erwischt wurde.

Das Ganze spielt im Sommer 2008. Ich hatte einen sehr unangenehmen Arbeitstag hinter mich gebracht und mir dabei übelste Kopfschmerzen zugezogen. Nun hatte ich zwei Möglichkeiten, nach Hause zu kommen. Da gibt es einen Weg, auf dem man sich zu bestimmten Uhrzeiten die Fahrbahn mit jeder Menge Halbwüchsiger teilen muss, die ihren Kräfteüberschuss damit austoben, dass sie sich gern mal gegenseitig vor fahrende Autos schubsen. Entsprechend fuhr ich dort immer nur Schritttempo. An diesem Tag jedoch entschied ich, gar nicht dort zu fahren. Ich wollte schlicht das Risiko vermeiden, aus Konzentrationsmangel einen dieser jungen Menschen anzufahren und damit seiner hoffnungsfrohen Zukunft zu berauben. Also optierte ich für einen ruhigeren Weg. Dieser streift allerdings ein Wasserschutzgebiet und ist deshalb für KFZ aller Art gesperrt.

Es kam wie es kommen musste, ich fuhr einer Polizeistreife in die Arme. Der Polizist, schon älter, zeigte mir die Kelle, ich hielt an, ließ die Scheibe des Wagens herunter und schaltete den Motor aus. Freiwillig übrigens, weil ich finde, es redet sich besser, wenn der Motor nicht knattert.

Der Polizist machte mich darauf aufmerksam, dass ich diesen Weg nicht befahren dürfe. Für einen Moment überlegte ich, ob ich ihm die Sachlage mit meinen Kopfschmerzen erklären sollte. Ich entschied mich dagegen. Welchen Unterschied hätte es gemacht? Fahren ist auf diesem Weg untersagt, die Beschilderung ist eindeutig und ich war schlicht und ergreifend nicht im Recht.

Dies teilte ich dem Polizisten mit. Also, ich sagte: “Sie haben Recht.” Seinem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Erstaunen und ungläubiger Freude lag, konnte ich entnehmen, dass er diese Worte wohl nicht allzu häufig zu hören bekommt. Aber er hatte nun mal Recht. So what?

Der Tarif für diese Verfehlung hätte bei 15 Euro gelegen. Da ich dem Polizisten aber versprochen habe, sie niemals wieder zu begehen, wurde ich nicht mit einem Ordnungsgeld belegt, sondern durfte weiterfahren. Wir schieden voneinander in bester Stimmung. Es ist mir übrigens wurscht, ob meine Leser mir das nun glauben oder nicht – aber ich habe mich bis heute an dieses Versprechen gehalten. Vielleicht etwas altmodisch, aber Versprechen zu brechen, das geht in meinem Weltbild gar nicht.

Zu keinem Zeitpunkt dieses Gespräches wäre ich auf die Idee gekommen, diesen Polizeibeamten nach seinem Ausweis zu fragen. Warum hätte ich das tun sollen? Er war eindeutig identifizierbar, er trug eine komplette Uniform mit Mütze, er wurde von einem Streifenpartner in derselben Bekleidung begleitet und beide führten ein Auto mit sich, das einschlägig mit dem Wort “Polizei” beschriftet war. Es war überhaupt keine Frage, dass er ein waschechter Polizist war.

Zurück nach Peine. Es ist anzunehmen, dass unser Golffahrer (wir erinnern uns: verkehrswidrig abgebogen, also ebenso im Unrecht wie ich im Wasserschutzgebiet), mit derselben Konstellation konfrontiert worden ist wie ich damals: zwei Polizeibeamte in voller Uniform, ein Streifenwagen. Im Unterschied zu mir fühlte der Golffahrer sich bemüßigt, dem Polizeibeamten, der ihn nach seinen Papieren fragte, eine Gegenforderung vor den Latz zu knallen, nämlich erst mal seinerseits einen Ausweis vorzulegen, “da er die die Uniform für 20 Euro im Internet gekauft haben könnte”.

Der Polizeibeamte verweigerte dies. Daraufhin eskalierte die Sachlage. Der Golffahrer beleidigte den Polizisten, sprang dann in sein Auto und hielt in voller Fahrt auf den Polizeibeamten zu. Der konnte sich nur noch retten, indem er seine Schusswaffe zog und diese auf die Motorhaube des Golfs richtete.

Überflüssig zu sagen, dass der Fahrer des Wagens nun auch noch den Polizisten wegen “Bedrohung” anzeigen möchte. Das wundert mich aber nach der Vorgeschichte nur mäßig. Schuld sind in manchen Weltbildern grundsätzlich die anderen.

Wundern tut mich an dieser Stelle viel mehr so manche Reaktion auf diese Geschichte. Anstatt schwerpunktmäßig zu hinterfragen, inwieweit das Verhalten dieses Autofahrers insgesamt doch eher pubertär ist, verlagert sich die Diskussion zu Ungunsten des Polizisten. Stellvertretend für alle. Da ist die angebliche Ausweispflicht uniformierter Polizeibeamte ebenso gern genommen wie das Versammlungsrecht, bei dessen Inanspruchnahme auch immer gern vergessen wird, dass der Artikel 8 des Grundgesetzes da zwei Absätze aufzufahren hat. Zitiert wird immer nur der erste, denn der zweite gibt dummerweise allzu häufig der Polizei Recht. Doch zurück zur “Ausweispflicht”:

“Ich verstehe sowieso nicht, wieso so viele Polizisten ein Problem damit haben, sich auszuweisen.”

So, so. Sooooo viele Polizisten?

Muss ich ein Glück mit all den Polizisten haben, die ich im Leben so angetroffen habe. Denn merkwürdigerweise hatte ich noch niemals ein Problem, wenn ich welche um ihren Ausweis bat. Abgesehen davon, dass sie sich im Regelfall freiwillig auswiesen, wenn die Situation irgendwie unklar war. Ob das wohl einfach eine Frage des Tonfalls sein könnte, den man ihnen gegenüber anschlägt?

In der Pressemitteilung (hier) über diesen Vorfall lässt sich nämlich nachlesen, dass der betroffene Polizist unmittelbar nach der sehr intelligenten Feststellung, dass sich Uniformen für 20 Euro im Internet kaufen ließen (Streifenwagen eigentlich auch? Oder muss man die selbst bemalen? Ich frag nur… ) bereits um Verstärkung gebeten hat. Bei allen meinen Zusammentreffen mit der Polizei hat sich noch kein Polizist jemals bemüßigt gefühlt, um Verstärkung zu bitten.

Ob da am Ende doch ein wenig Aggression seitens des Golffahrers im Spiel gewesen sein mag? Soll ja hier und da vorkommen, dass das polizeiliche Gegenüber leisere Schwierigkeiten damit hat, anzuerkennen, wo sein eigener Anteil am Problem liegt.

Polizisten gehören zu einer Berufsgruppe, der gerne und häufig ihr Job erklärt wird. Tendenziell laufen diese Erklärungen darauf hinaus, dass sie eigentlich keine Rechte haben, der Bürger hingegen alle und dass eine Nichtanerkennung dieses Zustandes bedeute, dass sie ihre Arbeit nicht ordentlich machen.

Für mich persönlich, als Nichtpolizistin, kann ich sagen, dass ich Menschen gerne entgegenkomme. Oft weiter als die meisten anderen. Aber wenn mir einer dumm kommt, dann gehe ich in Sachen Entgegenkommen keinen Zentimeter weiter als zwingend nötig. Warum sollte ich? Zumal meiner Erfahrung nach Leute, denen man für ihre Unverschämtheiten auch noch nachgibt, in der Folge erst richtig aufdrehen und noch dreister werden. Von daher ist aus meiner Sicht die Behauptung, dass der Peiner Polizist die Sachlage durch Vorzeigen seines Ausweises tatsächlich deeskaliert hätte, nicht wirklich stichhaltig. Das kann natürlich sein. Muss aber nicht. Jede Situation ist einzigartig. Eben deswegen gibt es ja auch allgemein verbindliche Rechtsgrundlagen, denn manchmal gibt einem das Gefühl eben falsche Reaktionen vor.

Und ja, der Peiner Polizist hätte, speziell nach der doch recht dreisten Eröffnung des Golffahrers, damit deutliches Entgegenkommen gezeigt. Und nein, voll uniformierte Polizeibeamte müssen ihren Ausweis nicht zeigen. Das ist auch nicht im Mindesten strittig. Die Ausweispflicht von Polizeibeamten ist, je nach Bundesland, in den Polizeigesetzen festgelegt oder aber auch in anderen Regelungen. Beispielhaft seien hier einige Regelungen benannt, die mir netterweise erklärt wurden. (Danke! ) Ich würde mich freuen, wenn entsprechende Ausführungen für die übrigen Bundesländer und die Bundespolizei in den Kommentaren angefügt werden könnten, ich bin da sehr neugierig. Oder erklärt mir bitte, wenn ich hier etwas falsch wiedergegeben habe. Ich poste das auch gern selbst, wenn mir die Informationen per Mail zugehen.

Bayern: In § 6 PAG (Polizeiaufgabengesetz) steht zu lesen: “Auf Verlangen des von einer Maßnahme Betroffenen hat der Polizeibeamte sich auszuweisen, soweit der Zweck der Maßnahme dadurch nicht beeinträchtigt wird. Das Nähere wird durch Dienstvorschrift geregelt.”

Saarland: In § 87 SPolG (Saarländisches Polizeigesetz) steht: “Auf Verlangen der oder des Betroffenen hat sich die Polizeivollzugsbeamtin oder der Polizeivollzugsbeamte auszuweisen. Das gilt nicht, wenn die Umstände es nicht zulassen oder dadurch der Zweck der Maßnahme gefährdet wird.”

Nordrhein-Westfalen: Im Runderlass des Innenministeriums vom 12.04.2010 (MBl. NRW. 20500) steht: “Der Polizeidienstausweis ist im Dienst ständig mitzuführen. Polizeivollzugsbeamte haben den Dienstausweis bei Amtshandlungen auf Verlangen vorzuzeigen, beim Einsatz in Zivilkleidung haben sie dies unaufgefordert zu tun. Werden Polizeivollzugsbeamte unter gemeinsamer Führung eingesetzt, ist nur der mit der Führung Beauftragte vorzeigepflichtig. Der Polizeidienstausweis braucht nicht vorgezeigt zu werden, wenn der Zweck der Amtshandlung dadurch beeinträchtigt oder der Polizeivollzugsbeamte gefährdet würde.”

Niedersachsen: Hier gibt es keine Regelungen in Hinblick auf die Ausweispflicht von Polizeibeamten. Es kann nur die einschlägige Rechtsprechung herangezogen werden. Zu der komme ich auch gleich noch.

Auch wenn die Sachlage unübersichtlich ist, weil Polizei Ländersache ist, so kristallisiert sich doch allein aufgrund dieser Regelungen heraus, dass hier nur eines strittig ist, nämlich eine Pflicht des Polizeibeamten zum Ausweisen. Diese polizeiliche Maßnahme wurde durch das Fordern des Bürgers nach einem Ausweis in der Tat beeinträchtigt, denn schon seine Wortwahl zeigt doch, dass es hier lediglich um Provokation und ein Machtspielchen ging. Da der Polizeibeamte sich schon nach dem ersten Satz des Verkehrssünders genötigt sah, Verstärkung anzufordern, kann man schon davon ausgehen, dass die Umstände ein Zeigen dieses Ausweises nicht zugelassen haben. Ebenso kann man von einer Gefährdung des Zweckes der Maßnahme ausgehen, denn der Zweck der Maßnahme war, dem Verkehrssünder sein Fehlverhalten vor Augen zu führen und nicht, ihm Gelegenheit zu geben, vor seinem Kumpel einen auf dicke Hose zu machen.

Aber bei dieser Unklarheit bleibt es nicht! Die herrschende Rechtsprechung macht durch die Bank klar, dass sich ein Polizeibeamter in Uniform nicht ausweisen muss, weil seine Uniform als Ausweis komplett ausreicht. Beispielhaft verweise ich auf ein Urteil des Oberlandesgerichts Saarbrücken (OLG Saarbrücken, VRS 47, 474).

Soweit zum Thema Rechte und wer welche hat.

Nun ist es natürlich so, dass ein Polizeibeamter sich zwar nicht in jedem Fall ausweisen muss, aber darf. Insofern sei es jedem Polizeibeamten unbenommen, der damit eine Situation entspannen möchte, das auch zu tun. Das ist auch eine vollkommen andere Baustelle.

Auch ich habe schon Polizeibeamte nach ihrem Ausweis gefragt. Besonders sollte man das tun, wenn man der Presse entnehmen kann, dass falsche Polizeibeamte in der Gegend ihr Unwesen treiben. Gut, ich nehme für mich in Anspruch, dass ich dank “Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.” ein solches Auge entwickelt habe, dass ich eine falsche Uniform erkennen würde. Aber wer sich mit dem Thema weniger beschäftigt, dem kann schon passieren, auf so etwas hereinzufallen. Allerdings kann man auch Ausweise fälschen, also insofern gibt es da auch keine 100%ige Sicherheit.

Exemplarisch für meine Fragen nach dem Dienstausweis möchte ich eine Geschichte aus meiner Teenager-Zeit zum Besten geben. Mit 15 war ich Mitglied in der Theater AG meiner Schule. In einem Stück, das wir aufführten, war die Rolle eines Polizisten zu besetzen. Der Mitschüler, der diese Rolle besetzte, hatte einen Onkel bei der Polizei, der ihm für diesen Zweck seine Uniform lieh. Ich habe extra noch mal die Fotos von damals angesehen. An dieser Uniform war alles dran, Schulterklappen, Hoheitsabzeichen, einfach alles. Lediglich die Mütze war ein bisschen zu eng und wer Ahnung hat, könnte sich fragen, wie ein so junger Kerl an einen goldenen Stern auf jeder Schulter kommt (Polizeirat). Sicherlich ein großer Vertrauensbeweis des Onkels, denn hätte mein Mitschüler sich damit auf die örtliche Kreuzung gestellt, hätte er sicher die eine oder andere Mark gemacht, bis irgendwann eine Streife seinem Treiben ein Ende gesetzt hätte. Und er hätte seinen Onkel damit in Teufels Küche gebracht.

Jedenfalls feierte ich mit 16, ausgestattet mit diesem Vorwissen, kräftig Karneval. Bereits Weiberdonnerstag gelang es mir, den letzten Zug nach Hause zu verpassen. Meine Freunde waren irgendwie abhanden gekommen, das Handy war noch nicht erfunden, die nächste Telefonzelle meilenweit entfernt, mein Portemonnaie gähnend leer und ich hatte ein ernstes Problem. Bis zwei Polizisten den Festsaal betraten. Zumindest sahen sie so aus. Sicher war ich mir nicht. Wir erinnern uns – Karneval! Kostüme allerorten! Und ich wusste von meinem Schulfreund, dass es definitiv möglich ist, als Nichtpolizist an eine Polizeiuniform zu kommen. Also fragte ich die beiden tatsächlich: “Seid Ihr echt oder verkleidet?”

Ja, genau, diese Frage, die für Polizeibeamte gerade an Karneval aus sehr nachvollziehbaren Gründen ein rotes Tuch ist. Aber die beiden sahen, dass ich jung und verzweifelt war, also wiesen sie sich kurzerhand aus. Sie hörten sich mein Problem an. Ich bat sie, mir über Funk ein Taxi zu rufen. Was taten sie jedoch?

“Wo wohnst Du denn?” … “Ach da? Da müssen wir jetzt eh Streife fahren. Komm, wir fahren Dich eben heim.”

Ich war ziemlich überwältigt, denn mir war damals schon durchaus bewusst, dass die Polizei kein Transportunternehmen ist. Gerade deswegen hatte ich ja nur um Hilfe bei der Beschaffung eines Taxis gebeten. Dass ich dann gleich ganz cool im Streifenwagen heimgefahren würde… WOW…

Die beiden haben mich bis zur Haustür begleitet und meiner Mutter erklärt, was passiert war. Sie haben ihr nahegelegt, mir keinen Ärger zu machen, da ich ja vernünftig genug gewesen war, die Richtigen um Hilfe zu bitten.

Dies war übrigens mein erstes Zusammentreffen mit Polizisten und es folgten noch einige. Zusammenfassend kann ich über alle Treffen sagen: der Ton macht die Musik. Wer ihnen freundlich begegnet, zu dem sind sie auch freundlich. Da tun sie auch mal Dinge, die sie nicht tun müssen, wie z.B. ihren Ausweis zeigen oder sogar Taxi spielen. Oder eine Ordnungswidrigkeit durchgehen lassen.

Erklärt man ihnen hingegen seine Rechte und ihre Pflichten und das Ganze noch auf Rechtsgrundlagen, die es außerhalb der eigenen Fantasie gar nicht gibt, dann muss man sich auch nicht wundern, wenn sie plötzlich auf ihren tatsächlichen Rechten beharren. Wie man in den Wald hineinruft…

Eigentlich ganz menschlich. Und ebenso menschlich, dass es den einen oder anderen Vollpfosten gibt, der sich eben durch Freundlichkeit nicht seinerseits zu Liebenswürdigkeit hinreißen lässt. Meine berühmten 2%. Aber auch die haben keine Prügel verdient. Unfreundlichkeit ist nach StGB nicht strafbewehrt.

Der Untertitel von Keine Gewalt gegen Polizisten lautet “Menschenrechte gelten auch für Polizeibeamte”. Weil sie Menschen sind. Mit allen Vor- und Nachteilen. Also behandeln wir sie einfach menschlich, dann machen wir es ihnen und nicht zuletzt uns selbst ein gutes Stück einfacher.

Polizistenfreunde – Sektion Berlin

Wer die Homepage des Vereins Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. angesehen hat, weiß, dass wir Zeichen der Unterstützung für unsere Aktion “All cops are beautiful” sammeln, wo es nur geht. Nun hat mich aus Berlin ein Foto von einer Unterstützerbotschaft erreicht…

… also echt! WOW!

Also, ich war ja sowas von sprachlos…

Aber sowas von…

Also, so konsequent haben Polizistenfreunde ihre Zuneigung zur Polizei noch selten gezeigt. Auf so eine Idee muss man erstmal kommen. Hut ab!

Besser kann man kaum sicherstellen, dass die Botschaft genau da ankommt, wo sie hinsoll…

Danke an M. für das Foto.

Ich weiß natürlich, dass es gut gemeint war, liebe Berliner Polizistenfreunde. Deswegen danke ich Euch auch recht artig für diesen netten Versuch.  Ich meine ja, der gute Wille zählt ja auch ein bisschen.

Aber denkt auch mal ein bisschen an die Damen und Herren von der Polizei. Es ist auch irgendwie peinlich vor den Kollegen, mit so einer offensichtlichen Liebeserklärung auf dem  Wagen herumzufahren. Und denen gehören die Autos ja auch nicht.

So ein klein bisschen übers Ziel hinaus geschossen seid Ihr ja schon, ne…?

Fremdbloggen: Eine Polizistin zum Thema Schusswaffengebrauch

Folgenden schriftlichen Dialog zwischen der Polizei-Poetin Janine Binder und einem ihrer Leser fand ich in Janine Binders Blog. Ich fand ihn sehr berührend und möchte ihn gern hier weitergeben. Diese Worte bedürfen in meinen Augen keines weiteren Kommentars.

Frage an Janine Binder:

Hast Du jemals auf Menschen geschossen? (Diese Frage ist vielleicht ein bisschen forsch gestellt. Vernachlässige sie oder schreibe mir vielleicht später oder auch nie. Ist Deine Sache. Danke.)

Antwort von Janine Binder:

Die Frage ist keineswegs forsch gestellt, sie kommt recht häufig, obwohl ich mich da immer frage, was für Vorstellungen der Bürger so von meinem Job hat. Ganz ehrlich, wenn ein Polizist auf einen Menschen schießt, dann steht das am nächsten Tag in der Zeitung und zwar nicht im Regionalblättchen, sondern ganz groß. Jetzt überleg mal, wie oft du in der letzten Zeit von so etwas gehört hast und wieviele Polizisten es gibt. Wie wahrscheinlich ist es also, daß ein Polizist irgendwann in seinem Dienst auf einen Menschen schießen muß? Nicht soooo wahrscheinlich, oder?
Aber um die Frage auch ordentlich zu beantworten, nein, habe ich noch nicht. Ich hoffe, daß es dabei bleibt. Im letzten Jahr haben zwei sehr junge Kollegen aus meiner Dienstgruppe auf einen Menschen schießen müssen, der zuvor eine Kollegin, ebenfalls aus meiner Dienstgruppe, angeschossen hat. Ich war in dieser Nacht lediglich nicht dabei, weil ich krank zu Hause im Bett lag. Die Veränderungen an den Kollegen, die geschossen haben und der verletzten Kollegin zu beobachten, war sehr tragisch und es stimmte mich sehr nachdenklich. Ich denke, daß einen solchen Einsatz niemand so leicht wegsteckt, egal, wie cool er sonst so ist. Die im Fernsehen oft propagierte Vorstellung vom coolen, wild um sich ballernden Cop, ist also zumindest für die Kollegen, mit denen ich gearbeitet habe nicht zu treffend und ärgert mich immer auch ein wenig. Ein Schuß auf einen Menschen ist nämlich viel mehr, als nur ein leichtes Rucken des Fingers am Abzug. Er löst viel mehr aus, als nur die Pulverladung in der Patrone.

Quelle:
http://janinebinder.wordpress.com/2012/01/19/leserfragen/#comments

Die Geschichten von Janine Binder sowohl bei den Polizei-Poeten als auch in ihrem neuen Buch “Seine Toten vergisst man nicht” kann ich jedem nur empfehlen.

lichen Dank an Janine Binder für die Erlaubnis, das hier zu veröffentlichen.

Fremdbloggen: Die Geister, die mich riefen…

Die Gestalt sitzt gebeugt in einem Wagen,
Konnt’ die Welt wohl nicht ertragen.
Ein Schlauch vom Auspuff ins Wageninnere
Ist es, woran ich mich erinnere.

Ein Trümmerfeld auf weiter Straße,
Scherben von zerstörtem Glase.
Dazwischen ein Körper ebenso zerstört,
Der jetzt zu meinen Träumen gehört.

Ein Mann sitzt in seiner Wohnung,
Die Spritze war die letzte Belohnung.
So saß er wohl zwei Wochen da,
Der Geruch währt noch nach so viel Jahr.

Ein Mann liegt da auf seinem Bett,
Die Wohnung riecht nach altem Fett.
Er hat sich zur letzten Ruh’ gebettet,
Der Arzt hat ihn nicht mehr gerettet.

Umrisse unter der Rettungsdecke,
Ein Zug steht da auf freier Strecke.
Gnädig deckt die Decke ab,
Was übrig blieb für’s kalte Grab.

Das sind einige meiner Dämonen,
Die für immer in mir wohnen.
Ich habe sie nicht selbst beschworen,
Wurd’ von den Geistern auserkoren.

© Thorsten Trautmann

Bad Pyrmont, 02.01.2012

Mehr von Poetry-Cops Gedichten findet Ihr hier.